Butscha neu aufgerollt: Russische Untersuchung greift die offizielle Opferliste an

Butscha neu aufgerollt: Russische Untersuchung greift die offizielle Opferliste an

Redaktionelle Bildmontage, angelehnt an die Gedenkwand von Butscha mit Bildmaterial aus dem im September 2026 veröffentlichten russischen Untersuchungsbericht, der einzelne Namen der Gedenktafel mit ukrainischen Militär-, Gedenk- und biografischen Quellen vergleicht (Foto:KI/Globalbridge)

Maria Sacharowa wirft London und westlichen Medien eine gezielte „False Flag“ zum Fall Butscha  vor. Die neue Moskauer Untersuchung greift einen der symbolträchtigsten Fälle des Ukrainekriegs an der empfindlichsten Stelle an: Bei den Namen der Toten. Auf der Gedenkwand in Butscha als Zivilopfer geführte Personen werden darin als Soldaten, Territorialverteidiger oder an anderen Orten Getötete identifiziert. Damit gewinnt ein alter Streitpunkt neue Schärfe. Auf welcher Tatsachengrundlage wurde Russland 2022 so schnell und so eindeutig verurteilt? Am 17. September 2026 stellte Maxim Grigorjew, Direktor der Russischen Stiftung zur Erforschung von Problemen der Demokratie und Leiter des „Internationalen Öffentlichen Tribunals zu Verbrechen ukrainischer Neonazis“, bei TASS eine neue Untersuchung vor. Der 21-seitige Bericht trägt den Titel „Erben Goebbels’ – Fälschung der Ereignisse in Butscha und blutige Inszenierungen des Kiewer Regimes“.

Ausgangspunkt ist die Gedenkwand an der Kirche des Apostels Andreas in Butscha. Das ukrainische Präsidialamt erklärte dazu am 31. März 2024 ausdrücklich, das Mahnmal enthalte zu diesem Zeitpunkt 509 Namen identifizierter Zivilisten, weitere Tafeln seien noch ohne Namen. Grigorjews Untersuchung glich Namen auf der Gedenkwand mit ukrainischen Militärdatenbanken, kommunalen Veröffentlichungen, Gedenkseiten, sozialen Netzwerken und Medienberichten ab. Nach Darstellung der Autoren finden sich darunter reguläre Soldaten, Angehörige der Territorialverteidigung und anderer bewaffneter Formationen, Menschen, die außerhalb der Stadt Butscha in Kampfhandlungen starben, sowie mindestens ein krankheitsbedingter Todesfall. Da den Autoren keine vollständige konsolidierte Opferliste vorlag, verwendeten sie die mehr als 500 Namen der Gedenkwand als den einer offiziellen Liste am nächsten kommenden Datensatz. Ein erheblicher Teil der Recherche lässt sich anhand ukrainischer Quellen unabhängig überprüfen.

“Während eines Kampfauftrags ums Leben gekommen”

Der Bericht stellt die Biografien von 31 Menschen gegenüber, die auf der Gedenkwand als „friedliche Zivilisten“ aufgeführt sind. Nach Angaben der Autoren waren sie jedoch Militärangehörige, Mitglieder der Territorialverteidigung oder anderer bewaffneter Formationen beziehungsweise aktiv an Kampfhandlungen beteiligt. Nur Halyna Semeniuk wird als Zivilistin geführt. Sie sei krankheitsbedingt gestorben. Jewhen Petrasch ist eines der Beispiele. Die ukrainische Erinnerungsplattform “memorial.ua” führt ihn nicht als Zivilisten, sondern als Militärangehörigen. Petrasch gehörte einer separaten Asow-Einheit und den Spezialoperationskräften der ukrainischen Streitkräfte an. Er war Gefreiter und Maschinengewehrschütze. Laut ukrainischer Quelle fiel er am 3. März 2022 bei der Verteidigung der Region Kiew in Worzel und wurde später auf dem Lukjaniwske-Militärfriedhof in Kiew beigesetzt.

