Der angeblich starre Achtstundentag: Das Problem ist nicht das Arbeitszeitgesetz

Der angeblich starre Achtstundentag: Das Problem ist nicht das Arbeitszeitgesetz

Arbeitszeiterfassung in deutschem Unternehmen (Symbolbild:Imago)

Es ist politischer Brauch, immer neue Nebelkerzen zu werfen beziehungsweise sozusagen stets eine eine andere Sau durchs Dorf zu jagen. So ist es nun auch wieder mit den Arbeitszeiten in Deutschland – Stichwort Achtstundentag. Arbeitgeber behaupten, vom Achtstundentag könne nur ausnahmsweise abgewichen und dieser Zeitrahmen verlängert werden; doch die Verbandssprecher scheinen inzwischen genauso inkompetent zu sein wie Politiker. Kanzler Friedrich Merz setzte den Achtstundentag auf die Agenda – doch ausgerechnet er Merz beendete ein Koalitionstreffen nach nur sechs Stunden. “Der Postillon” legte ihm satirisch das Zitat in den Mund: “Ich bin zufrieden, dass wir überhaupt so lange durchgehalten haben… länger als sechs Stunden kann man echt nicht arbeiten. Da lässt ja auch total die Konzentration nach. Das kann man keinem zumuten.

Doch zurück zum Ernst der Sache: Den sogenannten Achtstundentag hat es so nie wirklich gegeben – und es gibt ihn auch heute nicht in Reinform. Paragraph 3 Arbeitszeitgesetz regelt wörtlich: ”Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten. Sie kann auf bis zu zehn Stunden nur verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Kalendermonaten oder innerhalb von 24 Wochen im Durchschnitt acht Stunden werktäglich nicht überschritten werden.” Eine Woche hat sechs Werktage; sechs mal acht Stunden mal 24 Wochen ergibt 1.152 Stunden, die auf bis zu 60 Wochenstunden verteilt werden können.

Teilweise unsinnige Regelungen

Paragraph 7 Arbeitszeitgesetz erlaubt darüberhinaus abweichende Regelungen von bis 12 Stunden täglich. Und das europäische Arbeitszeitrecht ermöglicht sogar Doppelwochen mit 12 Arbeitstagen in Folge, indem eine Arbeitswoche mit einem Arbeitstag endet und die Folgewoche mit einem Arbeitstag beginnt. Solche Schichtpläne findet man überwiegend im Bereich Gesundheit und Pflege. Flexibler geht es also kaum. Dass Deutschland bei der jährlich geleisteten Arbeitszeit von nur 1.335 Stunden im Jahr mit dem 129. Platz weltweit das Schlusslicht aller Industriestaaten bildet, ist anderen Umständen geschuldet – jedenfalls aber nicht dem Achtstundentag.

Bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit Vollzeitbeschäftigter von rund 40 Stunden liegt Deutschland im europäischen Mittelfeld; die tatsächlich geleisteten Wochenstunden der Beschäftigten betragen aber nur durchschnittlich 35 Stunden. Der Grund: Deutschland liegt im EU-Vergleich geleisteter Arbeitsstunden mit einer Teilzeitquote von 29 Prozent auf Platz 3, was sich in der verhältnismäßig niedrigen durchschnittlichen Wochenarbeitszeit widerspiegelt. Warum weniger in Vollzeit gearbeitet wird, liegt an teilweise unsinnigen Regelungen. Wie schon an anderer Stelle thematisiert, sind dies kontraproduktive Anrechnungsvorschriften von Erwerbseinkünften beim Bezug von Witwenrenten, Bürgergeld und anderen Sozialleistungen. Hauptsächlich aber liegt es daran, dass Löhne und Gehälter mit Abgaben von teilweise über 50 Prozent belastet werden – nicht nur bei Gutverdienern, sondern auch durch die Steuerklasse V.

An ihren Taten sollt ihr sie messen!

Den überwiegend weiblichen Angehörigen in dieser “Teuerklasse V” wird suggeriert, dass sich eine höhere Arbeitszeit noch weniger lohne als die Mehrarbeit von Vollzeitbeschäftigten. Außerdem setzen viele Gutverdiener ihre Arbeitszeit herab (das Gesetz über Teilzeit, TzBfG, ermöglicht das!), um den bereits ab 70.000 Euro jährlich greifenden Spitzensteuersatz zu vermeiden. Ab diesem steuerpflichtigen Einkommen zahlen diese – neben den Sozialversicherungsbeiträgen – für jede weitere 1.000 Euro Gehalt satte 420 Euro Lohnsteuer. Die Lohnsteuer bemisst sich überdies, wie auch bei allen anderen Berufstätigen, nach dem vollen Gehalt – obwohl dieses durch den Sozialversicherungsbeitrag gemindert ist. Im Grunde werden so also auch die Sozialversicherungsbeiträge versteuert.

