Archäologie mit politischem Kompass

Archäologie mit politischem Kompass

Externsteine im Teutoburger Wald: Wirre NS-Assoziationen (Foto:Imago)

Man kann über die politische Instrumentalisierung von Geschichte schreiben. Man kann davor warnen, archäologische Befunde nachträglich in Mythen einzupassen. Man kann daran erinnern, dass Heinrich Himmlers „Ahnenerbe“ Wissenschaft in den Dienst einer Weltanschauung stellte. All das wäre legitim, ja notwendig. Hermann Parzingers Gastbeitrag „Wie die AfD uns zu Germanen machen will“ in Der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” (FAZ) tut jedoch etwas ganz anderes. Schon der Vorspann legt das Interpretationsschema fest: „Freihändige Geschichtsdeutungen auf brauner Spur“, die Nationalsozialisten hätten es „vorgemacht“. Anschließend werden Bauhauskritik, Protest gegen Windkraftanlagen, die Externsteine, Wanderungsbewegungen der Völkerwanderungszeit, biologische Abstammung, die Himmelsscheibe von Nebra, nationalsozialistische Ostpolitik, Putin und schließlich die Russlandpolitik der AfD in eine einzige Assoziationskette gestellt.

Das Problem daran ist weniger die einzelne historische Information als die argumentative Technik. Aus Ähnlichkeiten von Begriffen, Orten oder Themen werden Traditionslinien. Aus Traditionslinien wird politische Kontamination. Und aus Kontamination entsteht schließlich ein Schuldzusammenhang – für den ein tatsächlicher Nachweis natürlich entbehrlich ist. Und das muss beim Lesen der folgenden Kritik an Parzinger, der immerhin habilitierter Archäologe ist und von 2008 bis 2025 Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war, permanent mitgedacht werden.

Die Architekturkritik und ihre braune Erbsünde

Das beginnt schon beim Bauhaus. Parzinger referiert, die AfD bezeichne es als „globalen Einheitsbrei“, als „menschenfeindliche Architektur“ und als „Irrweg der Moderne“. Weil auch nationalsozialistische Bauhausgegner die letztgenannte Formulierung verwendet hätten, erscheint bereits gegenwärtige Bauhauskritik im historischen Zwielicht. Das Muster ist inzwischen spätestens seit der Debatte um „Alles für Deutschland“ bekannt: Dabei handelte es sich eben nicht um „die“ oder auch nur „eine SA-Losung“, sondern um eine spätestens seit 1848 überall verbreitete patriotische Standard-Wendung, wie der Staatsrechtler Ulrich Vosgerau dezidiert nachwies. In der Weimarer Republik galt sie gar als Markenzeichen sozialdemokratischer Verbände, wie etwa dem Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold.

Aber selbst wenn man die Wortwahl „Irrweg der Moderne“ wegen ihrer “historischen Vorbelastung” kritisiert, beantwortet das nicht die ästhetische Frage. Denn Kritik an funktionalistischer Architektur ist zunächst genau das: Architekturkritik. Und Kritik an radikaler Reduktion, Funktionalismus und weltweiter Standardisierung von Gebäudeformen ist „zunächst eine ästhetische Position – keine politische Erkennungsmarke. Man darf das Bauhaus hässlich finden, ohne Nationalsozialist zu sein. Sonst dürfte nach 1945 nichts mehr abgelehnt werden, was auch Nationalsozialisten einmal ablehnten“, konstatiert Baden-Württembergs kulturpolitischer AfD-Fraktionssprecher Uwe von Wangenheim.

Eigentümliche Logik

Und weiter: Man darf ornamentlose Fassaden ablehnen, man darf bezweifeln, dass die Formel „form follows function“ lebenswerte Städte hervorbringt, und man darf beklagen, dass sich international verbreitete Architektursysteme regionalen Bautraditionen gegenüber indifferent verhalten. All das darf man. Aber keine dieser Auffassungen setzt eine Rassentheorie voraus! Interessanterweise bestätigt ausgerechnet das Bauhaus-Archiv, dass es nicht einmal “die” einheitliche Bauhausarchitektur gab. Hannes Meyer ordnete künstlerische Gesichtspunkte den Bedürfnissen der Nutzer unter, während unter Mies van der Rohe ästhetische Fragen wieder stärker in den Vordergrund rückten. Das Archiv warnt deshalb ausdrücklich vor der Vorstellung eines standardisierten Bauhausstils.

