
Sehr geehrter Herr Knabe, Sie mögen sich ungeachtet der Irritationen ob Ihrer Amtsführung bleibende Verdienste um die Aufarbeitung der SED-Diktatur erworben haben. Gerade deshalb irritiert Ihr jüngster Versuch im “Focus”, aus einzelnen Liedzeilen, außenpolitischen Positionen und ostdeutschen Biographien eine ideologische Erbfolge von der parzellierten DDR zur gesamtdeutschen AfD zu konstruieren. Unter der Überschrift, in der AfD stecke „viel DDR“, verbinden Sie das Mitsingen der Becher-Hymne, die Forderung nach einem Ausgleich mit Russland, Kritik am amerikanischen Einfluss, familienpolitische Leistungen und einzelne personelle Belastungen zu einem politischen Gesamtbild. Was Sie präsentieren, ist jedoch weniger eine historische Analyse als eine Assoziationskette.
Wo Ähnlichkeiten vorkommen, unterstellen Sie Kontinuität. Wo Ostdeutsche andere Urteile fällen als die bundesrepublikanische Mehrheitsöffentlichkeit, vermuten Sie Nachwirkungen sozialistischer Sozialisation. Wo eine Oppositionspartei politische Institutionen kritisiert, hören Sie den Ton der SED. Damit verfallen Sie selbst in jene deutsche Unsitte, vor der Historiker eigentlich warnen sollten: Geschichte wird nicht mehr erklärt, sondern als Kontaktschuld verteilt.
Die Biographie als Verdachtsmoment
Ich selbst bin 1962 in Thüringen geboren und aufgewachsen, habe hier meinen Wehrdienst und in Sachsen-Anhalt mein Lehrerstudium Deutsch und Geschichte erfolgreich absolviert und übe heute im Westen politische Verantwortung aus: Als Pressesprecher der AfD-Landtagsfraktion Baden-Württemberg, als stellvertretender AfD-Fraktionsvorsitzender im Kreisrat Böblingen, als Leiter der AfD-Gruppe im Stadtrat Leonberg. Und: Ich habe die AfD in Sachsen gemeinsam mit Frauke Petry und 99 anderen Getreuen Ende April 2013 in Leipzig gegründet und bin stolz darauf! Meine Herkunft ist weder ein politisches Verdienst noch ein Makel. Sie ist ein Erfahrungsraum. Ich habe weder die SED-Diktatur vergessen noch das Bedürfnis, sie nachträglich zu verklären. Aber ich wehre mich dagegen, dass Ostdeutsche nur in zwei Rollen akzeptiert werden: als geläuterte Zeugen, die das westdeutsche Selbstbild bestätigen, oder als mental fortwirkende Untertanen, sobald ihre politischen Überzeugungen davon abweichen.
Genau darin liegt das Problem Ihres Textes. Die DDR-Biographie wird nicht ausdrücklich angeklagt, aber ständig als Erklärungsschablone bereitgehalten. Chrupalla ging in der DDR zur Schule – also erscheint seine Russlandpolitik als Nachhall der „ewigen Freundschaft“ mit Moskau. Ostdeutsche AfD-Mitglieder erinnern sich an Kinderbetreuung, Bildung oder soziale Sicherheit – also betreiben sie angeblich Diktaturverharmlosung. Politiker vergleichen gegenwärtige Institutionen mit Blockparteien oder Staatssicherheit – also sollen sie ihre eigene Vergangenheit nicht verstanden haben. So entsteht ein biographischer Generalverdacht: Der Ostdeutsche darf die DDR verurteilen, aber aus seiner Erfahrung offenbar keine anderen politischen Schlussfolgerungen ziehen als jene, die ihm westdeutsche Deutungseliten vorgeben. Wer im Osten sozialisiert wurde und heute die AfD wählt, gilt rasch als autoritär deformiert, demokratieskeptisch oder russophil. Wer dieselbe Herkunft besitzt, aber bei Grünen, SPD oder CDU Karriere macht, hat seine Vergangenheit offenbar erfolgreich überwunden. Die DDR-Mentalität wird damit nicht historisch bestimmt, sondern parteipolitisch diagnostiziert. Das ist ein Armutszeugnis, legitimiert es doch auf historisch neuem Niveau den “Wendehals”.
