Boris Becker, Julian Assange und Nawalny

Becker, Nawalny, Assange: Hinter Gitter – aber aus ganz unterschiedlichen Gründen (Fotos:Imago)

Boris Becker sitzt seit ein paar Tagen im Londoner Wandsworth Prison ein. Julian Assange ist seit zehn Jahren seiner Freiheit beraubt. Alexei Nawalny sitzt seine Strafe in Sibirien ab. Während Assange medial totgeschwiegen wird, überschlagen sich die Medien mit tränenrührenden Berichten über Beckers schlimmes Schicksal.

Man hat seit Tagen nichts mehr von Becker gehört, wußte „n-tv” zu berichten. Die Horrorgeschichten über die angeblichen Zustände in dem Gefängnis reißen nicht ab. Für seine Ex Lilly hat Becker all das „einfach nicht verdient”. Nun, das Gericht in London ist da offensichtlich anderer Meinung und niemand wird anführen wollen, die Londoner Gerichtsbarkeit würde nicht rechtsstaatlichen Prinzipien folgen. Natürlich kann ihm zugute gehalten werden, dass ihn seine „Berater” in diese schlimme Situation gebracht haben. Das aber war seit vielen Jahren zu beobachten – und ein erwachsener Mensch ist nun mal selbst verantwortlich für sein Leben. Vor Gott und Gericht sind alle gleich, heißt es, und so sollte es auch keinen „Promibonus” für Becker geben. Was also soll das Geheule?

Becker kann oder will keine Meldungen aus dem Londoner Gefängnis abgeben. Er hat zwar einen Fernseher und ein Telefon in der Zelle, darf aber nur fünf Minuten pro Tag telefonieren. Zum Internet hat er keinen Zugang. Ist das grausam? Vergleicht man das mit den Haftumständen Nawalnys in Sibirien, ist das grausam. Erinnern wir uns: Direkt nach der Einlieferung und fortdauernd konnte Nawalny seine Botschaften aus der Haft im Internet verbreiten und die Medien haben sie in die Welt getragen. Darf man da annehmen, dass die Haftbedingungen in Sibirien freiheitlicher sind als in England?

Assanges Haftumstände sind lebensbedrohliche Folterhaft

Gut, Becker wird nicht „harte Arbeit“ leisten müssen wie der arme Nawalny. Der hatte umgehend über körperliche Schmerzen geklagt, wegen der harten Arbeit. Das wäre Becker wohl nicht so schnell passiert, denn er hält sich nach wie vor fit. Nawalny hingegen hat im Straflager wahrscheinlich das erste Mal in seinem Leben überhaupt physische Arbeit verrichten müssen. Da wird es ein wenig dauern, bis auch sein Körper sich auf das eingestellt hat, was Milliarden Menschen als normalen Tagesablauf an Arbeitsleistung bezeichnen würden. Aber Becker und Nawalny haben etwas gemeinsam: Beide sind rechtmäßig verurteilt – und werden nicht gefoltert.

Julian Assange hingegen ist nicht verurteilt wegen eines Verbrechens oder Vergehens. Nach seinem Asyl in der ecuadorianischen Botschaft in London, das er auch schon in jahrelanger Isolation verbringen musste, sitzt er nun in Auslieferungshaft, weil Washington das so will und die britischen Gerichte dem einfach folgen. Er befindet sich seit Jahren in Einzelhaft. Es geht ihm wirklich schlecht, und sein vorzeitiger Tod wird zu Recht befürchtet. Ich bin nicht der Erste oder Einzige, der die Haftumstände für Assange als lebensbedrohliche Folterhaft bezeichnet. Das aber trifft weder auf Becker noch auf Nawalny zu. Dennoch werden diese beiden bemitleidet, dass es kaum zu ertragen ist.

Becker und Nawalny haben objektiv gegen geltende Gesetze verstoßen. Wiederholt, und sie wussten es. Das einzige Vergehen von Julian Assange war, dass er seine Pflicht als Journalist getan hat. Er hat also Verbrechen aufgedeckt. Becker und Nawalny haben sie begangen. Da muss man sich einfach fragen, was aus dem Rechtsbewusstsein der Medien geworden ist. Ja, eigentlich des gesamten „Wertewestens”. Während die Freilassung von Nawalny von Staaten dieses Wertewestens gefordert wird und über Becker larmoyant berichtet wird, muss Assange in Einzelhaft dahinvegetieren und niemand sieht einen Anlass, dieses schreiende Unrecht auch nur anzuklagen. Ach ja, das reiht sich ein in die Forderungen, Putin vor ein Tribunal zu stellen ohne jemals auf eine ähnliche Idee gekommen zu sein bezüglich diverser US-Präsidenten und ihrer völkerrechtswidrigen Vernichtungskriege. Von den andauernden Drohnenmorden gar nicht zu reden.

