Der Fratzscher unter den Physikern: Noch ist der Verbrenner nicht am Ende

Der Fratzscher unter den Physikern: Noch ist der Verbrenner nicht am Ende

Smart, clever und geschäftstüchtig – und gründlich daneben mit seiner E-Prognose: Physiker Richard Randoll vertat sich 2017 im “Spiegel“-Interview extrem (Foto:Xing)

Seit diesem Jahr fahren auf deutschen Straßen nur noch Elektroautos. So sollte es jedenfalls sein, wenn man heute noch einmal ein Interview im “Spiegel“ aus dem Jahr 2017 mit dem deutschen Physiker Richard Randoll zur Zukunft des Straßenverkehrs unter der bereits vielsagenden Überschrift “Der Durchbruch kommt 2022” liest. Er prophezeite damals, dass sich bis zum Sommer 2026 weltweit das Elektroauto durchsetzen würde und es allerspätestens ab da keine Zulassungen von Verbrennerautos mehr geben würde. Nun wird aber jeder, der nicht auf einer einsamen Insel oder im tiefsten Dschungel lebt, mit eigenen Augen sehen, dass sich diese Prophezeiung nicht bewahrheitet hat. Elektroautos sind zwar, anders als noch 2017, kein Nischenprodukt mehr, aber von einer kompletten Marktdominanz noch weit entfernt. Sehr weit.

Der Fall verrät uns, dass wir einem Experten nicht einfach vertrauen sollten, nur weil er einen Doktor- oder Professorentitel vor dem Namen trägt. Die weit bessere Strategie wäre es, erst einmal abzuwarten und dann zu sehen, ob die Einschätzung der Wahrheit entspricht oder nicht; eine Maxime, die allerdings ausgerechnet von den lautesten und in den Medien präsentesten Vertretern ihrer jeweiligen Disziplin regelmäßig missachtet wird. Man denke nur an den öffentlich-rechtlichen Hofmeteorologen Dr. Mojib Latif, demzufolge es in Mitteleuropa schon lange keinen Schnee mehr geben dürfte, oder an den Ökonomieprofessor Marcel Fratzscher, der mit größter Zuverlässigkeit bei praktisch jeder seiner Prognosen meilenweit daneben liegt. Auch andere sogenannte Experten zeichnen sich durch bemerkenswerte Blindheit und mangelnde Treffsicherheit bei ihren Vorhersagen aus; so sollten wir uns dank Masseneinwanderung und Klimawandel ja längst im heißesten Wirtschaftswunder aller Zeiten befinden – doch zu sehen ist davon derzeit allerdings recht wenig.

“Verbrennerautos werden komplett verschwinden”

Gehen wir also das damalige “Spiegel“-Interview mit Randoll noch einmal durch. Der Mann ist Physiker und war – jedenfalls damals … selbst an der Entwicklung von Elektroautos beteiligt. Einerseits spricht hier also der Experte, der sein Produkt am besten kennt, andererseits der Geschäftsmann, der es natürlich auch gewinnbringend verkaufen will. Immerhin: Sein beruflicher Hintergrund wird im Gespräch erwähnt, niemand wurde also aufs Glatteis geführt. Randoll zeigte sich äußerst selbstbewusst: „Das heißt, schon 2026 kommt das endgültige Aus für den Verbrennungsmotor. Wenn Ihnen im Jahr 2036 ein Fahrzeug mit Verbrennungsmotor begegnet, ist es vermutlich mindestens zehn Jahre alt.“ Wie genau kam er auf diese Prognose? Randoll hatte bemerkt, dass sich zwischen 2011 und 2016 die Anzahl aller zugelassenen Elektroautos weltweit etwa alle 15 Monate verdoppelt hatte. Bei einer Fortsetzung des Trends würde die Zahl aller zugelassenen Elektroautos der Zahl aller zugelassenen Autos entsprechen. Sprich: Verbrennerautos würden komplett verschwinden.

(Screenshot:Daten Prof. Randoll)

Hinweis: Die Tabelle, die Randoll zeigt, ist logarithmisch skaliert; die Verdoppelung entspricht daher einer geraden Linie. Rein mathematisch ist an seiner Berechnung nichts auszusetzen. Rote Linie (Elektroautos) und grüne Linie (alle Autos) würden sich bei exponentiellem Wachstum tatsächlich 2026 treffen. Randoll erwähnt in seiner Grafik BEV (Battery Electric Vehicle) und PHEV (Plug-in Hybrid Vehicle), wobei seine Argumentation nur reine Elektroautos und keine Hybridsysteme aus Elektro- und Verbrennungsmotor umfasst. Eine mathematische Berechnung ist allerdings wertlos, wenn sie auf Sand gebaut ist. Und das war offensichtlich der Fall. ChatGPT erzeugte aus den tatsächlichen Zahlen seit 2016 folgende Grafik:

(Grafik:ChatGPT)

Die logarithmische Darstellung lässt Randolls Fehler übrigens kleiner aussehen, als er wirklich ist. In linearer Skalierung klafft die Lücke noch weiter auseinander:

(Grafik:ChatGPT)

Wenn man darüber nachdenkt, warum die Prognose derart weit danebenlag, bemerkt man schnell, dass der Zeitraum von 2011 bis 2016 einfach zu kurz war, um eine verlässliche Wachstumsrate abzuleiten. Noch dazu war die Wachstumsrate in dieser kurzen Zeitspanne äußerst sprunghaft. Man konnte sie also nicht ohne Weiteres zehn Jahre in die Zukunft verlagern. Wirtschaftswissenschaftler kennen als Gedankenexperiment den “Josefspfennig”, der zeigt, wie wenig sinnvoll es ist, exponentielles Wachstum einfach beliebig fortzuschreiben: Angenommen, Josef von Nazareth hätte im Jahr 0 die stolze Summe von 1 Cent bei einer Bank zu einem Zinssatz von 5 Prozent jährlich angelegt, hätte sich dieser mit Zins und Zinseszins bis zum Jahr 2026 auf stolze 85.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000 Euro vermehrt. Oder, in Worten: 85 Sextilliarden Euro – eine Zahl mit 39 Nullen. Weil dies die gesamte Wirtschaftsleistung des Planeten um den Faktor von 50 Quadrillionen übersteigt, wird plastischer klar, wenn man sich verdeutlicht, dass diese Summe etwa 120 Milliarden Erdmassen in Gold zum aktuellen Höchstpreis entspricht.

