Ausweiskopien, Video-ID und Misstrauen: Wenn Gesetze Bürger überwachen, Kriminelle aber unbehelligt bleiben

Ausweiskopien, Video-ID und Misstrauen: Wenn Gesetze Bürger überwachen, Kriminelle aber unbehelligt bleiben

Video-Ident-Verfahren: Durchaus risikobehaftet (Symbolbild:Imago)

Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten vielen als Wiege der Demokratie und als Beispiel für Freiheit und Selbstbestimmung. In der Praxis zeigt sich dort bei der Identifikation und staatlichen Kontrolle ein deutlich freierer und selbstbestimmterer Umgang als in Deutschland. Einen einheitlichen, bundesweiten Personalausweis gibt es nicht; Identitätsnachweise erfolgen in der Regel über staatlich ausgestellte Führerscheine oder Sozialversicherungsnummern. Für viele alltägliche Lebensbereiche ist keine zentrale Registrierung mit Adresse und Ausweisdokument erforderlich – zumindest nicht in dem Maße, wie es in Deutschland durch SIM-Karten-Registrierung, Ausweisvorlage und Kopierpflicht üblich ist. In den USA sind Bürger zudem nicht verpflichtet, ihren Wohnsitz zentral anzumelden. Damit entfällt eine Form staatlicher Überwachung, die in Deutschland üblich ist, und es entsteht ein hohes Maß an persönlicher Freiheit und Selbstbestimmung im Alltag. Das amerikanische System kann daher als Gegenmodell dienen: Es zeigt, dass persönliche Freiheit und ein funktionierender Alltag auch ohne umfassenden staatlichen Überwachungsapparat möglich sind.

In Deutschland offenbaren sich bei vielen Identifikationen erhebliche strukturelle Widersprüche. Das Personalausweisgesetz schreibt vor, dass in bestimmten Fällen ein Ausweisdokument zur Identitätsfeststellung vorgelegt werden muss, jedoch kein verpflichtendes Kopieren oder dauerhafter Scan erfolgt. Zugleich fordert das Geldwäschegesetz die Identitätsprüfung und Aufzeichnungspflichten, wobei in vielen Fällen Vollscans oder optische Digitalisierung als zulässige Form der Dokumentation genannt werden. Diese Doppelung von Vorschriften schafft einen Interpretationsspielraum, den viele private Anbieter systematisch nutzen.

Faktischer Zwang zur Kopierpflicht

In der Praxis verlangt ein großer Teil der Telekommunikationsanbieter, Prepaid-SIM-Anbieter und anderer Dienstleister vor Beginn des eigentlichen Identifikationsverfahrens die Einwilligung zur Erstellung und Verarbeitung einer Ausweiskopie. Verweigert der Bürger diese Einwilligung, wird die Leistung – etwa die Aktivierung einer SIM-Karte – verweigert. Damit entsteht ein faktischer Zwang, obwohl das Gesetz eine Kopierpflicht ausdrücklich nicht vorsieht. Nach den Regeln der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) soll eine Einwilligung freiwillig, informiert und ohne Zwang erfolgen. Wenn jedoch die Nutzung einer Dienstleistung von dieser Einwilligung abhängt, wird die Freiwilligkeit praktisch aufgehoben.

Dieses System des Misstrauens beginnt beim Staat, der die Vorschriften zur Identitätsprüfung und Dokumentation erlässt. Große Konzerne, die im Auftrag oder im Rahmen gesetzlicher Verpflichtungen handeln, setzen diese Regeln um, wobei sie sie teilweise noch verschärfen, um mögliche Risiken abzusichern. Durchschnittliche Unternehmen übernehmen diese Praktiken, um regulatorischen Vorgaben gerecht zu werden und Haftungsrisiken zu minimieren. Kleine Firmen und selbst kleinste Händler – sogenannte „Klitschen“ – springen auf diesen Zug auf und verlangen die gleichen Bedingungen, oft ohne eine rechtliche Grundlage oder die Notwendigkeit, tatsächlich Identitätsprüfungen in diesem Umfang durchzuführen. In vorauseilendem Gehorsam verschärfen sie die ohnehin schon restriktiven Regeln des Staates, sodass der Bürger noch stärker unter Druck gerät. Das Ergebnis ist ein System, in dem der rechtschaffene Bürger umfassend kontrolliert und überwacht wird, während die praktische Kontrolle der Kontrolleure selbst unzureichend oder gar nicht erfolgt.

