
Das religionsphilosophische Werk des deutsch-italienischen katholischen Geistlichen und Philosophen Romano Guardini (1885-1968) gehört ohne Zweifel zu den bedeutendsten und inspirierendsten des 20. Jahrhunderts. Dabei war Guardini „Wissenschaftler“ im besten Sinn des Wortes: Er war unbestechlich, suchte ohne Scheuklappen nach der Wahrheit und vertrat auch manche streitbare These. Er war ein großer Anreger, der zum Weiterdenken, gelegentlich auch zum Widerspruch einlud. Guardini hatte weitgespannte Interessen und konnte über Philosophie und Theologie hinaus auch in Pädagogik und Literaturwissenschaft entscheidende Impulse setzen.
Weniger bekannte dürfte Guardinis Rolle als Staatsdenker sein. Er machte sich über politische Fragen sehr intensive Gedanken: Was bedeuten Volk und Heimat für den Menschen? Welche Rolle spielt der Staat dabei? Manchen mag es überraschen, dass der scheue Theologe hier durchaus ein Gespür für das Patriotische hatte. Doch Guardini war zu sehr Menschenkenner, um nicht zu wissen, dass die heutigen Visionen von Weltbürgertum und Einheitszivilisation am realen Menschen vorbeigehen. Der Mensch bleibt für ihn „zoon politikon“: Er braucht einen ortsgebundenen soziokulturellen Rahmen, um sich entfalten zu können; mit einem Wort: Er braucht eine Heimat.
Ein nüchterner Blick auf den Volksbegriff
Heutzutage wird eine hochemotionale Debatte um den Volksbegriff geführt. Einerseits werden Deutschland und die Deutschen tendenziell als historisch belastet, negativ und verbrecherisch dargestellt, andererseits soll es ein Angriff auf die Menschenwürde sein, irgendjemandem die Zugehörigkeit zu diesem Volk abzusprechen. Einmal sind die Deutschen ein Volk mit immerwährender “besonderer historischer Verantwortung”, dann wieder soll es angeblich gar kein deutsches Volk geben, da dieses nur ein „Narrativ“, ein “überkommenes soziologisches Konstrukt” oder „Fiktion“ sei. Durch die moralische Aufladung entfernt sich die Diskussion immer mehr von der Realität. Polemisch könnte man sagen: Man legt immer den Volksbegriff zugrunde, der gerade politisch nützlich ist.
Guardini vertritt demgegenüber eine sehr nüchterne Sichtweise. Volk und Staat werden von ihm wie folgt definiert: „Das Volk ist die genetisch verbundene Gesamtheit von Personen bestimmten geographischen, nationalen, geschichtlichen Charakters. Es hat als solches das Recht zu leben und sich zu entfalten. Im Staate wird es verfasst und handlungsfähig. So hat der Staat die Aufgabe, das Leben des Volkes: seine Kräfte der Fruchtbarkeit, der Arbeit, des Schaffens usw. zu erhalten, zu fördern, zusammenzufassen. Das bedeutet nach innen hin alles das, was Ordnung, Wohlfahrt, Arbeit, Kultur, Erziehung – nach außen hin alles das, was Sicherheit, Verteidigung, Verkehr mit anderen Völkern heißt.“
Die Bedeutung der Genetik
Diese Aussagen bergen heute enorme Sprengkraft. Es fällt auf, dass Guardini die genetische Verbindung als Grundeigenschaft des Volkes nennt. Das Volk ist geprägt durch Geschichte und Kultur; diese Prägung wird jedoch rückgebunden an eine gemeinsame Abstammung. Anders gesagt: Das Volk ist nicht auf Genetik reduzierbar und geht auch nicht in Genetik auf, ist aber gleichzeitig ohne diese nicht denkbar. Das gemeinschaftliche Leben auf demselben Stück Erde bringt über die Zeit einen bestimmten Phänotyp hervor, durch den sich ein Volk schon rein optisch von anderen Völkern unterscheiden lässt. Durch die Abstammung wird der Angehörige eines Volkes unauflöslich zum Glied einer Kette, in das eine bestimmte Form von Kultur und Geschichte eingeschrieben ist.