Was soll „DDR-Mentalität“ eigentlich heißen?
Der Begriff “DDR-Mentalität” kann analytisch sinnvoll sein, wenn er konkrete Einstellungen beschreibt: obrigkeitsstaatliches Denken, politische Anpassung, Misstrauen gegenüber individueller Verantwortung, Erwartung umfassender staatlicher Fürsorge oder die Neigung, Institutionen nicht als begrenzte Organe, sondern als pädagogische Vormünder zu begreifen. Doch dann müsste man prüfen, wo solche Einstellungen heute tatsächlich vorkommen. Man könnte dabei zu überraschenden Ergebnissen gelangen. Ist es „DDR-Mentalität“, wenn Bürger staatlichen Wahrheitsstellen, Meldestellen und politischer Überwachung misstrauen? Oder zeigt sich die eigentliche Kontinuität nicht eher dort, wo Regierungen „Desinformation“ verwalten wollen, öffentlich finanzierte Organisationen Gesinnungen kartographieren und abweichende Meinungen als “demokratiegefährdend” erfassen? Der sanfte Autoritarismus der Gegenwart kommt nicht mit Panzern, sondern mit Algorithmen, Förderprogrammen, Meldestrukturen und moralischer Exkommunikation. Dass ausgerechnet Menschen mit Diktaturerfahrung hierfür ein Sensorium besitzen, ist kein Beweis ihrer politischen Rückständigkeit, sondern Zeichen gelernter Wachsamkeit.
Ist es „DDR-Mentalität“, wenn Politiker die Bevölkerung zum richtigen Denken, Sprechen, Heizen, Essen und Wählen erziehen wollen und wenn Bürger sich gegen diese Pädagogisierung wenden? Die DDR verstand den Menschen als Material gesellschaftlicher Formung. Heute begegnet uns derselbe Gestus in freundlicherer Verpackung: nicht als sozialistische Persönlichkeit, sondern als klima-, diversitäts- und demokratiesensibler Musterbürger. Beteiligungsprojekte und „zufällig ausgewählte“ Bürgerräte simulieren Mitwirkung, während die zulässigen Er-ebnisse häufig schon im politischen Design angelegt sind. Wer unter diesen Bedingungen „DDR-Mentalität“ ausschließlich bei der Opposition sucht, verwendet den Begriff nicht analytisch, sondern polemisch. Er benennt keine Struktur mehr, sondern markiert eine Herkunftsgruppe. Zu publizistischen Befassung mit diesen Polemiken verweise ich Sie gern auf meine bislang vier Essaybände. Mein bereits hier geäußerter Verdacht: Sie werben für Alternativlosigkeit, Unhinterfragbarkeit, eben Autoritätshörigkeit unter reziprokem Vorzeichen.
Eine Hymne ist noch kein Bekenntnisstaat
Ausgangspunkt Ihrer Betrachtung ist Uwe Steimles Anstimmen von „Auferstanden aus Ruinen“ bei einer AfD-Veranstaltung in Dessau-Roßlau. Tino Chrupalla, Ulrich Siegmund und Teile des Publikums sangen mit; danach erklang auch die Nationalhymne der Bundesrepublik. Man kann diesen Auftritt ungeschickt, nostalgisch oder politisch missverständlich finden. Aber man sollte ihn zunächst als das behandeln, was er war: eine kabarettistisch eingeleitete kulturelle Bezugnahme, nicht die Wiedereinführung der SED-Verfassung. Johannes R. Bechers Text beginnt mit der deutschen Katastrophe und der Hoffnung auf nationale Wiedervereinigung: „Deutschland, einig Vaterland“. Gerade diese Zeile verschwand in der DDR faktisch aus dem öffentlichen Gesang, weil sie dem politischen Interesse der SED widersprach. Dass Ostdeutsche sie heute mitsingen, kann deshalb auch als nachträgliche Aneignung eines Liedes verstanden werden, das der Staat selbst seines eigentlichen Sinnes beraubt hatte. Und nicht zu vergessen: sie gilt manchen bis heute als Wendehymne.
