
Es gibt einen Satz in Jens-Christian Rabes aktuellem “Focus“-Essay „Der Ernst des Lachens“, der vil weiter führt, als es der Autor womöglich beabsichtigte: Dank „investigativer Comedy“, schreibt er sinngemäß, brauche inzwischen selbst die Wahrheit eine Pointe, wenn sie noch durchdringen wolle. Was nicht lustig sei, könne womöglich auch nicht mehr wahr sein. Das klingt zunächst wie ein Kompliment an die politische Comedy. Tatsächlich steckt darin eine ziemlich düstere Diagnose unserer Öffentlichkeit. Denn Wahrheit und Pointe folgen verschiedenen Gesetzen. Wahrheit darf kompliziert, widersprüchlich und langweilig sein; die Pointe darf das nicht. Sie braucht Fallhöhe und Verkürzung, einen Wissenden und einen Ahnungslosen, einen Sieger und einen Besiegten. Sie muss in Sekunden verständlich machen, worüber zu lachen ist – und meistens auch, über wen.
Rabes Text im “Focus” ist der Vorabdruck seines Buchs „Komisch. Satire, Comedy und der Ernst der Lage“. Er handelt nicht nur von Jon Stewart und Donald Trump, John Oliver und Stephen Colbert – sondern natürlich auch von Dieter Hildebrandt, Jan Böhmermann, der Anstalt, Sarah Bosetti und Dieter Nuhr. Seine eigentliche Frage lautet, was aus politischer Comedy geworden ist, seit sie nicht mehr nur unterhalten, sondern recherchieren, aufklären und mitunter Journalismus ersetzen will.
Als der Narr noch draußen stand
Und genau dort beginnt ein Problem, das in Deutschland besonders interessant ist: Der Narr steht längst nicht mehr selbstverständlich draußen vor dem Palast. Denn einst war die klassische Legitimation des politischen Kabaretts einfach: Der Mächtige besitzt die Macht, der Narr den Witz. Der eine verfügt über Polizei, Verwaltung und Institutionen; der andere über die Freiheit, ihn lächerlich zu machen. Seine Pointe schafft für einen Augenblick Gleichheit zwischen Ungleichen. Rabe erinnert an Dieter Hildebrandts Scheibenwischer und dessen Sendung über den Rhein-Main-Donau-Kanal: Recherche über ökologische Folgen, Wirtschaftlichkeit und politische Verflechtungen, komisch verdichtet gegen reale Regierungsmacht. Franz Josef Strauß tobte. Doch diese Topographie stimmt nicht mehr ohne Weiteres. Natürlich besitzt ein Minister mehr formale Macht als ein Fernsehkomiker.
Aber daneben existieren publizistische und kulturelle Macht. Wer über öffentlich-rechtlichen Sendeplatz, Redaktion, Recherchekapazitäten und enorme digitale Reichweite verfügt, steht jedenfalls nicht wie der klassische Hofnarr schutzlos vor dem Fürsten. Der Narr ist deshalb nicht zum Regierungsangestellten geworden. Das wäre zu simpel. Aber er kann Teil jener institutionellen Ordnung geworden sein, gegenüber der er weiterhin die traditionelle Außenseiterrolle beansprucht.
Der institutionalisierte Narr
Rabe beschreibt Böhmermann, Max Uthoff und Claus von Wagner als Vertreter einer „nichttrivialen Kulturkritik und Intellektualität“. Die Anstalt hat komplizierte Sachverhalte visualisiert, Böhmermanns Redaktion recherchiert tatsächlich. Gerade deshalb sollte man diese Formate politisch ernst nehmen. Wer recherchiert, auswählt, montiert und moralisch einordnet, besitzt Deutungsmacht. Der politische Komiker nähert sich dem Journalismus an und behält zugleich die Freiheit der Satire. Die belastbare Enthüllung beansprucht die Autorität der Recherche; die Übertreibung bleibt durch die Kunstform gedeckt. Das ist keine Propaganda; es ist eine veränderte Machtposition. Rabe benennt selbst das Problem: Comedy muss Menschen zum Lachen bringen und ist deshalb ihrem Publikum verpflichtet. Politische Komiker können dadurch gerade jene moralischen und politischen Vorannahmen bestätigen, die ihr Publikum ohnehin besitzt. Denn man lacht niemals nur über etwas, sondern immer auch mit jemandem. Gemeinsames Gelächter erzeugt Zugehörigkeit. Wer dieselbe Pointe versteht, bestätigt einen gemeinsamen Code.
So wird Satire zum Erkennungszeichen eines Milieus. Man lacht über den AfD-Politiker, den Klimaskeptiker, den Provinziellen oder den Menschen, der beim neuesten Sprachcode nicht mitkommt. Nicht jede Pointe funktioniert so. Wo dieses Muster aber dominiert, sagt der Witz: Wir wissen, wie absurd diese Leute sind. Das Gelächter antwortet: Wir gehören nicht zu ihnen. Das ist weniger Rebellion als Milieukommunikation.