Desweiteren darf das Volk für den Staat keine Verfügungsmasse sein, die er einfach wie eine Zitrone auspressen kann. Jedes Volk hat ein Lebensrecht und der Staat muss für dieses Sorge tragen. Volk und Staat gehören so engstens zusammen: Der Staat ist das Gefäß, das Volk der Inhalt. Der Staat gibt ihm Form und Rückgrat. Dies und nichts anderes ist seine primäre Aufgabe. Ohne staatliche Leitung zerfällt ein Volk. Ein Staat der nicht zuerst der Entfaltung des Volkes dient, sondern es für fremde Zwecke, seien diese ideologisch oder geostrategisch, missbraucht, verfehlt seine Aufgabe von grundauf.
Die Psychologie der Volkszugehörigkeit
Was macht es aber mit dem Einzelnen, einem Volk anzugehören? Kann er sich diesem Umstand gegenüber auch gleichgültig verhalten, kann er seine Volkszugehörigkeit einfach ablehnen oder abstreifen? Guardini macht deutlich, dass der Einzelne seinem Volk nicht entrinnen kann. Die Zugehörigkeit zu gerade diesem und keinem anderen Volk prägt seine Persönlichkeit tiefgehend und unwiderruflich: „Das Hervorgegangensein aus diesem Volk und das Leben in ihm bestimmt den Einzelnen bis ins Letzte: Hautfarbe, Gesichtszüge, Körperformen, Bewegungsart… Sitten und Lebensformen… Bewußtsein von Herkunft, geschichtlicher Stellung und Aufgabe… Charakteristische Weisen der Stellungnahme zur Welt. Maßstäbe für das, was wertvoll und wertlos ist; Vorbilder menschlicher Vollkommenheit… Religiöse Haltung und Vorstellungen; Sinngebungen des Daseins… Schließlich die Sprache, die ja, wie wir gesehen haben, den ganzen Menschen formt.“
Die Ausführungen zeigen, wie vergeblich die Versuche vieler Deutscher sind, die eigene Identität abzuschütteln oder zu verleugnen. Dafür sitzt die volkliche Prägung zu tief. Dennoch ist es dem einzelnen Menschen durch Reflexion und freien Willen natürlich möglich, sich von seiner Volkszugehörigkeit ein Stück weit zu distanzieren. Die Distanzierung kann aber nur in einem relativen, nicht in einem absoluten Sinn erfolgen. Beispielsweise kann jemand aus einem muslimisch geprägten Land wie dem Iran zum Christentum konvertieren. Ein solcher Konvertit weicht dann in einem ganz wesentlichen Punkt von seiner Volkstradition ab, bleibt jedoch ganz klar ein Angehöriger seines Volkes. Gerade diese bleibende Zugehörigkeit kann eine Bereicherung für die neue Religion sein, indem derjenige seine volkhafte Prägung und spezifische Mentalität in sie einbringt.
Gesunder Patriotismus
Auch die kritische Haltung gegenüber der eigenen Heimat verwässert oder schmälert die Volkszugehörigkeit nicht. Zu einem gesunden Patriotismus gehört es, die Schattenseiten der eigenen Geschichte zu akzeptieren, gegebenenfalls auch daraus zu lernen für die Zukunft. Ein Patriotismus, der die eigene Nation ausschließlich positiv betrachtet, kratzt nur an der Oberfläche, bleibt stumpfsinnig und ist keine wirkliche Identifikation mit dem Eigenen. Die Einstellung „my country, right or wrong“ ist jedenfalls zu simpel und kann für ethisch denkende Menschen keine Option sein.
Guardini betont jedoch, dass die grundsätzliche ethische Aufgabe für den Menschen darin besteht, seine Volkszugehörigkeit anzunehmen, positiv zu seinem Volk zu stehen, notfalls sogar mit seinem Leben für es einzustehen: „Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Zugehörigkeit zu einem Volk eine Gegebenheit im ethischen Sinn des Wortes ist. Sie bedeutet nicht nur die Unentrinnbarkeit der Tatsache – daß einer eben ein Deutscher, ein Franzose, ein Chinese oder ein Inder ist – sondern auch eine Aufgabe, nämlich die, das Gegebene anzunehmen (…) Jeder hat die Aufgabe zu seinem Volk zu stehen; es in Ehren zu halten; mit seiner ökonomischen Leistung zu dessen Dasein beizutragen, gegebenenfalls mit seinem Leben für dessen Sicherheit und Bestand einzutreten. Tut er das nicht, dann verliert er etwas Wesentliches, nämlich einen bestimmten Stand unter den Menschen, die ja doch in Völkern existieren. Eine bestimmte Schicht des Charakters löst sich auf, und es entsteht eine Ungenauigkeit und Ortlosigkeit, auf die sich eine spontane Verachtung richtet.“
Gefahren durch globalistische Tendenzen in der Gegenwart
„Weh dem, der keine Heimat hat“, heißt es schon in Nietzsches berühmten Gedicht „Vereinsamt“. Eine Heimat zu haben und für sie zu kämpfen hat – das führt Guardini vor Augen – ganz stark etwas mit Menschenwürde zu tun. Heimatlosigkeit ist eine Verarmung, eine Einschränkung des Menschseins. Wenn man diesen Gedanken weiterspinnt, könnte man sagen, dass es geradezu ein Menschenrecht ist, irgendwo einen Ort zu haben, der für einen Heimat und zu Hause ist.
