Freitag, 14. Juni 2024
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Brötchen an Obdachlose: Eine Artikelkritik

Brötchen an Obdachlose: Eine Artikelkritik

Die hohe Kunst, abgelaufene Brötchen unters Volk zu bringen (Foto:Pixabay)

Erfreulicherweise gibt es in unseren Zeiten die Online-Medien, durch die viele wertvolle Informationen bereitgestellt werden. Vor ein paar Tagen erschien jedoch ein Artikel auf “Tichys Einblick” (TE), der meiner Meinung nach einen kritischen Kommentar erfordert. Der Titel lautete: “‘Hau bloß ab mit deinen Brötchen’ – Ein Versuch, Obdachlosen zu helfen.” Wobei vielleicht anzumerken ist, daß manchmal Redaktionen einen vom Autor eingereichten Titel ändern. Als Verfasserin wird eine Gastautorin namens Charlotte Kirchhof genannt.

Wie wir im Artikel erfahren, wohnt die Autorin in Berlin und bekommt unerwartet in einer Bäckerei kurz vor deren Feierabend zwanzig belegte Brötchen geschenkt. Nach Auskunft der Bäckerei würden diese nämlich sonst im Müll landen. Die Autorin gibt den eigentlichen Verkaufspreis dieser Brötchen mit 80 Euro an; das würde also 4 Euro pro Brötchen machen – wodurch man davon ausgehen kann, daß es sich um eher große Brötchen (vielleicht eine Art von Baguettestücken?) gehandelt haben wird. Diese sind belegt mit “Gouda, Frischkäse, Frikadellen oder mit Tomaten und Mozzarella”. Die Autorin hat daraufhin die Idee, diese Brötchen an Obdachlose – natürlich ebenfalls gratis – zu verteilen. Als sie dies nun umsetzt, macht sie eine Reihe von Erfahrungen, die sie schließlich in dem Artikel verarbeitet.

Autorin stellt sich ungeschickt an

So weit, so gut: Die Idee ist löblich. Der Artikel spinnt sich dann so fort, daß zwar manche Obdachlose das Angebot gerne annehmen, die Autorin aber auch viel Undankbarkeit und andere negative Reaktionen erlebt; eine dabei gefalle Aussage (“Hau ab“) hat es letztendlich dann sogar in den Titel des Artikels geschafft. Schließlich, schreibt die Autorin, sei sie lediglich acht der Brötchen losgeworden, zwölf jedoch nicht, und die habe sie dann am Ende doch weggeworfen. Unterm Strich soll der Artikel offenbar den Eindruck vermitteln, unter Obdachlosen gebe es eine deutliche Tendenz zur Undankbarkeit. Liest man im Text aber genauer, was sich so alles zuträgt, dann kommt man doch sehr ins Staunen, wie naiv und manchmal eigenartig die Autorin vorgeht – und das veranlaßt mich auch, diese kurze Artikelkritik zu verfassen.

Auch ich habe übrigens schon Brötchen und andere Lebensmittel verschenkt – und auch schon welche angenommen (ohne jedoch obdachlos gewesen zu sein). Ich vertrete das Prinzip, möglichst kein Essen verkommen zu lassen. Verschwendung von Lebensmitteln wird immer wieder in den Medien thematisiert, und deswegen gibt es ja auch eine Diskussion über die Legalisierung des sogenannten “Containerns” (der Begriff bezeichnet das Herausnehmen noch brauchbarer, weggeworfener Lebensmittel aus den Containern von Supermärkten).

Folgen von Suchtkrankheit erkennen

Frau Kirchhof ist anscheinend nicht in der Lage zu erkennen, daß ein Mann unter einer S-Bahn-Brücke, der ihr – laut ihrer Schilderung: mit haßerfüllten Augen – “Hau ab” entgegenbrüllt, vermutlich auf Drogen ist oder aber ihm diese Drogen gerade arg fehlen, es sich also um Entzugserscheinungen handelte. Das resultierende Verhalten darf man nicht so interpretieren, als habe es mit einem selbst zu tun. Vielleicht ist der Mann überhaupt nicht mehr in der Lage, die Situation einzuschätzen; folglich kann er gar nicht wahrnehmen, daß jemand nur freundlich sein will.