Wer lacht, herrscht
In einem früheren Essay hatte ich die Machtfrage von der entgegengesetzten Seite betrachtet. Anlass war Justus Benders Skandalisierung des Lachens der AfD im Bundestag in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Das Interessante daran war nicht, ob dieses Lachen sympathisch, geschmackvoll oder gelegentlich hämisch ist. Natürlich kann Gelächter verächtlich machen, natürlich kann Spott verletzen; politisches Lachen war niemals unschuldig. Entscheidend war vielmehr die Frage, warum das Lachen der einen als gefährliche politische Strategie analysiert wird, während das Lachen der anderen selbstverständlich unter Satire firmiert. Die Erlaubnis zum Spott scheint politisch ungleich verteilt. Rabes neuer Text liefert dafür unbeabsichtigt die theoretische Ergänzung. Denn wenn Comedy tatsächlich bewusstseinsbildende Kraft besitzt, wenn sie Journalismus ersetzen kann, Wahrheit durch Pointen transportiert und vor allem die eigene „Ingroup“ stabilisiert, dann lautet die entscheidende Frage nicht mehr, ob Satire Macht besitzt, sondern wer über diese Macht verfügt.
Damit wird die alte Formel vom „punching up“ fragwürdig. Wer nach oben tritt, muss wissen, wo oben ist. Ein Minister besitzt staatliche Macht, ein reichweitenstarker Moderator publizistische, eine große Redaktion institutionelle Macht. Ein Oppositionspolitiker kann parlamentarisch einflussreich und kulturell zugleich marginalisiert sein. Moderne Machtverhältnisse überlagern sich.
Öffentlich-rechtliche Finanzierung delegitimiert Satire nicht. Sie verhindert nur, dass der Satiriker seine eigene institutionelle Position bei der Machtanalyse ausblenden darf. Aufschlussreich wird das nach Wahlen. Rabes Text zeigt Sarah Bosetti im Zusammenhang mit dem Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt; sie spottete über das Verhältnis eines AfD-Politikers „zur Wahrheit“. Die konkrete Pointe ist weniger interessant als die Konstellation.
Von der Satire zur Haltungskomödie
Gewählte Politiker dürfen selbstverständlich verspottet werden. Doch wenn ein kulturell einflussreiches Medienmilieu auf unerwünschte Wahlergebnisse regelmäßig mit komödiantischer Vorführung reagiert, kann hinter dem Politiker auch dessen Wähler zur Zielscheibe werden. Das passt zu einer größeren Tendenz. Politische Unzufriedenheit wird gern kommunikativ erklärt: Bürger seien in Echokammern geraten, konsumierten die falschen Medien oder müssten besser „mitgenommen“ werden. Comedy liefert die ästhetische Variante: Sie zeigt, warum eine politische Entscheidung lächerlich erscheint. Dabei könnte die unangenehmere Erklärung lauten: Der Wähler hat die Botschaft verstanden und entscheidet sich trotzdem anders. Dann liegt kein Kommunikationsproblem vor, sondern politischer Dissens. Ebenso hat jemand, der über eine Böhmermann-Pointe nicht lacht, sie nicht notwendig missverstanden. Vielleicht teilt er lediglich ihre Voraussetzungen nicht.
Deutschland besaß eine breite Tradition politischen Humors, von Werner Finck und Wolfgang Neuss über Dieter Hildebrandt bis zu Gerhard Polt oder Harald Schmidt. Entscheidend war weniger ihre politische Position als die Distanz auch zum eigenen Milieu. Spießer und Intellektuelle, Politiker und Revolutionäre, Beamte und Moralisten konnten gleichermaßen lächerlich werden. Haltungskomödie kennt dagegen in ihren schwächeren Momenten die Rollenverteilung schon vor Beginn der Sendung. Manche Figuren sind komisch, weil sie die falsche politische Position vertreten. Das Publikum soll weniger überrascht als bestätigt werden; die Pointe entdeckt das Urteil nicht mehr, sie vollstreckt es. Am interessantesten wird Rabe dort, wo er die Grenze dieser Comedy selbst sichtbar macht. Gute Satire, heißt es unter Berufung auf die Kommunikationswissenschaftlerin Dannagal Young, müsse auch an die eigene Verstrickung erinnern.