Gerade daraus folgt aber, dass über Funktionalismus, Standardisierung und Universalismus gestritten werden kann. Ein Magdeburger AfD-Antrag kritisierte ausdrücklich „Nüchternheit und Minimalismus“, funktionale Reduktion sowie die Verdrängung regionaler Eigenheiten durch einen international austauschbaren Stil. Man kann diese Diagnose zurückweisen; man kann ihr entgegenhalten, dass viele Bauhausbauten hervorragend funktionieren, ästhetisch außerordentlich sind und inzwischen selbst Bestandteil regionaler Identität geworden sind. Nur ist das ein ästhetischer und städtebaulicher Streit und noch kein Indiz nationalsozialistischer Kontinuität. Sonst entstünde eine eigentümliche Logik: Was die Nationalsozialisten einmal ablehnten, dürfte nach 1945 kaum noch abgelehnt werden. Geschichte würde damit nicht zur Aufklärung gegen politische Denkverbote, sondern zur Quelle neuer Denkverbote.

Der „Klimaleugner“ als politisches Etikett

Noch deutlicher wird das Verfahren beim Hermannsdenkmal. Parzinger schreibt, das Denkmal sei von „rechten Klimaleugnern“ für einen Protest gegen Windkraftanlagen „missbraucht“ worden. Der tatsächliche Vorgang: Mitglieder der Identitären Bewegung drangen am 21. Juni 2026 im Stile linker Aktivisten auf das Hermannsdenkmal vor (dasselbe tat übrigens gerade die Öko-Extremistentruppe) “Robin Wood” mit der Berliner CDU-Zentrale!), entrollten ein Transparent mit der Aufschrift „Heimat verteidigen“ und erklärten ihre Aktion selbst zum Protest gegen einen Windpark. Aber woraus folgt da „Klimaleugnung“? Wer einen bestimmten Windpark ablehnt, bestreitet damit nicht, dass es das Klima gibt, sondern bestenfalls den alarmistischen Hype um den „Klimawandel“ und den anthropogenen Anteil daran. Und: zwischen der naturwissenschaftlichen Aussage über klimatische Veränderungen und der politischen Frage, ob an einem bestimmten Ort Windkraftanlagen gebaut werden sollen, liegen mehrere argumentative Ebenen: Energiepolitik, Landschaftsschutz, Denkmalschutz, Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Ästhetik.

„Klimaleugner“ beseitigt diese Differenzierungen durch ein politisches Etikett. Gerade in einem Text, der anderen ideologisch motivierte Verkürzung wissenschaftlicher Zusammenhänge vorwirft, fällt das auf. Darf ein Denkmal noch Denkmal sein? Hinzu kommt ein bemerkenswerter Widerspruch: Parzinger beanstandet, dass das Hermannsdenkmal für aktuelle politische Anliegen benutzt werde; das ist nachvollziehbar, denn historische Monumente sollten nicht beliebig zu Projektionsflächen gegenwärtiger Politik werden. Dieser Grundsatz müsste allerdings unabhängig davon gelten, wer projiziert. Ein Denkmal des 19. Jahrhunderts besitzt einen eigenen historischen Zeugniswert. Seine Sichtachsen, seine Landschaftseinbindung und seine monumentale Wirkung gehören zu diesem Zeugnis. Deshalb ist die Frage legitim, ob und in welchem Umfang moderne technische Infrastruktur – Windkraftanlagen ebenso wie Hochspannungsmasten, Gewerbegebiete oder andere Großanlagen – seine Umgebung verändern darf. Denkmalschutz wird nicht dadurch illegitim, dass sein Gegenstand politisch unbequem geworden ist. Wer historische Monumente vor ideologischer Vereinnahmung schützen möchte, sollte sie ebenso wenig selbstverständlich hinter den Artefakten einer gegenwärtigen Energiepolitik verschwinden lassen.

