Demokratie ohne Bürger? Die „Zeit“ fremdelt mit dem unliebsamen Wählerwillen

Demokratie ohne Bürger? Die „Zeit“ fremdelt mit dem unliebsamen Wählerwillen

Paternalistische Verengung des „Zulässigen“: Die wahre Demokratie unter Druck (Symbolbild:Pixabay/GerdAltmann)

Wenn man die Menschen befragt, lieben sie den Rechtsstaat, aber wenn sie dann wählen, gewinnen am Ende oft Autoritäre.“ Schon dieser Teaser zu dem aktuellen “Zeit”-Artikel „Sind wir Pseudodemokraten? von Anant Agarwala und Maximilian Probst verrät die Blickrichtung: Nicht die Politik hat ein Problem, sondern die Bürger. Wer die falschen Parteien wählt, kann kein echter Demokrat sein, höchstens ein „Pseudo-“.
Damit ist der Rahmen gesetzt: Demokratie wird nicht mehr als offener Prozess verstanden, in dem wechselnde Mehrheiten ihre Präferenzen artikulieren, sondern als normatives Ergebnis, das von vornherein feststeht. Demokratisch ist, was bestimmte Milieus für richtig halten – also die Parteien und Programme, die sich selbst als Hüter „liberaler Demokratie“ inszenieren.

Wer dagegen bei Wahlen anderen Kräften seine Stimme gibt, gilt als defizitär, als verführbar, als autoritär anfällig. Dass damit Millionen Wähler in Ostdeutschland, Norditalien, Frankreich oder den USA pauschal in den Verdacht der Demokratie-Unreife geraten, wird in Kauf genommen. Die Frage, ob nicht vielleicht das etablierte Parteien- und Medienkartell seine Legitimation verspielt, wird gar nicht erst gestellt. Stattdessen sucht man bei den Bürgern nach kognitiven Defekten.

Ein verkürztes Menschenbild

Im Zentrum des Artikels steht eine Studie des US-Politologen Eric Nisbet; in einem Experiment ließ dieser Befragte zwischen „Rechtsstaatlichkeit, politischer Gleichheit, Meinungsfreiheit und wirtschaftlichem Wohlergehen“ abwägen. Ergebnis: Im Zweifel wählen sie das Land, das „dem eigenen Wohlstand dient“, nicht das, das abstrakte Grundprinzipien maximiert. Geld schlägt Freiheit, so die Diagnose. Das ist weder neu – Brechts „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ wird im Artikel selbst zitiert – noch überraschend: Wer Kinder ernähren, Kredite bedienen, Mieten zahlen muss, wird politische Ordnung zwangsläufig auch danach beurteilen, ob sie ein Mindestmaß an materieller Sicherheit gewährleistet. Das ist keine „autoritäre Versuchung“, sondern ein rationaler Bestandteil demokratischer Urteilsbildung.

Agarwala und Probst aber lesen daraus eine Gefahr: Weil Menschen Demokratie offenbar mit Wohlfahrtsstaat, nationaler Sicherheit und verlässlichen Grenzen verbinden – also mit „hübschem Haus, großem Auto und America First“ – entgleite der Begriff den liberalen Eliten. Mit anderen Worten: Die Bürger haben eine zu bodenständige Vorstellung von Demokratie. Sie erwarten Funktionsfähigkeit, nicht nur Werteprosa. Genau darin liegt für die Autoren das Problem.

Wenn der Status quo sich selbst heilig spricht

Interessant ist, was der Artikel aus dieser Einsicht macht. Agarwala und Probst konzedieren, dass viele Menschen sich „schlecht repräsentiert und schlecht regiert“ fühlen und ein starker Führer bis in die Mitte hinein attraktiv geworden ist. Aber statt diese Diagnose zum Anlass zu nehmen, die eigene politische Klasse zu befragen, bleibt man im gewohnten Narrativ: Schuld sind Ungleichheit, Kapitalismus, Rechtspopulismus.
Das Muster ist bekannt. Wenn Bürger etablierte Parteien abwählen, liegt es nie an gebrochenen Versprechen, an Masseneinwanderung gegen Mehrheitswillen, an Corona-Exzessen, an Deindustrialisierung, an einem Moralistensprech, der jeden Widerspruch als „Hass“ denunziert. Es liegt immer an Strukturen und Ängsten – nie an konkreten Entscheidungen.