Kulturelle Überlieferungen sind selten ideologisch rein. Das Deutschlandlied wurde im Kaiser-reich, in der Weimarer Republik, während des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik gesungen. Niemand käme auf die Idee, jede heutige Aufführung aus einer früheren Verwendung zu erklären. Arbeiterlieder können sozialistische Ursprünge haben, ohne jeden Sänger zum Marxisten zu machen. Kirchenmusik wurde unter Monarchien und Diktaturen aufgeführt, ohne mit diesen Ordnungen identisch zu sein. Erinnerungskultur bedeutet, solche Schichten sichtbar zu halten. Politische Instrumentalisierung beginnt dort, wo aus einem Lied eine Gesinnungsdiagnose gefertigt wird. Steimle selbst steht seit Jahren exemplarisch für den Konflikt um ostdeutsche Erinnerung und bundesrepublikanische Deutungshoheit. Sein Humor arbeitet mit Uneigentlichkeit, Übertreibung und gebrochener Nostalgie. Wer jedes ironische Spiel mit DDR-Symbolen als politische Rückkehrabsicht liest, nimmt Satire absichtsvoll wörtlich. Schon seine Entfernung aus dem MDR zeigte, wie schnell ostdeutsche Eigenwilligkeit als mangelnde politische Zuverlässigkeit behandelt wird, während frühere SED-Nähe bei systemkonformen Funktionsträgern wie etwa Intendantin Karola Wille, die Steimles Entfernung verantwortete, erstaunlich folgenlos bleiben konnte.
Erinnerung ist nicht Wiederholung
Sie haben recht: Die DDR darf nicht folkloristisch verharmlost werden. Mauer, Schießbefehl, politische Haft, Enteignung, Zensur und Staatssicherheit werden nicht dadurch harmloser, dass es gute Kindergärten, Polikliniken oder einen anspruchsvollen Mathematikunterricht gab. Aber Erinnerung verlangt gerade die Fähigkeit zur Unterscheidung. Eine Diktatur wird nicht dadurch treffender beschrieben, dass man jede ihrer Einrichtungen nachträglich dämonisiert. Auch unfreie Systeme können funktionierende Schulen bauen, soziale Leistungen organisieren, bedeutende Kunst hervorbringen und Bindungen erzeugen.
Wer dies feststellt, rechtfertigt nicht das System. Er verweigert lediglich die bequeme Behauptung, vierzig Jahre ostdeutschen Lebens hätten ausschließlich aus Grau, Spitzeln und Mangelwirtschaft bestanden. Die DDR war Staat und Lebenswelt zugleich. Der Staat war diktatorisch. Die Lebenswelt der Menschen war jedoch reicher als die Ideologie, die sie beherrschen wollte. Familien, Freundschaften, Landschaften, Bücher, Lieder, Arbeitsbiographien und Alltagserfahrungen gehören nicht der SED. Sie gehören den Menschen, die dort lebten.
Eine rechtskonservative Erinnerungskultur muss daher zweierlei leisten: Sie darf die Diktatur nicht relativieren, aber sie darf den Ostdeutschen auch seine Biographie nicht enteignen. Sie muss zwischen politischem System und persönlicher Heimat unterscheiden. Instrumentalisierung beginnt, wenn diese Unterscheidung aufgegeben wird. Dann wird aus jedem positiven DDR-Gedächtnis eine Entlastung der SED und aus jeder ostdeutschen Abweichung ein Symptom misslungener Demokratisierung. Ihr Text, Herr Knabe, steht genau dafür.
