Demaskierter Antisemitismus bei der Lufthansa?

Orthodoxe Juden (Symbilbild:Imago)

Während sich Muslime in der zivilen Luftfahrt hierzulande jeder nur erdenklichen Rücksichtnahme auf ihre Befindlichkeiten erfreuen können, von Gebetsräumen und Mekka-Richtungspfeilen bis hin zu Halal-Speiseangeboten, werden bei anderen Religionsgemeinschaften im Zweifel Regeln stur über Glaubensgebote gestellt. Dies wurde nun einer Gruppe orthodoxer Juden zum Verhängnis, der aus einem fragwürdigen bis nichtigen Anlass der Zugang zu einem Lufthansa-Flug verwehrt wurde: Entsprechend ihrer strengen Vorschriften weigerten sich einige von ihnen, während des Fluges Masken zu tragen. Die Airline nahm dies jedoch zum Anlass, der gesamten Gruppe pauschal die Reise zu untersagen – ein Fall von unappetitlicher Sippenhaft oder, neudeutsch, ethnischem Profilen.

Die über 100 Personen zählende Gruppe aus New York war auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für einen verstorbenen Rabbiner in Budapest. Während eines Zwischenstopps in Frankfurt am Main wurde ihr von der Lufthansa die Weiterreise verwehrt, weil einige Mitglieder sich auf dem Flug nach Frankfurt geweigert hatten, auch nach direkter Aufforderung des Flugpersonals, eine Maske zu tragen. Wie die „New York Post”, eine der auflagenstärksten Zeitungen der USA, berichtet, bestätigte die Lufthansa den Vorfall und begründete ihn damit, dass sie grundsätzlich verpflichtet sei, die in Deutschland geltenden gesetzlichen Vorgaben einzuhalten. So weit, so gut: Selbst wenn gerade bei Juden offenbar konsequent auf die Einhaltung von Regeln geachtet wird, dann hätten diese nur auf die betreffenden Einzelpersonen angewandt werden dürfen. Weil aber nicht nur die Maskenverweigerer, sondern alle aufgrund ihres Hutes und der Schläfenlocken als Juden erkennbaren Passagiere pauschal an der Weiterreise gehindert wurden, sieht sich die Lufthansa nun – nicht ganz unbegründet – mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert.

Selektion am Gate?

Das Video eines der betroffenen Passagiere bestätigt, dass eine Lufthansa-Mitarbeiterin wörtlich gesagt hatte: „Es waren jüdische Menschen, die ein Durcheinander angerichtet haben, die Probleme gemacht haben.“ Auf die Frage eines Passagiers: „Jüdische Menschen haben auf dem Flug Probleme gemacht, also werden alle jüdischen Menschen vom Flug ausgeschlossen?”, entgegnete sie: „Nur von diesem Flug.” Der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker sagte dazu: „Dies ist diskriminierend und keine Bagatelle, und umso mehr sollte sich auch die Unternehmensspitze persönlich in der Verantwortung sehen, sich für diesen Vorfall zu entschuldigen und klar und unmissverständlich Stellung beziehen.“ Er stehe er der Lufthansa gerne für Gespräche zur Verfügung, denn so etwas dürfe sich „nicht wiederholen”.

Die Lufthansa beteuert inzwischen, man werde weiter „intensiv“ an der Aufklärung des Vorfalls arbeiten. Ungeachtet davon „bedauere” man, dass der größeren Gruppe die Weiterreise nicht ermöglicht wurde, anstatt diese Entscheidung auf einzelne Personen zu beschränken. Artig betet das Unternehmen seinen Compliance-Katalog herunter und erklärt: „Die Ereignisse stehen nicht im Einklang mit unseren Werten. Es gibt keine Toleranz gegenüber Rassismus, Antisemitismus oder Diskriminierung jeglicher Art.“ Man werde mit den betroffenen Fluggästen in Kontakt treten, um sich zu entschuldigen und „offen zu diskutieren, wie wir unsere Abläufe in solchen Situationen verbessern können.