Bürger unter Generalverdacht

Viele der eingesetzten Dienstleister, insbesondere bei Video-Ident-Verfahren, sitzen nicht in Deutschland, sondern in anderen Ländern, sodass die Überprüfung sensibler Daten an internationale Dienstleister ausgelagert wird. Wer den Ausweis vorzeigt, vertraut damit auf private, teilweise weit entfernte Personen, deren Umgang mit den Daten nur begrenzt kontrolliert werden kann. Gleichzeitig werden die Bürger unter Generalverdacht gestellt, obwohl sie gesetzestreu handeln.

Die paradoxe Situation verschärft sich noch, wenn man die Realität von Migration und internationaler Mobilität betrachtet. Millionen Menschen kommen nach Deutschland, viele haben keine gültigen Ausweisdokumente mehr oder besitzen diese nicht. Weltweit wandern Menschen zwischen Staaten, ändern Wohnsitze unkontrolliert, tauchen unter neuen Identitäten auf. Eine umfassende, flächendeckende Kontrolle ist praktisch unmöglich. Das bedeutet, dass die strengen Identifikationspflichten, Registrierungsvorgaben und Kopierzwänge für die einheimische Bevölkerung eine enorme Belastung darstellen, während der Staat faktisch keinen vergleichbaren Überblick über Migranten oder Menschen ohne Dokumente hat. Der rechtschaffene Bürger wird unter Generalverdacht gestellt, während reale Sicherheitsrisiken durch unkontrollierbare Mobilität und fehlende Dokumente von der Politik kaum bekämpft werden.

Reale Risiken werden nicht wirklich adressiert

Dieses System offenbart einen tiefgreifenden Widerspruch: Der Staat säht Misstrauen gegenüber seinen Bürgern, setzt strenge Vorschriften und delegiert gleichzeitig die Kontrolle an private Unternehmen. Diese Unternehmen verschärfen die Anforderungen, oft ohne gesetzliche Grundlage, und kleine Händler übernehmen die Praxis in vorauseilendem Gehorsam. Die Folge ist, dass Bürger, die auf ihre verfassungsmäßigen Rechte bestehen, faktisch von elementaren Dienstleistungen wie Mobilfunk, Telekommunikation oder Bankgeschäften ausgeschlossen werden können. Gleichzeitig werden die eigentlichen Risiken, etwa durch unkontrollierte Migration oder unüberprüfte internationale Dienstleister, nicht wirksam adressiert.

Ein besonders gefährlicher Widerspruch zeigt sich, wenn Identifikationsverfahren oder Ausweiskopien nicht durch staatliche Stellen, sondern durch private Dienstleister oder einzelne Mitarbeiter durchgeführt werden. Der Bürger weiß in solchen Momenten nicht, wer ihm tatsächlich gegenübersitzt. Gerät ein solches Verfahren in die Hände einer Person mit krimineller Energie, kann diese ohne großen Aufwand vollständige Ausweiskopien – Vorder- und Rückseite – anfertigen und für eigene Zwecke speichern. Gleiches gilt, wenn Unternehmen die Übersendung kompletter Ausweiskopien verlangen: Der Bürger muss vertrauen, dass der Empfänger seriös handelt, doch eine Garantie dafür gibt es nicht. Niemand kann ausschließen, dass diese Unterlagen später missbraucht, weiterverkauft oder zur Begehung von Straftaten verwendet werden. Während der Staat den rechtschaffenen Bürger zu lückenloser Transparenz verpflichtet, bleibt der Bürger selbst schutzlos gegenüber möglichen kriminellen Akteuren, die im Gewand eines Identifikationsdienstleisters auftreten.