So wird Demokratie paradox: Sie gilt als bedroht, sobald sie beginnt, das politische Personal auszutauschen, das sich über Jahre selbst mit diesem Begriff identifiziert hat. Wer den Status quo kritisiert, gefährdet das System; wer ihn verteidigt, verteidigt angeblich die „liberale Ordnung“. Dass viele Bürger gerade diesen Status quo als undemokratisch empfinden – wegen Zensurnetzwerken, informeller Brandmauer-Kartelle, medialer Einheitsfront –, passt in dieses Schema nicht hinein.

Rechtspopulismus als Diagnoseverweigerung

Um die „Krisen des demokratischen Kapitalismus“ zu erklären, beruft sich der Artikel auf den Soziologen Leo Roepert. Rechtspopulismus sei „Krisenmythologie“: ökonomische Verunsicherung werde in Verschwörungsphantasien über „Eliten, Migranten und Linke“ übersetzt, während die eigentliche Verteilungsfrage unbearbeitet bleibe. Die Pointe: Gerade wer das sagt, trägt dazu bei, diese Verteilungsfrage zu verschleiern. Denn was die Autoren konsequent ausblenden, ist die Rolle jener politischen Entscheider, die in Europa nicht nur ökonomische, sondern auch kulturelle und demographische Großexperimente betrieben haben: Eurorettungen, Energiewende, Massenzuwanderung, identitätspolitische Umerziehung, Corona-Lockdowns, Bürokratie-Explosion.

Es ist kein „Mythos“, wenn Bürger feststellen, dass sich politische Entscheidungsträger systematisch über Volksabstimmungen, Koalitionszusagen, Grundrechte hinwegsetzen. Es ist eine Erfahrung. Wer Kritik an Migrations- oder Klimapolitik reflexhaft unter „Ressentiment“ verbucht, verweigert sich der Diagnose – und beschwert sich dann über das „Abgleiten“ in Autoritarismus.

Ungleichheit als Allzweckwaffe

Besonders deutlich wird dieser blinde Fleck im Abschnitt zur sozialen Ungleichheit: Die “Zeit” beruft sich auf eine Übersichtsstudie von Susan Stokes, nach der große Vermögensunterschiede mit „democratic backsliding“ korrelieren, sowie auf Daten, wonach in skandinavischen Ländern mit höherer Gleichheit das Vertrauen in die Demokratie stabiler sei. Das ist empirisch nicht falsch – aber selektiv. Denn Vertrauen hängt nicht nur am Gini-Koeffizienten, sondern auch an kultureller Homogenität, Rechtsstaatlichkeit, politischer Ehrlichkeit. Skandinavien war über Jahrzehnte ethnisch relativ stabil, migrationspolitisch strikt und institutionell transparent. Erst mit dem Import der westeuropäischen Migrations- und Identitätspolitik beginnen auch dort die Spannungen.

Agarwala und Probst aber lesen aus den Zahlen nur eine Botschaft heraus: Mehr Umverteilung, mehr Staat, mehr Sozialleistungen. Dass gerade dieser Staat sich als übergriffig, ineffizient und moralistisch erwiesen hat (die Autoren zitieren selbst Andreas Wirsching, der von einem aufgeblähten Bürokratie- und Antidiskriminierungsstaat spricht), wird zwar erwähnt, aber nicht zu Ende gedacht. Stattdessen endet der Text mit der Forderung, der Staat müsse „wieder handlungsfähiger werden“. Als hätte es die letzten 20 Jahre Übergriffigkeit nicht gegeben.

Bürger als Problemfall – oder als Souverän?

Im Kern steht ein anthropologischer Gegensatz. Für die “Zeit”-Autoren sind Bürger Objekte politischer Pädagogik. Sie lieben angeblich die Demokratie im Fragebogen, wählen aber „Verächter des Rechtsstaats“, weil sie zu sehr ans „Fressen“ denken. Also braucht es mehr soziale Gerechtigkeit, mehr Staat, mehr Aufklärung – dann werden sie sich schon wieder zur richtigen Demokratie bekennen. Eine konservative Perspektive jedoch würde anders ansetzen. Sie nimmt ernst, dass Menschen Demokratie nicht als theologisches Dogma, sondern als Erfahrungsraum wahrnehmen: Wie sicher sind meine Straßen? Wie stabil ist meine Währung? Werden Gesetze eingehalten, Grenzen geschützt, Verträge respektiert? Darf ich öffentlich sagen, was ich denke, ohne berufliche oder strafrechtliche Konsequenzen zu fürchten?