Kein Mitleid für Becker und Nawalny

Für Becker und Nawalny kann ich kein Mitleid empfinden. Beide hatten genügend Warnschüsse gehabt und sie haben sie ignoriert. Assange hingegen hat nicht nur nichts Unrechtes getan, sondern er wurde mehr oder weniger aus heiterem Himmel aus seinem Leben gerissen. Ja, er hat sich mit den Mächtigen angelegt – aber das sollte die normale Pflicht für jeden anständigen Journalist in demokratischen Staaten sein. Es ist eine unendliche Schande für den gesamten Wertewesten, dass sich niemand von Rang und Namen für ihn und seine sofortige Freilassung einsetzt, inklusive einer gewaltigen Entschädigung. Das, was ihm angetan wurde und immer noch wird, kann sowieso niemals auch nur annähernd angemessen entschädigt werden. Da kann Edward Snowden von Glück reden, dass er im Unrechtsstaat Russland gerade noch rechtzeitig Asyl gefunden hat. Ach ja, der Rechtsstaat Deutschland verweigerte ihm das, ebenso wie er es Assange verweigerte.

Der Wertekompass des Westens ist restlos kaputt. Der der Regierungen und der der Medien. Da wird zum Beispiel doch tatsächlich darüber diskutiert, es zur Pflicht zu machen, sich Substanzen spritzen zu lassen, die nachgewiesenermaßen schwere Schäden bis zum Tod verursachen können. Ein viel zu großer Teil der Abgeordneten stimmt dem auch noch zu. Ein korrupter Verbrecherstaat wie die Ukraine wird hofiert und unterstützt, und dessen Botschafter darf sich jede Frechheit ungestraft erlauben. Die Kanzlerin lädt die Richter zum Essen ein, die anschließend über sie urteilen sollen. Aber wehe, man fährt etwas zu schnell oder ist mit der Steuer im Verzug. Menschen werden bestraft, weil sie sich Lebensmittel aus Abfalltonnen holen und Gerichte nicken das ab. Und die Medien? Dröhnendes Schweigen.

Der „Wertewesten” ist am Ende

Es wird zensiert und gelöscht, als ob es keinen Artikel 5 im Grundgesetz gäbe. „Hassrede“ kann nur von „rechts“ kommen und die Antifanten werden auch noch finanziert, wenn sie offen zu Gewalttaten aufrufen. Elon Musk, der nun Twitter zensurfrei machen will, wird offen bedroht. Dazu hat er etwas Kluges gesagt: „Sie verbieten nicht die Hassrede. Sie verbieten die Rede, die sie hassen.“ Der US-Präsident Joe Biden will jetzt ein Wahrheitsministerium einrichten. George Orwell ist aus dem Lehrplan für Gymnasien entfernt worden. In der Ukraine wurde jede Opposition verboten – und es gibt nur noch das staatliche Fernsehprogramm. Unsere Politiker werden nicht nach Leistung „erwählt“, sondern nach Genderquoten und Ideologie.

Der Wertewesten ist am Ende. Wir brauchen einen kompletten Neuanfang. In jeder Hinsicht. Gemeinsinn gibt es nicht mehr, und jede Sumpfkröte ist wichtiger als vernünftige Planungen. Aber wir haben ja immer noch die Freiheit, unter 30 verschiedenen Shampoos auszuwählen! Das zählt im besten Deutschland, in dem wir je leben durften. So, wie es offensichtlich wichtiger ist, sich um rechtmäßig verurteilte Straftäter zu kümmern, statt die sofortige Freilassung eines aufrechten Journalisten zu fordern. So kann ich nur sagen, dass in unserer Regierung, Parlamenten und Medienanstalten wahrscheinlich Tausende Jahre Gefängnis auf die Akteure warten müssten, bis wir jemals erleben sollten, wieder in einem echten Rechtsstaat leben zu dürfen. Aber bis dahin zünden wir jeden Abend Kerzen an für den armen Boris und Herrn Nawalny, während Assange still vor sich hin verrotten darf.

 

Dieser Beitrag erschien auch auf Anderweltonline.

15 Kommentare

  1. Ich hatte ja beim Lesen der Überschrift befürchtet, hinsichtlich der Herren Becker (arme Sau, die mit Tennis viel Geld verdient hat, aber sich um dieses weder selbst kümmern konnte noch vertrauenswürdige Berater fand) und Nawalny (rassistisches Arschloch, aber halt „unser“ Arschloch) ganz anderen Text zu lesen, bin aber angenehm überrascht worden, hier wurde nur verglichen, nicht gleichgesetzt. Die Beschreibung des Umgangs mit Julian Assange und der Konsequenzen dafür, was denn nun die Werte des Westens seien trifft die Wirklichkeit genau.