Der Westen als unbefragte Norm
Ihre Argumentation besitzt zudem einen auffälligen blinden Fleck: Die Geschichte der Bundesrepublik erscheint als weitgehend neutrale Norm, von der ostdeutsche Einstellungen abweichen. Doch auch der Westen hat eine Nachkriegsgeschichte – mit Prägungen, Verdrängungen, Abhängigkeiten und ideologischen Kontinuitäten. Die Bundesrepublik entstand unter westalliierter Vorherrschaft, wurde in die amerikanische Sicherheits-, Wirtschafts- und Kulturordnung integriert und entwickelte eine politische Identität, in der die Westbindung mehr als ein Bündnis war. Sie wurde zum moralischen Selbstverständnis. Amerikanisierung bedeutete Wohlstand, Popkultur, Konsumfreiheit und parlamentari-sche Demokratie. Sie bedeutete aber auch die Übernahme von Deutungsmustern, Lebensfor-men und außenpolitischen Loyalitäten, die heute vielfach gar nicht mehr als geschichtlich entstanden wahrgenommen werden. Der ostdeutsche Teil Deutschlands wurde dagegen nicht in gleicher Weise amerikanisiert. Die sowjetische Staatsdoktrin erreichte zwar Institutionen, Schulen und öffentliche Sprache, aber sie drang nur begrenzt in private kulturelle Bindungen ein. Vieles, was im Westen durch 1968, Konsumkultur und Re-Education delegitimiert oder umgeformt wurde, überdauerte im Osten paradoxerweise unter einer sozialistischen Oberfläche: klassische Bildungsvorstellungen, ein weniger schuldbeladenes Verhältnis zur Nation, traditionelle Alltagskultur und soziale Homogenität.
Das alles macht die DDR nicht besser. Es erklärt aber, weshalb die Einheit nicht einfach die Zusammenführung einer freien mit einer deformierten Hälfte war. Sie war das Aufeinandertreffen zweier unterschiedlich deformierter und unterschiedlich bewahrter Nachkriegsgesellschaften. Die westdeutsche Sicht wurde nach 1990 zur gesamtdeutschen Norm, weil sie – Stichwort “Sieger der Geschichte” – institutionell, finanziell und medial überlegen war. Hochschulen, Redaktionen, Behörden und Führungsebenen wurden überwiegend nach westlichen Maßstäben besetzt. Ostdeutsche blieben häufig Gegenstand der Forschung, statt selbst die Begriffe der Einheit zu bestimmen. Gerade deshalb ist es problematisch, wenn ein West-Ost-Gefälle nun erneut als demokratisches Reifegefälle beschrieben wird. Das wirkt bis heute in alle Gremienbesetzungen nach; Dirk Oschmanns Text dazu mit explizit akademischem Bezug kennen Sie hoffentlich. Er beschrieb im Nachhinein, was mir 20 Jahre vorher in meinen sieben Berufungsverfahren passierte.
Freiheit als westliches Etikett und östliche Erfahrung
Die Behauptung, Freiheit sei eine Gabe des Westens, unterschätzt die ostdeutsche Erfahrung. Für viele Menschen zwischen Oberwiesental und Rostock war Freiheit kein Seminarbegriff und kein transatlantisches Markenzeichen. Sie war die konkrete Erfahrung des Herbstes 1989: de-monstrieren, obwohl der Staat drohte; sprechen, obwohl die Karriere gefährdet war; Grenzen öffnen, die als unveränderlich galten. Dieses negative Freiheitswissen – zu wissen, was man niemals wieder will – prägt bis heute politische Reaktionen. Wer die Verschmelzung von Partei, Medien, Verwaltung und moralischer Wahrheit erlebt hat, reagiert empfindlicher, wenn Regierungen und Leitmedien erneut gemeinsame Kampagnen gegen oppositionelle Milieus führen. Wer an „gesellschaftlich notwendige“ Beschlüsse erinnert wird, misstraut dem heutigen Vokabular alternativloser Transformation. Wer die Nationale Front kannte, wittert zumindest die Gefahr, wenn Parteien sich wieder zu einem “demokratischen Block” zusammenschließen und politische Konkurrenz nicht mehr besiegen, sondern moralisch exkludieren wollen.