Die Externsteine und die entscheidende Differenz

Parzinger kommt anschließend zu den – nicht weit vom Hermannsdenkmal entfernt stehenden – Externsteinen. Dort hätten völkisch-esoterische Kreise ein germanisches Heiligtum imaginiert; Himmlers „Ahnenerbe“ habe versucht, einen entsprechenden Kultort nachzuweisen. Die Ausgrabungen belegten „eher das Gegenteil“; es handle sich um einen „klassischen Fall von nationalsozialistischer Geschichtsfälschung“. Dass an den markanten Felsen ein uraltes germanisches Heiligtum archäologisch nicht nachgewiesen ist, stimmt. Daraus folgt jedoch keineswegs, dass die Externsteine vorgeschichtlich bedeutungslos wären. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe dokumentiert dort Feuersteinspitzen, Kerne, Klingen, Abschläge und zwei Feuerstellen aus der ausgehenden Altsteinzeit. Um etwa 10.000 v. Chr. befand sich an den Felsen ein Lagerplatz der Ahrensburger Kultur. Die offizielle Darstellung der Externsteine spricht ebenfalls von steinzeitlichen Jägern; für die Zeit von der Jungsteinzeit bis zur Karolingerzeit fehlen dagegen archäologische Belege menschlicher Aktivität.

Das ist die wissenschaftlich entscheidende Unterscheidung: Prähistorische Nutzung: ja. Nachgewiesenes germanisches Heiligtum: nein. Wer heute die Externsteine besucht, schließt dadurch also nicht an Himmlers „Ahnenerbe“ an. Erst wenn die AfD konkret behaupten würde, die Felsen seien nachweislich ein germanisches Kultzentrum gewesen, wäre dies archäologisch begründungspflichtig – das tat sie aber nicht. Die Unterstellung existiert nur in Parzingers Wunschwelt. Die bloße politische oder kulturelle Beschäftigung mit diesem Ort kann nicht durch dessen nationalsozialistische Vereinnahmung kontaminiert werden – andernfalls bekäme Himmler nachträglich eine erstaunliche Definitionsmacht darüber, welche Teile deutscher Vorgeschichte heute noch ohne Rechtfertigungszwang betrachtet werden dürfen.

Migration ist nicht nur „Austausch“

Ins Zentrum von Parzingers FAZ-Text rückt anschließend eine andere These. Er beklagt, Rechte blendeten die „Wanderungs-, Austausch- und Vermischungsprozesse“ der Vorgeschichte aus. Nur: Was soll daraus politisch folgen? Dass Menschheitsgeschichte Wanderungsgeschichte ist, ist trivialerweise richtig. Doch schon die drei nebeneinandergestellten Wörter sind bemerkenswert. „Wanderung“, „Austausch“ und „Vermischung“ besitzen heute einen beinahe friedlichen Klang. Historische Migration konnte jedoch ebenso Eroberung, Vertreibung, Zusammenbruch politischer Ordnungen, Gewalt und Landnahme bedeuten – und hat es nur allzu oft. Die sogenannte Völkerwanderung ist dafür das nachgeradezu klassische Beispiel: Die Vandalen haben sogar eine bemerkenswerte sprachgeschichtliche Karriere hingelegt: Ihr Name wurde in der Neuzeit zum Synonym für mutwillige Zerstörung. Neuere Archäogenetik zeigt zudem, dass einige der frühmittelalterlichen Wanderungen keineswegs bloß kulturelle Diffusion waren.

Eine große Nature-Studie fand beispielsweise einen erheblichen Zuwachs kontinental-nordeuropäischer Abstammung im frühmittelalterlichen England; in den untersuchten Populationen Ostenglands erreichte dieser Anteil teilweise bis zu 76 Prozent. Für das frühmittelalterliche Europa lassen sich ebenfalls Wanderungen von Populationen mit nordeuropäischer beziehungsweise skandinaviennaher Abstammung genetisch verfolgen. Die wissenschaftlich haltbare Aussage lautet daher gerade nicht, dass Migration immer nur friedlicher Austausch war. Sondern sie lautet: Migration war oft gewaltsame Landnahme. Und aus dieser historischen Feststellung folgt erst recht keine moralische Verpflichtung heutiger Gesellschaften, Migration ungesteuert hinzunehmen. Ob, in welchem Umfang und nach welchen Kriterien ein moderner Staat Einwanderung zulässt, ist eine politische Frage, auf die man völlig unterschiedliche Antworten geben kann. Die Remigration nach Recht und Gesetz ohnehin ausreisepflichtiger Ausländer, abgelehnter Asylbewerber und straffälliger Nicht-EU-Bürger ist eine davon.

