
Nichts ist langweiliger als irgendwelche Jahrestage; vor allem dann, wenn man keine eigenen Emotionen damit verbinden kann. Hier reiht sich nahtlos der 35. Jahrestag der Deutschen Einheit ein. Ich bin fast 70 Jahre alt und kann nicht nur sagen, dass ich dabei war, sondern ich habe erlebt, wie sich seit dem Herbst 1989 die Welt um mich herum und damit für mich selbst von Tag zu Tag veränderte. Stellt Euch vor, ihr könnt Onkel, Tante, Cousin und Cousine nicht treffen, wenn ihr eine große Familienfeier habt, etwa einen runden Geburtstag oder bei einer Hochzeit, weil sie auf der anderen Seite der Mauer leben und nicht einfach mal zu Besuch kommen können.
Der 3. Oktober 1990 ist unverbrüchlich mit dem 9. November 1989 verbunden. Es waren die Deutschen im Osten unseres Landes, die mutig auf die Straßen gingen. Die “Wir sind das Volk”-Rufe brachten schließlich die Mauer zum Einsturz. Heute haben die jüngeren Generationen kaum eine Vorstellung von Mauer, Stacheldraht, Selbstschussanlagen, Schießbefehl und Verfolgung durch die Staatssicherheit, jenseits des freien Westens.
35 Jahre sind kaum fassbar
Mein Enkel Elias war gerade acht Jahre alt, als ich ihn abends ins Bett brachte. Da fragte er mich: “Opa, was ist der Mauerfall?” Ich erklärte ihm, dass es bis 1990 zwei Deutschlands gab: Die alte Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik. Und dass beide Deutschland durch eine bewachte Grenze – und in Berlin sogar durch eine Mauer – getrennt waren. Im Herbst 1989 haben die Menschen die Grenzöffnung erzwungen, weil sie nicht länger getrennt und eingesperrt sein wollten. Knapp ein Jahr später war Deutschland wieder ein einheitliches Land.
Er schaute mich wissbegierig an und fragte weiter: “Habt ihr da schon gelebt?” Meine Antwort: “Na klar, selbst Dein Papa ist noch in der DDR geboren und die Mama in der alten Bundesrepublik. Papa war damals nicht viel älter, als Du. Würde die Grenze heute noch bestehen, gäbe es Dich gar nicht, weil Mama und Papa sich nie kennengelernt hätten. Die Menschen in der DDR konnten nicht einfach dorthin reisen, wohin sie wollten.” Seine Augen wurden immer größer und mir wurde schlagartig klar, dass mehr als 35 Jahre aus der Sicht eines Kindes beinahe unfassbar sind. 1989/1990 war ich mir wie die meisten natürlich darüber bewusst, dass ich hier Weltgeschichte erlebte, die später in die Geschichtsbücher Einzug halten wird. Dabei zu sein, ist aber nochmal etwas anderes.
Umzug in der sozialistischen Planwirtschaft
Wir sind 1989 umgezogen, in den Randbereich von Berlin. So hatte ich mit den alltäglichen Herausforderungen der sozialistischen Planwirtschaft zu kämpfen. Meine Frau, unsere zwei Kinder und ich hatten vor dem Mauerfall eine neue Wohnung in einem Plattenbau aus den 1960er Jahren erhalten, also kein Luxus. Altes Linolium, dessen Bahnen den Blick auf den Betonfußboden freigaben, Ölsockel im Bad, graue Heizungskörper, abgewohnte Tapeten, eine 25 Jahre alte Einbauküche, die Badewanne verschlissen – gleiches galt für Toilette und Waschbecken. All das musste auf eigene Kosten erneuert werden, inmitten der allgegenwärtigen Mangelwirtschaft.
Immerhin gelang es mir, in den nächsten Wochen, Ersatz für alles bis auf Badewanne und Fliesen in der näheren Umgebung zu finden. Wasch- und Toilettenbecken waren sogar farbig (braun); das war schon etwas Besonderes. Fliesen und Badewanne besorgte schließlich mein Schwiegervater aus Sachsen. Die Fliesen (15 mal 15 Zentimeter) waren einfarbig rosa glasiert. Sie waren alles andere als unser Wunschdesign – aber es gab eben nur die eine Farbe, und wenn man da nicht zuschlug, hatte man eben gar keine. Um den Fliesenspiegel ein wenig aufzuhübschen, ging ich zu einem Glaser – in der Hoffnung ein paar Spiegelfliesen zu finden. Die kriegte ich auch, allerdings alles zweite Wahl mit kleinen Fehlern. Es war dennoch purer Luxus für uns. Man war immer gezwungen kreativ zu sein, und irgendwie klappte es dann ja noch mit allem. So habe ich, nach meiner täglichen Arbeit, meist mehrere Stunden, mit der Renovierung der neuen Wohnung verbracht.
