42 Milliarden liegen auf der Straße – warum hebt Deutschland sie nicht auf?

42 Milliarden liegen auf der Straße – warum hebt Deutschland sie nicht auf?

Der bürokratische Moloch schafft sich selbst stetig neue Planstellen – damit soll Schluss sein! (Symbolbild:Imago)

Wachstum ohne neue Schulden, ohne Subventionen und ohne höhere Steuern? Seit den 1950er-Jahren verspricht die Politik genau das und produziert gleichzeitig immer neue Regeln. Deutschland sucht Wachstum und schon ewig wird darüber gestritten, woher es kommen soll. Neue Schulden, teils getarnt als “Sondervermögen”? Subventionen? Steuererleichterungen? Staatliche Investitionsprogramme? Dabei sticht einem ein wesentlicher ein Teil der Antwort direkt ins Auge: Lasst die Menschen endlich wieder arbeiten, statt ihre Arbeitszeit mit Formularen, Nachweisen, Meldungen und Dokumentationspflichten zuzumüllen! Der deutsche Volksmund hat das Problem ohnehin längst auf eine wunderbar knappe Formel gebracht: “Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare…” Was früher als spöttischer Spruch über die deutsche Amtsstube durchging, bekommt heute eine erstaunlich konkrete wirtschaftliche Dimension.

Denn zwei neue Studien, über die das “Handelsblatt“ berichtet, liefern nun Zahlen, die aufhorchen lassen. Eine dieser Zahlen davon lautet 250 Millionen. So viele Arbeitsstunden, also Arbeitszeit, könnte nach Berechnungen der Ökonomen Claus Michelsen, Simon Junker und Ferdinand Fichtner nämlich freiwerden, wenn Deutschland seine Bürokratiebelastung um lediglich einen Viertel reduzieren würde. Und daraus könnte innerhalb von fünf Jahren eine zusätzliche reale Wirtschaftsleistung von rund 42 Milliarden Euro entstehen. 42 Milliarden, eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen sollte. Und das alleine durch die Reduktion des Bürokratiemolochs um lediglich einen Viertel . Wie krass ist das denn bitte? Nicht durch ein neues Förderprogramm, nicht durch zusätzliche Staatsschulden, nicht durch höhere Steuern, sondern einfach dadurch, dass Menschen wieder mehr Zeit für das hätten, wofür sie eigentlich ausgebildet wurden, nämlich arbeiten, produzieren, entwickeln, forschen, bauen, pflegen, beraten und Unternehmen führen statt Formulare auszufüllen!

Unangenehme Zahlen

Und genau hier stellt sich eine spannende Frage: Wie konnte ausgerechnet das Land der Ingenieure zum Land der Formulare-Erfinder werden? Deutschland hat offenbar ein Talent dafür, hochqualifizierte Menschen mit Nebensachen zu beschäftigen. Eigentlich soll der Ingenieur konstruieren, der Handwerker bauen, der Arzt behandeln, der Unternehmer Unternehmen führen und der Wissenschaftler forschen. Doch immer häufiger gehört zu all deren Arbeitsalltag leider noch eine weitere, zeitraubende Tätigkeit: Sie müssen dem Staat alles Erdenkliche nachweisen, Ihr Tun dokumentieren und wiederum melden, dass sie all das tun, was sie tun. Die Bürokratie ist zu einem Selbstzweck, zu einer Selbstbeschäftigungstherapie verkommen. Selbstverständlich ist Kontrolle notwendig – ebenso wie Regeln; ein moderner Rechtsstaat kann nicht ohne Verwaltung funktionieren. Aber irgendwann kippt das Verhältnis. Dann schützt Bürokratie nicht mehr vor Problemen, sondern wird selbst zum Problem. Und genau an dieser Stelle befinden wir uns seit langem!

Wie ernst die Lage inzwischen ist, zeigt eine Untersuchung der Deutschen Bundesbank. In einer Befragung von rund 7.000 Unternehmen stiegen die angegebenen Bürokratiekosten zwischen 2022 und 2024 von durchschnittlich 5 auf rund 7 Prozent des Jahresumsatzes. Das entspricht einer Zunahme um fast die Hälfte innerhalb von nur zwei Jahren. Besonders stark belastet sind kleine Unternehmen, weil dort Arbeitszeit für Verwaltung unmittelbar bei produktiven Tätigkeiten fehlt. Die Bundesbank schätzt außerdem, dass die gestiegene Bürokratiebelastung das gesamtwirtschaftliche Produktivitätswachstum zwischen 2022 und 2024 um ungefähr 0,5 Prozentpunkte gedrückt haben könnte. Das sollte man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Deutschland diskutiert seit Jahren darüber, warum die Produktivität schwächelt. Gleichzeitig beschäftigt das Land seine Unternehmen zunehmend damit, Vorschriften zu erfüllen.