Anatolij Korytko wird ebenfalls bei “memorial.ua” als ukrainischer Soldat geführt. Er fiel am 3. März bei der Verteidigung Butschas. Noch genauer dokumentiert ist Witalij Fesjuk. Die Stadt Butscha bezeichnet ihn offiziell als „Aufklärer und Feuerleitbeobachter“, der am 27. Februar 2022 während eines Kampfauftrags ums Leben kam. Die Webseite schreibt, Fesjuk habe eine Uniform, einen Rucksack und eine Waffe erhalten, russische Militärtechnik gezählt und deren Bewegungen über Telegram weitergegeben. Die Plattform führt ihn ausdrücklich als Angehörigen der ukrainischen Streitkräfte und als Freiwilligen.

Todesort außerhalb Butschas

Auch die Kommune selbst dokumentiert mehrere Fälle, die für die pauschale Kategorie „Zivilisten“ nicht in Frage kommen. Die „Ehrenbürgerliste“ von Butscha bezeichnet Wolodymyr Bisaha, Andrij Werbowyj, Wolodymyr Kowalskyj, Denys Rudenko und Swjatoslaw Turowskyj ausdrücklich als Teilnehmer der Kampfhandlungen in Butscha während des russischen Einmarsches. Eine ukrainische Lokalrecherche über das Massengrab bei der Andreaskirche hält fest, dass dort neben überwiegend zivilen Toten auch sechs ukrainische Verteidiger bestattet worden waren – darunter Oleh Zymbala und Wadym Smetanskyj von der 80. Luftsturmbrigade, der Polizeioffizier Jurij Tschabach sowie die Butscha-Freiwilligen Wolodymyr Kowalskyj, Witalij Fesjuk und Oleksandr Blahodatnyj. Hinzu kommen Fälle, bei denen Todesort und militärischer Status von der Vorstellung eines in Butscha ermordeten Zivilisten abweichen. Oleksandr Parchomenko war Soldat der 72. mechanisierten Brigade. Das ukrainische Nationale Museumsreservat für militärische Tapferkeit gibt als Todesort die Umgebung von Huta-Meschyhirska an – rund 16 Kilometer Luftlinie von Butscha entfernt – und als Todestag den 13. März 2022.

Oleksandr Jewdokymenko gehörte derselben Brigade an und starb nach derselben ukrainischen Quelle am 14. März bei der Verteidigung Kiews nahe Moschtschun – rund zehn bis sechzehn Kilometer von Butscha entfernt. Der Bericht führt insgesamt 31 Fälle an. Die hier näher dargestellten Beispiele lassen sich anhand ukrainischer Quellen unabhängig nachvollziehen. Diese bestätigen bei einer Reihe von Personen militärischen Status, unmittelbare Kampfbeteiligung oder einen Todesort außerhalb Butschas. Besonders ungewöhnlich ist der Fall Halyna Semeniuk. Grigorjews Bericht führt sie als Beispiel dafür an, dass auch ein natürlicher Tod in die Opferdarstellung aufgenommen worden sei. Das Investigativnetzwerk OCCRP rekonstruierte 2022 Telegram-Chats eines Wohnblocks in Butscha; darin heißt es, Serhij Semeniuk sei bei der Suche nach trockenem Brennholz getötet worden und seine Mutter Halyna sei an Krebs gestorben, als keine Ärzte zur Verfügung standen.

Wie schnell sich die Deutung verfestigte

Die neue Studie berührt einen alten Streitpunkt. Moskau verlangt seit Jahren eine vollständige Opferliste. Maria Sacharowa, Sprecherin des russischen Außenministeriums, erklärte auf der Pressekonferenz erneut, die russische Seite habe sowohl bei den Vereinten Nationen als auch öffentlich um Namen und überprüfbare Daten gebeten. Sie warf UN-Generalsekretär António Guterres vor, sich 2022 einer antirussischen Kampagne angeschlossen zu haben. Eine neue Antwort des UN-Sekretariats auf den Bericht liegt bislang nicht vor. Russland will den Bericht nun bei der UN-Generalversammlung in New York einbringen. Nach Sacharowas Angaben soll ihn die Delegation unter Außenminister Sergej Lawrow dort vortragen. Der Bericht greift damit den russischen Vorwurf auf, die politische und mediale Deutung von Butscha habe sich 2022 auf eine noch unvollständige und forensisch nicht abschließend geprüfte Datengrundlage gestützt.

