Mittwoch, 29. Mai 2024
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Alle reden über leere Kostüme – keiner spricht mehr von Musik

Alle reden über leere Kostüme – keiner spricht mehr von Musik

Die Zombifizierung der Musik: ESC 2024 (Foto:Imago)

Ist die kundige Herstellung von ganz besonderen Klängen mittels verfügbarer Instrumentarien darstellbar als eine Bildergalerie? Wie echt ist eigentlich noch künstlich abgerufene Musik vom Band, im Sinne von authentischer Wahrnehmung, bei einem den Zuhörern oder Zuschauern präsentierten Musikfestival? Ist die Musical-ähnliche Totalinszenierung mittels Lightshows, multimedialer Deko und Überfrachtung der Bühne mit Ausstattung und eher surrealen „Räumlichkeiten“ in Choreographie und Tanz denn überhaupt eine Musik-Show? Sie haben es sicher längst erraten: Anlass dieser Fragestellungen ist der soeben wieder in die Garderoben und Equipment-Lager entschwundene ESC. Was bleibt bei all der Aufregung hiervon in wenigen Tagen noch übrig? Nichts. So schlecht wie nichts, denn gut ist etwas völlig anderes, wenn man ein wahrer Liebhaber echter, inspirierender, authentischer, menschengemachter Klänge und organisierter Schallereignisse ist.

Doch nicht nur bei diesem – ohnehin von außen mit extrem unmusikalischem Ballast überfrachteten – TV-Spektakel hatte sich der Mittelpunkt des Eigentlichen fast aufgelöst, besser: er wurde aufgelöst von einer fragwürdigen Regie, die mit Musik wiederum selbst, und zwar bis ins Umfeld der „Caster“ und vorsortierenden Entscheider hinab, in der Regel meist gar nichts oder allenfalls als Vermarkter etwas zu tun hat; wenn überhaupt. Weder bei den verantwortlichen Machern und Durchführern noch bei den meisten Kostümträgern, die sich unterordnen und kaum noch als Musiker auf die Bühnen solcher TV-Spektakel gehen, geht es mehr um Musik. Nach dem insgesamt eher wirren ESC 2024 lässt es einen dann allerdings schaudern, wie weit ein rein musikalisches Geschehen inzwischen ja schon gar nicht mehr als gewollt daherkommt! Wenn etwa eine der führenden deutschen Musikzeitschriften sich bei ihren Nachberichten in einen boulevardesken Veitstanz in Ödnis begibt, dann ist etwas grundsätzlich schwer beschädigt. Wir sehen Musik – der Mensch braucht keine Ohren mehr! Der „Musikexpress“ fasste die kunterbunte ESC-Klamaukparade – begeistert! – in seiner Überschrift so zusammen: „‘Putin hätte gekotzt’: Der ESC 2024 queerer, nonbinärer & brisanter denn je!

“Grüne” Dienstvorschriften

Aha. Hier wurde also „Musik“ gemacht, um jemanden zum Kotzen zu bringen. Außerdem scheint es einen wertvollen künstlerisch-kreativen Wettbewerb von Künstlern aus aller Welt in Malmö demnach nicht gegeben zu haben. Denn beschrieben wird ein demonstratives Schaulaufen von schrillen Drag-Queens, Geschlechtersuchenden und antisemitischen Brisant-Beleidigern: Sorry, aber für Musik ist hier momentan kein Platz. Gehen Sie bitte weiter! Es stimmt ja: Musik kann, darf durchaus politisch sein. Aber dafür muss sie erstmal Musik sein. Gute Musik. Für schrille und extremistische Botschaften gibt es dagegen die passenderen Pöbel-Plattformen im Igitt-Net. Fast schon wie Selbstironie klingt es, wenn man die Regelkunde zum ESC liest: „Bis zu sechs Menschen ab 16 Jahren, aber keine Tiere, dürfen auf der Bühne sein. Es wird live gesungen, die Begleit-Musik kommt allerdings heute nur noch vom Band – früher vom Live-Orchester.