Stutzig wird man auch bei der nächsten, ausführlicher geschilderten Szene: Zwei Bahnangestellte, die gerade Pause machen, fragen die Autorin, ob sie ihr helfen könnten. Sie sagt daraufhin, sie suche Obdachlose für die Brötchen, woraufhin die Bahnangestellten scherzen, sie würden auch welche nehmen. Interessanterweise jedoch gibt Frau Kirchhof ihnen keine. Aus irgendeinem Grund müssen es unbedingt Obdachlose sein; andere Empfänger kommen nicht in Frage. Warum? Warum sollen nicht auch einige der Brötchen an Menschen gehen, die arbeiten? Anscheinend geht es nicht darum, daß wertvolle Lebensmittel gerettet werden und sich auch andere Menschen darüber freuen würden, sondern womöglich nur um das Gefühl, speziell Obdachlosen geholfen zu haben und genau dadurch auf der “guten Seite” zu stehen, und nicht durch etwas anderes .

Viele Möglichkeiten, Lebensmittel vor dem Müll zu retten

Um Lebensmittel vor dem Wegwerfen zu retten, gibt es eine Reihe von Möglichkeiten. Zunächst einmal kann man selbst seinen Speiseplan spontan ändern. Brötchen werden mit den Tagen etwas labbrig, sind aber noch immer sehr gut genießbar. Man kauft dann eben nächstes Mal weniger ein oder schiebt seinen nächsten Einkauf zeitlich etwas hinaus, oder man kocht vielleicht nicht an dem Tag schon die Spaghetti, die man sich vorgenommen hatte, denn die halten sich noch länger. Zudem gibt es einen schönen Gedanken namens “Foodsharing”, in dem heute wohl unvermeidbaren Englisch. Und unter dem Namen “Fairteiler” – ein Wortspiel aus “fair” und “Verteiler” – gibt es vielerorts in Deutschland öffentliche Kühlschränke und Truhen, in die jeder etwas hineintun kann. Ein Blick ins Internet genügt: Ich googelte soeben “Fairteiler Berlin” und stieß sofort auf folgende Information: “Es gibt 40 Fairteiler in Berlin und allen Unterbezirken.” Gut, davon wußte die Autorin sicherlich nichts. Umgekehrt kann diesen Schränken auch jeder etwas entnehmen, und das nutzen viele Obdachlose und andere arme Leute, darunter Flüchtlinge sowie vermutlich auch illegal sich in Deutschland aufhaltende Personen, aber eben auch einfach Menschen, die der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken wollen.

Doch Zurück zur Berichterstattung von Frau Kirchhof, deren einziges Ansinnens ist – wohl aus Unwissenheit und Blindheit –, die Brötchen ausschließlich und direkt an Obdachlose zu geben. Einige nehmen ihr Angebot auch dankend an. In der Tat also sind keineswegs alle, die ihr begegnen, undankbar, sondern es gibt eine Menge von der netten Sorte – ganz anders, als der Titel des Artikels es vermuten läßt.

Inflexibilität: Jeder soll nur ein Brötchen bekommen

Zunehmend wird dann aber aus dem Text eines deutlich: Bei der Autorin darf sich anscheinend jeder Obdachlose nur ein Brötchen nehmen; es gehen nie mehrere an eine Person. Mehr als eines ist also keinem gegönnt; dabei könnte Frau Kirchhof ja gerade auf diese Art sicherstellen, daß sie auch wirklich alle Brötchen los wird. Gerade, wenn man die Erfahrung macht, daß die Brötchen wider Erwarten nur etwas langsam Absatz finden, kann man sozusagen seine Verschenkrate erhöhen und auch mal zwei, drei oder noch mehr Brötchen an je eine Person geben. Man hätte auch, wenn man die Aktion langsam leid wird, einer Person die gesamte restliche Tüte in die Hand drücken können. Dann hat man eben Vertrauen in diesen Menschen, daß er das weitere Verteilen schon organisieren wird, oder aber sich selbst an den Lebensmitteln erfreut. Beides wäre in Ordnung.

Nach zweieinhalb Stunden endete die Aktion der Autorin – und man glaubt es kaum: Da wirft sie doch ganze zwölf verbliebene Brötchen in eine Mülltonne. Sie kommt noch nicht einmal auf die Idee, diese mit nach Hause zu nehmen und dann vielleicht in den nächsten Tagen noch eine Entscheidung zu treffen. Die Autorin schreibt als letzten Satz: “Berliner Obdachlosen Essen zu schenken, kann ganz schön schwer sein.” Das ist der Tenor, das ist anscheinend die Message. Hätte Frau Kirchhof sich jedoch anders verhalten, wäre mit sämtlichen Brötchen noch etwas Sinnvolles geschehen. Um es ehrlich zu sagen: Diese Autorin lebt anscheinend in einer Wohlstandwelt und hat von nichts eine Ahnung. Etwas zynisch könnte hinzugefügt werden: Deutschland wird von der Ampelkoalition zur Zeit so heruntergewirtschaftet und die Menschen derart in die Armut getrieben, daß die Sensibilität für noch abgelaufene, aber noch gut verwendbare Lebensmittel wenigstens bald steigen wird.

