Achtung, Denkgefahr! Bleiben Sie draußen!

Der gelenkte Deutsche, der sich gerne lenken lässt (Symbolbild:Shutterstock)

An Baustellen ist es ein Zeichen von Verantwortungsbewusstsein, ein Warnschild aufzustellen. Wenn dort ein Loch im Boden klafft, droht dem Ahnungslosen Unbill durch einen unvermuteten Sturz, der nicht selten im Krankenhaus endet. Auch vor Minenfeldern macht eine Absperrung Sinn, um Leben zu retten. Eine Renaissance erlebt derzeit aber auch das Bedürfnis, vor Gedanken in jeder niedergelegten Form zu warnen – ob als Buch, Film oder Vortrag.

Nun trifft die Markierung „vom Verfassungsschutz beobachtet“ Götz Kubitscheks Institut für Staatspolitik. Gar Böses scheint sich dort zu tun, wahrscheinlich werden rechte Armeen der Finsternis in den alten Gewölben des Rittergutes ausgebildet. Zwischen selbstgebrautem Bier und Trockenobst lauert der Umsturz – wie immer das auch bei der bestehenden Personalstärke bewerkstelligt werden soll. Ein Ehepaar, das sich siezt, kann nur Übles mit Deutschland im Sinn haben – und bereitet wahrscheinlich schon den Einmarsch in Polen vor.
Man muss gewiss nicht alles großartig finden, was aus Schnellroda kommt. Martin Lichtmesz könnte ich für sein „Israel ist doof, weil ich das sage„-Gemeckere den Hals umdrehen, was ich als Demokratin natürlich unterlassen werde. Die Kennzeichnung durch den Makel der staatlichen Überwachung bringt dagegen allerdings nicht die Bohne – im Gegenteil, das sind Dinge, die ausdiskutiert werden müssen.

Betreutes Denken von oben

Aber sapere aude („wage zu wissen“), jene von Kant geäußerte Aufforderung, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, steht in Deutschland schon seit längerem nicht mehr hoch im Kurs, das verkündete sogar Karl Lauterbach jüngst ganz stolz: Die Philosophie suche heute andere Wege. Mit der neuen Regierungskoalition wird das wohl nicht besser werden. Früher hätte ich noch Hoffnung in die FDP gesetzt, der links-grünen Regulierungswut etwas Liberalität entgegenzusetzen, aber dazu ist die Partei mit dem verheißungsvollen „F“ im Namen in letzter Zeit zu oft umgekippt – zum Beispiel als es um die Verlängerung der „epidemischen Notlage“ ging.

Gerade links der Mitte hat sich die Überzeugung verfestigt, man müsse auch über das absolut Notwendige hinaus alles regeln und in feste Bahnen lenken. Ohne Aufdruck auf der Tüte ist der Deutsche offenbar nicht in der Lage zu erkennen, dass Kartoffelchips kein gesundes Gemüse sind. Der Vorsichtige darf seine Maske nur tragen, wenn es der Staat ausdrücklich vorschreibt. Und ob in einem Buch Vernünftiges steht oder Unfug, muss ebenfalls vorab geprüft werden, so wie die Temperatur der Milch im Babyfläschchen. Der Staat als prüfender dicker Zeh im Wasserbecken, das ist vielen Bürgern gar nicht so unwillkommen. Was gut und richtig ist, soll wie die Pizza bequem an die Haustür geliefert werden.

Nichts mehr ohne staatliche Unbedenklichkeitsprüfung

Bequemlichkeit trifft auf Überwachungs- und Guru-Mentalität: Der Verfassungsschutz markiert politisch Missliebiges, die Universität Geimpfte und Ungeimpfte, Robert Habeck & Co. „opfern“ sich auf, um für ihre Anhängerschaft „rechte“ Bücher zu lesen, um ihr dann davon zu berichten – nichts darf der Bewertung des Bürgers überlassen bleiben. Dessen Meinung zählt nur, wenn sie zum Dogma passt – findet er etwa das Gendern im „Heute Journal“ albern, müssen eben noch mehr Anstrengungen unternommen werden, um ihm vor Augen zu führen, dass er sich damit endlich frauenfeindlich verhält.

Der Kontrollblick reicht bis in die Bücherregale hinein, und wehe, es steht das falsche Druckwerk darin. Etwa solches aus Schnellroda. Oder die Biografie einer Nazi-Größe, denn das Interesse daran kann nur Zustimmung bedeuten. Wir rutschen in die Zeit vor der Reformation zurück, als Gläubige noch nicht einmal die Bibel selbst lesen durften – bitte nur in vorgekauten Häppchen! Die Idee, Menschen von Ideen fernzuhalten, ist schließlich keine ursprünglich linke – man sprang hier nur in die Lücke hinein, die die schwindende Macht der Kirchen gerissen hatte. Man traut den Bürgern noch immer nicht über den Weg. Was früher über Körperstrafen geregelt wurde, funktioniert heute über soziale Kontrolle.