Aushöhlung der Kontrolle über die eigenen Daten

Deutschland zeigt damit, dass formelle Vorschriften über Identitätsprüfung, Registrierung und Datenkopien zwar existieren, die praktische Umsetzung jedoch bürgerfeindlich, ineffektiv und paradox ist. Während persönliche Freiheit und Privatsphäre für den rechtschaffenen Bürger massiv eingeschränkt werden, entfalten die Maßnahmen kaum Wirkung gegenüber realen Sicherheitsrisiken. Ein System, das den Bürger überwacht, ihn kontrolliert und seine Daten systematisch erfasst, aber gleichzeitig auf private Kontrolleure angewiesen ist, die eigene Regeln setzen und nicht überprüft werden, zeigt klar: Die Balance zwischen Sicherheit, Kontrolle und Freiheit ist verloren gegangen. Freiheit darf nicht davon abhängen, dass man seine Rechte aufgibt, um Zugang zu Dienstleistungen zu erhalten. Sie bedeutet Wahlfreiheit und Kontrolle über die eigenen Daten, und genau das wird in Deutschland derzeit systematisch ausgehöhlt.

Am Ende muss die zentrale Frage gestellt werden: Macht der Staat mit diesem System nicht letztlich den Bock zum Gärtner? Er diszipliniert die Bürger, kontrolliert sie streng und delegiert gleichzeitig die Umsetzung an private Akteure, während er kaum in der Lage ist, die Linien zu überwachen, die tatsächlich böses Tun begehen könnten. Die Risiken werden dem Bürger angelastet, und die wachsende Bürokratie und Überwachung trifft vor allem diejenigen, die gesetzestreu handeln. Dieses Missverhältnis zeigt, dass ein System, das Misstrauen säht, ohne wirksame Kontrolle der realen Gefahren, nicht nur ineffektiv, sondern für Freiheit und Rechtsstaatlichkeit problematisch ist.

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einer Zuwendung unterstützen.

16 Antworten

  1. ich bin schon etwas Älter und habe mir die Tage zum ersten Mal ein Smartphon gekauft. Dazu noch eine Simkarte vom Aldi, musste also selbst für deren Aktivierung sorgen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich während diesem ganzen Ident- Zirkus am liebsten gleich das Handy samt Simkarte im Mülleimer versenkt. Glücklicherweise hat mir ein Neffe dabei geholfen, den Blödsinn gut hinter mich zu bringen. Will nicht Wissen, wie viele tatsächlich verzweifeln und ihr Handy wirklich an die Wand knallen, oder es für immer in irgendeiner Schublade verschwinden lassen. Bei all dem Unsinn in diesem Land, hoffe ich, dass ich später mal wenigstens halbwegs anständig unter die Erde komme und meine Asche nicht noch selbst in die Urne schaufeln muss.

    19
    1. Bin auch nicht mehr der Jüngste. Komme mit der neuen Technik noch einigermaßen zu recht. Aber was mich am meisten ärgert das immer wieder ständig mit den Updates Änderungen vorgenommen werden und man muss auf der Hut sein das man da nicht in eine Falle tappt. Jeder Anbieter hat andere Algorithmen. Oft sehr undurchsichtig. Da kann einem schon mal die Hutschnur platzen. Besonders wenn man viel im Internet unterwegs ist und einkauft.

        1. Smartphone hatte ich auch nie. Werde auch nie eins haben. Zum Telefonieren ein ganz normales Handy welches man nicht laufend aufladen muss, schwer zu finden. Sonst fürs Internet einen PC mit viel Bürofunktionen, für den Rentner sehr wichtig um mit den Ansprechpartnern schnell zu kommunizieren.

