Boris Palmer und das Dach zu Tübingen

Boris Palmer und das Dach zu Tübingen

Stolz wie Bolle auf ein grünes Schaufensterprojekt: Tübingens Boris Palmer auf dem gepriesenen Solardach (Foto:ScreenshotFacebook)

Der stolze Vorzeige-Querdenker Boris Palmer präsentierte diese Woche der Öffentlichkeit auf Facebook ein Photovoltaik-Dach – montiert auf einer „Freilufthalle“. Der Oberbürgermeister versteht das ausdrücklich als vorbildlichen Beitrag zur, so wörtlich, „Unabhängigkeit von Energiekrise, Diktatoren, Autokraten und Ölscheichs, Kriegen und Konflikten“. Worum geht es genau? Die bewusste Halle wurde 2005 in Tübingen als helle, freundliche Holz-Glas-Konstruktion errichtet, ist als halboffener Regenschutz aber nicht wirklich ein Gebäude. Es gibt keine Wärmedämmung, keine Heizung, keinen Stromspeicher und selbstverständlich auch keine Klimaanlage, wie sie etwa in katarischen Fußballstadien verbaut ist.

Schlimmer noch: Die Randbereiche werden nass, der Wind pfeift hindurch; bei (natürlich menschengemachten) 40 Grad Außentemperatur ist es innen kaum kühler, bei Frost geht gar nix mehr. Sport lässt sich darunter betreiben – sofern das Wetter mitspielt. Die Aufenthaltsqualität für Zuschauer ist entsprechend begrenzt, Einnahmen durch Ticketverkäufe sind kaum zu erzielen. Deutschlands Sparminimalisten sind nicht nur bekannt dafür, das wirtschaftliche Rad ganz neu zu erfinden, sondern auch die konventionelle Behausung.

Uns retten keine Solarpaneele

Boris Palmer behauptet, die Halle hätte nur ein Drittel der Kosten einer Kompletthalle verursacht. Man darf hier skeptisch sein. In Baukostendatenbanken werden die benötigten Mittel für geschlossene Sporthallen ähnlicher Größenordnung für 2005 mit 2 bis 4 Millionen Euro veranschlagt. In Tübingen ging man damals bereits mit einer Schätzung von 1,4 Millionen ins Rennen; Schon das Ausschreibungsergebnis lag aber doppelt so hoch. Ein schwieriger Baugrund hat dann offenbar zu weiteren  aukostensteigerungen geführt. Man kann also mutmaßen, dass für den am Ende entstandenen Betrag ohne Weiteres auch eine geschlossene, ganzjährig nutzbare Halle hätte gebaut werden können. Aber das ist hier nicht das Thema.

In den letzten zwanzig Jahren sind bundesweit jedenfalls nur drei oder vier vergleichbare Projekte gefolgt. Besonders eingeschlagen hat das Modellvorhaben also offenbar nicht. Ähnlich dürfte es sich nun mit der Photovoltaik auf dem Dach verhalten – jedenfalls dann, wenn sie uns als Sinnbild für eine energetische kostensparende Autarkie vorgaukelt wird, denn die Abhängigkeit von grundlastfähigen, fossilen, inzwischen extrem teuren Backup-Energien hat durch den radikal verknappten Mix in Deutschland eher zu- als abgenommen. Da retten uns auch keine Paneele. Der manisch betriebene Ausbau der “Erneuerbaren” hat weder die Preise an den Zapfsäulen gedrückt noch den Strompreis wie versprochen gesenkt noch die Industrie im Land gehalten.

Deutschland gnadenlos abgehängt

Man darf die Dinge nicht vermischen: Grundsätzlich ist es zu begrüßen, wenn auf kommunaler Ebene neue Wege erprobt und betriebswirtschaftliche Erfahrungen gesammelt werden. Solange die Gewinne der Netzeinspeisung die Kosten für die Regelung und Vergütungen übersteigen, kann das sehr sinnvoll sein. Es ist aber ein Problem, wenn der staunenden Öffentlichkeit erklärt wird, dass die Leitlinien für die Energiepolitik einer Industrienation oder gleich der ganzen entwickelten Welt aus Tübinger Dachlandschaften abzuleiten seien. Mein entsprechender Hinweis unter dem Facebook-Post des Tübinger OBs wurde von der Palmerschen Fangemeinde umgehend den üblichen Kurzurteilen („keine Substanz“, „Schwachsinn“, „Quatsch“) abgewatscht. Mehr war dann erst einmal nicht in der Pipeline.