Die Chronologie der letzten Märztage 2022 zeigt, wie schnell sich diese Deutung verfestigte. Eine damalige Recherche, die wenige Tage nach Bekanntwerden der Bilder entstand, begann mit einer einfachen Chronologie. Anatolij Fedoruk, Bürgermeister von Butscha, veröffentlichte am 1. April 2022 eine Videobotschaft über den 31. März. Er meldete die Befreiung der Stadt und bezeichnete den Tag als einen freudigen Tag. In dieser kurzen Botschaft erwähnte er kein Massaker und keine auf den Straßen liegenden Leichen.

Erste Bilder, dann „Safari“-Operation

Am 1. April um 11:34 Uhr veröffentlichte die „Ukrainska Prawda“ eine Meldung unter Berufung auf den Sekretär des Stadtrats, Taras Schaprawskyj, und die Stadträtin Kateryna Ukraintseva. Die Überschrift lautete, eine Rückkehr nach Butscha sei “noch gefährlich“. Die Begründung: Es sei nicht nur auf Minen und Sprengfallen zu achten; Schaprawskyj erklärte, ein erheblicher Teil der russischen Kräfte sei zwar abgezogen, es befänden sich angeblich jedoch noch Sabotagegruppen und als Zivilisten verkleidete russische Militärangehörige in der Stadt. Die Bevölkerung solle auf die vollständige Befreiung und die anschließende Räumung warten und die Häuser nicht verlassen. Noch am Abend des 1. April erschien allerdings in ukrainischen Telegram-Kanälen das erste bekannte Video mit Toten auf der Jablunska-Straße. „Meduza“ konnte nicht feststellen, wer die Aufnahmen gemacht hatte. Nach ihrer Rekonstruktion dürften sie tagsüber entstanden sein. Damit ist belegt, dass zumindest ein Teil der später dokumentierten Leichen bereits vor der „Safari“-Operation am 2. April auf der Jablunska-Straße lag.

Am 2. April um 19:25 Uhr meldete “lb.ua” unter Berufung auf die ukrainische Nationalpolizei, das Spezialregiment „Safari“ habe in Butscha eine „Säuberungsoperation“ gegen Saboteure und Helfer Russlands begonnen. Die Einheit bestand laut Mitteilung aus Spezialpolizei, KORD, taktischen Polizeieinheiten und Sprengstoffexperten. Höfe und Schutzräume sollten kontrolliert, Einwohner befragt und nicht detonierte Munition beseitigt werden. Die Operation fiel damit in jene Phase, in der die ersten Bilder aus Butscha international verbreitet wurden.

Was folgte, bleibt ungeklärt

Am selben Tag befanden sich auch Angehörige einer anderen ukrainischen bewaffneten Gruppe in der Stadt, die sogenannten „Botsman Boys“ um Sergei Korotkikh (Kampfname „Botsman“=. Korotkikh, ein früherer Asow-Kämpfer mit dokumentiertem Hintergrund in der russischen und belarussischen Neonazi-Szene und später im ukrainischen Asow-Milieu, hatte die Formation nach eigenen Angaben im Februar 2022 aus ehemaligen Asow-Angehörigen und Aktivisten nahestehender Gruppen zusammengestellt. Nach einer Rekonstruktion von „Meduza“ waren Mitglieder seiner Einheit am 2. April in Butscha und filmten unter anderem auf der Woksalna-Straße, weniger als 500 Meter von jenem Abschnitt der Jablunska-Straße entfernt, auf dem zahlreiche Tote gefunden wurden. Nach den von Korotkikh selbst an „Meduza“ übergebenen Metadaten entstand das bekannte Video am 2. April um 13.47 Uhr. Korotkikh erklärte, selbst nicht in Butscha gewesen zu sein; gefilmt hätten seine Männer „Kuma“ und „Franzuz“. Sie seien lediglich „auf der Durchfahrt“ gewesen.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt ein über seinen Telegram-Kanal veröffentlichtes Video. Darin ist die Frage eines Kämpfers zu hören: „Da sind Leute ohne blaue Armbinden – dürfen wir auf sie schießen?“ Die Antwort fällt zustimmend aus. Dass diese Passage im Originalvideo enthalten ist, bestätigte später auch das ukrainische Faktenchecker-Projekt „VoxCheck“. Was daraus folgte, bleibt dagegen ungeklärt. Die „New York Times“ berichtete am 2. April, ihre Reporter hätten sechs zivile Leichen auf Straßen und Gehwegen gezählt. Die Todesumstände seien zu diesem Zeitpunkt unklar gewesen. Neben einem Mann mit Kopfschuss lag die weggeworfene Verpackung einer russischen Militärration. Wem sie gehörte und wie sie dorthin gelangte, blieb ungeklärt.

