
Zum Weltfrauentag am vergangenen Sonntag sollte Alice Schwarzer im Deutschen Schauspielhaus Hamburg aus ihrem neuen Buch lesen. Statt einer Debatte über Feminismus entwickelte sich jedoch ein kleines Lehrstück über den Zustand der öffentlichen Kultur. Demonstranten protestierten lautstark vor dem Theater, mehrere Personen stürmten während der Veranstaltung sogar auf die Bühne. Schwarzer wartete die Störung ruhig ab, während Teile des Publikums die Aktivisten ausbuhten. Der Vorfall ist mehr als ein lokaler Theaterskandal. Er steht exemplarisch für eine Entwicklung, die inzwischen das gesamte kulturelle Leben prägt: das systematische Canceln von Personen, deren Ansichten von einem moralisch dominanten Milieu als unzulässig betrachtet werden.
Dabei ist Alice Schwarzer selbst eine der einflussreichsten Figuren der deutschen Nachkriegskultur. Seit den siebziger Jahren prägt sie mit der Zeitschrift “Emma” den deutschen Feminismus. Sie kämpfte gegen sexuelle Gewalt, gegen Diskriminierung von Frauen und für rechtliche Gleichstellung. Gerade deshalb ist die Ironie der aktuellen Situation so frappierend: Ausgerechnet eine Ikone der linken Emanzipationsbewegung wird heute von jüngeren Aktivisten als persona non grata behandelt. Der Grund dafür liegt vor allem in Schwarzers Positionen zur Gender- und Transdebatte. Kritiker werfen ihr vor, sie kämpfe „seit Jahren gegen Selbstbestimmung und Teilhabe von Transmenschen“. In der Logik der heutigen Identitätspolitik genügt dieser Vorwurf bereits, um jemanden aus dem legitimen Diskurs auszuschließen.
Die Moral der neuen Bewegung
Der Konflikt offenbart eine grundlegende Verschiebung innerhalb der linken politischen Kultur. Der klassische Feminismus verstand sich als universalistische Bewegung. Er argumentierte mit allgemeinen Rechten, mit Gleichheit vor dem Gesetz und mit rationaler Kritik an gesellschaftlichen Strukturen. Die neue identitätspolitische Bewegung funktioniert anders. Sie arbeitet stärker mit moralischen Kategorien: Anerkennung, Verletzung, Diskriminierung. Wer als verletzend wahrgenommen wird, verliert seine Legitimität als Gesprächspartner. Canceln ist daher kein Unfall, sondern eine logische Konsequenz dieser moralischen Struktur.
Der Ablauf folgt inzwischen einem vertrauten Muster. Zuerst erscheint ein offener Brief. Im Fall Schwarzer unterzeichneten rund 340 Theaterbeschäftigte eine Erklärung, in der sie das Schauspielhaus aufforderten, die Lesung abzusagen. Dann folgen öffentliche Proteste. Schließlich wird versucht, Veranstaltungen zuverhindern oder zu stören. Dieser Mechanismus erinnert auffällig an frühere Formen moralischer Ächtung. Der Unterschied besteht darin, dass er heute nicht von staatlichen Institutionen ausgeht, sondern von kulturellen Netzwerken – Universitäten, Medien, Kulturbetrieben und Aktivistengruppen. Die soziale Wirkung ist jedoch ähnlich: Bestimmte Positionen sollen aus dem öffentlichen Raum verschwinden.
Das paradoxe Ergebnis
Der Fall Schwarzer zeigt jedoch auch eine andere Dynamik. Je stärker die Versuche werden, Stimmen auszugrenzen, desto sichtbarer werden sie. Die Lesung fand trotz Protesten statt. Das Theater begründete seine Entscheidung ausdrücklich mit der Bedeutung der Meinungsfreiheit und der Notwendigkeit, kontroverse Positionen zu diskutieren. Gerade dieser Punkt verweist auf eine zentrale Frage unserer Zeit: Wie viel Dissens verträgt eine demokratische Öffentlichkeit? Das Canceln beruht auf einer erstaunlichen Annahme: dass gesellschaftlicher Fortschritt durch moralische Homogenität erreicht werden könne.
Doch die Geschichte der Moderne zeigt das Gegenteil. Fortschritt entstand meist durch Konflikte, durch Dissens und durch die Möglichkeit, Mehrheiten zu widersprechen. Ironischerweise gilt das auch für den Feminismus selbst. Viele der Forderungen, die Alice Schwarzer in den siebziger Jahren stellte, galten damals als radikal und provokant. Sie wären kaum durchsetzbar gewesen, wenn ihre Gegner damals dieselben Methoden angewandt hätten, die heute gegen sie eingesetzt werden.
Die neue Generation der Zensoren
Die Generation der heutigen Aktivisten sieht sich häufig als Erben dieser emanzipatorischen Tradition. Tatsächlich hat sie jedoch eine andere politische Kultur entwickelt. Sie ist weniger interessiert an Argumenten als an moralischer Grenzziehung. Sie unterscheidet weniger zwischen falschen und richtigen Ideen als zwischen legitimen und illegitimen Sprechern. In dieser Logik wird der öffentliche Raum nicht mehr als Arena des Streits verstanden, sondern als Raum moralischer Reinheit. Der Hamburger Vorfall zeigt deshalb etwas Grundsätzliches: Der Kampf um Meinungsfreiheit verläuft heute nicht mehr entlang der alten politischen Linien.
Er findet zunehmend innerhalb der kulturellen Eliten selbst statt. Eine Generation, die einst gegen Autoritäten rebellierte, hat neue Autoritäten geschaffen – moralische Autoritäten, die bestimmen wollen, wer sprechen darf. Alice Schwarzer ist dafür ein besonders symbolischer Fall. Denn sie steht zugleich für zwei Epochen: für die rebellische Freiheit der siebziger Jahre und für die moralische Intoleranz der Gegenwart. Gerade deshalb wirkt der Hamburger Abend wie ein kleines kulturpolitisches Gleichnis: Der Feminismus, der einst für Redefreiheit kämpfte, muss heute erleben, wie seine eigenen Erben versuchen, ihn zum Schweigen zu bringen.
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Ein Kommentar
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