    Dafür ausdrückliches Lob!

  2. Dem kann ich nur voll und ganz zustimmen! Eine riesige Schweinerei ist das! Aber Deutschland wurde das Asyl für die Beiden sicherlich auch „nahe gelegt“, da die US und A ziemlich giftig darauf reagieren, an ihre Verbrechen, die unter aller Augen passieren, erinnert zu werden. Sie bestimmen, wer Terrorist ist und wer nicht, sie bestimmen, wer mit einer Sidewinder samt Hochzeitsgesellschafft ausgelöscht wird. Sie bestimmen unsere Politik und sogar unseren Untergang, wenn es ihnen in den Kram passt. Wir, die Deutschen, werden niemals wieder frei sein. Eher werden wir geopfert.

  3. Nun, das kann man sehen, wie man möchte. Assange ist das Paradebeispiel des westlichen Werteverlustes, der westlichen „Hypermoral“ und ei Zeichen für die Dekadenz und Degeneration der Menschen, nicht nur im Westen. Nawalny wird bedauert, oder hochgejubelt, weil er Putin krisiert. Ist das alles, oder gibt es doch noch mehr? Das Bobbele ist möglicherweise zu bequem, um sich um seine Angelegeneiten zu kümmern, oder weiss nicht genug darüber und verlässt sich auf Menschen, die ihn ausnützen, drücken wir es einmal so aus. Oder er ist tatsächlich leicht kriminell. Allerdings sehe ich von Seiten der Briten mehr als „Gerechtigkeit“ in diesem Fall. Einen Promibonus hat Becker nicht verdient, im Gegenteil, aber Knast erscheint mir etwas zu hoch gegriffen im Vergleich zu anderen Vergehen in dieser Kategorie, die nicht, oder viel milder bestraft werden. Es geht hier nicht um Mitleid, das ist unangebracht, er ist ein großer Junge und muss die Verantwortung übernehmen. Auch bei Nawalny nicht, Assange ist etwas anderes, denn er erwies der Menschheit große Dienste mit seinen Veröffentlichungen.

  4. Uli Hoeneß hat auch im Gefängnis gesessen und nicht so ein Buhä gemacht.
    Becker hat in Saus und Braus gelebt nach dem Motto: nach mir die Sintflut. Nur die hat ihn eingeholt.
    Er wird wohl alles in trockenen Tüchern haben was sein Vermögen angeht. Die Beraterstory nehme ich ihm nicht ab und die Richterin auch nicht.

  5. Julian Assange ist offenbar der einzige, der die wirklichen Werte von
    Demokratie und Rechtsstaat vertritt. Der Rest ist eine einzige Heuchlerbande!

  6. Es ist zwar ein/zwei Generationen her,aber das was Boris in Deutschland ausgelöst hat,war einmalig.
    Selbstverständlich hat er immer danach Blödsinn gebaut,hat sich von Frauen regelmässig verarschen lassen
    Aber für mich bleibt immer Wimbledon 97 und Daviscup in Hartford…
    Und diesen bekloppten Irrsinn werde ich niemals vergessen!.
    Danke Boris…..

  7. Ich schließe mich gerne Ihren Ausführungen an .
    Zumal das ( Bobberle ) bereits vor ca 20 Jahren wegen ähnlicher Fälle , natürlich in Deutschland zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde . Mercedes hatte den vielleicht spielsüchtigen Becker fallen lassen ? Nun fragen die Medien , wie es wohl seiner armen Mutter geht . Arme Mutter was ist mit Rente ? Ihr Haus hatte Sie Becker bereits überschrieben , der natürlich vergaß dies dem Gericht wie viele anderen Dinge auch , bei seiner Insolvenz anzugeben .
    Assange : Der eigentlich durch seine aufklärenden Wahrheiten über die US Politik gefeiert werden müßte . Wurde nach seiner Ausreise mit Hilfe Schwedens verhaftet und durch den Westen , gehindert weiter zu recherchieren . Irgendwie will kein Land ihn aus Angst vor den USA auf Dauer aufnehmen .
    Nawalny : Ist es nicht Wert , über Ihn zuschreiben , das machen seine Medien schon

  8. Wichtiger Beitrag, Danke! Anzufügen wäre nur: Es kommt bei den Herrschenden immer auf den Blick auf die Dinge an. Nie auf die rechtliche Seite. Und allein schon aus dieser Sicht läuft im Westen etwas mächtig falsch. Will sagen das Rechtssystem ist den Eliten und damit dem Gesellschaftssystem angepasst, nicht aber dem Bürger. Und daher kann auch nicht gleiches Recht für alle geben. Die einen können sich freikaufen, wenn sie dem System treu ergeben sind und das Geld haben, die andern können es nicht. Egal ob mit oder ohne Geld.