Das bedeutet nicht, dass jeder Vergleich mit der DDR sachlich stimmen muss. Die Bundesrepublik ist (noch) keine DDR 2.0. Sie besitzt (noch) freie Wahlen, unabhängige Gerichte, pluralistische Medien und ein rechtlich garantiertes Oppositionssystem. Wer diese Unterschiede verschweigt, verharmlost die historische Diktatur. Aber der Missbrauch eines Vergleichs hebt nicht jede strukturelle Ähnlichkeit auf. Auch Demokratien können autoritäre Reflexe entwickeln. Auch freie Medien können konformistisch werden. Auch Verfassungsschutzbehörden können politisch instrumentalisiert erscheinen. Auch Parteien können staatliche Ressourcen nutzen, um Wettbewerb zu erschweren. Das zu benennen, ist keine Gleichsetzung, sondern demokratische Vorsorge, wie die Vorgänge um die AfD-Kandidaten in Niedersachsen zeigen. Der Osten braucht deshalb keinen Demokratieunterricht von einem Westen, der seine eigenen Machttechniken für unsichtbar hält. Er braucht den gleichberechtigten Streit darüber, welche Erfahrungen aus beiden deutschen Geschichten für die Gegenwart fruchtbar sind. Es gibt nur eine Freiheit – und die beginnt im Osten, wie ich ich dies vor Monaten hier auf Ansage! zugespitzt formuliert habe.
Russland ist nicht die Sowjetunion
Besonders kurz greift Ihre Ableitung der AfD-Russlandpolitik aus der DDR-Sozialisation. Sie erinnern an die Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft, den Russischunterricht und die 1974 in der DDR-Verfassung festgeschriebene Bindung an die Sowjetunion. Daraus konstruieren Sie eine mentale Fortsetzung der Moskautreue. Doch außenpolitische Positionen werden nicht schon dadurch sozialistisch, dass sie auch einmal von der SED vertreten wurden. Die DDR verlangte Frieden, Familienförderung und Wohnungsbau. Daraus folgt nicht, dass jede heutige Friedens-, Familien- oder Wohnungspolitik SED-Erbe wäre. Russland ist zudem nicht die Sowjetunion. Die Sowjetunion war ein kommunistisches Imperium mit universalistischem Weltrevolutionsanspruch. Das heutige Russland ist ein autoritärer, nationalstaatlich denkender Machtstaat. Man kann seine Politik verurteilen und dennoch zu dem Schluss gelangen, dass deutsche Interessen langfristig weder in einem endlosen Wirtschaftskrieg noch in einer dauerhaften europäischen Feindschaft zu Russland liegen. Der Angriff Putins auf die Ukraine hat nun einmal eine Vorgeschichte, die Sie – wie viele andere – entweder nicht kennen oder ausblenden oder beides.
Entspannungspolitik wurde nicht in Ost-Berlin erfunden. Sie war ein zentrales Projekt west-deutscher Sozialdemokratie. Willy Brandt und Egon Bahr wollten durch Annäherung politische Veränderung ermöglichen. Auch Konservative von Bismarck bis de Gaulle wussten, dass europäische Ordnung nicht dauerhaft gegen Russland organisiert werden kann. Wer heute Sanktionen kritisiert, Waffenlieferungen ablehnt oder Verhandlungen fordert, mag ja geopolitisch irren; doch der Irrtum muss mit gegenwärtigen Argumenten widerlegt werden: Sicherheitsordnung, Völkerrecht, Abschreckung, Wirtschaftsinteressen, Kräfteverhältnisse. Die Herkunft des Sprechers ersetzt diese Debatte nicht. Andernfalls könnte man umgekehrt jede besonders enge Bindung an Washington als westdeutsche Nachkriegsmentalität pathologisieren. Auch sie hat biographische und institutionelle Ursachen. Auch sie kann in Abhängigkeit, Loyalitätsritual und strategische Selbstbeschränkung umschlagen. Trotzdem wäre es unseriös, jeden Atlantiker zum Produkt amerikanischer Umerziehung zu erklären. Politische Mündigkeit beginnt dort, wo weder Moskau noch Washington als moralische Himmelsrichtung behandelt werden. Deutsche Außenpolitik muss ihre Interessen bestimmen, statt historische Lagerbindungen zu vererben.
Das Lied vom Antiamerikanismus
Sie werfen der AfD vor, wie einst die SED gegen Amerikanisierung, kulturelle Beliebigkeit und mangelnde Souveränität zu polemisieren. Auch hier verwechseln Sie die Ähnlichkeit einzelner Begriffe mit der Identität ihrer Bedeutung. Die SED kritisierte den „US-Imperialismus“, weil sie selbst Teil des sowjetischen Machtblocks war. Konservative Kritik an Amerikanisierung entspringt dagegen häufig dem Wunsch nach kultureller Eigenständigkeit. Sie fragt, ob ein Land noch eigene Maßstäbe, Traditionen und Interessen besitzt oder nur noch die politische Sprache, Konsumkultur und Konflikte einer anderen Gesellschaft übernimmt. Dass Walter Ulbricht westliche Popmusik ablehnte, macht nicht jede spätere Kritik an amerikanischer Massenkultur kommunistisch. Sonst wäre auch Heideggers Technikkritik sowjetisch, die französische Kulturpolitik der Nachkriegszeit stalinistisch und de Gaulles Streben nach strategischer Autonomie eine Spielart der SED-Ideologie.