Abstammung existiert – nur eben nicht als mythologische Reinheit

Noch problematischer wird Parzingers Argumentation dort, wo er Kultur und biologische Abstammung gegeneinanderstellt. Germanen und Kelten seien antike Sammelbegriffe gewesen; Identität habe vor allem auf kulturellen Praktiken beruht. Tacitus beziehungsweise Herodot beschrieben Gruppen anhand von Bräuchen, Religion, Sprache und Lebensweise und „nicht durch biologische Abstammung“. Ja, und? Als Behauptung, Abstammung spiele deshalb keine Rolle, ist das wissenschaftlich nicht haltbar.
Cherusker, Sueben, Chatten, Langobarden oder andere antike Gruppen waren keine genetisch völlig hermetisch versiegelten Einheiten. Aber selbstverständlich hatten die Menschen, aus denen solche Gruppen bestanden, biologische Vorfahren – und Populationen verschiedener Regionen wiesen unterschiedliche Abstammungsprofile auf. Gerade die moderne Archäogenetik kann Wanderungen überhaupt deshalb rekonstruieren, weil Abstammung biologisch messbare Spuren hinterlässt. Die aktuelle Forschung weist beispielsweise Bevölkerungsbewegungen zwischen Nord- und Mitteleuropa genetisch nach.

Ja, „germanisch“ ist keine DNA-Sequenz; Sprache, politische Zugehörigkeit, Selbstidentifikation, materielle Kultur und genetische Abstammung sind verschiedene Kategorien, die sich nicht überschneiden müssen, sehr wohl aber können. Die Kritik muss also lauten: Aus der Tatsache von Vermischung folgt nicht die Nichtexistenz von Abstammung. Auf die Idee, sibirischen Nomadenvölkern wie den Nenzen, ägyptischen Wüstenvölkern wie den Beduinen oder tibetischen Bergvölkern wie den Bhotia „Abstammung“ abzusprechen, käme kein ernst zu nehmender Anthropologe. Populationen können genetisch unterscheidbare Herkunftskomponenten besitzen und zugleich seit Jahrhunderten aus Vermischungen hervorgegangen sein. Das eine widerlegt das andere nicht.

Nebra: Kulturaustausch ist kein Herkunftsnachweis

Besonders instruktiv ist Parzingers Umgang mit der Himmelsscheibe von Nebra. Ja, die Scheibe wurde um 1600 v. Chr. geschaffen, während archäologisch als germanisch klassifizierte Fundgruppen etwa ein Jahrtausend jünger sind. Sie ist also kein unmittelbares Werk „germanischer Vorfahren“. Aber das hat auch nachweisbar niemand aus der AfD behauptet. Die These ist schlicht herbeigeschwindelt. Doch die Argumentation wird noch wirrer: Die Scheibe beweise keine kulturelle Abgrenzung, weil Mitteldeutschland Beziehungen „in die Ägäis, in den Orient, nach Skandinavien und bis auf die Britischen Inseln“ unterhalten habe. Sie sei Ergebnis von Handel und Kulturaustausch. Natürlich – und das bezweifelt auch niemand! Aber Kulturaustausch beantwortet die Frage nach dem Herstellungsort nicht.
Das Landesmuseum für Vorgeschichte Halle schreibt ausdrücklich, alles deute darauf hin, dass die Himmelsscheibe und die übrigen Gegenstände des Hortfundes in Mitteleuropa hergestellt wurden. Das Kupfer stammte vermutlich aus den Ostalpen. Andere Untersuchungen weisen beim Gold nach Cornwall; Vorstellungen und astronomisches Wissen können ihrerseits über Fernkontakte aus dem Mittelmeerraum beziehungsweise Vorderasien vermittelt worden sein.