Man könnte meinen, hier ginge es um „grüne“ Dienstvorschriften für die Mitarbeiter eines politisch korrekten Zirkus der Zukunft, der – total vegan – Tiere nicht mal mehr in die Manege lässt. Und die Musik kommt nur noch vom Band. Weit über den ESC hinaus steckt darin die schlimme Botschaft einer abdriftenden Moderne, welche sich längst in absolute Beliebigkeit begeben hat und dadurch der Austauschbarkeit von Menschen huldigt. Das ist das absolute Gegenteil von Kunst: Künstliche Verblödung, das Gegenteil von Intelligenz. Es ist wie beim Kochen: Wenn alles Essen nur noch aus der Konserve käme, dann heulten alle ernsthaften Köche dieser Welt auf und die Gourmets planten Selbstmorde – denn es wäre so etwas wie ein soziokultureller Ernährungsuntergang der Menschheit. Doch Musik aus der Konserve, aus der Retorte, aus den Reagenzgläsern von Mischmasch-Produzenten ist weniger schlimm? Nichts gegen Produzenten; aber wir sprechen hier von den Köchen und der Küche nicht einmal von McDonalds, sondern weit Schlimmerem.

Radikaler Schwenk

Ein letztes Wort zum ESC: All das dort war nur noch eine Simulation von echter musikalischer Kunst, weil es völlig überinszeniert, überwiegend vollkommen substanzlos und in woke Zeitgeist-Haltungen überdimensioniert aufgeblasen worden war. Auch wenn es vereinzelte Ausnahmen gab, wie etwa die Beiträge von „Estonia“ oder „Croatia“ oder ein französischer Supersänger, der allerdings nur minutenlang seine vokale Selbstverliebtheit vorführte, ohne einen brauchbaren Song dahinter mitgebracht zu haben. Das falsche Muster ist längst bekannt. Schon lange ist in der Musikbranche die Rede vom “Produzenten-Pop“, was auch mit der technischen Revolution der alles in sich aufsaugenden Digitalisierung zu tun hat. Will man die eklatanten Fehlentwicklungen klarer erkennen, muss man sich doch eines zur Probe gönnen: Hören Sie doch mal nur einen einzigen Song der Beatles und vergleichen sie diesen mit den “Putin-zum-Kotzen-bringen”-Auswürfen von Malmö. Müllabfuhr, bitte kommen!

Machen wir mal einen radikalen Schwenk hinein in eine Gesellschaft, die Musik ja sowieso kaum noch wertschätzt, die von Musik – auf die Masse und Mehrheit der Menschen hin beurteilt – bildungsmäßig in etwa soviel Ahnung hat wie eine Schildkröte oder ein Polarbär von Orff-Instrumenten. Hurra, wie sind endlich wieder nicht mehr „wer“! Die Kulturgeschichte der Popularmusik seit dem 19. und 20. Jahrhundert ist spannend, vieltausendfach grandios; die Existenz eines musikalischen Erbes meint das Hüten von Schätzen, von Juwelen, von beeindruckender emotionaler Intelligenz, welche uns unglaublich viele Menschmusiker hinterlassen haben. Und so konnte es kontrastreicher kaum sein, dass am Abend vor der ESC-Geisterbahnfahrt des Grauens auf “Arte” eine beeindruckende Dokumentation über das musikalische Schaffen des Gitarristen Eric Clapton gezeigt wurde. Hier aber wurde gezeigt, um zu hören. Welch ein Unterschied! Sehen und Hören. Und was für Botschaften! Martin Scorsese hatte wohl als Filmer hier seine kreativen Kamerahände im Spiel.

Scheußliche Epoche

Es ging nur um Blues. Nicht um den Cream-Rocker Clapton, nicht um seine genialischen Pop-Rock-Reggae-Hits wie „I shot the Sheriff“. Es ging „nur“ um den Blues. Man wagt es gar nicht mehr, diese Art von Botschaften und Mitteilungen zu vergleichen. Beim ESC unter anderem allerpeinlichster Satanskult und obszöne Darkroom-Atmosphäre, peinliche Sex-Attitüden nach dem Motto: Arsch statt Art; zeitgeistige Betroffenheits-Übererfüllung für die aufgeheizten Milieus, also auch hier: Arsch statt Niveau oder bunt statt rein & klar. Denn Eric Clapton an die zwei Stunden gesehen und gehört zu haben bedeutete auch eine schier endlose, inspirierende Hommage an all die schwarzen Musikerinnen und Musiker, an die Erfinder des Genres auf den US-Baumwollfeldern mit ihren musikalischen Geschenken an uns alle: Gospel, Soul und Blues. Nur Clapton und der Blues. Liebe. Liebe zur Musik. Liebe für den Frieden unter allen Menschen. Es war wie ein musikalischer Kirchgang und die Frage kommt auf, was es mit einer anwachsenden Dachschaden-Popkultur auf sich hat, die derartig authentische Botschaften und Botschafter fast völlig vergessen hat.

