Das ist Kunst, Ihr Banausen!

„SA 2021“ oder Kunst? Fackelprotest vor Ministerin Köppings Haus (Screenshot:Youtube)

Vor dem Haus von Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping ist es offenbar zu einem großen Missverständnis gekommen. Etwa zwanzig Aktivisten eines Kunstkollektivs hatten dort eine Installation ins Leben gerufen: Die Performance aus bewusst archaisch gehaltenen Lichtquellen wurde begleitet von einer atonalen Klangsymphonie von Rotationssignalgebern – im Volksmund auch Trillerpfeifen genannt. „Wir wollten ein Zeichen gegen die menschliche Dunkelheit in dieser schweren Zeit setzen”, erklärt Diplom-Kunstpädagogin Dörte Klingensiefer-Kassupke dem Fernsehteam von ARTE Deutschland. „Das laute Rufen unserer Aktivist*innen steht dabei für den Urschrei, der die Deutschen symbolisch von ihren Ängsten befreien kann, ein Anklang an die Befreiungszeremonien der polynesischen Ureinwohner auf den südlichen Osterinseln. Die Pfeifen hingegen erinnern an die Affenherde aus der buddhistischen Meditationslehre: Erst wenn sie schweigen, kann sich die Seele erheben!”.

Die renommierte Kunstpädagogin bedauert, dass die von ihr konzipierte Installation „Corona-Angst essen Seele auf” derart fehlinterpretiert wurde, und bietet Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping zur Wiedergutmachung die Durchführung einer tibetanischen Klangschalen-Reinigungszeremonie in ihrem Haus an, um das dortige Feng-Shui-Gesamtkonzept wiederherzustellen. „Wir vermuten, dass die Vibrationen auch Corona-Viren neutralisieren können. Auch wenn ich es nicht für ethisch vertretbar halte, diese unnötig zu quälen. Schließlich sind sie auch Geschöpfe der Natur!„. Satiremodus off!

Aufeinanderprallende Interessen

Nun gut, wir sind uns wohl einig, dass die Aktion vor Frau Köpping keine Kunstperformance war. Und ich muss ehrlich gestehen, an ihrer Stelle wäre mir auch mulmig geworden, wenn vor meiner Haustür zwanzig wütende Bürger aufgelaufen wären. Es ist wieder einmal eine Situation, in der mehrere Interessen aufeinanderprallen: Berechtigte Wut der Bürger – sogar die ZDF-Journalistin Shakuntala Banarjee nahm heute einen Politiker wegen des gebrochenen „Keine Impfpflicht!“-Versprechens in die Zange – und das Recht auf Privatsphäre. Auch Politiker haben ein Privatleben, in dem sie in Ruhe gelassen werden sollten. Es reicht schließlich schon, wenn sie uns mit der Impfpflicht belästigen – wer weiß, auf welche Ideen sie noch kommen, wenn sie des Abends im trauten Heim keine Ruhe finden.

Da fängt allerdings schon wieder die Doppelmoral an und die SA-Vergleiche gehen locker über die Lippen. Wahrscheinlich hätten die Medien auch nicht bedeutend anders berichtet, wenn die Demonstranten vor Frau Köppings Haus dort ein Herz aus Teelichtern aufgestellt und auf Gitarren „Kumbaya, my Lord” geklampft hätten. Als Maßnahmen-Kritiker ist man nicht wohlgelitten – fast enttäuscht berichtete man anschließend darüber, dass eine zeitgleiche Protestkundgebung in Hamburg friedlich verlaufen war. Niemand hatte dort dem ZDF den Gefallen getan, eine Reichskriegsflagge mitzuführen oder mit der rechten Hand die Höhe des Stresspegels zu messen. Wie gemein!

Zudem ist es bekanntlich nichts Neues in Deutschland, dass die Rücksichtnahme auf das Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis der Bewohner eines Privathauses beständig neu austariert wird. Das mediale Interesse steht und fällt sowohl mit der politischen Haltung des Opfers als auch der Täter, als auch (gelegentlich) mit seiner ethnischen Herkunft und Prominenz. Die Nachbarn linker Wohnprojekte in Berlin und Leipzig-Connewitz leiden teilweise sogar schon unter einem Stockholm-Syndrom und sind fest überzeugt, die „Aktivisten“ hätten weniger Interesse am Einwerfen ihrer Fensterscheiben, wenn nur die Polizei die eigentlich sanftmütigen Antifanti*nnen im Viertel in Ruhe ließe. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Auch Randale vor der Synagoge ist in Deutschland kein No-Go mehr: Wenn der Täter keine Glatze hat, sondern „Freiheit für Palästina” ruft, dann findet immer irgendein Journalist eine schnelle Begründung dafür, warum das alles nicht so schlimm ist.