Deutschland hat tatsächlich amerikanische Einflüsse aufgenommen, die befreiend wirkten: Jazz, Rock, Pop, Bürgerrechte, Unternehmergeist, Individualismus. Es hat aber auch ein kulturelles Modell importiert, das Gemeinschaft in Markt, Geschichte in Unterhaltung und politische Konflikte in moralische Identitätspolitik übersetzt. Eine konservative Kritik daran ist keine Feindschaft gegen Amerika. Sie ist das Recht jeder Kultur, zwischen Austausch und Selbstauflösung zu unterscheiden.
Gerade Ostdeutsche haben nach 1990 erfahren, wie schnell „Modernisierung“ zur Entwertung des Eigenen werden kann. Betriebe, Bildungsabschlüsse, Berufsbiographien und regionale Institutionen galten plötzlich als defizitär. Dass daraus Skepsis gegenüber einem Westen entstand, der sich nicht als Partner, sondern als Endstufe der Geschichte präsentierte, ist weder sowjetische Nostalgie noch Demokratiefeindschaft. Es ist eine Folge der Art, wie die Einheit vollzogen wurde.
Die Einheit als Übernahme
Die deutsche Einheit war politisch ein Glück, aber soziokulturell eine Asymmetrie. Der Osten trat der bestehenden Bundesrepublik bei, aber vereinigte sich nicht mit ihr – die “Wiedervereinigung” war PR-Sprech ohne Realitätsbezug. Er brachte Menschen, Landschaften und Probleme ein, aber nur begrenzt Institutionen, Eliten und eigene Deutungsmacht. Das war aus staatsrechtlichen und praktischen Gründen verständlich. Doch es hatte Folgen. Die westdeutsche Ordnung erschien nicht als eine von zwei Nachkriegsordnungen, sondern als geschichtlicher Sieger und damit als Maß aller Dinge. Ostdeutsche Erfahrungen wurden privatisiert, folklorisiert oder kriminalhistorisch sortiert: Stasi, Doping, Mangel, Rechtsextremismus. Was an kultureller Eigenart, sozialem Zusammenhalt oder politischer Skepsis blieb, wurde kaum als möglicher Beitrag zum gemeinsamen Land begriffen.
Daraus erwuchs eine doppelte Entwertung: erst die sozialistische Gleichmacherei, dann die westliche Abwicklung. Viele Ostdeutsche erlebten, dass ihre Lebensleistung neu bewertet, ihr Betrieb geschlossen und ihre Region von auswärtigen Funktionseliten verwaltet wurde. Wer daraus den Wunsch nach Souveränität, sozialer Ordnung und nationaler Selbstbehauptung entwickelt, setzt nicht die DDR fort. Er reagiert auf ihren Zusammenbruch und auf die Form ihrer Überwindung. Die AfD ist in Ostdeutschland auch deshalb stark, weil sie diese Erfahrung anspricht. Man mag ihre Antworten kritisieren. Aber wer die Ursachen ihres Erfolgs in einer fortwirkenden DDR-Seele sucht, schützt sich vor der unangenehmeren Einsicht, dass die Bundesrepublik selbst Anteil an der politischen Entfremdung des Ostens hat.