Zu früh für Gewissheit

Mehrere Tote trugen weiße Stoffbänder. „Reuters“ lieferte dafür eine Erklärung: Acht Bewohner eines Wohnkomplexes in Butscha sagten der Agentur, russische Soldaten hätten die Einwohner angewiesen, weiße Armbinden zu tragen, damit sie als Zivilisten erkannt würden. Parallel verdichtete sich am 2. und 3. April die internationale Berichterstattung. Zu den ersten Veröffentlichungen gehörten mehrere britische oder in Großbritannien ansässige Medien. Louise Callaghan schrieb in der „Sunday Times“ unter der Überschrift „Leichen verstümmelter Kinder unter den Schrecken, die die Russen hinterließen“. Olga Rudenko vom „Kyiv Independent“ veröffentlichte am 3. April den Beitrag „Hunderte ermordete Zivilisten entdeckt, während sich russische Truppen aus Städten bei Kiew zurückziehen“. Valentyna Romanenko von „Ukrainska Prawda“ stellte noch am selben Morgen den Bezug zu Srebrenica her: „Wolltet ihr ein weiteres Srebrenica? Seid ihr mit dem Grauen von Butscha zufrieden?“ Grundlage war ein Telegram-Beitrag von Mychajlo Podoljak, damals Berater des Leiters des ukrainischen Präsidialamtes.

Auch die englischsprachige Wikipedia-Seite zum Titel „Bucha massacre“ wurde in der Nacht zum 3. April 2022 angelegt. Die Täterfrage war medial bereits weitgehend beantwortet, während eine forensische Untersuchung erst bevorstand. Am 3. April erklärte der damalige britische Premierminister Boris Johnson, Putin und seine Armee begingen Kriegsverbrechen. Außenministerin Liz Truss sprach von entsetzlichen Handlungen und forderte Untersuchungen. Human Rights Watch hingegen formulierte am 5. April vorsichtiger: Es sei noch zu früh, über viele Todesfälle mit Gewissheit zu urteilen.

Londoner Geschäftsadressen

Der „Kyiv Independent“, dessen Chefredakteurin Olga Rudenko zu den frühen Autoren gehörte, war damals erst wenige Monate alt. Der „European Endowment for Democracy“ (EED), eine 2013 von der EU und ihren Mitgliedstaaten gegründete und formal unabhängig organisierte Förderinstitution, beschreibt die Entstehung des Mediums selbst: Ein EED-Nothilfefonds und Crowdfunding ermöglichten den Start. Am 6. Dezember 2021 wurde der „Kyiv Independent“ gemeinsam mit „Jnomics Media“ gestartet. CEO Daryna Schewtschenko erklärte, es habe ein englischsprachiges Medium gebraucht, das als „Brücke zwischen der Ukraine und der Welt“ fungieren könne.

„Jnomics“ sitzt in London und das britische Handelsregister führt die „Jnomics Media Ltd.“ seit dem 17. April 2019 mit einer Londoner Geschäftsadresse. Auch eine „Kyiv Independent Media Ltd.“ wurde am 9. Dezember 2021 in England registriert. Direktoren sind Jakub Parusinski und Olga Rudenko. Jnomics arbeitete außerdem mit „Ukrainska Prawda“. Auf der Partnerliste erscheinen unter anderem BBC, European Endowment for Democracy, die “Deutsche Welle”, die Thomson Reuters Foundation und “Internews”. Human Rights Watch (HRW) erklärte, die Organisation sei am 4. April zunächst im Rahmen einer von der ukrainischen Regierung organisierten Pressetour nach Butscha gelangt; wegen der Sicherheitslage sei der Zugang auf diese Weise geregelt gewesen. Anschließend habe HRW mehrere Orte an der Jablunska-Straße ohne Begleitung besucht und sich vom 5. bis 10. April eigenständig gearbeitet.