Das alles wäre nicht besonders erwähnenswert, würde sich hier nicht abermals jene Selbsttäuschung zeigen, mit der in Deutschland immer über strategische politische Entscheidungen debattiert wird. Springen wir mal kurz vom Dach in der Provinz Tübingen nach oben in die Cloud, wo ein paar eindrückliche Daten gespeichert sind: Die USA investieren derzeit rund 150 Milliarden US-Dollar pro Jahr in Rechenzentren, in China ist es etwa die Hälfte. In Deutschland werden gerade 8 Milliarden berappt – wovon allerdings wiederum die Hälfte von US-Betreibern bestritten wird. Deutschland gibt also im Vergleich mit Trumps Imperium schlappe 2,67 Prozent für die mit Abstand bedeutendste Zukunftstechnologie aus – zur Zeit; der Anteil dürfte noch weiter sinken, denn in naher Zukunft geht man in den Staaten eher von jährlichen Investments im Billionen-Dollar-Bereich aus.

Muster des Versagens

Betreiber von Rechenzentren können, wie jede energieintensive Industrie, die volatilen Erneuerbaren bestenfalls unterstützend nutzen, denn die Datenverarbeitung frisst im permanenten Hochlastbetrieb Tag und Nacht enorme Energiemengen. Genügend leistungsfähige Speicher sind trotz jahrzehntelanger Versuche bisher nicht entwickelt worden. Deshalb erklärten Betreiber, dass neben fossilen Brennstoffen vor allem Kernkraft ein bedeutender Faktor sein wird. Quasseldeutschland mit seinen gelegentlich stromerzeugenden Wetterstationen ist hier fein raus – denn auf der Datenautobahn ist es ohnehin längst aus dem Rückspiegel der anderen, echten Global Player verschwunden. Diesen Rückstand holen wir auch in den nächsten hundert Jahren nicht mehr auf. Bei uns arbeitet man nicht an KI, sondern lieber an KI-Gesetzen – einer Regulierungsorgie, die sich wieder einmal auf die Beschneidung des Erfolgs der anderen beschränkt. Hier ist man stolz, das Kernkraftwerk durch das Balkonkraftwerk ersetzt zu haben. Deutsche Kernkompetenz!

Das Ganze folgt einem Muster des Versagens. Nahezu jeden technologischen Metatrend der letzten dreißig Jahre – Internet und Soziale Netzwerke, Smartphones, Cloud-Computing, digitale Verwaltung, Gentechnik, KI, Robotik, Batteriefertigung, Raumfahrt und Raketentechnik – hat Europa, allen voran Deutschland, entweder verpennt, rechtzeitig eingestampft oder im erfolgsversprechenden Entwicklungsstadium an Leute verscherbelt, die sich mit Wertschöpfung auskennen. Besonders erfindungsreich und engagiert zeigen sich die germanischen Technokraten immer dann, wenn es um die nachträgliche Regulierung, Beschneidung und Bestrafung des Erfolgs der anderen geht. Solange uns das Solardach in Tübingen den Weg in die deutsche ökonomische Zukunft weisen soll, bleibt’s hierzulande einfach zappenduster.

4 Kommentare

  1. Ehrlich gesagt würde ich über diesen Herrn nichts berichten, außer das er z.B. dort zu lesen war

    https://www.fr.de/politik/gruene-kritik-corona-boris-palmer-beugehaft-schlagstoecke-massnahmen-querdenker-rentenzahleung-91199562.html
    oder hier
    https://www.welt.de/vermischtes/article236211476/Maischberger-Boris-Palmer-bringt-5000-Euro-Strafe-fuer-Ungeimpfte-ins-Spiel.html
    oder noch in vielen anderen.

    Dieser Typ gehört wegen seiner menschenverachtenden Hassreden vor Gericht. Oder sind wir schon so weit das ein Herr Palmer über andere Menschen zu richten hat ? Wer ist der ?

      1. Und vor Allem: Da er, im Gegensatz zur grünen Masse, auch Hirn hat, ist er gefährlich.
        Er ist ja studierter Mathematiker und wenn so jemand so verstrahlt ist, dann beherrscht er auch Strategie und ist eben brandgefährlich.
        Wie man leider an den Wahlergebnissen in seinem Kaff auch sehen kann.

  2. Ausgerechnet Tübingen als Nabel der Welt?? Das bedeutet soviel wie der Afrikaner, der nur Bahnhof versteht..!

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