Das Auf- und Schnappatmen in der Kultur

Das Auf- und Schnappatmen in der Kultur

Michel Friedman, Arne Semsrott: Moralische Empörung wegen “Ausladungen“ als festes Ritual im Kulturbetrieb (Fotos:ScreenshotsYoutube)

Aufatmen in Klütz“, titelte der “Norddeutsche Rundfunk”, als Barbara Heine jetzt zur neuen Leiterin des Uwe-Johnson-Literaturhauses ernannt wurde. Endlich Ruhe nach Monaten erbitterter Kontroversen! Doch dieses kollektive Durchatmen sagt mehr über die deutsche Kulturöffentlichkeit aus, als es zunächst den Anschein hat: Denn kaum war derSkandal“ um die Ausladung Michel Friedmans vergangenen Herbst halbwegs verwaltungstechnisch befriedet, flammte parallel in Magdeburg ein strukturell fast identischer Konflikt auf. Zwei Städte, zwei vermeintlich lokale Entscheidungen, dieselbe nationale Dramaturgie: Aus einer organisatorischen Abwägung wird binnen Stunden ein Moralstück über Zensur, politischen Druck und die Frage, wer in öffentlichen Räumen noch sprechen darf.

In Klütz begann vergangenen Oktober alles mit der geplanten Einladung des jüdischen Publizisten Michel Friedman zur Hannah-Arendt-Woche. Die Veranstaltung wurde abgesagt. Friedman berichtete, der damalige Leiter Oliver Hintz habe ihm “Angst vor rechten Demonstrationen” als Grund genannt; Bürgermeister Jürgen Mevius widersprach entschieden und verwies auf hohe Kosten durch Honorar und Übernachtung. Kaum war die Absage bekannt, setzte jener Mechanismus ein, der inzwischen zum Reflex der Republik geworden ist: Der Antisemitismusbeauftragte Felix Klein sprach von einem „Angriff auf die Meinungsfreiheit“. Der Grüne Omid Nouripour äußerte sich kritisch, die Kulturministerin zeigte sich besorgt. Der PEN Berlin organisierte eine Kundgebung unter dem Motto „Gewalt beginnt, wo das Reden aufhört“. Thea Dorn, Deniz Yücel und zahlreiche weitere Intellektuelle reisten an. Zwischen 400 und 500 Menschen versammelten sich auf dem Marktplatz der 3.000-Einwohner-Kleinstadt – für Klütz eine beeindruckende Mobilisierung.

„Verwaltungsförmige Befriedung“

Plötzlich stand nicht mehr eine verpatzte Veranstaltungsplanung im Zentrum, sondern die große Erzählung: der aufrechte Intellektuelle gegen die dumpfe Provinz. Oliver Hintz, der die Ausladung öffentlich gemacht hatte, geriet selbst ins Kreuzfeuer. Einerseits solidarisierten sich Referenten wie der frühere SPD-Chef Björn Engholm mit Hintz; andererseits warf ihm der Bürgermeister vor, ihn als Antisemiten dargestellt und Teile der Klützer Bevölkerung als „pöbelndes Pack“ bezeichnet zu haben. Das Vertrauensverhältnis war zerstört. Hintz wurde suspendiert, sein Vertrag nicht verlängert. Am Ende stand die „verwaltungsförmige Befriedung“ – und das erleichterte Aufatmen der überregionalen Medien.

In Magdeburg wiederholt sich das Muster jetzt mit vertauschten Rollen. Die für Anfang Juni geplante Lesung aus Arne Semsrotts neuem Buch „Gegenmacht – Die Zivilgesellschaft schlägt zurück“ sollte ursprünglich in der städtischen Bibliothek stattfinden. Sie wurde ins Kulturzentrum Moritzhof verlegt, wo nun die Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt und der Verein “Miteinander” als Veranstalter auftreten.

„Enttäuschend oder auch verletzend“

Semsrott reagierte scharf: Er sprach von einer „Ausladung“ und vermutete politischen Druck. „Ich gehe sehr stark davon aus“, sagte er im “Deutschlandfunk Kultur”, „dass die Diskussion mit einer kritischen Anfrage der AfD im Magdeburger Stadtrat zu einer früheren Lesung zusammenhängt. Dass die Stadt jetzt dachte: Ach, den Stress, den wollen wir nicht haben in Zukunft, dann lassen wir den Semsrott lieber nicht bei uns lesen.“ Die parteilose Oberbürgermeisterin Simone Borris wies in der öffentlichen Stadtratssitzung jede direkte Einmischung zurück: „Eine Entscheidung oder Weisung meinerseits, die Veranstaltung abzusagen, die Lesung zu untersagen oder die Kooperation der Stadtbibliothek zu beenden, hat es nicht gegeben“, betonte sie. Sie habe in einer Dienstberatung lediglich „um Prüfung gebeten“, und zwar im Kontext parteipolitischer Neutralität vor den anstehenden Wahlen.

Eine fachliche Stellungnahme der Bibliothek, die sich ausdrücklich für die Durchführung ausgesprochen und auf Meinungs- und Kunstfreiheit verwiesen hatte, sei ihr nicht bekannt gewesen. Dennoch räumte Borris ein, der weitere Verlauf könne bei Beteiligten „irritierend, enttäuschend oder auch verletzend angekommen sein“. Für Mittwoch dieser Woche lud sie Semsrott und Vertreter der Heinrich-Böll-Stiftung zu einem klärenden Gespräch ein. „Für mich ist entscheidend: Eine Stadtbibliothek muss ein Ort der offenen Debatte bleiben.