Aufnahmen klären weder Status noch Täterschaft

Ein weiterer Streitpunkt waren damals die Satellitenbilder des US-Erdbeobachtungsunternehmens „Maxar Technologies“. Seine hochauflösenden Aufnahmen werden von staatlichen, kommerziellen und medialen Kunden genutzt und spielten 2022 eine zentrale Rolle bei der zeitlichen Einordnung der Leichen auf der Jablunska-Straße. Russland verfügte 2022 ebenfalls über eigene zivile und militärische Erdbeobachtungssatelliten. Öffentlich zugängliche russische Aufnahmen der Jablunska-Straße für die entscheidenden Märztage sind bislang jedoch nicht auffindbar. „Maxar“ stellte „Reuters“ Aufnahmen aus dem März zur Verfügung, auf denen Objekte an der Jablunska-Straße zu erkennen sind, die später an denselben Stellen als Leichen dokumentiert wurden.

Der russische Telegram-Kanal „Rybar“ bestritt die Datierung einzelner Bilder und argumentierte mit Schatten und Bodenbeschaffenheit. Gegen diese Datierungskritik sprechen Rohaufnahmen einer Drohne der „Botsman Boys“, die Sergei Korotkikh selbst dem russischen Exilmedium „Meduza“ übergab. Nach Prüfung der Metadaten und zusätzlicher zeitlicher Einordnung durch zwei Experten kam „Meduza“ zu dem Ergebnis, dass die erste Aufnahme mit Körpern spätestens am 26. März entstanden sein müsse. Die Positionen stimmen offenbar mit den späteren Bodenaufnahmen vom 1. und 2. April überein. Damit sei belegt, dass zumindest ein Teil der später fotografierten Toten bereits vor dem russischen Abzug auf der Jablunska-Straße lag. Die Aufnahmen klären jedoch weder Identität und Status jedes einzelnen Toten noch Todesursache und konkrete Täterschaft. An dieser Ebene setzt die neue Grigorjew-Untersuchung an – bei der Zuordnung der Opfer zu den Kategorien, unter denen sie in Butscha geführt werden.

Ein wiederkehrendes Muster

Der zweite Teil des russischen Berichts enthält Aussagen von 16 namentlich genannten Zeugen aus Lyssytschansk, Wuhledar, Kurachowe, Awdijiwka, Torezk und weiteren Orten. Mehrere berichten, Journalisten seien auffallend kurz vor oder nach Beschuss eingetroffen. Hinweise auf ukrainische Feuerstellungen seien nicht aufgegriffen worden. Einige Zeugen behaupten darüber hinaus, Beschuss sei gezielt für Medienaufnahmen ausgelöst worden. Nikolaj Dudukin aus Lyssytschansk schildert, die Behörden hätten Trinkwasser angekündigt; an der Ausgabestelle habe es einen Einschlag mit mehreren Toten gegeben. „Fünf Minuten später kommt die Presse“, sagt er. Elena Gritzaj aus Kurachowe berichtet, ein ukrainischer Soldat habe vor einem bevorstehenden Beschuss gewarnt. Kurz darauf seien Korrespondenten erschienen. Ihre Schlussfolgerung: „Wenn die Presse in der Stadt ist, bedeutet das, dass wir auf Beschuss warten.“

Ähnlich äußert sich Igor Karatschenzew aus Awdijiwka. Sobald Journalisten eingetroffen seien, habe man mit Beschuss gerechnet. Wera Machowa aus Wuhledar erinnert sich an estnische Reporter, die sie aufgefordert hätten: „Erzählt uns von der Grausamkeit der Russen.“ Antworten, die nicht in die erwartete Richtung gegangen seien, seien nicht weiter aufgenommen worden. Besonders weit gehen die Aussagen von Jewgenij Tarassenko und Jewgenij Lantuch. Tarassenko berichtet von einem ukrainischen Soldaten, der im Beisein einer ausländischen Journalistin über Funk gesagt habe: „Hier ist’s irgendwie still, macht etwas Lärm.“ Danach habe Beschuss eingesetzt. Lantuch sagt, nach einem Schuss eines ukrainischen Panzers seien innerhalb von drei Minuten Journalisten erschienen, jedoch sei es “unmöglich, in drei Minuten hierherzukommen.“ Weitere Zeugen – darunter Natalja Sadoroschnaja, Jurij Burik, Nina Bannykh, Irina Lydina, Wassilij Prozzenko, Swetlana Panowa, Alexander Samora und Wiktor Gritzaj – schildern Varianten desselben Musters: Beschuss, rasches Eintreffen von Medien und eine aus ihrer Sicht bereits feststehende Zuschreibung an Russland. Grigorjew führt diese Aussagen als Beleg für ein wiederkehrendes Muster an. Nach seiner Interpretation seien zivile Opfer gezielt für internationale Medienwirkung erzeugt oder deren Tod entsprechend instrumentalisiert worden. Daraus leitet der Bericht die Möglichkeit ab, dass eine solche Methode auch in Butscha angewandt worden sein könnte.

