Arminius und der Robin-Hood-Reflex

Arminius und der Robin-Hood-Reflex

Woke Vereinnahmung durch „unsere Demokratie“: Das Hermannsdenkmal bei Detmold

Man klickt sich durch die “3sat”-Mediathek, um die “Kulturzeit” zu finden, beruhigt durch die wie immer verlässliche Angabe „36 min“, flankiert von „UT“ und „AD“, Untertitel und Audiodeskription, den zwei Sakramenten des öffentlich-rechtlichen Diversitätsgewissens. Der erste Beitrag der Sendung vom 12. Dezember 2025 heißt – programmatisch genug – „Kulturkampf um Nationaldenkmäler“: Rechte Gruppen, so die Setzung, „vereinnahmen Denkmäler, Burgen und Mythen“; der Kampf um Hermannsdenkmal, Kyffhäuser, Hambacher Schloss sei „längst entbrannt“ und die Frage laute: „Wem gehören diese Symbole? Und müssen sie nun gegen die Rechte verteidigt werden?“ Schon diese Einleitung ist eine kleine Offenbarung: Nicht mehr die Frage danach, was diese Orte bedeuten, wie sie historisch gewachsen sind, ja nicht einmal welche Konflikte sie getragen haben – sondern: “Wem gehören sie?” Als wäre Erinnerung eine Parzelle, die man im Katasteramt umschreiben lässt. Und „verteidigt“ werden müsse sie auch – nicht gegen Vergessen oder Verflachung, sondern gegen die falschen Benutzer. Das ist der Ton der Zeit: Kultur als hoheitliche Eigentumsfrage, nationaler Mythos als Sicherheitsproblem, Geschichte als Risikoanlage.

Das belustigte Telegram-Statement des kulturpolitischen AfD-Bundestagsfraktionssprechers Götz Frömming – Hermann/Arminius solle „demokratisch“ umgedeutet werden zum „schwulen Robin Hood“, und wenn man nicht wüsste, dass man es ernst meine, könne man lachen – ist vielleicht grob, polemisch und bewusst überdreht, aber es zielt auf eine reale Verwaltungslogik: Symbole werden nicht mehr ausgehalten, sondern umetikettiert. Der Staat tritt nicht mehr als neutraler Schiedsrichter im Deutungsstreit auf, sondern als Kurator der zulässigen Lesart. Der Ausgangspunkt dafür liegt inzwischen offen auf dem Tisch, den Anlass für Frömmings launigen Post bot die Bundesregierung selbst:  Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte öffentlich davor gewarnt, historische Orte der AfD zu „überlassen“; man könne Arminius auch als „einen Robin Hood der Deutschen interpretieren“ – und wenn man „schweigend“ darüber hinweggehe, sei er „weg“ und gehöre nicht mehr „in die Mitte“. Das ist der entscheidende Satzbau: nicht “umstritten”, sondern “weg”. Nicht “diskutiert”, sondern “entzogen”. Der Mythos wird wie ein Logo behandelt, das man vor Markenpiraterie schützen müsse.

Anschlussfähigkeit” statt Wahrheit

Frömmings „schwuler Robin Hood“ ist – derb gesagt – nichts anderes als die satirische Fortschreibung dieses Prinzips: Wer einmal akzeptiert, dass man eine Figur politisch „rettet“, indem man sie zeitgeistkompatibel neu verpackt und “liest”, wird den Verpackungsdesigner fortan nicht mehr los. Heute ist es der sozialromantische Outlaw mit dem Topos „Klein gegen Groß“, morgen folgt dann die identitätspolitische Update-Version. Wichtig ist: Das Ziel verschiebt sich von Wahrheit, Komplexität und Widerspruchsfähigkeit zu “Anschlussfähigkeit”. Und Anschlussfähigkeit ist die höfliche Form der kulturellen Entwurzelung und Entkernung. Um Missverständnisse zu vermeiden: Frömmings Pointe richtet sich natürlich nicht gegen Homosexualität, sondern gegen den Reflex, Geschichte als Projektionsfläche für gegenwartsamtliche Signale zu benutzen, und zwar egal welche. Denn es war der Landesverband Lippe als Eigentümer des Denkmals, der dem wehrlosen Germanenrebell auf Instagram eine Regenbogenfahne verpasst hatte. “Eine Social-Media-Kampagne soll den Krieger von einst nun demokratisieren”, frohlockt dazu der “Kulturzeit”-Sprecher.