In einem späteren Interview bezog sich Randoll selbst auch auf die Legende vom Reiskorn und Schachbrett, bei der auf jedes Feld eines Schachbretts einfach doppelt so viele Körner gelegt werden wie auf das vorherige. Aber auch dort zeigt sich, dass ein voll belegtes Schachbrett die weltweite Reisproduktion bei Weitem übersteigen würde. Wirtschaftswissenschaftler wissen, dass sich Produkte fast nie mit exponentieller Geschwindigkeit durchsetzen. Dies mag für die Startphase noch zutreffen, auf lange Sicht stellt sich jedoch oft ein Sättigungseffekt ein. Man spricht hier von logistischem Wachstum oder einer S-Kurve. Und mit den dafür nötigen Formeln sollte wenn schon nicht die “Spiegel“-Redaktion, so doch wenigstens ein Physiker vertraut sein:

(Grafik:ChatGPT)

Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass Randoll bereits 2017 seine eigene überzogene Prognose doch ein wenig abschwächte. Er sagte, dass 2022 erstmals die Schwelle von 10 Prozent Zulassungen erreicht sein würde – und er traf damit voll ins Schwarze. Allerdings hätte 2022 schon die Marke von 20 Prozent geknackt sein müssen, wenn man seine Exponentialfunktion stur weitergerechnet hätte. Dann übrigens wäre sein Verdrängungsszenario auch schon 2025 und nicht erst 2026 eingetreten. Hätte jemand beim “Spiegel“ den Taschenrechner gezückt, wäre man also schon 2017 stutzig geworden. Randoll trat auch für ein Verbrennerverbot ein, wie es auch die Grünen gefordert hatten – obwohl dieses bei Zugrundelegung seines optimistischen Wachstumsszenarios ja eigentlich überflüssig geworden wäre. Er war allerdings davon überzeugt, dass ein Verbrennerverbot die deutschen Firmen dazu zwingen würde, sich rechtzeitig der überlegenen Technologie anzuschließen.

Auch Randolls Prognose, dass Elektroautos künftig mit einem Solardach ihre Batterie aufladen würden, hat sich bislang nicht bestätigt. Immerhin war er aber klug genug, hierfür kein konkretes Datum anzugeben. Übrigens hätte man damals schon misstrauisch werden können – denn so weit wie Randoll wollten sich damals nur wenige aus dem Fenster lehnen. Stefan Bratzel, Leiter des Center of Automotive Management, veröffentlichte unabhängig davon Anfang 2018 eine Prognose, dass der Marktanteil an Elektrofahrzeugen im Jahr 2030 bei etwa 25–40 Prozent liegen werde. Sofern die gerade wegen der Elektromobilität anhaltende Krise der vor allem deutschen Automobilindustrie und das Problem der Strompreise- und Infrastruktur nicht zu einem deutlichen Rückgang führen, könnte er damit ungefähr richtig liegen.

Hintertürchen offengehalten

Generell jedoch ist eine Kette bekanntermaßen nur so stark wie ihr schwächstes Glied. Selbst wenn in der Entwicklung von Elektroautos von Jahr zu Jahr ein riesiger Fortschritt zu bemerken ist, kann das Wachstum doch schneller als erwartet an seine Grenzen stoßen. Experten meinten schon damals, dass insbesondere durch den hohen Lithium- und Kobaltbedarf bei er Batterieproduktion ein Flaschenhals erreicht werden könnte. Interessantes Detail: In dem Gespräch wird Elon Musk – wenn auch nur am Rande – erwähnt der damals in der deutschen Medienlandschaft noch als ehrfürchtig betrachtetes Wunderkind galt, das mit seiner Firma Tesla den Klimawandel stoppen könnte. In einem “Spiegel“-Artikel von 2010 wird Musk als „Superheld“ bezeichnet; er habe „Eier aus Stahl“.

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Hat sich Randoll danach noch einmal zur Thematik geäußert, gar seinen Fehler eingestanden? Eher nicht: 2018 äußerte er sich noch einmal nahezu gleichlautend in der “Bild“, obwohl die Kurve bereits damals bedrohlich flacher verlief als erwartet. Die Lücke entstand also bereits vor der Corona-Pandemie, die ja sonst für jeden politischen Fehlschlag (wie beispielsweise auch die eher “schleppende” Integration der syrischen Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt) verantwortlich gemacht wurde. Seither sind bezeichnenderweise keine weiteren Interviewäußerungen von Randoll dokumentiert. Doch viele Propheten halten sich bekanntlich immer noch ein Hintertürchen offen, um auch im Falle eines Fehlschlags irgendwie recht zu behalten. So auch er: Im “Spiegel“-Interview 2017 antwortete er auf die Frage, was eine Modellrechnung durchkreuzen könne, dass es dazu eines Krieges bedürfe, der die ganze Weltwirtschaft beeinflusse. Anders formuliert: Putin ist schuld!

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