Arbeitskampf zur Unzeit: EU-weite Streiks mitten im Flughafenchaos

Flughafen-Tohuwabohu (hier in Hamburg) (Symbolbild:Imago)

Nicht nur in Deutschland, sondern in weiten Teilen Europas herrscht dank kombinierten Personalmangel und zur Unzeit abgehaltener Streiks ein heilloses, nie dagewesenes Chaos im Reiseverkehr, das den Sommerurlaub für viele Passagiere gefährdet oder zumindest erheblich beeinträchtigen wird. Zuletzt stimmte auch noch das Personal von British Airways für einen Streik am Londoner Flughafen Heathrow – weil die Fluglinie sich weigert, eine während der Corona-Krise eingeführte zehnprozentige Lohnkürzung zurückzunehmen. Die Arbeitsniederlegung wird vermutlich auf dem Höhepunkt der Sommerreisewelle stattfinden. Die Arbeiter am größten französischen Flughafen Charles De Gaulle sowie dem in Orly befinden sich bereits seit dem 9. Juni im Ausstand: Sie fordern eine Lohnerhöhung von 300 Euro und bessere Arbeitsbedingungen. Dies führte bereits zum Ausfall von 25 Prozent der Flüge.

Auch das Bordpersonal der Billig-Airlines Ryanair in Belgien, Spanien, Portugal, Frankreich und Italien protestiert derzeit mit zeitweiligen Arbeitsniederlegungen – wobei die Airline versichert, dass davon nur zwei Prozent der 9.000 für dieses Wochenende angesetzten Flüge betroffen seien. Allerdings sollen Streiks in Madrid, Malaga, Barcelona, Alicante, Sevilla, Palma, Valencia, Girona, Santiago de Compostela und Ibiza stattfinden und damit an absoluten Verkehrsknotenpunkten Spaniens, die erhebliche Auswirkungen auf den Tourismus haben dürften. Das spanische Kabinenpersonal von Easy-Jet plant ebenfalls einen neuntägigen Streik im Juli, der an diesem Wochenende beginnen soll, um eine vierzigprozentige Lohnerhöhung zu erzwingen. Sollten die Gespräche scheitern, wollen die Mitarbeiter Mitte und Ende Juli für jeweils drei weitere Tage in den Ausstand treten.

Denkbarer miserables Timing

Und mehr noch: Ab heute soll ein massiver Streik der Piloten bei der skandinavischen Airline SAS beginnen, dessen Dauer noch nicht klar ist. Die seit Wochen andauernden Verhandlungen über einen Tarifvertrag sind bislang gescheitert. Die Piloten werfen der Gesellschaft vor, Corona benutzt zu haben, um fast die Hälfte der Piloten mit einem vereinbarten Recht auf Wiedereinstellung zu entlassen, dieses Recht dann aber außer Kraft gesetzt zu haben. Es droht der Ausfall Hunderter Flüge pro Tag an den Flughäfen Oslo, Kopenhagen und Stockholm-Arlanda. SAS geht davon aus, dass täglich etwa 20.000 bis 30.000 Passagiere davon betroffen sein könnten. Auch in Deutschland gab es bereits Streiks, wenn auch eher punktuell; doch viele weitere drohen – ebenso in Italien; und in Polen konnte ein Ausstand gerade noch verhindert werden. In Irland will die Regierung am Dienstag entscheiden, ob man die Armee bis Mitte August in Bereitschaft versetzt, um des Flughafenchaos notfalls gewaltsam Herr zu werden.

Der Arbeitskampf zu einer Zeit, da nach zwei Jahren Realstillegung des saisonalen Sommerreiseverkehrs erstmals wieder Normalbetrieb herrscht (mit wegen absehbaren Nachholbedürfnissen erwartbarem Spitzenandrang allerorten) und da sich weder Flughäfen noch Fluggesellschaften auch nur ansatzweise adäquat auf diesen „Stresstest“ vorbereitet zu haben scheinen, führt zum nackten Chaos: Überall kommt es zu endlosen Warteschlagen, Flugstornierungen und verlorenem Gepäck. In München lagern seit über einer Woche herrenlose bzw. falsch zugeordnete 3.000 Koffer, die auf ihre Besitzer warten. Fluggäste und Urlauber sind mit den Nerven am Ende. Personalknappheit legt den gesamten Betrieb vielerorts lahm. Und just in dieser Extremsituation meinen Gewerkschaften, für höhere Gehälter streiken zu müssen.

