China neu denken: Weder Kommunismus noch Kapitalismus, sondern Leistungsmeritokratie

China neu denken: Weder Kommunismus noch Kapitalismus, sondern Leistungsmeritokratie

Fahrerloser Lkw in China (Bild: Felix Abt)

Fast alles, was man in westlichen Medien über China liest, erweist sich bei näherem Hinsehen als falsch. Nein, es gibt kein „Sozialkreditsystem“. Und nein, der chinesische Präsident fürchtet sich nicht vor Winnie Puh. Tatsächlich kann man Winnie Puh sogar auf Knopfdruck in allen Größen und Farben frei Haus auf Knopfdruck bestellen, von Plüschfiguren bis Fanbildchen. Auch die gängigen Erzählungen zur Pandemie stimmen nicht: Weder gab es in China einen „totalen Lockdown“ noch eine Masken- oder gar Impfpflicht. Das bestätigte mir Jerry Grey, der während der Covid-Zeit Tausende Kilometer und Dutzende Städte mit dem Fahrrad durchquerte, im Gespräch.

Ein weiteres Beispiel betrifft Xinjiang: Die Uiguren und Kasachen, die ich dort kürzlich traf, sprachen lieber – und oft auch besser – ihre Muttersprache als Mandarin. Anders als Millionen Ukrainer mit russischer Muttersprache, die ihre Kultur und Sprache nicht frei ausüben dürfen, ist in Xinjiang die eigene Identität sichtbar und präsent: Uigurisch begegnet einem überall, und Minderheiten können ihre Sprache und Traditionen uneingeschränkt leben.

In der U-Bahn von Urumqi: Ich bat die Uigurinnen, die mir gegenüber saßen, um ein Foto – sie stimmten sofort zu. Links weist eine kleine grüne Tafel in Uigurisch, Mandarin und Englisch auf die „Courtesy Seats“ für Behinderte, Mütter mit Kindern und ältere Menschen hin. (Foto:Felix Abt).

Und auch die Wirtschaft hängt nicht am Gängelband der Kommunistischen Partei. Im Gegenteil: Jensen Huang, Gründer und CEO von NVIDIA, dem unbestrittenen Marktführer für Mikrochips, die für Künstliche Intelligenz und Deep Learning eingesetzt werden, bezeichnete China sogar als „unterreguliert“ – sprich: Unternehmer genießen dort mehr Freiheit als in den USA, von Deutschland ganz zu schweigen. All das werden Sie in westlichen Medien nicht erfahren.

Vom zentralen Plan zur globalen Marktmacht

Vor fünfzig Jahren wurde das Wirtschaftsleben in China und der Sowjetunion noch von zentralen Planern bestimmt. Heute ist China der weltweit größte Exporteur und fest in den globalen Marktkapitalismus eingebunden. Doch was verbirgt sich eigentlich hinter dem Schlagwort „Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten“? In “The New China Playbook: Beyond Socialism and Capitalism” beschreibt die in Harvard ausgebildete chinesische Professorin Keju Jin ein System, das sie „Bürgermeister-Ökonomie“ nennt: Lokale Funktionäre wetteifern darum, private Unternehmen zu fördern, die den Zielen der Kommunistischen Partei entsprechen.

Sie unterstützen die Firmen dabei, geeignetes Land und Produktionsstandorte zu finden, Kredite von Banken zu erhalten, Steuervergünstigungen oder -befreiungen zu sichern und weitere Vorteile zu nutzen. Jeder Fünfjahresplan setzt neue Schwerpunkte – vom Wirtschaftswachstum über den Umweltschutz bis hin zur Förderung von Mikrochips und Künstlicher Intelligenz – und die Beamten werden streng an ihren Ergebnissen gemessen. Wer besonders erfolgreich ist, kann mit einer Beförderung rechnen.

Meritokratie statt Oligarchie

Die Partei gibt lediglich die große strategische Richtung vor, doch die Umsetzung hängt von einem dynamischen Zusammenspiel zwischen privaten Firmen, Staatsbetrieben und lokalen Behörden ab – alle im Wettbewerb, ehrgeizige Vorgaben zu erreichen. Auch Staatsbetriebe arbeiten nach marktwirtschaftlichen Regeln. Schon vor zwanzig Jahren erklärte mir der CEO eines großen Staatsunternehmens: „Mein Job ist, nachhaltige Rentabilität, kontinuierliche Produktinnovation und messbare Kundenzufriedenheit sicherzustellen. Wenn wir das nicht liefern, bin ich meinen Job los.“

Leistung, Wohlstand und Stabilität für alle: Darum geht es den staatlichen wie auch privaten Konzernen, um das Ringen darum hat Chinas Wirtschaft zu einem der dynamischsten Schauplätze weltweit gemacht – getrieben von unablässiger Innovation und technologischen Durchbrüchen. Gleichzeitig verfolgt die Führung das Ziel, Wohlstandsunterschiede zu verringern und das Ziel der „gemeinsame Prosperität“ (共同富裕, gòngtóng fùyù) zu erreichen.