Die “3sat”-Frage „Wem gehören diese Symbole?“ ist die freundlich formulierte Inbesitznahme; wer das „Eigentum“ definiert, definiert auch Hausordnung. So entsteht erst jene merkwürdige neue Orthodoxie, die sich „wehrhafte Demokratie“ nennt, praktisch aber oft bedeutet: Der Staat und seine kulturellen Vorfeldinstitutionen beanspruchen die Deutung als “Mitte” – und alles Abweichende gilt nicht mehr als politische Position, sondern als zu pädagogisierende Zumutung. Die Ironie dabei wird gerade am Hermannsdenkmal deutlich, denn hier hier lässt sich exemplarisch gut zeigen, dass Vereinnahmung keine Erfindung der Gegenwart ist: Das Internet-Portal „Westfälische Geschichte“ dokumentiert beispielsweise, wie die NSDAP im Landtagswahlkampf 1933 mit Hermann-Symbolik arbeitete, inklusive Hitler als „neuer Hermann“ und der Parole „Macht frei das Hermannsland“. Wer also so tut, als beginne die “Vereinnahmung” erst dort, wo heutige Rechtskonservative auftreten, betreibt Geschichtspflege mit Scheuklappen. Die richtige Lehre wäre: Symbole leben, gerade weil sie strittig sind! Sie sind keine Kuscheltiere der Staatsbürgerkunde, sondern Konfliktverdichter. Man kann ihnen nicht ihre Gefährlichkeit nehmen, ohne ihnen auch ihre Kraft zu nehmen.

Robin Hood als Waschprogramm

Warum ist die Robin-Hood-Linie so verräterisch? Weil Robin Hood die perfekte Waschmaschine ist: sozial anmutend, moralisch harmlos, populär kompatibel, politisch entkernt. Man darf Schwert und Pathos behalten – aber nur, wenn es in eine Parabel über das Aufbegehren „der Kleinen“ übersetzt wird. Weimer begründet seine Lesart genau über dieses „Klein gegen Groß“. Bloß ist Arminius/Hermann historisch gerade nicht die Figur eines demokratischen Sozialromans, sondern eine Projektionsfigur für Macht, Selbstbehauptung, Grenzziehung und Identität. Alles Begriffe, die man im heutigen Kulturmilieu am liebsten nur noch mit Warnhinweisen behandelt. Der Robin-Hood-Reflex ist deshalb weniger eine historische Interpretation als der Versuch einer politischen Entschärfung: Man macht aus dem Mythos eine pädagogisch unbedenkliche Erzählung, damit er nicht „weg“ ist – also: nicht beim Gegner liegt. So wird Kulturpolitik zur Gegennutzung: Nicht mehr offener Streit um Bedeutung, sondern präventive Umdeutung zur Immunisierung.

Der Kulturkampf ist aber nicht nur irgendein Diskurs. Er hat auch Beton, Ausschreibungen, Besucherzentren. Am Kyffhäuserdenkmal wird seit Jahren groß investiert: Ein neues Informationszentrum und Areal-Infrastruktur werden mit rund neun Millionen Euro veranschlagt. Thüringen übernimmt dabei einen großen Anteil, und insgesamt sollen bis 2029 rund 20 Millionen Euro in das Projekt fließen. Damit wird der materielle Unterbau dieses Deutungskriegs sichtbar. Man kann das sinnvoll finden; schließlich brauchen Denkmäler Pflege, und Tourismus braucht Infrastruktur. Aber politisch ist es entlarvend. Auf der einen Seite wird im Fernsehen die Eigentumsfrage der Symbole gestellt – „wem gehören sie?“ – auf der anderen Seite schafft die öffentliche Hand ganz handfest Fakten: Wer zahlt, gestaltet. Und wer gestaltet, schreibt Begleittexte, kuratiert Ausstellungen, definiert den „demokratischen“ Dreh, setzt die Didaktik über das Pathos. Kurz: Die Deutung kommt nicht nur durch Leitartikel, sie kommt durch Haushalttitel.

Symbole als gezähmte Attrappe

Frömmings Satz lebt von der Vorstellung „Wenn man nicht wüsste, dass die das ernst meinen…“ Die Lächerlichkeit entsteht nicht erst bei einer „queeren“ Robin-Hood-Version. Sie manifestiert sich schon früher – in dem Moment, da Politik glaubt, Denkmäler seien wie gefährdete Social-Media-Accounts, die man vor fremder „Übernahme“ schützen müsse, indem man sie umso aktiver bespielt. Denn das ist die seltsamste Kapitulation der Gegenwart: Man misstraut der eigenen kulturellen Selbstverständlichkeit so sehr, dass man Mythen nur noch erträgt, wenn man sie vorher umdichtet und historisch entschärft. Man nennt das „demokratisieren“. Tatsächlich ist es oft eine Enteignung durch Neuetikettierung: Das Symbol darf bleiben – aber nur als gezähmte Attrappe, versehen mit moralischer Bedienungsanleitung.