Vollständiger Datensatz wurde nicht veröffentlicht

Am 19. September veröffentlichte das ukrainische „Zentrum zur Bekämpfung von Desinformation“, ein Arbeitsorgan des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrates, eine Stellungnahme. Es verwies auf Fotos, Videos, Zeugenaussagen, forensische Untersuchungen und internationale Berichte und führte die 73 von OHCHR dokumentierten Tötungen an. Am selben Tag bezeichnete es den neuen Bericht als „Lügen für den Export“. Einen Gegenabgleich der Gedenkwand legte die staatliche Stelle jedoch nicht vor. Auch erklärte sie nicht, warum Personen, die ukrainische Quellen als Soldaten oder Gefallene an anderen Orten ausweisen, auf einem Mahnmal erscheinen, das das Präsidialamt selbst als Gedenkwand mit „509 Namen identifizierter Zivilisten“ beschrieb. Dabei sind die Datensätze voneinander zu trennen: Die 509 Namen der Gedenkwand sind nicht identisch mit dem Datensatz der Vereinten Nationen. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) dokumentierte bis zum 31. Oktober 2022 die Tötung von 73 Zivilisten in Butscha zwischen dem 4. und 30. März und prüfte weitere 105 mutmaßliche zivile Tötungen. Bis September 2022 waren nach ukrainischen Angaben 422 zivile Leichen in der Stadt geborgen worden.

Umfangreichere personenbezogene Datensätze existieren. Der Leiter der Archivabteilung des Stadtrats von Butscha, Ihor Bartkiw, erklärte 2025 gegenüber „BBC Russian“, seine Behörde führe Register über Tote, Vermisste und Gefangene. Für die Stadt Butscha nannte er 381 Tote, für die gesamte territoriale Gemeinde 554. Die Veröffentlichung einer vollständigen Namensliste sei jedoch Sache der Ermittlungsbehörden. Die BBC merkte dazu selbst an, die Ukraine sollte eine vollständige offizielle Liste der Butscha-Toten veröffentlichen – auch gegenüber den Vereinten Nationen. Eine 2025 veröffentlichte Dokumentation der ukrainischen Redaktion von „Radio Svoboda“ griff auf Teile dieser Daten zurück. Für die Jablunska-Straße rekonstruierte sie anhand von Überwachungsvideos, Drohnenbildern und Daten der Archivabteilung mindestens 62 Todesfälle allein zwischen dem 3. und 6. März. Im Abspann heißt es, Karten und Opferliste beruhten auf den Recherchen von Bartkiw und Dmytro Habtschenko. Der vollständige zugrunde liegende Datensatz wurde mit der Dokumentation jedoch nicht veröffentlicht.

Resonanz äußerst begrenzt

Etwas weiter geht ein Meinungsbeitrag der „Kyiv Post“ vom 18. September dieses Jahres: Er stellt die Unabhängigkeit des Grigorjew-Berichts infrage und argumentiert, manche als Kämpfer bezeichnete Menschen könnten Zivilisten gewesen sein, die ihre Stadt verteidigten. Völkerrechtlich ist diese Gegenüberstellung jedoch unvollständig. Zivilpersonen verlieren für die Dauer ihrer unmittelbaren Teilnahme an Feindseligkeiten den Schutz vor direktem Angriff. Geschützt bleiben Gefangene und andere Personen, die außer Gefecht sind. Ihre vorsätzliche Tötung ist verboten. Auch der Beitrag der „Kyiv Post“ legt keinen systematischen Gegenabgleich der genannten Personen vor. Dieselbe Dokumentation beschreibt die acht später getöteten Männer von Jablunska 144 als örtliche Selbstverteidigungsgruppe. Einige hätten Lebensmittel verteilt, Sandsäcke für einen Kontrollpunkt vorbereitet, Wache gehalten und bei Evakuierungen geholfen. Gemeinsam hätten sie über ein Gewehr verfügt. Andrij Matwijtschuk sei der örtlichen Territorialverteidigung beigetreten. Die Stadt Butscha führt zudem mehrere Angehörige dieser Gruppe – darunter Andrij Werbowyj, Denys Rudenko und Swjatoslaw Turowskyj – selbst als Teilnehmer der Kampfhandlungen. Deshalb müssten in einer belastbaren Opferliste die Kategorien „Zivilist“, „Kampfteilnehmer“ und „Gefangener“ getrennt ausgewiesen werden.