Riesiges Ärgernis für Urlauber

Denn Hauptursache für die bereits andauernden oder drohenden Streiks ist nicht etwa die solidarische Forderung nach Wiedereinstellung von während der „Pandemie“ entlassenem Personal, sondern eben Forderungen nach Lohnerhöhungen. Auch wenn diese aus Beschäftigtensicht angesichts der steigenden Inflation nachvollziehbar sind, so kommen sie doch einer Kannibalisierung der Belegschaften einer bereits unter erheblichem Rationalisierungsdruck stehenden Branche gleich: Personalmangel durch Massenentlassungen oder -kündigungen während der Corona-Lockdowns und der Schwierigkeit, dieses zu ersetzen, weil neue Arbeitskräfte eine mehrwöchige Sicherheitsüberprüfung über sich ergehen lassen müssen, hinterlassen Spuren.

Für die, die sich auf entspanntes Reisen nach Corona gefreut hatten, ist die Lage mehr als nur ärgerlich: Wer hoffte, den Sommerurlaub genießen zu können, bevor im Herbst womöglich das Corona-Regime, das das heutige Chaos erheblich mitverursacht hat, wieder angezogen wird, muss also auf Gepäckverlust, stundenlange Wartezeiten, verspätete oder ganz gestrichene Flüge, das Festsitzen auf Zwischenlandeplätzen oder gleich den völligen Verzicht auf den Urlaub vorbereitet sein.

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13 Kommentare

  1. Wo ist das Problem? Sollen sich die Urlauber doch ruhig mal ärgern. Sie werden es verkraften.
    Verdammt nochmal: die Arbeitskämpfe sind völlig berechtigt.

    • Ganz genau und sie sind vor allem noch viel zu harmlos.
      Diese Arbeitskämpfe müssten ausgeweitet werden.

      Die Urlauber haben doch alles klaglos über sich ergehen lassen, was Corona betrifft. Die sind schon leidensfähig. Wer zwei Jahre Coronaschwachsinn mitgemacht hat, der ist hart im nehmen.
      Zwingt sie doch niemand dazu, in Urlaub fliegen zu müssen.
      Sehr viele Menschen können sich das nicht einmal mehr leisten. Und die Menschen bei den Fluglinien müssen schließlich auch von dem immer knapper werdenden Geld leben.
      Die, die nicht wissen, wohin mit ihrem Geld, können ja mal was abgeben. Das machen sie nie freiwillig, deshalb muss man sie zwingen. Und das geht nur, in dem die Arbeit niedergelegt wird.
      Viel Glück bei eurem Arbeitskampf. Es ist viel zu still.

  2. „zur Unzeit abgehaltener Streiks“. Herr Sommer welche Zeit für einen Streik wäre ihnen denn angenehm? In einer Zeit der maßlosen Ausbeutung auch im Flugwesen ist es zwar für die Kunden schwierig mit dem fliegen aber für die arbeitende Bevölkerung lebensnotwendig, wenn sie die Krisenhafte Entwicklung in der EU und die Inflation irgendwie überstehen wollen. Solidarität mit den streikenden Arbeitern in Stadt und Land ist zu einem Fremdwort verkommen und durch egoistische Interessen ersetzt worden. Auch das muss sich ändern. Ein Generalstreik ist offiziell in Deutschland verboten. Aber nur in Deutschland! Warum eigentlich? Wir sollten langsam aufwachen. Könnte es sein Herr Sommer das sie und ihre Familie wegen des Urlaubs selbst vielleicht auch unter ausfallenden Flügen leiden. Doch Streiks machen nur Sinn, wenn sie denen weh tun die von Jahr zu Jahr der arbeitenden Bevölkerung wehtun, indem sie ihnen ihr Lebensarbeitswerk zerstören. Welcher Streik kann da zur Unzeit kommen? Wo bleibt da unsere Solidarität zu denen die arbeiten wie sie und ich. Nun ja ich nicht mehr, bin Rentner. Aber ich vergesse die Ausbeutung meiner Arbeitskraft und Gesundheit durch Firmen nicht. Das sollten sie auch tun und alle die anderen den Streik nicht gönnen auch.