Israel – ESC – Putin: Wir leben in einer scheußlichen Epoche der kriegerischen Kämpfe. In Nahost, in der Ukraine, aber auch in Afrika fallen immer mehr Staaten in die Hände von Warlords, und im Iran kämpfen vor allem Frauen um die Freiheit, ihre Freiheit, für ein Leben ohne Kopftuch. Wie gesagt, scheußlich geht es vielerorts zu. Welche Chancen böten sich da auf internationalen Musikfestivals, bei internationalen Konzerten und sonstigen Auftritten von Musikern, die sich genau in diese Tradition des Friedlichen, in den Geist von Woodstock zu stellen?! Und nein, damit soll nicht auf das blutige Ende des Nova-Festivals in Israel angespielt werden, das von jenen als Menschheitsverbrechen verantwortet wurde, denen in Malmö als “Freiheitskämpfer” und “unterdrückte Opfer” gehuldigt wurde. (Live-)Musik ist trotz allem die universale Sprache vom Frieden und Austausch. Es muss aber wie gesagt Musik sein. Der ESC ist das Gegenteil: Niveaulos statt virtuos, Parolen statt Glaubwürdigkeit, Hass statt Liebe.

Wahre Musik kann über alle Grenzen hinweg und alle(s) verbinden. Kann. Aber, ach, na klar, ganz vergessen, geht ja nicht mehr: Haltung statt Musik. Arsch statt Instrument. Putin ärgern statt gutem Songwriting und vor allem: Eric Clapton ist ein alter weisser Mann, der mit dem Blues auf seiner Gitarre kulturelle Aneignung betreibt. And so it goes. Um das Elend dieses Diskurses abzuschliessen, hier die einst fantastisch gesungenen Worte von Doors-Sänger Jim Morrison: „When the Music’s over, turn out the lights, turn out the lights….!

6 Antworten

  1. Einfach mal den öffentlich-rechtlichen-Radio einschalten und 10 Minuten zuhören. Da höret man ne Menge orientalische Klänge und Gejammere. Musik im Sinne von Musik bekommt man da nicht. Man bekommt Klänge, Fürze, Rülpser, Gestöhne und Gejammere. Auch hat man immer mehr den Eindruck, als würden die Musiker, weder Noten noch Instrumente spielen, sondern irgendwas mit Gießkanne oder Kloschüssel.
    Der ESC reit sich da doch nur ein und übertreibt ein bisschen. Was haben wir gesehen: eine bombastische Totalinszenierung mittels Lightshows, multimedialer Deko und Überfrachtung der Bühne mit Ausstattung!
    Musik, leider Fehlanzeige, aber darum ging es doch auch gar nicht. Hier konnten alle Freaks aus Europa mal richtig auf die Kacke hauen und zeigen was in ihnen steckt. Und das Ganze wurde auch noch, wie üblich zu 50 % aus den deutschen Gebühren finanziert. Hier zeigt sich die Dekadenz der westlichen Welt in voller Blühte. Musik? Welche Musik?

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  2. Hat denn die westliche Gesellschaft was anderes verdient wenn die jede traditionelle Kultur verdammt und auf den Müllhaufen wirft? Alles ein Spiegelbild der Verderbtheit, Dekadenz.

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  3. Den Inhalt des langen Artikels in einem Wort zusammengefasst: Dekadenz.

    Der arme Herr Stark hat es sich leider angetan, den gesendeten Müll zu konsumieren. Hoffentlich ist er so stark wie er heißt, dann geht es ihm sicherlich bald wieder besser.
    Bei seelischer Verstimmung hilft das berühmte Kniechen-Näschen-Öhrchen-Spiel von Stan und Ollie. 🙂

    1. Nach der Sendung einmal auf Klo, runterspülen, weg damit. Alles wieder gut, ne Dose Bier und John Wick, Teil 4, zum dritten Mal gucken und – zack – wieder heile Welt.

      1. 😂🥳👍🏻 …es dürfen auch die Teile 1 – 3 sein. Und auch noch nach dem 5. mal ansehen, Millionenfach besser!!! 😎

  4. Es dürfen also “keine Tiere auf der Bühne sein” !? Aber beim Anblick dieser Zombie-Gestalten, die noch nicht mal annähernd an die Entwicklungsstufe des Neandertalers heranreichen und sich bestenfalls wie wildgewordene Affen aufführen, trifft diese Regel wohl schon seit langem nicht mehr zu…

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