  9. Netter Artikel – nur was ich nicht verstehe: Was werfen Sie denn Nawalny zur Last vor für seine Aburteilung?

  10. Herr Haisenko,
    heute muss ich doch mal schreiben. Ich habe schon einige Artikel von Ihnen gelesen. Alle gehören m.E. zur Spitzenklasse. Ebenso wie dieser. Himmelschreiendes Unrecht in vielen, viele Bereichen. Die Frage ist: warum ist das so? Ich kann es mir einfach nicht erklären. Ihr Artikel ist deprimierend (wegen des immer wieder praktizierten Unrechts) und aufbauend zugleich, weil er einigen (auch mir) zeigt, dass auch andere die Dinge so sehen, wie sie sind. Ich sehe leider keine Besserung mehr in meinem Leben und wünsche mir für meine Kinder und Enkelkinder, dass doch Besserung kommt. Mit freundlichen Grüßen, Joachim

  11. Ein verzichtbarer Artikel! Nein, Mitleid mit Boris Becker habe ich nicht, der wohl Opfer seiner eigenen Dummheit oder Gutgläubigkeit geworden ist. Es war halt vielleicht doch verkehrt, nach nur 4 Schuljahren das Lernen einzustellen und sein Leben ausschließlich Ball und Netz zu widmen. Im Verhältnis zu anderen Missetäter, so z.B. der ehemalige Nationalspieler und Politpöbler Uli Hoeneß, ist die Länge der Haftzeit und die Art der Unterbringung unangemessen und eines angeblich zivilisierten Volkes unwürdig.

  12. Sowohl die jeweiligen Straftatbestände als auch die Haftbedingungen sagen sehr viel über den „Verurteiler“-Staat aus. In Deutschland kann niemand verurteilt werden, wenn es nicht einen konkreten Straftatbestand gibt. Ohne Gesetz, keine Strafe!
    Wie lautet der konkrete Strafparagraph gegen den Assange verstoßen hat? Welche Straftat rechtfertigt Guantanamo? Wird pausachl begründet, „Staatssicherheit“, so ist dies unbeachtlich, weil nur eine konkrete Beschreibung einer Tat rechtsstaatlichen Erfordernissen entspricht. Bei einer Verurteilung sollte also immer auch auf die konkrete Strafvorschrift hingewiesen werden, damit dies kontrolliert und verglichen und rechtsstaatlich begutachtet werden kann.

    Erst wenn man Strafvorwürfe, Strafvorschriften und die Art des Strafvollzugs kennt, weiß man was für ein Staat man vor sich hat!

    Wenn kein gültiges Gesetz eine Handlung zur Straftat erklärt, ist eine Verurteilung das Zeichen dafür, dass es sich um keinen Rechtsstaat handelt. Und wenn man den Inhalt der Strafvorschriften ansieht, weiß man, was für einen Staat man vor sich hat.

    Wenn nicht einmal ein konkreter Tatbestände (Gesetzesnorm) genannt wird oder werden können, handelt es sich um einen diktatorischen Willkürstaat.

  13. „Der Wertewesten ist am Ende. Wir brauchen einen kompletten Neuanfang.“

    Kommt doch schon bzw. ist schon da. Nennt sich Islam.

  14. Das ist ja alles ein Riesenunfug. Das mit Becker stimmt schon, aber das Argument bei Nawalny, dass er gegen bestehendes Recht verstoßen hat, ist natürlich ein Knaller. Wenn man gegen Gesetze eines Unrechtsstaates verstößt ist man also selber schuld, wenn man kassiert wird? Na, das hätte den Widerstand im Dritten Reich bestimmt interessiert. Und der liebe Assange ist leider nichts anderes als ein gegen den Westen agierender Nestbeschmutzer. Komischerweise habe ich auf WikiLeaks doch immer nur Brisantes zu den Amerikanern gelesen. Von Russen und Chinesen nichts! Sind die schlechter als die Amerikaner? Möglicherweise nicht, aber sie sind auch nicht besser. Diese Ausgeglichenheit fehlt bei WikiLeaks. Und die Sache mit den Clintonmails vor der US-Wahl? Auch wenn er zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr aktiv war, muss man Assange das auch ankreiden. Und Herr Snowden im Asyl in Russland? Ich lach mich schlapp! Assange und Snowden müssen auf der Hut sein, und das zu Recht.

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