Bei linken „Projekten“ gar kein Problem

Doch auch nicht jeder angegriffene Politiker darf auf Solidarität hoffen. Nach den Angriffen der Antifa auf das Haus des Thüringer Kurzzeit-Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich hat meines Wissens – ich lasse mich gerne eines Besseren belehren – kein SPD-Politiker das „volle Durchgreifen des Rechtsstaates“ gefordert. Und die der satirischen Einleitung meines Artikels zugrundeliegende Idee, gegen einen missliebigen Politiker mittels eines „Kunstprojekts“ vorzugehen, kam mir ebenfalls nicht von ungefähr: Das hatten wir bereits mit einem Sperrholz-Mahnmal in Bornhagen, das als Haufen Holzschrott zurückblieb, als das „Zentrum für politische Schönheit” zu neuen Projekten aufbrach und für den „Kampf gegen den Faschismus“ Plexiglas-Würfel mit Erde aus Auschwitz befüllte. Die Kolumnisten aller gängigen Tageszeitungen jubilierten und frohlockten. Wer sagt denn, dass man mit Antifaschismus nicht ein wenig Geld verdienen darf?

Noch einmal: Frau Köpping hat ein Recht darauf, in ihrem Haus in Ruhe gelassen zu werden –  so wie jeder andere auch. Niemand sollte Angst davor haben müssen, sein Auto morgens vor der Arbeit als verkohltes Wrack vorzufinden oder die Fensterscheiben seines Ladens als Trümmerhaufen im Kampf gegen den Kapitalismus. Oder als Ergebnis der nächtlichen Randale eines Trupps „eventorientierter“ Jugendlicher. Aber was ganz selbstverständlich klingt, ist offenbar auch schon dem derzeitigen politischen Klima zum Opfer gefallen.

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7 Kommentare

  1. An dieser Stelle wäre es interessant zu wissen, wieviel Angriffe es auf AfD-Büros gab, Angriffe auf Wohnhäuser von AfD-Funktionären, auf ihre Autos oder gar auf ihre körperliche Unversehrtheit.

  2. Sie haben die Fackeln vergessen.

    Sobald Fackeln dabei sind, ist es faschistoid und braucht daher die volle Härte des Rechtsstaats.

    „Fackel-Proteste vor meinem Haus sind aber widerwärtig und unanständig.“ – Petra Köpping (SPD) am 03.12.2021

    Bei den Angriffen auf das Haus von Thomas Kemmerich, bei dem Haufen Holzschrott vor dem Haus von Björn Höcke oder beim Angriff der Antifa auf das Haus von Gottfried Curio im letzten Jahr, das mit Beschimpfungen besprüht und dem zwei Fenster eingeschlagen wurden – da waren keine Fackeln dabei.

    Und nein, auch abgefackelte Autos von AfD-Politikern gelten nicht als Fackeln, derartige Proteste sind daher weder widerwärtig noch unanständig.

  3. Umgekehrt wird ein Schuh draus.
    Was du nicht willst das man dir tu….

    Beschwert euch nicht, wenn sie morgen vor eurer Privattür stehen.

    mfg

    jaja, aba aba die anderen haben angefangen.

  4. Wäre vor dem Haus einer AfD Politikerin „aufmarschiert“ worden,
    würden wir heute von „Haltung“ und einem „starken Zeichen“ für Demokratie sprechen.
    Vermutlich hätte es dieses Ereignis nicht mal in die ÖR geschafft . . .
    Merke: DEMOKRATIE heißt, eine linksgrüne Sozenhaltung haben zu müssen!
    Jede andere Meinung ist „rächts“, kommt aus den dunkelsten Zeiten . . .
    und ist deshalb zu verachten.

  5. Einschüchterung? Natürlich! Wie soll denn der Dreck sonst jemals aufhören? Durch Bitte Bitte machen?
    Selbstverständlich müssen die Faschisten, die uns so quälen, Angst haben, das weiter zu machen oder initial noch zu verschärfen, einzuführen.
    Jeder muß auch die Konsequenzen dessen bedenken, die sein Handeln hat und wer Gewalt gegen sein Volk anwendet, der muß eben rechnen, daß es ein Echo gibt!
    Noch klarer: Wer Krieg anfängt, sollte nicht erwarten, daß der Angegriffene sich nicht wehrt!
    Nicht Volksfest Singen und Klatschen, sondern den Tätern ganz klar zeigen, daß wir mehr sind und daß nicht nur sie uns die Lebenqualität vermiesen können!
    Wenn das verbrecherische Tun ohne jede Konsequenz bleibt, dann gibt es auch keinen Grund, es aufzuhören.
    Ist ein verdammt einseitiger Handel: Die wenden immer haarsträubendere Gewalt und Erpressung gegen uns an und Notwehr durch reine optische und aktustische Präsenz ist Pfui, darf man nicht?
    Wo kommt dieser Duckreflex her? Dieses Selbstverständnis, die dürften das, aber wir nicht?
    Was heißt das, Gewalt erzeugt Gegengewalt? Immer im Grundton, wir wären dann die Initiatoren, was 180° verkehrt ist! Selbst wenn aus unseren Reihen Gewalt angewendet würde, wäre es nur Gegengewalt, nämlich Verteidigung!
    Nein, ich rufe nicht zu echter Gewalt auf, aber druckvolle Massendemos vor den Häusern, damit sie sehen, mit wem sie sich anlegen, das ist sicher nicht verkehrt!

  6. Ich halte Mahnwachen oder Kunstevents vor den Privathäusern von Politikern für geeignete Mittel diesen Probleme der Bevölkerung nahe zu bringen.

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