Und wenn in all diesen Bereichen die Antworten zunehmend negativ ausfallen, ist es eben kein Beleg für „autoritäre Persönlichkeitsstrukturen“, wenn Wähler nach Alternativen suchen. Es ist die normale, gesunde Reaktion eines Souveräns, der seine Vertreter austauscht, weil sie ihre Aufgaben nicht erfüllen.

Die wahre Pseudodemokratie

Damit kehrt sich die Titelfrage des “Zeit”-Artikels um: Pseudodemokratie beginnt nicht dort, wo Bürger andere Parteien als die von linken Journalisten bevorzugten wählen; sie beginnt dort, wo demokratische Entscheidungen nur solange akzeptiert werden, wie sie den eigenen normativen Erwartungen entsprechen – und andernfalls als „Rutsch in den Autoritarismus“ delegitimiert werden. Wer den Souverän zum Betreuungsfall erklärten sich selbst zum Hüter der einzig wahren Demokratie, und jede Abweichung als „Backsliding“ brandmarkt, praktiziert eine Form von Paternalismus, die mit dem Geist der Demokratie unvereinbar ist.

Man könnte auch sagen: Es ist die Haltung eines Systems, das das Volk zwar noch wählen lässt, ihm aber das Recht abspricht, falsch zu wählen.
Die eigentliche Bewährungsprobe der Demokratie steht damit erst noch bevor: Ob sie aushält, dass Bürger ihre Freiheits- und Rechtsstaatsvorstellungen gegen jene verteidigen, die sich selbst als ihre letzten Verteidiger inszenieren. Eine Ordnung, die das nicht erträgt, ist keine verletzte Liberalität – sie ist bereits halbe Pseudodemokratie.

8 Antworten

  1. Sogar im tiefsten Totalitarismus wird es noch Realitätsblinde geben, die unaufhörlich von Demokratie schwafeln.
    😜

    1. Die Demokratie ist eine Erfindung der Mächtigen, um sich vor dem Zorn der Bevölkerung zu schützen. In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was Politdarsteller Ihnen erzählen.
      Die gesamte Demokratische Politik ist auf Lügen aufgebaut…!

  2. @Demokratie ohne Bürger
    nun ja – die post-Wahlen-Ära ist ja im Rahmen der 15-Minuten-Stadt schon angedacht, schließlich weiß die KI ja besser, was die Menschen wollen, als diese so unzuverlässigen Wähler.
    Und wen interessiert es schon, wenn die Oligarchen dann durch passendes Training der KI dafür sorgen, das Volkeswille immer im Lichte ihrer Interessen gesehen wird. Und wer wird es außer den elitären Kreisen überhaupt wissen, wenn die KI dann auch entscheidet, was das Volk wissen darf und was man ihm besser vorenthält, damit es nicht unruhig wird ?
    Letzteres sehen wir ja heute schon, wie EU und Regime entscheiden wollen, was Wahrheit ist und das Volk wissen darf, und was Fake ist und ihm vorenthalten i wird. Schließlich kennen wir ja den Unterschied zwischen Wahrheit udn Fake aus der Corona-Zeit – etwas 6 Wochen, dann wurde aus der Fake-Meldung die neue Wahrheit, die man ja vorher wirklich nicht wissen konnte.
    Oder exemplarisch auch die Domplatte und Armlängen-Reker.

  3. „Sie lieben angeblich die Demokratie im Fragebogen, wählen aber „Verächter des Rechtsstaats“, weil sie zu sehr ans „Fressen“ denken.“
    Treffende Erkärung warum nach wie vor so viele Sie-Plündern-Deutschland und die coronoia-Diktatur-Unholde wählen.

    Aber ein gewisser Peter Thiel hat die Lösung, Wahlen obsolet machen indem der Volkswille durch K“I“ erkannt wird. Sicherlich ganz neutral und transparent, wie man das von Palantir, Clearview & Ko schon kennt.

    Selbe Sülze im Fischblatt wie bei der Allianz-Studie kürzlich, siehe https://ansage.org/allianz-studie-wenn-die-normalitaet-wird-zum-extremistischen-risiko-verklaert-wird/ – da blähen im Angesicht anstehender Wahlen die Büttel-‚N’GOs wohl wieder auf Hochtouren.