Die Debatte um den Achtstundentag ist ein Ablenkungsmanöver, oder eine rhetorische Spielweise von Politikern, die keinerlei Sachverstand haben. Und wer von den Abgeordneten die Hälfte der Plenarsitzungen schwänzt, sollte den Mund erst gar nicht aufmachen. Nicht an ihren Worten sollte man sie messen, sondern an ihren Taten! Doch die Zweifel am Sachverstand von Verbandssprechern der Wirtschaft nehmen ebenfalls zu, wobei sich die Frage aufdrängt, wieso es diesen Wirtschaftsvertretern anders ergehen sollte als gewissen Gewerkschaftsfunktionären auf der anderen Seite (für den letzten DGB-Bundeskongress muss man sich als ehemaliger Kreisvorsitzender fast schämen). Ich war selbst 40 Jahre meines Erwerbslebens im Arbeitsrecht unterwegs und zuletzt als Landesarbeitsrichter tätig – und habe diesbezüglich reichlich Erfahrungen gesammelt; als gelernter Personalfachkaufmann bin ich zudem auch mit den Arbeitszeitmodellen fast aller Branchen vertraut. Will sagen: Ich weiß, wovon ich rede!

9 Kommentare

  1. Allein die Vorstellung, welche unfassbare jährliche Milliarden-Summe unzählige Asylbetrüger bei den Sozialkassen abkassieren, sollte jedem Steuerzahler, der durch tägliche Arbeit Steuern für dieses Land entrichtet vor Augen führen, wie heftig der Verhöhnungsschlag in sein Gesicht ist.

  2. Und als selbstständiger Unternehmer ist man auch am Wochenende bei der Arbeit, nämlich beim Rechnungen schreiben und vielem mehr.
    Nicht mitgerechnet sind die unzähligen Stunden, die man fürs Finanzamt vor dem PC sitzt.
    Nur acht Stunden am Tag? Sechs Tage die Woche? Darüber würde ich mich sogar freuen!

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  3. Habe selbst bei einem Arbeitgeber geschafft, der von uns allen eine 6-Tage-Woche forderte. Mo.-Fr. 6.00 – 16.45 und am Samstag dann nur 6.00 – 14.30. Als ich ihm dann verkliggerte, daß es gewerkschaftlich geregelt sei, daß bei 10 Stundenschichten KEINE Pause nachgearbeitet werden darf, wurde er „elektrisch“ – und ich war deraußen. So ein Pech.
    Der Wessi stellt jetzt vorzugsweise Nicht-deutsche ein.

  4. Es würde manchen Menschen nichts schaden, wenn sie mal erfahren würden, was Arbeit bedeutet! Ich habe im Jahr 1960 als 14jährige in 4 Wochen 212,5 Stunden gearbeitet und dies zu einem Stundenlohn von 1 DM. Da hat sich niemand darum gekümmert, wenn ich teilweise morgens um 6 Uhr begonnen habe, teilweise nur 30 Minuten Mittagspause und abends um 22 Uhr die Fabrik verlassen habe!

    Später, als ich eine Berufsausbildung hinter mir hatte, habe ich oft morgens um 6 Uhr begonnen und abends um 23 Uhr meinen Arbeitsplatz verlassen auch am Wochenende gearbeitet, da ich dann ungestört vom Gelaber mancher Kollegen arbeiten konnte!

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    1. Und nach dem Du in Rente gegangen bist, ist der Laden zusammengebrochen.
      Ja, von diesen Wichtigtuern gibt es noch mehr. Die Friedhöfe sind voll mit ihnen.

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  5. Ich hatte mit knapp 80000 Euro Jahreseinkommen eine Abgabenquote (Steuern und Sozialverischerung) von über 50%. Alleine die durchschnittliche Steuer waren rund 25%.
    Seit ich in Rente bin, ist es deutlich weniger, die Steuer ist auf 10,7% runter. Meine Frau und ich haben jetzt mehr Netto-Rente als vorher Netto-Gehalt. Und durch die Kosten für Benzin und Verschleißreparaturen beim Auto hatten wir nochmal rund 10000 Euro weniger.

  6. Das Problem sind ja nicht die Arbeitszeiten sondern die Umstände dass unsere Politik der letzten Jahre den Menschen jegliche Motivation zum arbeiten genommen hat.
    Wer für einen 40 Stunden Job kaum mehr hat als ein Bürgergeld Empfänger, in Konzernen arbeitet die ihre Mitarbeiter unter miserabelsten Bedingungen ausbeuten oder die Aussicht hat in der Rente nach 45 Jahren Arbeit zum Sozialfall zu werden , wird sich kaum noch täglich hochmotiviert zur Arbeit begeben.
    Ein guter Anfang wären mal wieder Politiker an der Regierung die mit gutem Beispiel vorangehen und ihre Vorbildfunktion erfüllen würden.
    Dazu gehören aber keine unqualifizierten Leute mit gefakten Lebensläufen oder Doktortiteln , die als Lobbyisten mehr an ihr eigenes Wohl Denken als an das der Bürger!