„Systemparteien“ und die kurze Erinnerung
Sie sehen auch im Gebrauch der Begriffe „Systemparteien“ und „Kartellparteien“ eine Nähe zur SED. Doch Kritik an Parteienkartellen ist keine ostdeutsche Erfindung. Der Begriff der Kartellpartei wurde in der internationalen Politikwissenschaft geprägt, um Parteien zu beschreiben, die sich immer stärker aus staatlichen Ressourcen finanzieren, institutionelle Zugänge kontrollieren und trotz öffentlicher Konkurrenz gemeinsame Eigeninteressen entwickeln. Der Parteienforscher Klaus Detterbeck untersuchte 2008 ausdrücklich das „Party Cartel“ in Deutschland. Über die empirische Tragweite kann man streiten – die politikwissenschaftliche Herkunft des Begriffs hingegen nicht. Man kann auch darüber streiten, ob dieser Begriff die Bundesrepublik angemessen beschreibt. Aber man kann ihn nicht durch den Hinweis erledigen, auch die SED habe westdeutsche Parteien als Vertreter desselben Systems dargestellt. Wörter werden weder durch vermeintliche Urheber noch durch frühere Benutzer für alle Zeiten kontaminiert. Sonst müsste man auch „Sozialismus“, „Volksgemeinschaft“, „Genosse“ oder „Kampf gegen rechts“ nach ihren historisch problematischsten Verwendungen verbieten. Entscheidend sind Definition, Kontext und Wahrheitsgehalt. Wer Kritik am etablierten Parteiensystem nicht argumentativ widerlegen kann, erklärt deshalb das Vokabular des Kritikers zum nationalsozialistischen Erkennungszeichen. Das ist keine historische Aufklärung, sondern Delegitimierung durch falsche Herkunftsbehauptungen.
Eine Opposition muss das politische System kritisieren dürfen, ohne selbst als systemfeindlich zu gelten. Demokratie bedeutet nicht das Karussell einer dauerhaft anerkannten Gruppe von Parteien; sie bedeutet, dass Regierungen abgewählt, politische Richtungen revidiert und bislang ausgeschlossene Kräfte legitim an Macht beteiligt werden können. Wo etablierte Parteien lieber Wahlverfahren verändern, Ausschüsse anders zuschneiden oder Verfassungsschutzberichte politisch verwerten, als sich mit dem Erfolg eines Konkurrenten auseinanderzusetzen, entsteht tatsächlich der Eindruck eines schützenden Kartells. Dann hätten wir durchaus die Nationale Front, die es doch seit 1990 angeblich nicht mehr gibt. Die SED hatte kein Recht, die Bundesrepublik als Scheindemokratie zu diffamieren, weil sie selbst freie Konkurrenz unterdrückte. Daraus folgt aber nicht, dass jede Kritik an der heutigen Parteienordnung illegitim wäre. Ein historisch belasteter Vorwurf kann sachlich zutreffen oder nicht. Seine Wahrheit entscheidet sich an der Gegenwart, nicht an früheren Benutzern.
Die seltsame Selektivität personeller Kontinuitäten
Sie verweisen zu Recht auf ehemalige Stasi-Angehörige und belastete Personen in Reihen der AfD. Solche Biographien müssen offengelegt und bewertet werden. Wer andere Parteien wegen ihrer Vergangenheit kritisiert, darf in den eigenen Reihen keine milderen Maßstäbe anlegen. Doch auch hier fällt die Selektivität auf. Die Geschichte des vereinten Deutschlands ist reich an erstaunlichen Karrieren ehemaliger SED-Mitglieder, Funktionäre und angepasster Wissenschaftler – in Medien, Hochschulen, Justiz, Verwaltung und Parteien. Manche wurden zu besonders eifrigen Verteidigern der neuen bundesrepublikanischen Moralordnung. Ehemalige Systemnähe wurde häufig dann verziehen, wenn sich die Betroffenen politisch korrekt in das neue System einfügten. Nehmen wir etwa Petra Pau. Sie trat 1983 in die SED ein, wurde Pionierleiterin und studierte anschließend an der SED-Parteihochschule „Karl Marx“. Danach arbeitete sie beim Zentralrat der FDJ. Nach 1990 stieg sie in der PDS auf, wurde Berliner Landesvorsitzende und 1998 Bundestagsabgeordnete. Von 2006 bis 2025 war sie Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages – eine der höchsten staatlichen Funktionen der Bundesrepublik. Ihre Vita zeigt besonders deutlich, wie eine Funktionärsausbildung der DDR in eine langjährige bundesrepublikanische Parlamentskarriere übergehen konnte.