Guardini hat klar gesehen, dass sich die Menschheit heute wie in einem Schwebezustand befindet: Das Alte wird abgebrochen, doch etwas Neues und Positives ist noch nicht in Sichtweite. Volkhafte, nationale und kulturelle Grenzen verschwimmen zusehends. Die Völker der Erde verlieren immer mehr ihre Konturen, ihr individuelles Gesicht. Die kulturellen Wurzeln der Menschen im Volk werden gekappt, eine One World bildet sich mit großer Geschwindigkeit heran. Diese Bildung einer Einheitszivilisation sieht Guardini jedoch nicht als die Verwirklichung einer Vision von einer weltweiten Menschheitsfamilie, sondern vor allem als destruktive Entwicklung. „Dabei scheint aber“, so Guardini, „die Angleichung vor allem als Destruktion vor sich zu gehen; so daß die Eigenwerte zerstört werden und nichts Wirkliches an die Stelle tritt. Dadurch wird der Mensch in Wahrheit ärmer.“
Entwurzelung und neues Nomadentum
Man kann sich zu Recht fragen, woher die Tendenzen zu einer schrankenlosen Welt eigentlich kommen. Natürlich spielen hier Fortschritte in der Technik eine große Rolle. Die steigende Mobilität, vor allem aber eine weltweit ähnliche Medienlandschaft begünstigen die Entwicklungen zu einem ortlosen Weltbürgertum. Doch unter dieser Oberfläche verbergen sich nach Guardini vor allem politische Entscheidungen.
Er schreibt: „Hinzu kommt das neue Phänomen – neu wenigstens in der Geschichte seit dem Abschluß der Völkerwanderung –, daß ganze Völkerschaften verpflanzt werden; und nicht aus innerem Bedürfnis, sondern auf Grund von Rechnung, durch reine Gewalt (…) Neues Nomadentum… Das alles bringt die Gefahr mit sich, daß sich eine Auflösung des Nationalen vollzieht, aber nicht auf echte Synthesen hin, sondern als Entwurzelung und Vermischung. Was daraus wird, ist dann Masse im schlimmen Sinn: eine amorphe Menschenmenge, die keine Wurzeln mehr hat und der Staatsgewalt ausgeliefert ist.“
Der Mensch wird wieder wesentlich
Guardini zeichnet hier ein düsteres und zugleich realistisches Bild der Gegenwart. Dennoch besteht zu Defätismus kein Grund, ganz im Gegenteil. Die heutige Globalisierung, die dem Menschen zusehends eine feste Heimat raubt, ist nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern war das Ergebnis von bewussten politischen Entscheidungen. Ebenso können also bestimmte Fehlentwicklungen durch politische Entscheidungen wieder korrigiert werden. Man muss es nur wollen.
Desweiteren rufen extreme politische Bewegungen immer dialektische Gegenreaktionen hervor. Durch zunehmende Unsicherheit und „Entortung“ entsteht wieder eine starke Sehnsucht nach Werten wie Familie, Heimat und Religion, nach einem Leben mit festem Halt und innerer Ausrichtung. Dass die traditionellen Werte nicht mehr Teil der politische Kultur sind, sich vielmehr unter starkem gesellschaftlichem Gegenwind entwickeln müssen, birgt die Chance, dass diese Werte sich vom Unwesentlichen befreien und zu neuer Vitalität gelangen. Falsche Ideologien zerbrechen letztlich immer an der Natur des Menschen. Die heutigen Formen der Entgrenzung und Nivellierung wiedersprechen zu sehr menschlichen Grundbedürfnissen, um auf Dauer Bestand haben zu können.
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Ein Kommentar
Toller Artikel! Es freut mich, dieses hochaktuelle Thema durch den Artikel so komprimiert dargestellt zu bekommen!
Von Romano Guardini höre ich zum erstenmal.
Vielen Dank für beides!