Das penetrante Böhmermännchen: Größenwahn oder einfach nur Show?

Zumutung Böhmermann (Foto:Imago/Galuschka)

Wieso mir beim Gedanken an Jan Böhmermann spontan ein Grammophon einfiel, weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht ist es dieser große Schalltrichter, aus dem leicht quäkende Laute herausströmen, der die Assoziation erzeugte. Auch wenn das dem Grammophon gegenüber recht unhöflich ist, denn alte, quälende Schellack-Platten klingen meist sehr charmant. Im Gegensatz zu Jan Böhmermann, der sicherlich nicht der dümmste GEZ-alimentierte Comedian ist, aber mit Sicherheit der penetranteste.

Nicht erst seit gestern hält er sich zudem für eine Art Türsteher des exklusiven Medienclubs. Nur zu gern möchte er mitentscheiden, wer die heiligen Hallen betreten darf und wer mit Fußtritt hinaus befördert werden soll. Nicht wegen unpassender Schuhe, sondern um seiner Meinung oder seiner Kontakte willen. Da gehst du einmal zur falschen Geburtstagsfeier wie dereinst Jan Fleischhauer und schon steht das Böhmermännchen verbal bei deinem Arbeitgeber auf der Matte und verlangt deine Entlassung. Jetzt wagte es eine Talk-Show, Streeck und Kekulé einzuladen und löste damit den Zorn des selbsternannten Comedy-Gottes aus.

Ein Hauch von Sadismus

Man könnte sich auf den Standpunkt stellen, es sei müßig, sich an Böhmermann abzuarbeiten – der für seine verbalen Ausbrüche bekannt ist. Aber er steht hier nur stellvertretend für Hunderte anderer selbsternannter Wächter. Saßen früher verbitterte ältere Menschen mit einem Kissen unter den Ellenbogen stundenlang am Fenster, um die Vorgänge auf der Straße mit Argusaugen zu überwachen, ist diese Funktion längst im großen Stil auf Teile der jüngeren Generation übergegangen. Nur konnte man um neugierige Omas einen Bogen schlagen – aber die Böhmermanns erwischen einen überall!
Ist es Größenwahn oder einfach nur Show, um im Gespräch zu bleiben? Bei Menschen wie ihm weiß man es nicht so genau. Sicherlich schwimmt er auf der Welle der Cancel Culture, aber er ist auch wendig wie ein Aal. Ein Typ, der es schafft, immer wieder bei den Richtigen einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Und er weiß, dass seine knallharten Forderungen bei den Meinungswächtern der Republik gut ankommen, die sich permanent in einem Kampf gegen das Böse wähnen. Was wäre, wenn er uns alle an der Nase herumführt, nur um sich ein warmes Plätzchen im Schoß der politisch Korrekten zu sichern?

Wer auf dieser Welle reitet, muss nicht befürchten, morgen schon eine Ausrede für sein Verhalten finden zu müssen („Ich bin schon immer gegen diese Beschränkung der Meinungsfreiheit gewesen! Letztlich wollte ich sie doch nur schützen!“) – denn der Trend zur Zensur setzt sich fort. Böhmermann mag das Qualitätskontrolle für Meinungen nennen, doch das hätte sich das Wahrheitsministerium nicht besser ausdenken können. Denn wo Kontrolle stattfindet, gibt es immer auch ein Kontrollgremium, das die Standards festlegt. Meinungen sind aber kein Produkt, das man normieren, vermessen und objektiv bewerten kann. Ein Hauch von Sadismus weht durch die giftigen Beschimpfungen, die im Namen von „Liebe statt Hass“ vorgeben, die zivilisierte Weltordnung wiederherstellen zu wollen. Um wirklich authentisch zu sein, treten diese Zensoren einfach zu gut vorbereitet auf und arbeiten ihre Listen an Kritikern ab.

Es ist bezeichnend, dass Böhmermann ausgerechnet unter seinem Tweet die Kommentare deaktiviert hat, in dem er um die Äußerung von Kritik bittet. Und wieder steht die Frage im Raum, ob es eine Provokation ist, mit der er seine Verachtung für Andersdenkende ausdrücken will oder es ihm nicht einmal selbst auffällt. Ich neige dazu, es ebenfalls für eine Inszenierung zu halten.

2 KOMMENTARE

  1. Man sollte Böhmermann einfach ignorieren, Dummschwätzer wie er verziehen sich schnell, wenn sie keine Bühne mehr haben.

    • …oder werden wie Herr Seibert irgendwann Pressesprecher eines Regierungspolitikers.
      Uuhhh…gruselige Vorstellung den Böhmermann dort sitzen sehen und zu hören zu müssen!

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