Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße: Erinnerung als Kult

Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße: Erinnerung als Kult

Unfreiwillig zum gesamtdeutschen Helden avanciert: Charlie Hübner in „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ (Foto:ScreenshotYoutube/Trailer)

Mögen Sie auch so gut wie keine deutsche Komödie? Sind Sie auch so peinlich erfreut, wenn im Abspann oder – wie in diesem Fall bereits im Vorspann – Filmförderungsmaschinen benannt werden wie der Deutsche Filmfonds, der Bayerische Filmfonds, der Saarländische Filmfonds oder der Filmfonds von Bad Kissingen und der Filmfonds von Bad Bocklet, die diesen Film möglich gemacht haben? Freuen Sie sich dann auch so sehr, dass Sie das, was Sie zu sehen bekommen, also bereits mit Steuergeldern bezahlt haben, obwohl Sie für die Kinokarte nochmals bezahlt haben? Sind Sie glücklich und zufrieden, sagen zu können, dass Sie für diesen Film gerade zweimal bezahlt haben? Im Fall des hier behandelten Films – er heißt „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ und stammt von “Goodbye, Lenin!”-Regisseur Wolfgang Becker, der kurz nach Abschluss der Dreharbeiten Ende 2024 verstarb  – begann das Elend schon zu Beginn, als mir erklärt wurde, dass ich diesen Film gerade finanziert hatte, weil der Bayerische Filmfonds, der Saarländische Filmfonds und der Filmfonds von Bad Bocklet dies möglich gemacht haben. Also Steuergeld. Herzlichen Glückwunsch! Aber mal sehen, vielleicht werde ich überrascht. Kleiner Spoiler: Ich wurde überrascht.

Der Plot der Komödie ist schnell erklärt. Er erzählt die Geschichte des Berliner Videothekenbesitzers Micha Hartung, gespielt vom großartigen Charly Hübner, der kurz vor der Pleite steht und unfreiwillig zum gesamtdeutschen Helden avanciert: Anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls meldet sich ein ehrgeiziger Journalist bei ihm, der eine sensationelle Story über eine angebliche Massenflucht aus der DDR durch den Bahnhof Friedrichstraße aufbaut, in der Micha eine zentrale Rolle zugeschrieben wird, was sein Leben auf den Kopf stellt und Themen wie falsche Heldenverehrung, krude Erinnerungskultur und die Wendezeit beleuchtet.

Deutschland ist ein unbegabter Erinnerungskünstler

Und das macht der Film gar nicht schlecht. Gerade unsere Zeit sehnt sich nach echten Opfern, die Schlimmes erlebt haben, die in grausamen Zeiten aufgewachsen sind. Das Ding ist, dass es zumindest in der DDR – wie wohl in dem meisten Diktaturen – nicht allen Menschen grottenelend ging. Ja, dieser Satz ist als gelernter Wessi schwierig zu sagen, doch es kann tatsächlich sein, dass jemand unbeschadet in der DDR aufgewachsen ist. Damit meine ich nicht kadertreue Menschen, sondern Achtjährige, Zehnjährige und Zwölfjährige, die die Normalität ihrer Jugend erlebten und dabei nicht unglücklich waren. Im Film stellt der windige Journalist Micha die Frage, ob er in einer Talkshow über seine schreckliche Kindheit berichten solle; dieser antwortet: „Ick hatte keene schlechte Kindheit. Meine Kindheit war super.“ Manchmal möchte wohl der Besserwessi dem Immerossi eine tragische Geschichte aufzwingen, die es so gar nicht gab.

Den stärksten Moment hat der Film allerdings, wo es ihm darum geht, zu erinnern – oder anders: die Erinnerung zum Kult werden zu lassen. Als eine Klassenlehrerin meinte, es sei ganz schön schwierig, heute noch so einen KZ-Überlebenden zu finden, weil es davon ja gar nicht mehr so viele gebe, fühlten sich wahrscheinlich viele pikiert; dennoch trifft es einen Kern. Deutschland ist ein unbegabter Erinnerungskünstler, so wie Adolf Hitler ein unbegabter Maler war. Nicht jeder ist so wie Sally Perel, der als „Hitlerjunge Salomon“ bekannt wurde und bis zu seinem Tod an dem von ihm geprägten Satz „Schuld kann man nicht vererben“ festhielt. Zu viele sind gefangen in einer Vergangenheit und vergessen dadurch vollständig die Gegenwart. Dennoch oder gerade deswegen schafft es der Film in einer sehr unprätentiösen Weise, diesen kaum erträglichen Bias klar zu machen.