Seit fast 80 Jahren wollen wir Bürokratie abbauen

Hier gerät die Geschichte beinahe zur Satire. Der Soziologe Stefan Kühl hat für das Roman-Herzog-Institut die Geschichte des deutschen Bürokratieabbaus untersucht. Er identifiziert sechs Wellen der Bürokratiekritik seit den 1950er-Jahren. Schon während des Wirtschaftswunders wurde davor gewarnt, zunehmende Bürokratisierung könne den wirtschaftlichen Aufschwung behindern. Es folgten Kommissionen, Reformen und immer neue Versuche zur Verwaltungsvereinfachung. Fast acht Jahrzehnte später diskutieren wir noch immer darüber. Das ist vielleicht das größte Paradox des deutschen Bürokratieabbaus, denn wir haben inzwischen eine Bürokratie zum Abbau der Bürokratie geschaffen. Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit Bürokratieabbau, Kommissionen untersuchen Bürokratieabbau, Ministerien entwickeln “Bürokratieentlastungsgesetze”, Verbände schreiben Stellungnahmen zu diesen Gesetzen und vermutlich muss anschließend irgendwo dokumentiert werden, wie erfolgreich der Bürokratieabbau gewesen ist. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so unverschämt teuer wäre.

Doch es gibt einen geradezu revolutionären Gedanken, wie hier Abhilfe geschaffen werden kann: Die Idee eines Berichtsentlastungsgesetz, das die Bundesregierung im Rahmen des vollmundigen “Zweiten Entlastungskabinetts“ angekündigt hat. Mit diesem soll ein Prinzip umgedreht werden: Bislang muss die Wirtschaft häufig begründen, warum eine Berichtspflicht entfallen könnte. Künftig hingegen soll nach den berichteten Plänen die Verwaltung begründen müssen, warum eine Berichtspflicht überhaupt notwendig ist. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer sieht darin das Potenzial für eine spürbare Entlastung. Eigentlich klingt das selbstverständlich, doch genau darin liegt das Problem. Eine einmal geschaffene Vorschrift besitzt in Deutschland offenbar etwas, wovon viele Unternehmen nur träumen können, nämlich eine sagenhafte Überlebensfähigkeit.

Auch Bürokratieabbau hat zunächst Verlierer

Zur Wahrheit gehört allerdings ein unbequemer Effekt: Weniger Bürokratie bedeutet auch weniger Personalbedarf und damit Stellenverluste, Die Modellrechnung erwartet kurzfristig Auswirkungen auf die Beschäftigung; in den ersten beiden Jahren könnten durch diese Entschlackung bis zu 23.000 Erwerbspersonen ihre bisherigen Arbeitsplätze verlieren, weil Unternehmen weniger Personal für bürokratische Aufgaben benötigen. Langfristig sollen jedoch niedrigere Kosten und Preise sowie steigende Realeinkommen Konsum und Investitionen stärken. Allein der private Konsum könnte dem Modell zufolge um 18 Milliarden Euro steigen. Auch das gehört in eine seriöse Betrachtung. Bürokratie beschäftigt schließlich Menschen, aber Arbeitsplätze allein sind kein Argument für Bürokratie. Sonst könnten wir morgen zehn Millionen neue Formulare erfinden und anschließend stolz verkünden, wir hätten ein Beschäftigungsprogramm geschaffen.

Eine Steuer erkennt jeder, denn Geld wird vom Konto abgebucht. Doch die Bürokratie ist längst Deutschlands heimliche Wohlstandssteuer, die subtiler funktioniert: Sie raubt nicht unbedingt Geld, sondern Zeit. Eine Stunde, die ein Unternehmer mit einer unnötigen Meldung verbringt, erscheint auf keinem Steuerbescheid. Eine Stunde, in der eine Pflegekraft dokumentiert, statt zu pflegen, taucht in keinem Bundeshaushalt auf. Eine Stunde, in der ein Handwerksmeister Formulare bearbeitet, statt Aufträge zu erledigen, trägt kein Preisschild. Und trotzdem hat jede dieser Stunden einen wirtschaftlichen Wert.

Die billigsten 42 Milliarden Euro Deutschlands?

Deshalb müssen wir aufhören, Bürokratie lediglich als lästiges Ärgernis zu betrachten. Übermäßige Bürokratie ist eine unsichtbare Abgabe auf produktive Arbeit. Die Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Bürokratiebelastung der Wirtschaft um ein Viertel zu reduzieren. Sollte das gelingen, wäre das bemerkenswert. Doch nach fast 80 Jahren deutscher Bürokratieabbauprogramme darf eine gewisse Skepsis erlaubt sein. Denn Deutschland hat vermutlich kein Erkenntnisproblem. Wir wissen alle längst, dass Unternehmen unter Bürokratie leiden, wir wissen, dass Arbeitszeit verloren geht und wir wissen auch, dass kleine Unternehmen besonders belastet werden. Wir wissen also sogar ziemlich genau, was wir ändern wollen. Was jedoch bislang fehlt, ist der Beweis, dass der Staat tatsächlich bereit ist, auf eigene Vorschriften zu verzichten. Deshalb braucht Deutschland deshalb keine siebte große Bürokratieabbau-Offensive.