Versagen der Kontrollmechanismen

Seltsamerweise versagen diese Kontrollmechanismen aber komplett, wenn es um akute Bedrohungen geht. Die Gefahr durch abweichende Gedanken wird offenbar höher eingestuft als die durch freilaufende Intensivtäter mit Küchenmesser. Der Attentäter von Hanau hatte in seinen Briefen an die Behörden geradezu um Verhaftung gebettelt – und wurde ignoriert. Eine solche Verdrehung von „Die Feder ist mächtiger als das Schwert“ hat es schon lange nicht mehr gegeben.

So lange diese Einstellung aber in der Bevölkerung auf Gegenliebe stößt, wird niemand einen Anlass sehen, etwas daran zu ändern. Denn die Menschen mögen es offenbar, bis zu einem gewissen Punkt, mehr oder minder gegängelt zu werden, wenn man ihnen einredet, dass man sie damit vor Gefahren schützt. Es ist böse – es darf verboten werden. Manche Texte von Martin Lichtmesz möchte ich aus dem Bauch heraus auch gern verbieten – aber gerade das ist die aufgestellte Honigfalle zur Abschaffung der Freiheit. Was verboten ist, wird dadurch nicht aus der Welt geschafft. Die Möglichkeit, darüber zu diskutieren, allerdings schon.

4 KOMMENTARE

  1. Als Zögling von Klaus Schwabs Gnaden scheut Herr Lindner libertäres Gedankengut wie der Teufel das Weihwasser. Sämtliche liberal und libertär angehauchten Gruppierungen und Kleinstparteien einzusammeln, ist ihm versperrt. Hätte er diese überfällige Aufgabe wahrgenommen, würde jetzt die FDP den Grünen auf der Nase herumtanzen. So aber hecheln diese Ritter der traurigen Gestalt dem Zeitgeist hinterher. Bekannte Verräter wie Theodor Heuss und Hans-Dietrich Genscher sind nur noch blasse Erinnerungen. Lassen wir das einfach! Es ist billiger zu argumentieren, dass Parteien überflüssig und entbehrlich sind. Als Mitbegründer der „Partei der Vernunft“ in 2009 kam ich binnen eines Jahres zu dieser Einsicht.

    Beim Abreißen einer baufälligen Gartenhütte im Frühling 2016 fand ich ein Erinnerungsblatt zum 30. Spitzenfest in Plauen am 24. Juni 1989, ausgegeben von „Grafischer Großbetrieb Sachsendruck Plauen“. Es beginnt mit vier Zeilen Text:

    Mehr als das Gold
    hat das Blei die Welt verändert,
    und mehr als das Blei in der Flinte
    das Blei im Setzkasten.

  2. Selberdenken war in diesem Lande noch nie gern gesehen, nicht erst seit Merkel. Im Grunde schon immer, wenn man sich die geistigen Ergüsse sog. deutscher Dichter und Denker liest, die schon mehr als 200 Jahre tot sind. Auch mit den Weltkriegen hat das nichts zu tun. Es ist, was viele ignorieren, diese unsägliche deutsche Mentalität. Während andere Menschen über Dinge, über Möglichkeiten reden und sie tun, reden Deutsche nur über Menschen, darauf sind sie geeicht und fixiert, nichts anderes findet Eingang in ihre Köpfe. Dabei kann und wird nichts herauskommen, denn destruktiver kann man gar nicht sein. Wie destruktiv, zeigt sich in den Figuren, die sich anschicken, diesem Land den Rest zu geben. Das einzig wirkliche Übel sind die Deutschen selbst.

    • Kennen Sie schon Wallace D. Wattles? Tausende vermeintlicher „Erfolgsautoren“ kupfern seit 1910 unermüdlich bei dem ab. Das Buch „Die Wissenschaft des Reichwerdens“ enthält zwei Passagen, die unsere Macht über das System belegen. Doch die meisten Menschen finden es zu anstrengend, ihre Macht über das System zu gebrauchen. Ich habe die Buchauszüge eingescannt und in zwei meiner Artikel eingebunden. Außerdem gilt mein Spruch:

      Selber denken füllt die Lücke zwischen vordenken und nachdenken.

  3. Selber denken ist ne feine Sache. Man muss es aber wie einen Beruf erlernen. Denn wir werden von Kindheit an durch Erwachsene und also auch durch die Politik, in ein Fach gesteckt, in das wir nicht rein passen. Und was ich als Kind nicht gelernt habe, lerne ich als Erwachsener nur schwer. Der Umkehrschluss dieser Gedanken sagt euch, warum Selber denken vielen so schwer fällt . Und erst wenn wir das verstehen, können wir selbst denken lernen. Und das braucht Zeit, die wir nicht mehr haben, außer wir folgen Herrn Klaus Schwabs Gedanken in die Sklaverei. Uns bleibt keine Zeit mehr zum disskutieren, obwohl es doch dringend nötig wäre. Wir haben aber immer zeit selber aktiv zu werden. Und dabei kann man auch noch selber denken lernen.

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