Die Vereinten Nationen reagierten ebenfalls am 18. September. Sprecher Stéphane Dujarric erklärte während des täglichen Pressebriefings, „was Butscha betrifft, denke ich, dass unsere Position gut dokumentiert ist“. Russland habe die Frage wiederholt aufgeworfen, und es gebe dafür Verfahren. „Die Fragen sind dieselben, und unsere Antworten sind dieselben.“ Auf einzelne Namen oder die im Bericht vorgelegten Zuordnungen ging er nicht ein und kündigte keine Neubewertung an. Bis zum Redaktionsschluss blieb die Resonanz auf den neuen Bericht in europäischen Leitmedien äußerst begrenzt. Eine Ausnahme war das portugiesische Nachrichtenmedium „Observador“, das über die Untersuchung und zentrale Aussagen des Berichts berichtete. Auch bei „Reuters“, „BBC“, „ARD“, „Deutsche Welle“ und „Le Monde“ war bis zum Redaktionsschluss keine redaktionelle Berichterstattung über den am 17. September vorgestellten Grigorjew-Bericht auffindbar.

Wie belastbar ist die Sammelkategorie?

Maria Sacharowa erklärte bei der Vorstellung, Moskau verfüge nun über „Zahlen und Fakten“, die nach russischer Auffassung eine Neubewertung von Butscha erlaubten. Die gesamte Geschichte um Butscha sei „eine durch und durch und sehr unverschämte Fälschung“, in der der BBC und dem westlichen Journalismus eine Schlüsselrolle zugewiesen worden sei – und das „im Auftrag der britischen Regierung“. Großbritannien sei der zentrale Organisator gewesen. Ziel sei es gewesen, die Istanbuler Verhandlungen zu stören und eine mögliche Verhandlungslösung zu verhindern. Butscha sei danach zu einem „Wallfahrtsort“ westlicher Politiker und Journalisten geworden. Trotz wiederholter russischer Anfragen habe weder die UN noch die ukrainische Seite oder westliche Medien eine vollständige, überprüfbare Opferliste vorgelegt.

Vier Jahre nach Butscha beginnt nun die nächste belastbare Prüfung bei den 509 Namen. Für jeden müssten ziviler oder militärischer Status, Todesdatum, Todesort, dokumentierte Todesursache und Quelle der Klassifizierung veröffentlicht werden. Zusätzlich müsste ausgewiesen werden, welche Personen in den 73 von OHCHR dokumentierten Tötungsfällen und in anderen Ermittlungsdatensätzen enthalten sind. Die Existenz dokumentierter Tötungen in Butscha steht damit nicht insgesamt zur Disposition; offen bleibt jedoch, wie belastbar die öffentlich verwendete Sammelkategorie der 509 „identifizierten Zivilisten“ tatsächlich ist und ob darin unterschiedliche Opfergruppen zusammengeführt wurden. Eine Aufarbeitung dieser Tragweite darf nicht bei einer Zahl enden. Sie muss bei jedem einzelnen Namen beginnen.


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Dieser Beitrag erschien zuerst auf “Globalbridge”. 

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4 Kommentare

  1. Es ist eine Untersuchungskommission erforderlich, um die Angelegenheit gründlich zu prüfen.

    Diese Kommission wird jahrelang beschäftigt sein und am Ende nichts brauchbares zustande gebracht haben. Außer der Erkenntnis, daß noch weitere Untersuchungen notwendig sind.

    Gäbe es ein klares Ergebnis, wäre die Kommission ihre Existenzgrundlage los. Das darf nicht geschehen, denn dann wären die Kommissare arbeitslos.