Man stelle sich die Aufregung vor, hätte die Airline eine Gruppe „arabisch aussehender Menschen“ pauschal vom Flug ausgeschlossen, bloß weil sich einige nicht an die Beförderungsvorschriften gehalten hätten. Noch weniger ist vorstellbar, dass eine Gruppe von aufgrund äußerlich als solche erkennbaren Muslimen – Burkaträgerinnen oder Imame – von der Weiterreise ausgeschlossen worden wäre; hier hätte man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlich die Maskenverweigerer wohl „übersehen“ und stillschweigend mitreisen lassen.

Bedenkliche Stereotypen

Abgesehen von den bedenklichen Stereotypen, die (in diesem Fall ausgerechnet deutsche) Mitarbeiter einer führenden internationalen Airline offensichtlich über Juden pflegen, welche sie an klischeehaften Äußerlichkeiten identifizieren, verärgert hier noch etwas anderes: Der Anlass der Boarding-Verweigerung, die Maskenpflicht an Bord, steht zunehmend in der Kritik und musste auch schon zum Zeitpunkt des Vorfalls als überkommene Regel gelten. Heute hob die WHO ihre Empfehlung zum Maskentragen für Flugpassagiere generell auf, womit der Maskenwahn über den Wolken in Kürze sowieso der Geschichte angehört  Da diese Entscheidung bereits seit längerem absehbar war, hätte man hier – ungeachtet der sonst so beschworenen „Kultursensibilität” – auch großzügiger reagieren können.

Auch wenn beide Fälle anders gelagert sind, kommt einem hier sogleich der Skandal um die Fluglinie Kuwait Airlines in den Sinn, die sich bis heute weigert, israelische Passagiere zu befördern – und darin 2018 auch noch von der deutschen Justiz bestärkt wurde. Trotz der üblichen Empörungsphrasen von Politikern – sogar des damaligen Verkehrsministers Andreas Scheuer (CSU) – hatte die Merkel-Regierung nicht das Geringste unternommen, um das Luftverkehrsabkommen mit Kuwait entsprechend zu modifizieren oder zumindest solange auszusetzen, wie das Unternehmen an seiner antisemitischen Praxis festhält.

4 Kommentare

  1. Da wir in einem säkularen Staat (wenigstens auf dem Papier) leben, dürfen generell religiöse Befindlichkeiten zu keiner Extrawurst führen.

  2. Da steckt leider ein Denkfehler drin. Wenn die LH die jüdische Gruppe nicht mitfliegen ließ, dann ja nicht deshalb, weil sie jüdisch ist. Das wäre in der Tat antisemitisch. Die Gruppe wurde ja deshalb nicht mitgenommen, weil diese Gruppe keine Maske tragen wollte. Wenn beispielsweise die Fußballmannschaft von Bayern München sich geweigert hätte, hätte ja auch niemand von Bayern-München-Phobie phantasiert. Außerden haben die jüdischen Passagiere ja wohl auch keine religiösen oder judaistischen Gründe angeführt. Merke: Wenn ein Jude bei rot über die Ampel fährt, ist die Strafe ja auch nicht antisemitisch. Da kann ja auch jeder unterscheiden.

  3. Die Geschichte enthält einen Denkfehler. Die jüdischen Passagiere wurden ja nicht deshalb nicht mitgenommen, weil sie Juden waren -das wäre dann in der Tat antisemitisch- sondern weil sie keine Masken aufsetzen wollten. Wenn wir uns vorstellen, daß das Bayern-München Fußballteam so gehandelt hätte, würde man ja auch nicht zu lesen bekommen, daß die Lufthansa anti-bayerisch wäre, sondern man hätte sich ganz natürlich gefragt, wieso und weshalb sie keine Masken haben aufsetzen wollen. Und da die jüdische Reisegruppe die Maskenverweigerung ja wohl kaum religiös begründet haben dürfte, ist die Unterstellung antisemitischer Gründe sachlich falsch. Die Entschuldigung der LH folgt natürlich den „üblichen Gründen“, ist aber eigentlich unnötig.

  4. Da trafen deutscher Kadavergehorsam auf religiöse Arroganz jüdischer Provenienz, die auf die dauerhaften Schuldgefühle der deutschen baute.
    Wenn mir eine Fluglinie – aus welchem Grund auch immer – Vorschriften als Bedingung für den Transport macht und ich diese nicht akzeptieren will oder kann, dann meide ich diese Fluglinie, selbst wenn die Bedingungen völlig idiotisch sind.

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