„Christliches Abendland“: Kampf- oder Ausfluchtsbegriff?

„Christliches Abendland“: Kampf- oder Ausfluchtsbegriff?

Der Untergang des Abendlandes – jetzt auch begrifflich? (Symbolbild:Pixabay)

Wenn deutsche Bischöfe vor der „Konzeption eines christlichen Abendlands“ als “politischem Kampfbegriff” warnen, klingt das zunächst wie eine Selbstverständlichkeit: Religion soll nicht zur Waffe werden, christliche Symbolik nicht zur Ausgrenzung. Genau so begründet es die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) in ihrem Zwischenruf „Europa, zeig dich selbstbewusst! – Europa sei Friedens-, Freiheits- und Demokratieprojekt, und der Begriff „christliches Abendland“ greife theologisch und historisch zu kurz. Doch gerade an dieser Stelle muss sich unter konservativen Zeitgenossen Irritation breitmachen. Denn die Warnung ist nicht nur eine Grenzziehung gegen politische Instrumentalisierung. Sie ist zugleich ein Symptom: Die Kirche gerät in eine eigenartige Scheu vor dem eigenen kulturellen Erbe – und ersetzt Substanz durch Formelhaftigkeit. Das „Abendland“ wird nun nicht mehr als historisch gewachsene Ordnung verstanden, sondern nur mehr als Verdacht, als Codewort der Abgrenzung – und natürlich als rhetorischer Marker „rechter“ Politik. Der “Stern” fasste die DBK-Linie jüngst so zusammen: Es werde wieder von einem „christlichen Abendland“ im Sinn eines religiös oder kulturell homogenen Einheitseuropa geredet; das sei historisch und theologisch verkürzt. Das Christentum habe Europa geprägt, aber nicht exklusiv definiert.

Diese Aussage ist in einem bestimmten Sinne durchaus richtig: Europa war nie homogen, und „christlich“ war stets plural zu verstehen – lateinisch, orthodox, römisch-katholisch, reformatorisch, konflikthaft, oft blutig. Aber genau hier liegt der Trick der linken Gegenwart: Aus der Tatsache, dass ein Begriff komplex ist, wird abgeleitet, er sei politisch unbrauchbar. Komplexität wird zur Sprachsperre. Damit entsteht eine asymmetrische Debatte: Wer „Abendland“ sagt, muss sich plötzlich rechtfertigen. Wer hingegen schwammige Wieselworte wie „Vielfalt“, „Werte“, „unsere Demokratie™“ im Mund führt, gilt als neutral – obwohl diese Wörter längst ebenfalls Kampfbegriffe sind, bloß eben die hegemonialen und daher scheinbar nicht hinterfragungswürdigen. Genau diese Verschiebung macht der Publizist David Berger sichtbar, indem er die DBK-Warnung als Anpassung an einen Zeitgeist interpretiert, der christliche Wurzeln relativiert und politisch missliebig macht. Man muss diese Zuspitzung nicht teilen, um die Struktur zu erkennen: Der Streit geht längst nicht nur um „Instrumentalisierung“, sondern um Deutungshoheit darüber, was Europas Fundament sein darf.

Was „Abendland“ historisch meint – und warum es mehr ist als Folklore

Abendland“ ist kein rein religiöses Etikett, sondern ein Zivilisationsbegriff. Er umfasst die römische Rechtsidee, die christliche Personalität (Würde, Schuld, Verantwortung), die mittelalterliche Doppelbindung von geistlicher und weltlicher Macht, später die konfessionellen Brüche, schließlich Aufklärung, Nation, Liberalismus – also eine lange Kette von Selbstkorrekturen. Die DBK selbst argumentiert ja in dieser Richtung, wenn sie sagt, das Christentum habe der römischen Rechts- und griechischen Demokratietradition das Verständnis der Würde und Gleichheit aller Menschen „hinzugegeben“. Dies ist bereits ein Abendland-Argument – nur ohne den Begriff selbst. Und genau das wirkt so unerquicklich: Man bejaht den Gehalt – Würde, Freiheit, Verantwortung –, scheut aber den Namen, weil dieser “politisch kontaminiert” sei. Damit lässt man das Feld jenen, die tatsächlich nur noch Abgrenzung meinen. Wer Begriffe aus Angst vor Missbrauch aufgibt, überlässt ihre Bedeutung dem Missbrauch. Die “Deutungshoheit der Linken über die Sprache”, vor der Franz-Josef Strauß vor über 40 Jahren warnte, ist inzwischen real geworden.

Auffällig ist, gegen wen sich die Warnung vor dem Begriff konkret richtet: Der Stern erwähnt ausdrücklich „rechte und rechtspopulistische Kräfte“, die christliche Rhetorik im Kampf gegen Zuwanderung und gegen liberale Entwicklungen nutzen. Das mag deskriptiv, als Beobachtung, stimmen – aber es bleibt einseitig, wenn man nicht zugleich die gegenteilige Instrumentalisierung benennt: die Nutzung kirchlicher Autorität zur moralischen Delegitimierung konservativer Milieus, die Stilisierung von Migration als sakraler Imperativ, die Verwandlung des Evangeliums in eine Art NGO-Ethik des grenzenlosen Humanitarismus. Wenn „Instrumentalisierung“ nur rechts vorkommt, wird der Begriff selbst zum politischen Kampfbegriff. Die DBK will Europa als „Einheit in Vielfalt“ moralisch stärken; doch die politische Realität ist eine andere: Genau diese Formel nämlich dient oft dazu, die Frage nach kultureller Integrationsfähigkeit, nach Leitkultur, nach dem Verhältnis von Religion und Rechtsstaat zu entschärfen. Wer dann „christliches Abendland“ sagt, will nicht zwingend Homogenität, sondern erinnert an eine normative Tiefenstruktur: dass Freiheit ohne kulturelle Selbstbindung nicht trägt.