    2. Noch als Ergänzung: Ich habe mal vor Jahren mit dem Betriebssystem Basic angefangen. Dann mit Dos 5.0, Dos 6.2, Windows einige Versionen. Auch Linux war schon mal dabei. Vor dem Internet war Datex J dann BTX bis zum Internet von heute. Programmiert habe ich in Works Fakturierung und meine Internetauftritte, privat und Firma, keine Baukästen. Jetzt wird bei meinem neuen Mini PC, wenn ich noch Lust habe wird wieder ein anderes Betriebssystem darauf installiert. Der Kopf macht noch mit aber der Blutdruck steigt dann schon etwas sehr an.

  2. …Er diszipliniert die Bürger, kontrolliert sie streng und delegiert gleichzeitig die Umsetzung an private Akteure, während er kaum in der Lage ist, die Linien zu überwachen, die tatsächlich böses Tun begehen könnten. ….

    Ganz genau!
    Als Ergänzung,tangiert auch obrigen Artikel, dazu:
    ::::
    „Die USA müssen uns befreien“ – Joachim Steinhöfel im Interview

    Die USA gehen auf Konfrontationskurs mit der EU: Die Einschnitte bei der Meinungsfreiheit will die Trump-Administration nicht hinnehmen. Der renommierte Medienanwalt Joachim Steinhöfel analysiert im Apollo News-Interview die Lage und rechnet mit den Freiheitsbeschränkungen der EU und Politikeranzeigen wegen
    angeblicher Beleidigung ab. (Text YT)

    ca 20min.

  3. Ihr regt Euch alle (zurecht) über Missachtung von Datenschutz und staatliche/private Schnüffelei auf, aber benutzt Windows oder Mac-OS und habt nen Smartfon oder Tablet.
    Drollig!

    10
    5
    1. Da muß man schon genauer abstufen: Die Windose zuhause als Schreibmaschine und sonst unbenutzt, oder die Totalvitalwanze am Handgelenk die multimedial 24/7/365 Standort und körperliche Tätigkeit verrät?

  4. Als ich in England in eine Verkehrskontrolle , aus nichtigem Anlass, seltsame Ape, wurde mein Perso von dem Polizisten abfotografiert. Es kam mir recht befremdlich vor. Beim Abgang von der Fähre wurde es auch schon getätigt. Die Illegalen können sich dort doch frei bewegen.

    11
  5. @Wenn Gesetze Bürger überwachen, Kriminelle aber unbehelligt bleiben
    dann haben wir „unsere Demokratie“ !
    Und wenn der Wähler „unsere Demokraten“ wählt, hat er auch nichts besseres verdient.
    Es ist eher die Frage, ob nach 450 Jahren, in denen der breite Mehrheit die Wahlen als Gesellschaftsspiel betrachtet hat, und die gewählt hat, die „besser rüberkamen“ anstatt denen, die seriöse Verwaltung machen wollten, noch etwas zu retten ist !
    Meiner Meinung ist das wie bei der Titanic – wir sind schon auf dem Eisberg, die Eliten können zwar auf dem Achterdeck noch tanzen, aber der Kahn säuft ab – und in der Holzklasse ersaufen sie schon !

    12
  6. Treffend analysiert.
    Und was können wir tun, um das zu korrigieren?
    Kaffee trinken und dabei In der Nase bohren?
    😜

    3
    1
    1. ânaloge netzwerke aufbauen und mit dem umfeld ( mitmenschen) reden. informieren ohne zu erdrücken. (ops, da schiess ich auch manchmal übers ziel..ehm..hinaus. nicht einfach) siganlisieren dass man preemptiver cooperation nicht ablehnend gegenüber steht. oder einfach auch nur mal für andere da sein.

      hindert einen ja nicht daran, trotzdem beim kaffeetrinken in der nase zu bohren. man muss ja seine persönlichkeit deswegen nicht aufgeben. 🙂