Der Geist der Weihnacht weht überall

Eine wahre Weihnachtsgeschichte von vorletztem Jahr

Bahnhöfe: Trostlose Zwischenwelten (Foto:Imago)

Es ist meine vorletzte Tour vor Weihnachten 2019 (also noch in der Prä-Corona-Zeit), und ich bin ganz schön geschlaucht. Wie immer zücke ich zur Ablenkung und zum Zeitvertreib meine Kamera und fotografiere bei meinem halbstündigen Aufenthalt – diesmal in Hildesheim – den Bahnhof. Sofort fallen mir die schönen, gebrannten Kacheln am Ende der Gleise auf, die in die Wand eingelassen sind und auf denen die Entwicklungsgeschichte der Dampflok abgebildet ist. Beim Fotografieren stelle ich fest, dass die Namen „Mahmoud” und „Fadel” in die harte Glasur der Kacheln gekratzt wurden (siehe Foto unter dem Artikel). So etwas braucht sicherlich seine Zeit – aber offensichtlich hat niemand die beiden dabei gestört, eingedenk ihrer gewiss überragenden Intelligenz ihre Markierungen zu setzen.

In der Bahnhofshalle weiche ich zwei Afrikanern aus, die auf einem Rad schlingernd mitten durch den Passantenverkehr im Kreis fahren und sich dabei lautstark unterhalten. In der Mitte der Halle befinden sich die üblichen metallenen Sitzgelegenheiten, auf einem der Sitze schläft seitlich gekrümmt ein Obdachloser. Wie so oft in Bahnhofshallen, gerade in den Abendstunden, beschleicht mich auch diesmal wieder ein mulmiges Gefühl. Also gehe ich auf den Vorplatz, um dort meine „fotografische Mission“ fortzusetzen und den Christbaum abzulichten. Dort steht er, allein auf weiter Flur: Etwas trostlos, mit ein paar Lichtern oben um die Spitze gefädelt (siehe Foto unter dem Artikel). Die Wahrheit ist, ich habe schon Schönere gesehen, und hake den traurigen Anblick ab mit dem Gedanken, das arme Hildesheim hat wohl noch nicht einmal genug Geld für einen anständigen Christbaum.

Ein seltener Anblick

Wieder zurück in der Halle stelle ich mich in einer hell erleuchteten, traditionellen Familienbäckerei hinter einem Ehepaar mit Kindern an. Wieder einmal ertappe ich mich dabei, wie ich Betreiberfamilie hinter der Theke – die Eltern und ihre beiden Kinder wirken in dieser Umgebung mit ihren blonden Haaren, ihrer hellen Haut und ihren stechend blauen Augen geradezu exotisch – halb gerührt, halb fasziniert anstarre… einfach weil der Anblick einer einheimischen deutschen Familie in manchen Regionen inzwischen so selten geworden ist. Die Schönheit der Frau und die Ausstrahlung der wohlerzogenen, gepflegten Kinder ist beeindruckend.

Darüber nachdenklich und einmal mehr melancholisch geworden, mache ich es mir – so gut es geht – mit meinem Tee an einem Stehtisch gemütlich, doch schon bald bittet mich eine Mitarbeiterin hinaus – Punkt 20.00 Uhr ist leider Feierabend. Das wars schon wieder mit der kurzfristigen Reminiszenz an Heimat und Geborgenheit. Also wieder hinaus in die Halle, dort, wo das „bunte“, fremde Leben tobt.

Routinemäßig verschaffe ich mir zunächst einen Überblick über die Gesamtlage. Der Obdachlose schläft noch. Auf der ihm gegenüberliegenden Sitzreihe sitzen drei junge Orientalinnen, um die 16 Jahre alt, mit schwarzem Haar und stark geschminkten Augen. Ein weiteres Mädchen steht neben ihnen. Sie unterhalten sich ununterbrochen in einer mir fremden Sprache und kichern vor sich hin. Ich beschließe, mich auf den letzten freien Platz neben den Dreien zu setzen, um als Teil eines Pulks weniger Angriffsfläche zu bieten, als wenn ich alleine wäre.

Belustigte Verachtung in der Bahnhofshalle

Kaum entspanne ich mich etwas, naht auch schon Gefahr: Ein arabischer Junge setzt sich mir gegenüber. Schmächtig ist er, ohne Bartwuchs und höchstens 16 Jahre alt. Dennoch strahlt er bereits kulturtypisches Machogehabe und Primatenprahlerei aus. Er bedenkt den schlafenden Obdachlosen neben sich mit einem Blick voll belustigter Verachtung und beginnt, die Mädchen und mich anzustarren. Anscheinend sagt eines der Mädchen leise so etwas wie: „Kommt, wir hauen hier ab”, denn wie auf Kommando stehen alle drei auf und setzen sich geschlossen auf die Reihe hinter mir, mit dem Rücken zu mir und dem jungen Araber.

Nun sind also nur noch der Araber, der schlafende Obdachlose und ich übrig. Der Araber – vom Alter her könnte er mein Sohn sein – sucht provokant meinen Blick, ich weiche ihm aus, blicke auf mein Handy und bin reichlich genervt. „Na toll”, denke ich, „der hat mir gerade noch gefehlt!„, als sich ein alter Obdachloser mit ledergegerbter Haut und Zahnfriedhof zwei Plätze neben mir niederlässt und aus seiner Bierdose nuckelt. Ich ringe innerlich mit mir und versuche abzuwägen, was wohl besser ist: Hier in der relativ warmen Halle ausharren, oder bereits jetzt auf das kalte, zugige Gleis gehen?