Wer Gedenken nur in der Vergangenheit denkt, versteht es nicht

Die Deutschen sehnen sich nach Dissidenten, um ihre eigene Geschichte reinzuwaschen. Die Deutschen sehnen sich nach denjenigen, die sie selbst – und eben auch der Großteil ihre (Ur-)Großeltern – niemals gewesen waren. Die meisten (Ur-)Großeltern waren eben in der SS, SA, vielleicht waren sie auch nur in der Wehrmacht; aber sie waren alle ein Teil des Tätervolks. Und die Enkel sehnen sich inzwischen danach, endlich aufzustehen und zu sagen: „Das war’s mit der Geschichte, ich habe mich gerade reingewaschen, vielen Dank, tut mir leid, sechs Millionen Juden war blöd, ich war nicht dabei.“ Das stimmt. Ihr wart nicht dabei. Schuld tragt Ihr keine. Dennoch solltet ihr Verantwortung für die Zukunft übernehmen. Wer Gedenken nur in der Vergangenheit denkt, der versteht es nicht. Gedenken ist immer ein Ruf in die Zukunft, um die Gegenwart darzustellen und die Zukunft zu kreieren. Was damals niemals passieren durfte – oder, wie Hannah Arendt gesagt hat: „Es ist etwas passiert, was nie hätte passieren dürfen“ – das ist die Gegenwart, das ist die Lehre aus der Vergangenheit. Das ist Gedenken. Die Lehre aus der Vergangenheit kann nicht sein, Stolpersteine zu polieren oder Überlebende in Klassenräume zu pressen, sondern es muss sein: Was machen wir aus der Geschichte? Können wir daraus lernen? Können wir irgendetwas herausziehen oder nicht?

Ich mag immer noch keine deutschen Komödien, und ich bin gar nicht peinlich erfreut, dass der Bayerische Filmfonds oder der Saarländische Filmfonds oder sogar der Filmfonds von Bad Bocklet dies finanziert haben. Aber der Film „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ hat wirklich etwas geschafft, was ganz viele Filme nicht schaffen können – nämlich den kaum erträglichen Bias zwischen Gedenken, Gedenkkult und den Leuten, die es hören wollen, darzustellen. Das ist viel mehr, als die meisten Filme, Gedenkfeiern und Mahnmale in diesem Land jemals hinbekommen.

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5 Antworten

  1. Schöner Wessi-Unfug hier! Wem es schon schwerfällt zu glauben, dass ostdeutsche Kinder eine glückliche Kindheit gehabt haben könnten, der sollte sich einfach nicht öffentlich mit diesem Thema beschäftigen! Erste Fünf! Setzen! Und wer dann noch öffentlich klarstellt, welcher Gehirnwäsche er unterzogen wurde und das Wort Tätervolk benutzt, Doppelfünf, nochmal setzen! Fragen Sie doch mal die Briten, jahrhundertelang ein Viertel der Welt unterjocht, die Franzosen, mehrmals mit ihrem Napoleon Europa verwüstet, die Italiener, nur durch Waffen damals das Römische Reich über halb Europa erzwungen, die Amerikaner beim abschlachten von Indianern, Fragen Sie die doch alle mal, ob die sich freiwillig als Tätervolk bezeichnen lassen! Sie haben genau nichts aus Geschichte gelernt, aber öffentlichen Unfug weitererzählen, das können Sie gut.