    • jhkua43wt8oklgj…Die gleichen Leute die sich ständig über den Wohnungsmagel und die hohen Mietpreise beklagen, aber immer mehr Asylanten in unser Land holen wollen. Sind die gleichen, die noch nie richtig gearbeitet haben und diese Streiks zur absoluten Unzeit organisieren. Außerdem verdient das Flughafenpersonal bei uns gar nicht so schlecht. Aber der Handwerker, der mit seiner Familie lange für seine Urlaubsreise gespart hat, und jetzt nur Stress hat wegen diesen Links-Grünen Sesselpupsern, der ist der eigentliche Leittragende. Erzähle mir blos keiner was von Gewerkschaften und deren stinkfaules Personal.

      • Also du solltest dir nen anderen Nickname zulegen. Es geht nicht darum wie gut oder schlecht die Arbeiter verdienen, sondern darum das ihre Forderungen in diesen Zeiten niemals zur Unzeit kommen. Was du über die Gewerkschaften sagst kann ich nachvollziehen. Aber hier geht es nicht um die Gewerkschaften sondern um einen erbitterten Arbeitskampf. Wenn wir keine Solidarität mit den Arbeitern zeigen werden wir die nächsten sein die platt gemacht werden. Der Kampf um höhere Löhne ist ein existentieller Kampf in Krisen Zeiten. denn es geht nicht nur ums heute sondern auch um das Rentenniveau von Morgen Jeder arbeitende Mensch sollte das unterstützen, egal wer dafür einen Streik durchzieht. Das man dafür Abstriche machen muss sollte auch jeder verstehen.

      • Es sind dieselben, nicht die Gleichen. Es sind ja keine Klone.
        Nur so als Tipp.
        Einzigartig ist EIN und dasselbe. Jeder Mensch ist einzigartig. Davon gibt es keine Mehrzahl. Das wäre dann das Gleiche.

  3. „… oder gleich dem völligen Verzicht auf den Urlaub vorbereitet sein.“ Ja, Opfer müssen verzichten können, wie es so schön heißt. Aber es geht auch anders.

    Immerhin gibt es nun den Ersatz für die Bahnsteigkarte, auch 9 Euro-Ticket genannt. Im Gegensatz zu den unsäglichen Zuständen auf unseren Flüghäfen, glaubt man mit diesem Ticket wenigsten unterwegs zu sein. Selbst wenn man selten dort ankommt, wo man eigentlich hin will.

    Glücklich wenn das Gepäck selbst geschleppt und verladen wird. So hat man es immer immer im Blick. Es bekommt somit keine Beine und verabschiedet sich nicht auf nimmer wieder sehn. Auch muss man kein schlechtes Gewissen haben, von Billig-Air-Lines geschundene Flughafenmitarbeiter auszubeuten. Ein Hoch auf die gelebte internationale Solidarität und Grüße von Gleis 4 nach Orly!

    Im Gegensatz zum Flughafen trifft man auf dem Bahnhof viele Menschen die kompetent in die Zukunft sehen können und teils, wie früher, sogar richtige Befehle geben können. „Krzel – Achtung, Achtung, Bahnsteig Krzel, der Zug…..“ Hier haben wir noch einen Nachholbedarf, da die Mehrheit der Anwesenheit solches nicht mehr gewöhnt ist und alles einfach ignoriert. Gut das auch Mitteilungen auf dem Smatt-Fones erscheinen. „Krzel ….“. Ob die Zukunft wirklich so eintritt, werden die Verspätungen der Zuglaufzeiten zeigen oder ein Blick auf das Schild am Wagon mit der Aufschrift des Zielbahnhofes. „Du selbst hast die Zukunft in der Hand!“

    Während sich die jüngere Generation an ihre Smartfones schmiegt und Hoffnung von irgendeiner App erwartet, die schlecht gepflegt gerade mal die Werbung einblenden kann, hole ich mein Fresspaket heraus und beiße genüsslich in das Butterbrot, belegt mit dicken Stracke-Scheiben. Wie früher habe ich alles mit, da eine Einkehr zu teuer ist und ich der Meinung bin, dass die Zukunft variabel ist. Der Vegano neben mir schaut mich angewiedert an. „Irgend wofür muss ja die Erfahrung aus meiner Jugend nützlich sein“, sage ich. Dann schlendere ich zur Bahnhofsmission und kläre, ob eine Übernachtung wie in den Nachkriegsjahren noch möglich ist. Auch schnorre ich einen Kaffe und mache mich dann auf, zum Kampf um einen standesgemäßen Platz im Kurzzug.