Der Mauerfall
Auch am 9. November 1989 stand ich in unserer neuen Wohnung und flieste gerade das Bad, eine der letzten Arbeiten vor dem Umzug. Tapezierarbeiten, neuer Bodenbelag, neue Sanitärkeramik waren schon erledigt – alles in Ein-Mann-Arbeit. Handwerker gab es im Sozialismus kaum und wenn, dann konnte man sie nur in harter D-Mark bezahlen, die ich allerdings nicht hatte. So lief an diesem Abend wie immer der RIAS (“Radio im Amerikanischen Sektor”) – als gegen 19.30 Uhr die Nachricht wie eine Bombe einschlug, dass Günter Schabowski im internationalen Pressezentrum bekanntgegeben habe, jeder DDR-Bürger könne über Grenzübergangsstellen ausreisen. Auf die Nachfrage eines Journalisten verkündete er dann – ohne Abstimmung mit den Entscheidungsträgern – dass dies seiner Kenntnis nach sofort (“unverzüglich”) in Kraft trete. Damit löste Schabowski das größte historische Ereignis der später so bezeichneten Wendezeit aus; nach 28 Jahren hatte der Eiserne Vorhang nicht nur ein Loch, sondern die verhasste Berliner Mauer fiel in sich zusammen.
Noch am selben Abend forderten viele Ost-Berliner die neue Reisefreiheit ein. Die Menschen drängten an die Grenzübergänge und belagerten diese so lange, bis die völlig überforderten Grenzposten die Tore öffneten und allgemeine Euphorie aufbrandete. Ich habe die ganze Nacht am Radio gehangen und geheult wie ein Schlosshund, so sehr haben mich meine Gefühle übermannt. Man kann es kaum beschreiben, was man damals alles fühlte. Es hatte sich so viel angestaut und brach sich nun Bahn. Die Menschen aus Ost und West lagen sich in den Armen, sie feierten und tanzten auf dem Kudamm, an der Siegessäule und in so ziemlich allen Straßen Westberlins. Dieses Ereignis ist bis heute einmalig und an Emotionen wohl kaum zu überbieten. Zurückblickend war es einer der glücklichsten Momente in meinem Leben.
Der Weg zur Deutschen Einheit
In den folgenden Wochen und Monaten vollzog sich der unausbleibliche Übergang zur Deutschen Einheit. Aus den Rufen “Wir sind das Volk” wurde bald “Wir sind ein Volk”. Es war die Zeit der Mauerspechte, die buchstäblich die Mauer abbrachen, Tag für Tag ein Stückchen mehr Am 22. Dezember 1989 trafen sich SED-Ministerpräsident Hans Modrow und Bundeskanzler Helmut Kohl vor dem Brandenburger Tor. Zuvor war Kohl am 19. Dezember 1989 in Dresden, wo er eine Rede, an die Bürger der alten DDR hielt. Später nannte er diese Rede eine der schwierigsten seines politischen Lebens. Denn: “Die Menschen haben auf eine Botschaft gewartet. Nicht nur hier auf dem Platz, sondern überall im Lande” erläutert er, im Westen wie im Osten. “Aber es haben natürlich Millionen aus dem Ausland, wo es auch Ängste gibt, die man berücksichtigen muss, zugehört, zugesehen.”
Auf dem Weg zur Einheit gab es am 18. März 1990 die ersten freien Volkskammerwahlen. Am 1. Juli 1990 trat die Währungsunion zwischen der DDR und der Bundesrepublik in Kraft. Sie war Teil eines großen Vertrages zwischen den beiden deutschen Staaten und gilt als ein erster Schritt zur deutschen Einheit. Durch die Währungsunion wurde die D-Mark das alleinige Zahlungsmittel in der DDR. Am 12. September 1990 wurde der sogenannte “Zwei-Plus-Vier-Vertrag” in Moskau ratifiziert und trat damit in Kraft, welcher die Deutsche Einheit letztlich auch international regelte.
Lasst uns nicht warten!
So war der 3. Oktober 1990, der Tag der Deutschen Einheit, der letzte Schritt, der unser Land nun wiedervereinte. Die Vereinigung, nach Trennung, Stacheldraht und Verfolgung war eine große Leistung, die durch die Menschen und verantwortungsvolle Politiker jener Zeit, aus Ost und West, ermöglicht wurde.
Lassen wir darum nicht zu, dass uns heute erneut eine Brandmauer trennt!. Mauern, die ausgrenzen, sind nie ein Zeichen von Demokratie und Freiheit. Wir sind ein Volk, wir alle sind Deutschland. Ja, es gibt erhebliche Probleme – aber lasst uns nicht warten, dass es schon irgendjemand regeln wird – und vor allem nicht die, welche die Probleme geschaffen haben. Wir müssen es selbst anpacken. Nochmals Georg Christoph Lichtenberg: „Ich kann nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es besser werden soll.“
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