Kein Witz hält das aus
Doch unmittelbar folgt die Einschränkung: Im „kulturellen Propagandakrieg“ könne allzu weitgehende Selbstreflexion einen Teil der Arbeit der Gegenseite erledigen. Das ist der entscheidende Satz. Selbstkritik erhält eine strategische Nebenbedingung: Sie darf nicht so weit gehen, dass der Gegner profitiert. Damit wird der Satiriker vom Beobachter zum Teilnehmer des Kulturkampfes. Dann muss man auch seine Pointen danach fragen, welche Funktion sie erfüllen: Stabilisieren sie die eigene Gruppe? Definieren sie legitime Zielscheiben? Übersetzen sie politische Gegnerschaft in ästhetische Minderwertigkeit? Vielleicht wirkt politische Comedy deshalb bisweilen so humorlos. Sie soll lustig sein, recherchieren, aufklären, Demokratie verteidigen, Extremismus bekämpfen, Haltung zeigen und zugleich der falschen Seite nicht helfen. Kein Witz hält das auf Dauer aus. Irgendwann wird aus der Pointe ein Seminar mit Gelächter.
Das sicherste Kennzeichen freien Humors ist nicht der Mut, über den Gegner zu lachen. Das kann jeder. Es ist die Fähigkeit, über sich selbst zu lachen. Ohne Selbstironie wird Satire zur Karikatur des Gegners statt zur Karikatur des Menschen. Sie spendet dem eigenen Publikum Trost und bestätigt Gewissheiten. Nach einer verlorenen Wahl kann man gemeinsam über diejenigen lachen, die anders gewählt haben: Wir haben vielleicht verloren – aber wenigstens gehören wir nicht zu denen. Das Lachen wird zum kulturellen Ersatzsieg. Darin liegt Macht. Ein widerlegtes Argument bleibt ein Argument. Ein erfolgreich lächerlich gemachtes muss häufig gar nicht mehr widerlegt werden. Wer zur Witzfigur geworden ist, verliert diskursives Gewicht. Spott kann gesellschaftliche Hierarchien deshalb nicht nur untergraben, sondern auch befestigen.
Die verlorene Selbstironie
Damit führt Rabes Ausgangsthese zurück zum Kern. Wenn Wahrheit eine Pointe benötigt, um gehört zu werden, verändert sich die Wahrheit selbst. Was keine Pointe hergibt, verschwindet; was ambivalent ist, wird zugespitzt; was beide Seiten belastet, ist dramaturgisch unpraktisch; was das eigene Publikum irritiert, gefährdet Zustimmung.
Das ist nicht notwendig Lüge. Es ist Auswahl. Und Auswahl ist eine der subtilsten Formen kultureller Macht. Der wirklich freie Satiriker müsste deshalb gerade dort lachen, wo sein Publikum verstummt. Er müsste die eigene Moralpose ebenso zerlegen wie die fremde und riskieren, dass der politische Gegner gelegentlich sagt: Da hat er recht. Andernfalls betreibt er weniger kulturellen Widerstand als Milieubetreuung.
Rabes „Ernst des Lachens“ enthält die Einwände gegen seine eigene optimistische Erzählung bereits selbst: Publikumsanpassung, Ingroup-Bestätigung, Bubble-Bildung, moralische Polarisierung und schließlich den „kulturellen Propagandakrieg“. Man muss sie nur zusammensetzen. Der Hofnarr ist nicht verschwunden. Er hat Karriere gemacht. Er bekam Sendeplatz, Rechercheteam und institutionelle Rückendeckung. Er sitzt nicht mehr notwendig draußen vor dem Palast. Bisweilen sitzt er im kulturellen Vorzimmer der Macht. Das macht seine Pointen nicht falsch und ihn nicht zum Angestellten einer Regierung. Es macht nur die alte Selbstbeschreibung fragwürdig, nach der Satire schon deshalb „nach oben“ tritt, weil sie sich Satire nennt. Denn entscheidend ist nicht nur, wer verspottet wird, sondern auch, wer mitlacht und wer die kulturelle Macht besitzt, aus seinem Gelächter den allgemein verständlichen Witz zu machen. Deshalb bleibt die Formel „Wer lacht, herrscht“ richtig – allerdings in einem tieferen Sinn. Die modernere Form kultureller Macht besteht nicht darin, dass niemand über sie lachen darf. Sie besteht darin, festzulegen, worüber gemeinsam gelacht werden soll. Der freie Witz beginnt dort, wo diese Übereinkunft endet.
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Ein Kommentar
Satire ist schon lange nicht mehr daß was es früher einmal war. Nach dem 2 Weltkrieg wurde vielfach die Komödie extra lustig gemacht, damit die Überlebenden, den Gräuel des Krieges vergessen lernen. Nach vielen Jahren oder mehr Jahrzehnten ist die wahre Satire und Comedy verschwunden. Man braucht Sendungen wie Deutschlands beste Comedian und zeigt uns aus geleierte immer gleiche Satzstellung, ohne Sinn und Verstand.
Deshalb werden dann auch die Böhmermanns auf die Menschen losgelassen um sie auf die richtige Richtung zu schleusen . Lachen über die, die sich über die Gesellschaft wundern, wo sie sich nur noch beschallen lassen.