
Der Eklat, der keiner ist: Die CDU verschickt einen digitalen Weihnachtsgruß mit einer stilisierten Heiligen Familie, die – Skandal! – hellhäutig dargestellt ist. Die Linken-Bundestagabgeordnete Nicole Gohlke erklärt daraufhin, das „C“ der Partei stehe offenbar nicht für „christlich“, sondern für „Colour Correction“ und spottet, nächstes Jahr werde man wohl Josef und Maria in Lederhose und Dirndl zeigen. Die Pointe dieser Empörung besteht darin, dass hier etwas als „Colour Correction“ angeklagt wird, was seit Jahrhunderten Normalfall christlicher Ikonographie ist: Jede Kultur malt Christus in ihren eigenen Zügen. In Korea und Japan ist Jesus asiatisch, in Afrika schwarz, in Lateinamerika mestizisch – und in Europa eben europäisch. Was Gohlke als bewusste politische Retusche liest, ist in Wahrheit der unspektakuläre Mechanismus kultureller Aneignung: Menschen stellen sich das Göttliche in vertrauten Bildern vor.
Gleichzeitig kursieren auf Instagram jene pädagogischen Grafiken, die den Weihnachtsmann als schwarzen Mann inszenieren und belehrend fragen, warum wir ihn uns eigentlich weiß vorstellen – flankiert von Kommentaren, die beklagen, der „weiße Mann“ als Geschenkebringer verschleiere die Care-Arbeit von Frauen. Hier wird nun tatsächlich eine bewusste „Colour Correction“ betrieben: Nicht die Vielfalt der Darstellungen wird gefeiert, sondern die bisherige, mehrheitskulturelle Figur als moralisches Problem markiert.
Weißsein als Defekt
Wir haben es also mit einer doppelten Verschiebung zu tun: Wenn europäische Darstellungen Jesus oder den Weihnachtsmann weiß zeigen, gilt das plötzlich als ideologisch verdächtig; wenn dieselben Figuren in anderen Kontexten „umgefärbt“ werden, ist das nicht etwa eine legitime Variante, sondern wird zum Akt politischer Korrektur erklärt. Die Botschaft ist eindeutig: Weißsein ist kein neutraler kultureller Default mehr, sondern ein Defekt, der korrigiert werden muss. Hinter dem scheinbar harmlosen Streit um Bilder steht eine tiefere Ideologie. „Colour Correction“ ist der Versuch, die Welt wie eine missratene PowerPoint-Präsentation zu behandeln: Man legt einen moralischen Farbfilter über die Wirklichkeit und retuschiert, was nicht ins Raster der aktuellen Rassismus- und Geschlechtertheorie passt. Die Ikone wird nicht mehr als Ausdruck einer bestimmten Zeit und Kultur gelesen, sondern als politisches Statement, das man nachträglich auf Linie bringen muss.
Damit verschiebt sich auch die Rolle der Religion. Das Christentum kennt die Idee der Erbsünde – aber die neue Moral ersetzt sie durch eine Erbsünde der Hautfarbe. Der weiße Mann ist in diesem Schema nie einfach Mensch, Vater, Hirte, Heiliger, sondern immer zugleich Chiffre für Kolonialismus, Patriarchat und strukturelle Gewalt. Folgerichtig kann es keinen unschuldigen weißen Jesus und keinen unschuldigen weißen Weihnachtsmann mehr geben; beide müssen farblich „dekolonisiert“ werden. Konservativer Widerspruch bedeutet hier nicht, einen ethnisch „korrekten“ Jesus zu behaupten. Im Gegenteil: Selbst der Durchschnittsbürger weiß, dass der historische Jude Jesus weder blauäugiger Europäer noch Ikea-Postermigrant war, sondern ein Mann des Nahen Ostens, dessen exakte Pigmentierung für den Glauben schlichtweg irrelevant ist. Entscheidend ist etwas anderes: das Recht jeder Kultur, ihre religiösen Symbole in eine eigene Gestalt zu bringen – ohne sich hinterher vor einer moralischen Bildkommission rechtfertigen zu müssen.
Hierarchie statt Vielfalt
Die neue „Colour Correction“ attackiert genau diesen Raum kultureller Freiheit. Sie erklärt die überlieferten Bilder der Mehrheitsgesellschaft zu Verdachtsfällen, während sie andere Identitäten als grundsätzlich unschuldig setzt. Damit wird nicht Vielfalt hergestellt, sondern eine Hierarchie: Hier die „problematische“ europäische Tradition, dort ihre therapeutische Überarbeitung. Wer so redet, will nicht ergänzen, sondern umerziehen. Am Ende verrät der ganze Furor mehr über die Aufgeregten als über die Bilder. Eine politische Linke, die Jesus ernsthaft zur Projektionsfläche ihrer Identitätspolitik macht – mal soll er die Linke wählen, mal soll er „richtig“ eingefärbt werden –, zeigt vor allem ihre eigene religiöse Leere. Wo der Glaube an die Wahrheit der Erzählung schwindet, bleibt nur noch die Oberfläche der Figur – und die wird dann hektisch in die gewünschte Symbolpolitik hineingebogen.
Ein reifer, konservativer Umgang mit Bildern sähe anders aus: Man erträgt, dass Jesus im bayerischen Dorf weiß aussieht, in Seoul koreanisch, in Lagos schwarz; man erträgt sogar den schwarzen Weihnachtsmann auf Instagram – solange daraus kein Zwang zur Korrektur der eigenen Tradition wird. Pluralität ist möglich, ohne dass jemand seine Vergangenheit widerrufen muss. Die Absurdität der „Colour Correction“ besteht darin, dass sie ausgerechnet das, was sie vorgibt zu fördern – Vielfalt –, durch moralische Gleichschaltung bedroht. Wer die Welt nur noch unter dem Raster von Hautfarbensymbolik betrachtet, verliert den Sinn für das, was Bilder eigentlich können: über sich selbst hinausweisen. Jesus ist nicht wichtig, weil er heller oder dunkler ist, sondern weil er für Christen der Erlöser ist. Wer ihn auf Pantone-Werte reduziert, hat ihn bereits verloren.
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2 Antworten
Also, mir persönlich, würde das Bild eines kohlenmurrschwarzen Karl Marx gefallen..!
„Il furor degli elementi rispondeva al mio furor!“ Edgardo – in Lucia di Lammermoor