    Gut das ich morgen abend schon fast da bin.

    Euer E. Koslwoski II

  4. „Und just ins dieser Extremsituation meinen Gewerkschaften, für höhere Gehälter streiken zu müssen“ – ? Däbe es denn, bitteschön, einen taktisch günstigeren Moment als just diesen, wo der Tarifgegner unter maximalem Druck steht?

  5. Ich würde heute in keine Gewerkschaft mehr eintreten. Die sind alle auf links gestrickt und kommen nur aus ihren Löchern, wenn es um die eigenen Pfründe geht. Was ich in meinem Berufsleben mit Gewerkschaften erlebt habe, würde hier den Rahmen sprengen. Meine Kündigung hatte ich damals persönlich abgegeben und denen uns Gesucht gesagt, was sie für Schnarchnasen sind. Deshalb kann ich den Autor nur vollumfänglich beipflichten! Die machen mehr kaputt als gut. Und das zur falschen Zeit. Das Flughafenpersonal hing noch NIE am Bettelstock!

    • Du sprichst von deutschen Gewerkschaften und da gebe ich Dir vollkommen recht.
      Aber im Ausland sieht die Welt dahingehend schon noch anders aus.

      Hier in Deutschland gibt es keine Gewerkschaften mehr, die diesen Namen verdienen. Widerlich ist schon die einst mächtige IG Metall. Die lässt ihre Mitglieder praktisch verhungern und schikaniert diese. Wie die Regierung auch.

  6. Meine Frau arbeitet als Luftsicherheitsassistent am Frankfurter Flughafen. Während Corona hat der Arbeitgeber natürlich massenhaft Leute entlassen. Und da keiner wußte, wie lange das scheiß Corona überhaupt noch dauern würde, war das ja auch berechtigt. Keine Firma kann Leute bezahlen, ohne was zu verdienen. Das jetzt ziemlich plötzlich alles wieder aufmachte, war von niemandem vorauszusehen und natürlich fehlen all´ die Leute jetzt, ist ja klar. Nur: Es macht sich keiner Gedanken darüber, daß die Prüfung zum Luftsicherheitsassistenten ziemlich schwer ist. Das ist eben nicht nur ein bischen im Koffer rumwühlen und gucken, was die Leute in der Hosentasche haben. Nicht eine einzige Handbewegung eines Prüfers ist zufällig. Das ist alles ganz genau und exakt auf Effizienz und Sicherheit getrimmt. Da muß zum Beispiel eine einzelne Patrone, die gut an einer metallenen Gürtelschnalle versteckt ist, gefunden werden usw. Wer da glaubt, er könne jetzt mal eben so einfach ein paar tausend türkische arbeitslose Landarbeiter dafür ranholen, hat einfach keine Ahnung. In diesem Fall mal wieder unsere Regierung, die so blöd ist.

  7. „Fluggäste und Urlauber sind mit den Nerven am Ende. Personalknappheit legt den gesamten Betrieb vielerorts lahm. Und just in dieser Extremsituation meinen Gewerkschaften, für höhere Gehälter streiken zu müssen.“

    Ja, wann denn sonst? Wenn keiner mehr fliegt und der Stress nicht mehr vorhanden ist?
    So ein Streik muss weh tun. So ein Streik muss den Fluglinien so richtig weh tun und es muss teuer werden.
    Ich wünsche allen, die an der Streiks teilnehmen: Haltet durch! Ihr habt die Macht!
    Die Gewerkschaften sind eh viel zu still und mittlerweile auf Regierungsniveau, aber nicht mehr für die Menschen, die sie vertreten, da.

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