Die immer gleiche Mechanik

In beiden Fällen läuft derselbe Film ab: Eine eher unspektakuläre verwaltungsinterne Abwägung – Kosten in Klütz, „Stressvermeidung“ und Neutralitätsfragen in Magdeburg – wird blitzartig moralisch aufgeladen. Der Betroffene wird zum Opfer, die jeweilige Stadt zur Bühne nationaler Selbstvergewisserung. Ob Antisemitismusvorwurf oder Verdacht auf rechte Einflussnahme – die konkreten Umstände treten rasch in den Hintergrund. Entscheidend wird die symbolische Erzählung. Einzelne Gäste sagten in Klütz aus Protest ab, die gesamte Hannah-Arendt-Woche wurde abgesagt. In Magdeburg kündigte Semsrott einen Auskunftsantrag an, um interne E-Mails und Entscheidungswege offenzulegen. Damit wird sichtbar, wie tief die kulturelle Kluft inzwischen geht: Die urbane Medien- und Kulturklasse betrachtet lokale Verwaltungen nicht mehr als Räume legitimer Abwägungen, sondern als pädagogische Problemzonen, die moralisch korrigiert werden müssen. Die Provinz – sei es das winzige Klütz oder die Landeshauptstadt Magdeburg – dient als Projektionsfläche, auf der sich die Republik ihrer eigenen Aufgeklärtheit versichern kann. Die Sprache verrät die Haltung: hier die sensiblen, diversen, weltoffenen Zentren, dort die verdächtigen, rückständigen oder zumindest „stressanfälligen“ Peripherien.

Und am Ende dominiert stets dieselbe Lösung: die verwaltungsförmige Republik. Suspendierung, Neubesetzung, klärendes Gespräch, mediales Aufatmen. Der Skandal wird nicht gelöst, sondern administrativ absorbiert. Barbara Heine in Klütz und das angekündigte Gespräch in Magdeburg markieren keine echten Neuanfänge, sondern die routinierte Beruhigung überhitzter Konflikte. Zurück bleiben erschöpfte lokale Institutionen, die den Schaden verwalten müssen, während die überregionale Empörungswelle weiterzieht. Klütz und Magdeburg sind keine Zufälle. Sie zeigen, wie die deutsche Öffentlichkeit zunehmend als hochsensibles moralisches Erregungssystem funktioniert. Lokale Konflikte werden nationalisiert, symbolisch überhöht und dann verwaltungstechnisch entsorgt. Die Bundesrepublik inszeniert sich gern als Hort offener Debattenkultur. Tatsächlich droht die Freiheit des Wortes weniger durch offene Verbote als durch die permanente, vorauseilende Angst vor medialer Eskalation, politischem „Stress“ und moralischer Ächtung.

4 Kommentare

  1. Es gibt in Deutschland hervorragende Geister aber leider jede Menge Arschlöcher.

    Letztere sind hoffentlich alle „geimpft und geboostert“! Dann erledigt sich das Problem mit der Zeit von selbst.
    😜

    10
    2
  2. Kultur , wozu brauchen wir Kultur wenn sie von solchen parteipolitsch indoktrinierten Figuren vertreten, gestört, oder benutzt wird die um ihres Egos willen jeden auch nur erdenklichen Schwachsinn labern um ihr dämliches Gesicht in der Presse zu sehen vor allem, in Wahlkrampfzeiten.
    Solch geartete Kunst und Kunstverwaltung können und wollen wir uns nicht leisten, es fehlte nur noch ein gegenderter, gewokter non binärer muslimischer Beitrag im Kontext zur päpstlichen Enzyklika mit Hinblick auf die entsprechende Veranstaltung um die Suppe fett zu machen.
    Die deutsche Kunst, Kunst zu verwalten und politisch stümperhaft zu verwursten hat einen neuen Höhepunkt erreicht.
    Kunst bedeutet Offenheit auch wenn sie unangenehmes darstellt oder für einige von unangenehmen Figuren dargestellt wird, aber in diesem völlig bekloppten, durchgespießerten Spitzweg Land kann man nicht einmal eine Mausefalle in den Keller stellen ohne das die Omas gegen Rechts und ihre ganze Entourage durchdrehen.
    Wenn die Kunst zu teuer wird, wird sie eben abgesagt-es gibt wichtigeres im Land und, da wir bereits den nicht gegenderten unipolaren voll durchgemufften Regenbogen DADAISMUS zur Regierungsform erhoben haben ist doch alles gelaufen, oder?

  3. Kultur , wozu brauchen wir Kultur wenn sie von solchen parteipolitsch indoktrinierten Figuren vertreten, gestört, oder benutzt wird die um ihres Egos willen jeden auch nur erdenklichen Schwachsinn labern um ihr dämliches Gesicht in der Presse zu sehen vor allem, in Wahlkrampfzeiten.
    Solch geartete Kunst und Kunstverwaltung können und wollen wir uns nicht leisten, es fehlte nur noch ein gegenderter, gewokter non binärer muslimischer Beitrag im Kontext zur päpstlichen Enzyklika mit Hinblick auf die entsprechende Veranstaltung um die Suppe fett zu machen.
    Die deutsche Kunst, Kunst zu verwalten und politisch stümperhaft zu verwursten hat einen neuen Höhepunkt erreicht.
    Kunst bedeutet Offenheit auch wenn sie unangenehmes darstellt oder für einige von unangenehmen Figuren dargestellt wird, aber in diesem völlig bekloppten, durchgespießerten Spitzweg Land kann man nicht einmal eine Mausefalle in den Keller stellen ohne das die völlig kulturlosen Omas gegen Rechts und ihre ganze Entourage durchdrehen.
    Wenn die Kunst zu teuer wird, wird sie eben abgesagt-es gibt wichtigeres im Land und, da wir bereits den nicht gegenderten unipolaren voll durchgemufften Regenbogen DADAISMUS zur Regierungsform erhoben haben ist doch alles gelaufen, oder?