Befremdlicher Nachgeschmack

Mir ist, ehrlich gesagt, unverständlich, wie man solch einen Artikel schreiben kann, ohne zu merken, daß man selbst etwas hätte anders machen können. Es findet sich nicht der Ansatz von Selbstkritik im Text. Zudem bleibt unklar, ob es der Autorin vielleicht wichtig war – und sei es nur unterbewußt –, zu erleben, eine Stufe über den Obdachlosen zu stehen. Denn andere Empfänger als diese durften es ja nicht sein. Jedoch möchte ich Frau Kirchhof nichts unterstellen; ich weiß dies schlicht nicht.

Ferner ist mir ebenfalls unverständlich, warum die Redaktion von TE diesen Artikel veröffentlichte und nicht ablehnte. Man fragt sich, ob hier ein negatives Pauschalbild über Obdachlose bedient werden soll. Nichts gegen TE insgesamt, es ist wirklich ein wertvolles und informatives Medium; doch bei diesem konkreten Artikel ist man doch etwas enttäuscht – und zwar sowohl über die Ereignisse als auch über die Tatsache, daß darüber so wenig selbstkritisch reflektiert wurde und dann auch noch dieser Bericht erscheinen mußte.

Geteilte Reaktionen der Leserschaft

Einige Leser von TE haben unter dem Text Kommentare hinterlassen; 84 sind es derzeit. Während ein paar Kommentatoren sich zustimmend äußern, zeigt sich dort zum Glück aber auch viel Kritik an dem Artikel. Einige bringen noch einen weiteren Gedanken ins Spiel, nämlich daß manche potenziellen Empfänger der Brötchen möglicherweise nur vorsichtig waren – denn mit Lebensmitteln, die einem Fremde schenken, könnte ja auch irgendetwas nicht in Ordnung sein. So schreibt eine Leserin: “Ich glaube nicht, dass ich von jemand Fremdes in Berlin ein Brötchen annehmen und essen würde, der es mir ungefragt anbietet. Nicht mal ein eingeschweißtes.” In der Praxis ist das erfahrungsgemäß weniger ein Problem; oft kann man einen Fremden und seine Motivation ja einschätzen. Viele Leser sprechen auch das Problem der Alkohol- und Drogensucht an. So schreibt eine Leserin namens Aletheia (was das griechische Wort für “Wahrheit” ist): “Sehr geehrte Frau Kirchhof, Ihr Ansinnen ist wirklich lobenswert und vorbildlich. Aber es gilt auch zu bedenken, dass sich unter den Obdachlosen sehr viele, psychisch äußerst kranke und vor allem auch suchtkranke Menschen befinden.

Hoffentlich hilft dieser Artikel all denjenigen, die auch einmal unerwartet in die Lage kommen, überschüssige Lebensmittel verschenken oder verteilen zu können. Mehrere Vorschläge, was die Autorin hätte besser machen können, habe ich notiert und fasse sie hier nochmals zusammen: Den eigenen Speiseplan ändern, “Fairteiler” aufsuchen, weniger wählerisch bei den Empfängern sein – und Einzelpersonen, die darum bitten, auch mal mehr als nur ein Brötchen zu geben.

11 Antworten

  1. Was solls! Der Ablauf ist ganz normal. So wie die Menschen verschieden sind, so ist auch deren Reaktion verschieden. Man sollte sich vielleicht vorher informieren, wie man mit solchen Situationen umgeht.

  2. hört sich an, als ob die Autorin sonst auf der Fahrbahn klebt und hier mal richtiges Leben geshen hat

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  3. Naja, gerade bei Tichy schreiben noch mehr Gestörte, und das sogar regelmäßig und wohl hauptberuflich. Da könnte ich eine ganze Reihe beim Namen nennen. Von der Zensur in den Kommentaren will ich erst gar nicht reden. Schlimmer als bei der Bild.

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    1. Oft, immer öfter?, wundert man sich über die Artikel bei Tichy und über die Zensurkriterien…

  4. 20 gut belegte Brötchen bedeuten kein Kochen für drei Tage oder eine spontane Einladung von Bekannten oder mal seine Nachbarn kennenlernen. Offensichtlich hatte diese Frau niemanden den sie lieb hat. Die Deutschen vereinsamen.

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  5. Mir fallen viele Szenarien ein, in denen ich, wenn ich obdachlos wäre, ein solches Angebot ablehnen würde. Einige wurden schon genannt. Ein weiterer wäre: wenn sich die “Wohltäterin” so verhält dass mein Stolz verletzt wird.
    Vielleicht hat es Dame ja auch darauf anlegt zurückgewiesen zu werden um dann eine Story über “undankbare Obdachlose” schreiben zu können?