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Deshalb braucht es etwas viel Radikaleres – das  Für jede bestehende Berichtspflicht sollte nicht länger der Bürger oder Unternehmer erklären müssen, warum sie weg kann. Der Staat sollte erklären müssen, warum sie bleiben muss. 250 Millionen Arbeitsstunden wären ein ziemlich guter Grund, damit endlich anzufangen!

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10 Kommentare

  1. Wenn überlegt wird, was weg kann, gibt es bei 100 Punkten 100 Spinner, die Bedenken äußern, warum ausgerechnet DAS nicht wegkann.
    Die einzige wirksame und bitter notwendige Methode will aber von den deutschen Bangbüchsen keiner:
    Kübel auf und alles rein.
    Danach wieder anfangen zu arbeiten und verstandesgemäß vorzugehen.
    Überflüssige Stabsstellen streichen, Behörden zu 95% schließen, rückstandsfrei.
    Privilegien von Amts- und Bürostubenparasiten rigoros zusammenstreichen, können sich als Putz- und Produktionshilfen verdingen.

  2. „42 Milliarden liegen auf der Straße – warum hebt Deutschland sie nicht auf?“
    Na weil sie unseren Gäste aus Ukraine, Türkei, Afghanistan, Syrien, Rumenien und sonstwo aus aller Welt vorbehalten sind….

  3. Wer da glaubt, daß die Regierung Probleme lösen würde, die sie selbst geschaffen hat, ist ein Knallkopp.

    Alte und neue Probleme werden nicht gelöst, nur verwaltet. Dafür benötigt man selbverständlich eine oder mehrere weitere Behörden, also noch mehr Empfänger von Transferleistungen. Das sind Leute, die nichts produzieren, was man zum Leben braucht.
    Es ist das System des Ahriman. Dieser füllt seinen ergebenen Dienern die Taschen, indem er die Taschen aller anderen leert.
    Das dürfen die Wähler dann als „unsere Demokratie“ legitimieren.
    😜

  4. Ergänzung:
    Im Zoroastrismus ist Ahriman der zerstörerische böse Geist, der als Hauptgegner entweder der von Ahura Mazda, der höchsten zoroastrischen Gottheit, fungiert.

  5. Zuerst gehört der Geld verschwendende aufgeblähte Beamtenapparat auf die Hälfte reduziert! Wenn ein Antrag z.B. auf Höherstufung als Behinderter Monate beansprucht, obwohl sämtliche Arztberichte beigefügt sind, spricht das für „Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“.Sämtliche Privilegien der Politiker und Beamten müssen abgeschafft werden! Die Parlamente auf ein Mindestmaß reduzieren.

  6. Wenn man genau hinschaut dann sind vor allem Frauen mit der Bürokratie beschäftigt. Die sind besonders emsig dabei diese auch zu erfüllen um nur nicht für die Familie zu dienen. In den Ämtern sind diese besonders damit beschäftigt die Bürokratie mit Schikanen um jeden Preis durchzusetzen. Die werden alles daran setzen um nicht ihre Macht zu verlieren. Also ist jeder Bürokratieabbau in Deutschland von vornherein nicht machbar.
    Gute N8 D.

  7. Wer soll die aufheben? Das vollkomen verblödete Volk? Die grauen Emanzen und männliche Duttträger um mich herum, denen man schon Geisteskrankheit ansieht, ohne das nur ein Wort über deren Lippen gegangen ist? Nein ich bin kein „Volk“ mehr.

  8. Banken ziehen deutschen Rentnern in Russland 200 Euro monatlich ab – Warweg hakt nach
    Seit Juni 2026 ziehen Banken deutschen Rentnern in Russland jeden Monat 200 Euro von ihrer Rente ab. Die Banken nennen dabei hohe Aufwendungen für angebliche EU-Geldwäschekontrollen.
    https://rtde.press/kurzclips/video/293562-banken-ziehen-deutschen-rentnern-in/

    https://rumble.com/v7ga62c-banken-ziehen-deutschen-rentnern-in-russland-200-euro-monatlich-ab-warweg-h.html

  9. Die Bürokratie ist das Auffangbecken für abgehalfterte oder durch ihre politische Haltung meritisierte Parteigenossen. Sie ist eine unabdingbare Institution des tiefen Staats und für die um Macht und Kontrolle ringenden politischen Kräfte unabdingbar.
    Das ist m. E. nach der Hauptgrund dafür, dass die Bürokratie niemals eingedämmt oder zurückgefahren wird.

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