Damit zerfällt die implizite Alternative zwischen „mitteleuropäischer Leistung“ und „internationalem Kulturaustausch“. Die Scheibe kann aus importierten Rohstoffen bestehen und Wissen enthalten, das über weitgespannte Kommunikationsnetze vermittelt wurde; das hat niemand bestritten. Aber wurde sie von Skandinaviern oder Briten gefertigt, die sie dann nicht etwa für sich nutzten, sondern nach Nebra exportierten oder gar mitbrachten – oder nicht doch in Mitteldeutschland? Niemand würde behaupten, ein heutiges deutsches technisches Produkt sei nicht in Deutschland entwickelt worden, weil sein Lithium aus Chile, seine Halbleiter aus Taiwan und mathematische Grundlagen seiner Konstruktion aus Indien, Arabien oder Griechenland stammen. Kulturtransfer ist kein Gegenbeweis gegen lokale schöpferische Leistung!

Und am Ende kommt Putin

Der eigentliche dramaturgische Höhepunkt steht erwartungsgemäß am Schluss. Parzinger erinnert daran, dass die NS-Archäologie germanische Wanderungen nach Osteuropa zur Legitimation des „Lebensraums im Osten“ missbrauchte. Anschließend schlägt er die Brücke zu Putin: Auch dieser begründe seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine historisch; darauf folgt die rhetorische Frage, wen angesichts dessen noch „starke russlandfreundliche Tendenzen“ in der AfD wunderten. Das ist kein Witz.
Hier werden drei voneinander unabhängige Sachverhalte krude zusammengeschoben: Die Nationalsozialisten legitimierten territoriale Expansion mit pseudohistorischen Ansprüchen, Putin hat die Eigenständigkeit ukrainischer Staatlichkeit und Nation in öffentlichen historischen Argumentationen bestritten – und innerhalb der AfD gibt es politische Positionen gegenüber Russland, die deutlich von denen anderer deutscher Parteien abweichen. Aus diesen drei Aussagen entsteht jedoch noch keine historische Kausalkette NS-Osthaltung → heutige AfD-Geschichtspolitik → Russlandnähe. Trifft nicht eher die spiegelbildliche Behauptung zu, die Russlandpolitik der Bundesregierung steht seit dem Ukrainekrieg in der Tradition nationalsozialistischer Russlandfeindlichkeit? Was trägt die NS-Analogie überhaupt zur Beurteilung gegenwärtiger Russlandpolitik bei?

Wenn eine AfD-Position zu Russland falsch, widersprüchlich oder interessengeleitet ist, lässt sich das anhand ihrer Aussagen und ihrer politischen Folgen diskutieren. Wenn die Bundesregierung gegenüber Russland und/oder der Ukraine eine verfehlte Politik betreibt, muss auch das anhand konkreter Entscheidungen, Ziele und Konsequenzen geprüft werden. Hitler, Himmler und der „Lebensraum im Osten“ ersetzen diese Analyse nicht (und sie haben, nebenbei bemerkt, ebenso wie der Windkraft-Exkurs auch nichts mehr mit Archäologie zu tun).

Die eigentliche Ironie

Und damit landen wir beim grundsätzlichen Problem dieses essayistischen Sammelsuriums. Parzinger wirft der AfD vor, archäologisch-historische Befunde auszuwählen, zu vereinfachen und in ein bereits vorhandenes Weltbild einzufügen. Doch sein eigener Text arbeitet mit eben genau dieser Struktur: Bauhauskritik wird über eine historische Formulierung mit NS-Kulturpolitik verbunden; ein Windkraftprotest führt zu „Klimaleugnern“; von den Externsteinen führt die Linie zu Himmlers „Ahnenerbe“; von Abstammung zu Remigration; von germanischen Wanderungen zum „Lebensraum im Osten“; und von dort schließlich zu Putin und zur AfD – und das meiste davon als Behauptung, Unterstellung, ja assoziatives Geraune. „Wer anderen ideologische Geschichtsdeutung vorwirft, sollte sie nicht selbst durch historische Kontaktschuld ersetzen“, moniert von Wangenheim. Wissenschaft aber beginnt gerade dort, wo man zwischen Abstammung und Identität, Migration und Kulturtransfer, Herkunft und Austausch, ästhetischer Kritik und politischer Ideologie, historischem Vergleich und historischer Kontinuität unterscheidet.