    Das gilt auch für alle anderen sogenannten Untersuchungskommissionen.
    😜

  2. Was Politik und Medien der Öffentlichkeit alles als „hybriden Krieg Russlands gegen Europa“ verkaufen
    Sterne, Vögel, Störsignale

    „Politik und Medien in Europa behaupten, Russland führe einen hybriden Krieg gegen Europa. Wenn man jedoch die einzelnen Vorfälle anschaut, dann stellt man fest, dass es nirgendwo einen Hinweis auf eine russische Beteiligung gibt, dafür aber viele Beweise dafür, dass Russland damit nichts zu tun hatte.
    Politik und Medien schüren seit Jahren eine wahre Kriegshysterie, indem sie Russland die Führung eines hybriden Krieges gegen Europa vorwerfen. So haben die Medien beispielsweise fast ein Jahr lang breit berichtet, Russland habe Kabel in der Ostsee sabotiert, aber als sich herausstellte, dass die Vorfälle natürlichen Ursprungs waren und dass es keine „russische Spur“ gab, sahen die Medien keine Notwendigkeit, ihre vorherigen Berichte richtigzustellen und ihr Publikum darüber zu informieren.

    Danach wurden die angeblichen russischen Sabotageakte gegen Unterseekabeln in der Ostsee durch Vorfälle mit angeblich russischen Drohnen ausgetauscht, über die die Medien ab etwa September 2025 zu berichten begannen. Seitdem wird jede Drohnensichtung in Europa Russland angedichtet, auch wenn es dafür keinen einzigen Beleg gibt. Dass die Ermittlungen bei sehr vielen der Drohnenvorfälle hinterher ergeben, dass Russland nichts damit zu tun hatte, verschweigen die Medien genauso, wie das schon bei den Unterseekabeln getan haben.
    Sterne, Vögel, Störsignale: Wovor Europa sich erschrocken und es für russische Drohnen gehalten hat“
    weiterlesen:
    https://anti-spiegel.ru/2026/was-politik-und-medien-der-oeffentlichkeit-alles-als-hybriden-krieg-russlands-gegen-europa-verkaufen/

    1. Ja, Röper lässt sich immer gut Lesen. Meistens interessante Artikel die er schreibt, allerdings kann man ihn nicht als neutralen Berichterstatter bezeichnen. Allerdings schießt er auch mal öfters weit übers Ziel hinaus. In wie weit man seinen Artikeln Glauben schenkt, kommt auf die eigene Einstellung zu Russland und Putin an. Tagesschauzuseher werden ihm eher nicht Glauben, viele andere werden im Glauben, weil Sie ihm Glauben möchten. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir von allen Seiten belogen werden

  3. @Auf welcher Tatsachengrundlage wurde Russland 2022 so schnell und so eindeutig verurteilt?
    Politisches Interesse !
    Kennen sie die Prinzipien der Kriegspropaganda/Kriegsführung:
    1 Wir wollen keinen Krieg!
    2 Der Gegner ist allein für den Krieg verantwortlich!
    3 Der Führer des feindlichen Lagers wird dämonisiert
    4 Wir verteidigen ein edles Ziel und keine besonderen Interessen!
    5 Der Feind begeht wissentlich Grausamkeiten, wenn wir Fehler machen, geschieht dies unbeabsichtigt
    6 Der Feind benutzt unerlaubte Waffen
    7 Wir erleiden geringe Verluste, die Verluste des Feindes sind erheblich
    8 Anerkannte Kulturträger und Wissenschaftler unterstützen unser Anliegen
    9 Unser Anliegen hat etwas Heiliges
    10 Wer unsere Propaganda in Zweifel zieht, arbeitet für den Feind und ist damit ein Verräter

    Oder auch die Aussage von Sefton Delmer, ehemaliger britischer Chefpropagandist nach der Kapitulation 1945 zu dem deutschen Völkerrechtler Prof. Grimm :
    „Jeder Griff ist erlaubt.
    Je übler, umso besser.
    Lügen, Betrug – alles.

    Allerdings scheinen die Russen in einer besseren Ausgangssituation zu sein als Deutschland : Die Propaganda der Alliierten wird durch den Überleitungsvertrag Art. 7.1 als OFFENSICHTLICHE TATSACHEN vom „deutschen‘ Strafrecht geschützt.)

    Man muß bei solchen Dingen immer und überall den politischen Hintergrund mit einbeziehen – und das nicht nur in der Ukraine, sondern auch an anderen Stellen, sei da nur Bosnien oder Afghanistan als Beispiele genannt !

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