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  6. Ich empfand die Geschichte als sehr unangenehm. Die Autorin inszenierte sich mit ihren geschenkten Brötchen als barmherziger Samariter und protokollierte für ihre Story, wieviel Dank man ihr jeweils für ein Brötchen entgegen brachte. Nach 8 Brötchen war die Story im Kasten und sie warf die restlichen 12 Brötchen weg.
    Sie hat mit dieser Geschichte mehr über sich selbst erzählt, als über Obdachlose.

  7. Für mich ist dieser Artikel plumpe Meinungsmache. Genauso wie die Harz4 Sendungen im Fernsehen, die jedem suggerieren sollen, das alle Harz 4 ( heute Bürgergeld) Bezieher Faulenzer sind. Das hier soll wohl suggerieren, das Obdachlose keine staatliche Hilfe benötigen, da Sie ja scheinbar genug haben und geschenktes Essen ablehnen können. Ehrlicherweise hätte Sie in ihrem Beitrag noch erwähnen können, das Asylanten auch nur Geld wollen, und geschenktes Essen an den Tafeln gleich selbst wegwerfen. Nebenbei gemerkt, habe ich noch keinen Obdachlosen Asylanten in Deutschland getroffen.

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  8. Was mich bei diesem Artikel bedenklich stimmt ist, was man heutzutage alles bedenken soll oder muss, damit man eine einfache freundliche Geste seinen bedürftigen Mitmenschen gegenüber zeigen kann.

    Für mich ist dies das deutlichste Zeichen der Shitholisierung unseres Landes. Ja, es ist richtig, dass Obdachlose vielleicht vorsichtig sind, wenn ihnen jemand etwas für lau anbietet. Oft genug waren sie Opfer von Verbrechen, gerade in so einer Stadt wie Berlin. Ja, es ist richtig, dass einige der Obdachlosen auf Droge sind, weil sie ihre Existenz nicht anders ertragen können, und ja, es ist richtig, dass einige gerade kalten Entzug haben, weil sie sich den Drogennachschub nicht leisten können. Vielleicht ein Grund, warum sie Bares der Naturalspende vorziehen?

    Ich sage: nicht shame on them, sondern shame on us, dass wir es überhaupt so weit haben kommen lassen! Für jeden einzelnen dahergelaufenen, illegal eingewanderten Migranten machen wir monatlich mehrere tausend Euro locker, für die Ukraine haben wir zig Milliarden übrig, aber für unsere Bedürftigen? NICHTS!!

    DAS ist für mich der eigentliche Skandal!

  9. Die Brötchen-Verteilende Dame scheint eine der klassischen grünen GutmenschInnen zu sein.
    Nur die von ihr Auserwählten dürfen in den Genuss der Brötchen kommen – und aus die Anzahl, die so ein Brötchenempfänger erhält bestimmt alleine sie. Sie ist die absolute Herscher
    In über die Brötchen! Eher wirft sie die Brötchen weg, als die Lebensmittel zu retten und sie z.B. den Bahnangestellten zu geben. Weil diese nicht in den erlauchten Kreis der von ihr Erwählten gehören, welche es ihrer Meinung nach ‘verdienen’, ein Brötchen zu erhalten. Vielleicht waren ihr die gefundenen Obdachlosen auch nicht divers genug. Oder hatten die falsche Hautfarbe?
    Hier zeigt sich die bodenlose Arroganz dieser linken Weltenretter: Die eigenen Wertvorstellungen stehen über jeder Logik, Menschlich- und Sachlichkeit! Tanz nach meiner Pfeiffe – oder halt gefälligst still. Und wer nicht meiner Meinung ist, ist Rääächts! Dass solche Gestalten es inzwischen bis zu TE – moment, das war ja ‘Tägliche Einzelfälle’ – also Tichys Einblick geschafft haben, ist bezeichnend. Nicht das erste Mal, dass dort gegen die untersten sozialen Kartoffel-Schichten gehetzt wird.

  10. Das ist die Art von Hilfe, die in erster Linie dem Helfenden hilft (sich gut zu fühlen). Manch einer, der abgelehnt hat, hatte vielleicht gerade vorher schon gegessen. Und DEN Obdachlosen gibt es nun mal nicht. Es sind Individuen und darunter gibt es “so ‘ne und solche” – da kann auch mal ein Unsympath dabei sein. Obdachlos heißt auch erst einmal nur, dass man keine Wohnung hat – das bedeutet nicht zwangsläufig, dass man hungert. Es kommt mir bald so vor, als wollte die Dame sie füttern wie Tiere im Streichelzoo.