Die neuere Archäogenetik macht diese Geschichte sogar komplizierter. Menschen wanderten. Menschen vermischten sich. Populationen unterschieden sich genetisch. Gruppen verschwanden oder gingen in anderen auf. Ideen verbreiteten sich unabhängig von Genen. Rohstoffe legten Tausende Kilometer zurück. Kulturen übernahmen fremdes Wissen und machten daraus Eigenes. Herrschaftsverbände entstanden, zerfielen, verdrängten andere und wurden selbst verdrängt. Gerade deshalb eignet sich Vorgeschichte so schlecht als politischer Katechismus.

Die adäquate Lehre

Man darf das Bauhaus hässlich finden, ohne Nationalsozialist zu sein. Man darf Windkraftanlagen an bestimmten Standorten ablehnen, ohne das Klima zu „leugnen“. Man darf die Externsteine kulturgeschichtlich faszinierend finden, ohne an Himmlers „Ahnenerbe“ zu glauben. Man darf feststellen, dass Populationen Abstammungsgeschichten besitzen, ohne biologisch “reine” Völkern zu verabsolutieren. Man darf historische Migration als Geschichte von Eroberung und Verdrängung untersuchen, ohne friedlichen Austausch und Vermischung zu bestreiten. Und man darf die Himmelsscheibe als herausragende Leistung des bronzezeitlichen Mitteldeutschland betrachten, obwohl ihr Material und das in ihr verkörperte Wissen aus einem Netzwerk stammen, das mindestens halb Europa, vielleicht gar mehr umspannte.

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Vielleicht wäre genau dies die angemessene Lehre aus dem Missbrauch der Archäologie im 20. Jahrhundert: Nicht bestimmte historische Gegenstände sind politisch kontaminiert, sondern kontaminiert wird Wissenschaft dort, wo zuerst das politische Urteil feststeht und anschließend die Vergangenheit so angeordnet wird, dass sie es bestätigt. Und dieses methodische Gebot gilt gerade für jene, die eine “braune Spur” bereits überall gefunden zu haben meinen, bevor die konkrete Ausgrabung überhaupt begonnen hat.

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6 Kommentare

  1. Das nenne ich Aufklärung durch Differenzierung – sehr gut!
    Hilfreich wäre, wenn der Autor sich etwas kürzer fassen würde. Der Verzicht auf Wiederholungen (Bauhaus u.a.) würde schon helfen. Herr Autor, Sie haben gut schreiben, aber wer soll das alles lesen?

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    1. Lieber Herr Hirte,
      vielen Dank für das Schreib-Kompliment, allein das Sammelsurium des FAZ-Textes erfordert das Eingehen auf jedes seiner Einzelbausteine. Das lässt die Antwort etwas lang geraten, aber wer alles liest, hat hoffentlich einen Erkenntnisgewinn, der die Lebenszeit aufwiegt.

  2. Wer fest entschlossen ist, jede Opposition zu nazifizieren (auch Nicht-Mainstream-Linke sind davon betroffen), findet an ALLEM braune Spuren. Archäologie und Anthropologie sind nicht die einzigen Wissenschaften, aus denen man Fetzen herausreißen und in willkürlichen, neuen Assoziationswolken unterbringen kann. Sogar das Wissen, dass es bei vielzelligen Tieren, z.B. Menschen, niemals mehr als zwei Geschlechter gibt, soll ja schon rächz sein. Sogar Augenfarben, also biographisch gebundene, genetische Zufälle, gelten der Rasse-Linken als Anzeichen historisch-gegenwärtiger Schuld oder einer historisch-gegenwärtigen Opfer- und moralisch hochbegabten Stellung. Diskutieren kann mit Ideologen nicht. Wo es möglich ist, sollte man ihre Lehren nicht beachten.

  3. Ob etwas gut ist, hängt von den Kriterien dieser Bewertung ab. Totale Vereinheitlichung jedenfalls ist mindestens langweilig, unabhängig davon, welche ästhetische Revolution die zu vereinheitlichenden Element einst bewirkt hatten. Wenn langweilig identisch mit gut ist, na denn…

  4. Langer Rede kurzer Sinn: Parzinger ist ein unangenehmer Steigbügelhalter. Ohne solche Typen funktioniert „Unseredemokratie“ nicht.

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