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  2. Sehr geehrter Herr Plutz. Ist das jetzt gerade ein heißer Filmtipp von Ihnen? Geht’s Ihnen sonst noch gut? Keine weiteren gesundheitlichen Probleme? Im Oberstübchen alles in Ordnung? Ich frage nur mal so…

    Ich werde mir jedenfalls diesen Mist auf keinen Fall anschauen. Brauche nur den Namen Charlie Hübner lesen/hören und ich bekomme sofort krasse Bauchschmerzen. Ich könnte gar nicht so schnell auf meine Terrasse flitzen, um mich nicht schon vorm TV im Wohnzimmer übergeben zu müssen. Ist doch bekannt, dass Hübner ein bekennender Linksfaschist und der persönliche Freund des „Nazijägers“ Jan Gorkow ist. Hat Hübner nicht auch den Doku-Film über Jan Gorkow gedreht? Weil die beiden ja so miteinander befreundet sind.

    Frei nach Lagerfeld: Wer einen Film mit Charlie Hübner schaut und diesen dann noch anderen Personen empfiehlt, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

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  3. „Die Lehre aus der Vergangenheit kann nicht sein………….sondern es muss sein: Was machen wir aus der Geschichte? Können wir daraus lernen? Können wir irgendetwas herausziehen oder nicht?“

    Ja, diese tollen Fragen können bereits ausreichend beantwortet werden: Man „erinnere“ sich nur paar Jahre zurück an die Carola-Show und die wenigstens 80% dummbratzigen wenigstens Mitläufer bis schwere aktive Verbrechertäter und vor allem derer ….innen.
    Zumindest haben die meisten sich diesmal selbst gerichtet.

    1. „Ungeimpfte ins Gas“? (Leider hier nicht mit Screenshot zu hinterlegen) Ja, ich erinnere mich und werde nie vergeben und vergessen, daß der Großteil der Bevölkerung widerstandslos bei dieser faschistoiden Farce mitgemacht hat. Sie haben nichts aus der Vergangenheit gelernt!

  4. Sie schreiben: „…den Bias herzustellen..“ Verstehe ich nicht. Ergibt für mich keinen Sinn. Habe natürlich nachgeguckt und nachgelesen. Trotzdem. Was wollen Sie damit sagen? Kognitive Verzerrung? Vorurteilsbehaftete Darstellung? Verzerung einer Schätzfunkion? Das ergibt alles keinen Sinn.
    Zum Humor in deutschen Filmen hingegen, muß ich Ihnen zustimmen. Ist meistens eine sehr merkwürdige und oft zudem noch peinliche Angelegenheit. Der Deutsche versucht Humor und bekommt dann doch nur wieder Klamauk hin. Mit welcher Lässigkeit hingegen ein Jeremy Clarksson von der BBC Leute interviewt und dabei auch noch witzig ist und das ohne, daß er es krampfhaft versucht, sondern ganz natürlich, das ist großartig. Unsere Leute meinen immer, daß sie Witze auch noch erklären müßten, gruselig. Und sogar die (für uns) großen Künstler wie Nuhr kommen nicht aus ohne die Pipi-Kacka-Popo Abteilung zu nutzen. Der Deutsche kann einfach nicht „frei von der Leber weg“. Dafür ist er zu ängstlich. Ständig bemüht er sich, vermeintlichen Fehlern auszuweichen und bekommt deshalb keine gerade Linie hin. Und das merkt man, dieses ständige Rumgeeiere. Deshalb nennen sie sich ja auch gerne Comedians. Diese seltsam verdreht anmutende Bezeichnung. „Komödianten“ wollen sie nicht sein, das klingt ihnen zu einfach und albern, „Humoristen“ klingt staubtrocken, vielleicht fällt da noch am ehesten Loriot drunter. Der hat wenigstens seine Krampfdarstellungen zum Thema gemacht, das geht noch gerade. „Komiker“ hingegen trauen sie sich nicht, vielleicht weil sie merken, daß der Schuh zu groß für sie ist. Die Verbindung deutsch und Komödie klappt fast nie. Manchmal kriegen sie aus Versehen was Gutes hin: „Mord mit Aussicht“ ist für deutsche Verhältnisse grandios, die Münsteraner Tatorte streifen sogar schon Humor. Aber sonst? Große Wüste. Vielleicht liege ich ja falsch, aber wenn mir jemand einen richtigen witzigen deutschen Film nennen könnte, wäre ich dankbar. So einen richtigen Knaller wie der amerikanische „Eins, zwei, drei“ mit James Cagney und der unvergleichlichen Lieseotte Pulver. Frohe Weihnachten für Alle.