Wenn Denkmäler irgendwem oder irgendwas „gehören“, dann gehören sie dem Streit: den Historikern, den Bürgern, den Vereinen, den Schulklassen, den politischen Lagern – einschließlich derjenigen, die man unerquicklich findet. Der liberal-demokratische Umgang mit “gefährlichen” Symbolen kann nicht der Devise folgen “Umdeuten, bis nichts mehr weh tut“, sondern bedeutet: Aushalten, erklären, widersprechen, konkurrierende Lesarten sichtbar machen! Wer stattdessen „verteidigt“, indem er umetikettiert, erreicht am Ende das genaue Gegenteil. Denn macht aus einem echten Mythos ein didaktisches Maskottchen. Und Maskottchen gehören dann tatsächlich jedem – weil sie niemanden mehr zu irgendetwas verpflichten.

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8 Antworten

  1. @der Kampf um Hermannsdenkmal, Kyffhäuser, Hambacher Schloss
    wenn diese Erinnerungen an die Geschichte des Deutschen Volkes sind, dann haben die Merkel/Scholz/Merz-Regimes keinen Anspruch darauf – sie vertreten in keiner Form das Deutsche Volk, sondern sind in meinen Augen dessen Feind !
    Diese Erinnerungen stehen ihnen nicht zu !

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  2. @solle „demokratisch“ umgedeutet werden
    na ja – am Umdeuten oder gleich Vernichten sind sie ja schon lange. An dem Marinedenkmal in Laboe haben sie sich ja schon lange abgearbeitet, andere Denkmäler und Erinnerungen wurden ganz vernichtet.
    Sie wollen die Geschichte und Erinnerungen vernichten – so vernichtet man ein Volk !
    Wer erinnert sich noch an Tataria ?

    1. Wie kann man sich an etwas erinnern, das man nicht erlebt hat?
      Die „Erinnerungen“, die Sie meinen, wurden Ihnen eingepflanzt, können also völlig frei erfunden sein.

  3. Hermanndenkmal & Co. : Wem gehören sie ?

    Na den Türken und Arabern, die sie im Schweiße ihres Angesichts gebaut haben, was denn sonst ?
    Die haben doch bekanntlich auch Deutschland wieder aufgebaut nach dem Krieg.(Ironie off)

  4. Natürlich ändert sich um Laufe der Zeit algemein oder auch individuell die Sicht auf historisches Geschehen und historische Personen. Aber wie anmaßend dumm ist es, dies nach heutigen Maßstäben und einzig mit der eigenen Sicht und in eigenem Interesse bestimmen und vor allem werten zu wollen.
    Arminius/Hermann kann man als „germanischen Befreier“ oder als „hinterhältigen Verräter“ betrachten. Erst im Diskurs gewinnt dann eine Persönlichkeit ihr – zeitbedingtes – Format.
    Keine einzige Person der Geschichte kann man nur als „strahlenden Helden“ verkaufen – keinen Napoleon, keinen Bismarck, keinen Barbarossa, keinen Churchill und wie sie alle heißen. Auch beim Gegenteil sollte man auch die andere Seite sehen oder für möglich halten.
    Erinnerung ist prägend für eine Gesellschaft – so oder so. Geschichte und Kultur müssen aber immer vor ideologischen „Verramschern“ und Dilettanten geschützt werden.

  5. „Der erste Schritt zur Vernichtung eines Volkes ist die Auslöschung seines Gedächtnisses. Vernichten Sie seine Bücher, seine Kultur, seine Geschichte. Dann lassen Sie jemanden neue Bücher schreiben, eine neue Kultur herstellen, eine neue Geschichte erfinden. Bald wird die Nation zu vergessen beginnen, was sie ist und was sie war“.
    (Milan Kundera, Das Buch vom Lachen und Vergessen)

    „Jede Aufzeichnung wurde zerstört oder gefälscht, jedes Buch neu geschrieben, jedes Bild neu gemalt, jede Statue und jedes Gebäude umbenannt, jedes Datum geändert. Und der Prozess geht Tag für Tag und Minute für Minute weiter. Die Geschichte hat aufgehört. Nichts existiert außer einer endlosen Gegenwart, in der die Partei immer Recht hat.“ (George Orwell „1984“)