Aufstieg nur der Fähigsten

Anders als westliche Plutokratien, die von Oligarchen geprägt sind, versteht sich China als Meritokratie – ein Thema, das ich auch in meinem Beitrag “When Imperial China Had a Vietnamese Prime Minister” beleuchtet habe. John L. Thornton, ehemaliger Vorsitzender von Goldman Sachs Asia, der regelmäßig mit chinesischen Spitzenpolitikern zusammentraf, sagt: „Die KPCh funktioniert eher wie eine meritokratische Elite als wie eine traditionelle Partei – vergleichbar mit der historischen Mandarinenklasse. Sie ist leistungsorientiert, ähnlich wie das US-Militär.

Man könnte annehmen, dass sich ein Parteienfilz wie in Deutschland etabliert, doch tatsächlich steigen in China nur die Fähigsten auf: Wer in den Staatsdienst eintreten möchte, muss das nationale Beamtenexamen (公务员考试, Gongwuyuan Kaoshi) bestehen, das Allgemeinwissen, Recht sowie sprachliche und analytische Fähigkeiten prüft. Auch spätere Beförderungen erfolgen nach Leistung – nicht nach Herkunft oder Einfluss.

Von China lernen heißt siegen lernen

Das Reich der Mitte zeigt, dass wirtschaftliche Dynamik, technologische Innovation und politische Stabilität kein Widerspruch sein müssen. Lokale Funktionäre, private Unternehmen und Staatsbetriebe wetteifern um messbare Ergebnisse, fördern Wachstum und Innovation und verfolgen zugleich das Ziel, Wohlstand für alle zu schaffen. Minderheiten können ihre Kultur und Sprache pflegen, während im Westen Milliardäre, Medieneliten und schwindendes Vertrauen die Politik dominieren.

Im Unterschied zur stetig wachsenden und prosperierenden chinesischen Mittelschicht – längst der größten der Welt – schrumpft die Mittelschicht im Westen, und die Demokratie driftet Richtung Oligarchie. Wer Chinas Mechanismen wirklich verstehen will, muss jenseits der verzerrten Schlagzeilen hinschauen. Heute könnte man ohne Übertreibung sagen: Von China lernen heißt siegen lernen – eine Anspielung auf den gescheiterten Slogan vergangener Jahrzehnte: „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen“. China jedoch hat frühzeitig seinen eigenen erfolgreichen Weg eingeschlagen.

10 Kommentare

  1. @“…doch tatsächlich steigen in China nur die Fähigsten auf:.. Auch spätere Beförderungen erfolgen nach Leistung – nicht nach Herkunft oder Einfluss. “
    Deswegen werden wir über die politischen Verhältnisse in China so belogen. Unsere politischen Flachzangen befürchten das auch das Leistungsprinzip bei uns eingeführt wird.

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    1. vor allem das Berlinistanbul,da darf ein Leistungssystem Linkergründings nicht eingeführt werden.Da die Linksgrünen Bildungsunterbrochenen das be_fürchten wie Linke_sozen den Durchmarsch von Rechtsgläubigen der blauen Fahnen!

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      1. Die Wahrheit liegt im der Mitte. Denn überall gibt es Korruption !

        Und auch in China gibt es Überproduktion. Gerade der Wechsel auf KI wird auch den Mittelstand in China einbrechen lassen.

        Wer als Unternehmer verkaufen will, braucht Kunden. Und wenn die Kunden weniger werden und mehr Konkurrenz auf den Markt kommt, dann wird es immer härter.

        Und immer nur der Innovation hinterherlaufen, bringt einen Unternehmer früh ins Grab.

    2. Wieder eingeführt, wieder! Denn auch hier gab es mal ein Leistungsprinzip. Hier gab es schon so viel! Auch Werte und ein ganz gutes Leben. Ja selbst Ehrlichkeit gab es hier einmal.

  2. Das wäre ja einzigartig, in der Menschheitsgeschichte, das es keine korrupten
    Eliten und keine Vettern Wirtschaft gibt.
    Das kann ich ehrlich gesagt nicht glauben.

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    1. Glaubens bedingt muss es so sein,wer nichts gelernt hat außer „sein“ heiligs Buch,sonst nichts weiss,fühlt sich allen überlegen,und verlangt dafür „Abgab€n“ , funktioniert in Religion und Politik !! Siehe Germoneystan hat Atheisten in Politik,Fanatiker mit Fachmessern auf der Jagt nach „den Wählern“ von oben gedeckt. = unsere Demokratie!! ähbäh pfui……

  3. Das wäre ja einzigartig, in der Menschheitsgeschichte, das es keine korrupten
    Eliten und keine Vettern Wirtschaft gibt.
    Das kann ich ehrlich gesagt nicht glauben.

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  4. Die Volksrepublik China ist schon seit längerem kein koomunistisches Land mehr. Das ist wohl richtig. Doch Kapitalismus gibt es weltweit schon seit der Steinzeit; denn zur Produktion von Gütern bedraf es des Einsatzes von Kapital und Boden. Das galt für die Sowjetunion oder die DDR gleichermaßen. Allein der Besitz der Prudktionsmittel oder die Verfügung dafür unterscheidet kapitalistische von kommunistischen Wirtschafstsystemen. China heute kennt den Privatbesitz, der sich allerdings auch nach staatlichen Vorgaben zu richten hat. Das entspäche dem Ideal des faschistischen Wirtschaftssystems.