Christentum ist universal – und gerade deshalb kulturprägend

Die DBK hat einen starken Punkt: Christlicher Glaube ist nicht exklusiv im Sinne eines Ethno-Klubs; er ist universal. Aber aus Universalität folgt nicht kulturelle Beliebigkeit. Universalismus heißt nicht, dass eine konkrete geschichtliche Gestalt Europas – Recht, Institutionen, Sitten, Bildung, Ehe- und Familienethik, Sonntagskultur, Begriff der Person – beliebig austauschbar wäre, ohne dass etwas zerbricht. Gerade hier liegt die konservative Pointe: Das Christentum „definiert“ Europa nicht exklusiv – aber es prägt Europa so tief, dass man das Ergebnis dieser Prägung politisch schützen muss, wenn man es bewahren will. Wer nur noch von „Werten“ spricht, ohne das kulturelle Trägermaterial zu benennen, betreibt am Ende Entkernung. Ein Wert ohne Kultur ist eine PowerPoint-Folie. Der neue Konflikt zeigt eine doppelte Verlegenheit: Die Kirche will moralisch anschlussfähig bleiben in einem Milieu, das „Abendland“ reflexhaft mit Reaktion verbindet. Das erklärt die Abwehr des Begriffs. Konservative Milieus erleben umgekehrt, dass ihr kultureller Selbstbehauptungswille moralisch diskreditiert wird – und greifen deshalb umso stärker zu Symbolwörtern wie „Abendland“, weil ihnen die Sprache des Normalen genommen scheint.

Beide Reaktionen sind verständlich. Aber die kirchliche Lösung ist die schwächere: Sie besteht darin, den Begriff zu delegitimieren, statt ihn zu klären. Die Konsequenz ist eine paradoxe Selbstentwaffnung: Man verteidigt Europa als Friedens- und Demokratieprojekt, erklärt aber zugleich die kulturelle Herkunft der dafür nötigen Tugenden zur Verdachtszone.
Ein rechtsintellektueller Einwand lautet daher: Die Alternative ist nicht „Abendland“ als Ausgrenzung oder „Vielfalt“ als Heilsformel. Die Alternative ist begriffliche Ernsthaftigkeit: „Christliches Abendland“ muss nicht als Homogenitätsphantasma gebraucht werden – es kann auch als Erinnerungswort dienen: an eine Ordnung, die Freiheit, Würde und Verantwortung nicht nur proklamiert, sondern historisch hervorgebracht hat. Wer diesen Begriff aus dem Diskurs verbannt, weil er missbraucht werden kann, ersetzt Politik durch Hygiene. Und Hygiene ist niemals ein Ersatz für Kultur. Gerade wenn Europa „selbstbewusst“ sein soll, wie die Bischöfe fordern, braucht es die Fähigkeit, die eigenen Wurzeln zu benennen, ohne dabei in Feindbildpflege zu verfallen – und ohne sich von der Angst vor dem „Kampfbegriff“-Vorwurf intellektuell fesseln zu lassen.

3 Kommentare

  1. Gelaber Gelaber Gelaber von fettgefressenen Selbstdarstellern.
    Es ist völlig wurscht wie das heißt wenn es von Verbrechern regiert wird.

    Schaut man ins Niedersächsische Verfassungsschutzgesetz, so liest man dort, was einem droht, wenn der Geheimdienst einen als „Beobachtungsobjekt von erheblicher Bedeutung“ kategorisiert hat: „Aufgrund dieses Gesetzes können das Grundrecht auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit der Person (Artikel 2 Abs. 2 Sätze 1 und 2 des Grundgesetzes), das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit (Artikel 8 Abs. 1 des Grundgesetzes), das Grundrecht auf Wahrung des Fernmeldegeheimnisses (Artikel 10 des Grundgesetzes), das Grundrecht auf Freizügigkeit (Artikel 11 Abs. 1 des Grundgesetzes) und das Grundrecht auf Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 des Grundgesetzes) eingeschränkt werden.“

  2. „Wo das Christentum verschwindet, erfinden Habsucht, Neid und Geilheit tausend Ideologien, um sich zu rechtfertigen.“ Es stammt von dem kolumbianischen Philosophen und Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila (1913–1994).

    „Kernbotschaft: Dávila drückt damit aus, dass der Wegfall christlicher Moral nicht zu Freiheit, sondern zum Ersatz durch niedere menschliche Triebe und zerstörerische Ideologien führt.“

    „Weiterer Kontext: Der Aphorismus betont die zivilisatorische Ordnungsfunktion des christlichen Glaubens gegen Materialismus und Säkularisierung.“
    (Quelle: google.com)