Noch während ich mit mir hadere, taucht ein Mann mit einem Fahrrad auf und posiert „supercool“ vor dem jungen Araber. Der bewundert das Fahrrad:

Schönes Fahrrad hast Du. Willst Du verkaufen?
Nein. Brauch’ ich selber.
Ach, komm schon. Wie viel willst Du dafür? 50 Euro?
Nein. Brauch’ ich doch selber.
Ich geb’ Dir 40 Euro. Was meinst Du, wallah?
Wallah. Vielleicht. Ich überleg’s mir.

Wallah, das Feilschen kann beginnen

„Wallah”, „bei Gott„, ist hier das Codewort: Bestanden zunächst noch Restzweifel, so ist damit klargestellt, dass man zum gleichen Stamm gehört, auf jeden Fall nicht kartoffeldeutsch ist und das Feilschen beginnen kann. Und ehe ich mich versehe, verlassen beide wie auf ein geheimes Signal hin die Halle, um das „Geschäft“ mit dem – wie ich vermute gestohlenen – Fahrrad zu besiegeln.

Gleichwohl erleichtert über den Abgang der beiden atme ich auf und lese weiter die Nachrichten auf meinem Handy, während die Mädchen hinter mir vor sich hin giggeln.

Geht es Ihnen gut?” durchschneidet eine klare, laute Stimme die relative Stille. Ich schrecke jäh aus meiner Versunkenheit auf – denn die zwischenmenschliche Besorgnis in der Stimme scheint echt zu sein, was nachts in einer Bahnhofshalle so selten ist wie Schnee in der Sommersonne. Vor mir steht ein junger Mann (ein „Hemd”, würde man in meiner Gegend sagen): Struppiges, blondes Haar und rappeldürr, mit pickligem Gesicht, höchstens 17 Jahre alt. Allerdings gilt seine Sorge nicht mir, sondern dem schlafenden Obdachlosen, der inzwischen noch schiefer in den Seilen hängt.

Ein junger, bärtiger Türke mit durchtrainierten Muskeln ist ebenfalls wie aus dem Nichts erschienen und gibt in kehligem, stakkatoartigem Deutsch den hilfreichen Tipp: „Alter, hau’ ihm eine aufs Maul, dann weißt Du, ob er nur schläft.

Unverhoffte Begegnung

Der junge Mann läßt sich nicht beirren und geht vor dem Schlafenden in die Hocke, nimmt ihn genauer in Augenschein und spricht ihn nochmals an, während der Türke um ihn herumtigert und das Ganze aus gemessener Entfernung beobachtet.

Als der Helfer sich wieder aufrichtet, beschließe ich, ihn zu ermutigen und sage: „Das ist aber toll von Ihnen, dass Sie sich um den Mann kümmern.” Wie auf Stichwort hören sogar die Mädchen auf zu schnattern und drehen sich gleichzeitig zu uns um. Alle Augen sind nun auf den jungen Mann gerichtet. Doch auch die plötzliche ihm zuteil werdende Aufmerksamkeit kann ihn nicht erschüttern; er hält stattdessen einen kleinen Vortrag: „Ich habe eine Sanitäterausbildung gemacht. Daher weiß ich, dass man helfen muss, wenn man das Gefühl hat, dass ein Mensch bewußtlos ist. Das ist er aber nicht, denn sonst hätte er sich eingenäßt. Also scheint er wirklich nur zu schlafen.

Das hat man trotzdem selten, dass heutzutage jemand einfach so hilft”, merke ich an. „Und deshalb haben Sie heute meinen Abend gerettet!

Das ist doch selbstverständlich”, meint der junge Mann.

Insel menschlicher Wärme

Die Gesichter der schnatternden Migrantengänse hinter mir bleiben blank und staunend. Sowohl die Hilfeleistung als auch der kleine Fachvortrag scheinen an ihnen wie an einer Glaswand abzugleiten, sie sagen ihnen nichts. Der junge Mann und ich sind für sie wahrscheinlich nichts weiter als ein Kuriosum oder eine willkommene Abwechslung.

Dafür kommt zwei Plätze weiter etwas Bewegung in den alten Trinker. „Ja, ist ganz selten heutzutage, dass man sich umeinander kümmert. Ganz selten.” Ich wende mich ihm zu und schaue in zwei recht wache, blaue Augen, tief im faltigen Gesicht eingegraben. „Ja, das stimmt”, erwidere ich und bemerke überrascht, wie in mir – der hartgesottenen Geschäftsfrau – etwas aufbricht und ich auf einmal den Tränen nahe bin. Ohne Worte fühle ich mich plötzlich mit den drei Männern verbunden: dem Trinker, dem Helfer und dem Obdachlosen. Die Mädchen hingegen haben sich schon wieder abgewandt, und der bärtige Türke ist verschwunden.

Für kurze Zeit sitzen wir inmitten einer Insel menschlicher Wärme, umgeben von der Härte des Lebens. Ja, die Zeiten haben sich verändert, die Menschlichkeit hat sich verkrochen; und ja: die Angst sitzt uns in den Knochen. Und doch hat ein junger Mann an diesem Abend, in dieser Stunde, den Geist der Weihnacht heraufbeschworen und unser Mitgefühl geweckt – wie auch die Erinnerung daran, was einst selbstverständlich war und auch heute noch möglich ist. Änderung ist möglich und der Geist der Weihnacht weht überall. Wenn nur einer den Anfang macht.

 

Kacheln mit muslimischen „Namensprägungen“
Ein trostloser Weihnachtsbaum auf dem Bahnhofsvorplatz

 

Dieser Beitrag erscheint auch auf Conservo.

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2 Kommentare

  1. Gefunden einst auf Seite 1 der BILD:

    „Einst kommt der Tag, da nimmt
    der Herrgott den Unrechten
    ihr Regiment!“

    Joseph von Eichendorff
    (Deutscher Dichter aus Schlesien)

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