  4. @Dass damit Millionen Wähler in Ostdeutschland, Norditalien, Frankreich oder den USA pauschal in den Verdacht der Demokratie-Unreife geraten, wird in Kauf genommen.
    die Frage lautet doch eher, wer da wirklich „unreif“ ist ?
    Diejenigen, die mit der Blockpartei die Plünderung des Landes weiteführen wollen, die Straßen verfallen lassen, die Schulen verrotten lassen und als Diener der Oligarchen Krieg gegen Russland führen wollen – oder diejenigen, die meinen Straßen- und Brückenreparaturen, Schulsanierungen und ein funktionierendes Gesundheitssystem ist die bessere Lösung – und es gibt kein angeborenes Anrecht auf Herrschaft – auch nicht für die, die sich links zwischen Wand und Tapete befinden und meinen, man braucht nicht MINT, sondern linke Meinung und Haltung und „Quality is a Myth“, Hauptsache Gender, Queer, Woke, Divers !

    Wobei dann doch noch offen ist, ob es wirklich nur geistige Unreife ist, ein Mangel an dem Unterschied zwischen Tier und Mensch – oder nicht doch eine effiziente Mischung von Überheblichkeit, Arroganz, Dummheit und Niedertracht !

  5. Und in der ZEIT wird wieder gegen die AFD ausgeteilt. Die AFD wird wieder dämonisiert
    Jung, rechts, gut vernetzt – die Radikalisierung der AfD in NRW
    https://www.zeit.de/politik/deutschland/2026-01/nordrhein-westfalen-afd-rechtsextremismus-radikalisierung-matthias-helferich

    Einer der Top-Kommentare im Bereich der Lesermeinungen bei der Zeit unter dem Artikel lautet:

    „Merke: es gibt keine Gemäßigten in der AfD.
    Die Partei ist rechtsradikal bis ins letzte Glied.
    Eine kongeniale Nachfolgeorganisation der NSDAP.“

    Und so ein Müll wird bei der ZEIT unter den Lesern schon seit Jahren verbreitet. Die AFD wird ständig mit der NSDAP verglichen. Außerdem wird der AFD ständig ständig vorgeworfen der verlängerte Arm von Putin zu sein, ohne irgendwelche Belege oder Beweise!
    Ich erinnere außerdem daran, dass auch ein Selenskij und seine Regierungsleute sowie sein ukrain. Botschafter in Deutschland ständig schwachsinnige Kommentare über deutsche Politiker und über die AFD abgeben. Die AFD sowie Orban (Regierungschef von Ungarn) und Fico (Regierungschef in der Slowakei) werden von der ukrainischen Regierung schon seit Jahren ständig beschimpft, beleidigt, diffamiert und verleumdet. Unsere deutschen Regierungs-Politiker und die Politiker des Altparteien-Kartells finden das offenbar gut, sonst würden diese Politiker wenigstens reagieren oder zumindest Sanktionen gegen diesen durchgeknallten ukrain. „Killer-Clown“ (Selenskyi) und gegen seine bekloppte Regierung aus Kiew verhängen.

  6. Die deutschen Regierungen der letzten 30 ig Jahre sind aus Gründen von „GEISTESSCHWÄCHE“ total überfordert, planlos, willenlos lassen sie sich vorführen. Die Blockwarte haben so wie 1933 Hochkonjunktur. Die Sanktionen haben die Europäer zerlegt, Firmen schliessen, wandern aus. Dank günstiger russischer Energie wurde Deutschland eine Wirtschaftsmacht, nun wird es revidiert dank Dummheit. Die Russen zucken nicht mal mit der Schulter ueber die Sanktionen. Die russische Wirtschaft boomt, alle Welt macht heißhungrig Geschaeft mit dieser Supermacht. Der ABSCHAUM der EU ist hochgiftig.

    In Deutschland erleben wir in den letzten Jahren – es begann mit der sog. ‚Flüchtlingskrise‘ im Jahre 2015 – den übelsten Gesinnungsterror, insbesondere befördert von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Verbund u.a. mit den ÖRR, seit der NS-Zeit. Es wird höchste Zeit, dass diese LINKEN samt CDU– Parteien massiv abgewählt wird. DIE GRÜNEN sind eine Obrigkeits-Staatspartei… Schwerpunkt : WAFFENHANDEL!!!. Hinzu treten deren unerträgliche Kriegstreiberaktivitäten. – Abwählen! – Lang und Baerbock: Ich assoziale, degenerierte Degeneration.

  7. Doch trotz der Tatsache, dass die breite Masse der Bevölkerung an dem Traum von einer Welt festhält, in der Demokratie eine Regierungsform „des Volkes, durch das Volk, für das Volk“ bedeutet, ist die Realität bei näherer Betrachtung genau das Gegenteil.