Andere „Kleinfunktionärchen“, wie ich sie nenne, die dann in höchste Ämter aufstiegen, waren etwa Stanislaw Tillich oder Gerd Gies. Gerade der Fall Steimle zeigte diese Asymmetrie: Der unbequeme Kabarettist wurde wegen seiner ironischen DDR-Bezüge und politischen Abweichungen aus dem öffentlich-rechtlichen Programm gedrängt, während belastete oder systemnahe Funktionsträger an der Spitze derselben Medienanstalten als demokratisch geläutert galten. Das Problem ist deshalb nicht, dass Sie Biographien untersuchen. Das ist notwendig. Problematisch ist, wenn Vergangenheit nur dort politisch aktiviert wird, wo sie die gewünschte Gegenwartsdiagnose bestätigt. Die entscheidende Frage lautet nicht: War jemand DDR-Bürger, Russischlehrer, Soldat oder Mitglied einer Blockpartei? Sondern sie lautet: Was hat er getan, welche Verantwortung trug er, wie verhielt er sich danach, und welche politischen Positionen vertritt er heute? Alles andere ist Herkunftsdeterminismus, im negativen Sinne Stallgeruch, der viele gesamtdeutsche Karrieren verhinderte. Ein sportliches Beispiel ist Jutta Müller, wie ihre Meisterschülerin Kati Witt vielfach beklagte.
Der Osten als negative Projektionsfläche
Ihr Essay setzt eine lange Tradition fort: Der Osten dient dem Westen als negative Projektionsfläche. Er ist wahlweise undankbar, autoritär, fremdenfeindlich, rückständig, russlandhörig oder demokratisch unreif. An ihm kann sich die westdeutsche Republik ihrer eigenen Liberalität versichern. Schon die herablassende Behauptung, Ostdeutsche seien entweder Kommunisten oder Faschisten und würden wohl nie Demokraten, verdichtet diese Haltung. Der Osten er-scheint darin nicht als politischer Raum mit nachvollziehbaren Interessen, sondern als anthropologisches Problem. Die direkte Linie von Kaiserreich, Nationalsozialismus und SED zur AfD ersetzt jede konkrete Analyse der Gegenwart. Ihr Text verfährt vielleicht etwas milder, aber strukturell ähnlich. Die AfD wird nicht allein aus ihrem Programm und ihren heutigen Konflikten erklärt. Sie wird als Wiedergängerin einer untergegangenen Ordnung gelesen. Der Osten hat demnach die DDR nicht überwunden, sondern in eine rechte Partei überführt.
Dabei muss man die Dinge ganz anders sehen: Die starke ostdeutsche Opposition ist gerade keine Fortsetzung der DDR, sondern eine Spätfolge von 1989. Vielleicht haben Menschen, die eine Staatspartei und ihre Wahrheitsordnung einmal gestürzt haben, weniger Respekt vor den Unantastbarkeitsansprüchen heutiger Institutionen. Vielleicht nehmen sie den demokratischen Machtwechsel ernster als jene, die jede grundlegende Veränderung als Gefahr für „unsere Demokratie™“ behandeln.
Der Osten ist nicht per se avantgardistisch. Auch dort existieren Anpassung, Ressentiment und autoritäre Sehnsucht. Aber er besitzt eine Erfahrung, die im Westen schwach bis gar nicht ausgeprägt ist: Systeme können stabil, moralisch selbstgewiss und institutionell geschlossen erscheinen – und dennoch das Vertrauen der Bevölkerung verloren haben. Dieses Wissen verdient Analyse, nicht Pathologisierung.
Becher, Bismarck und die falschen Erbschaften
Ihre Methode ließe sich beliebig erweitern. Wer soziale Familienpolitik fordert, setzt die DDR fort. Wer Entspannung mit Russland will, setzt die DDR fort. Wer amerikanische Dominanz kritisiert, setzt die DDR fort. Wer öffentlich finanzierte Kinderbetreuung lobt, setzt die DDR fort. Wer etablierte Parteien als Kartell bezeichnet, setzt die DDR fort. Auf diese Weise kann fast jede gegenwärtige Position durch eine historische Parallele delegitimiert werden. Die DDR war für Frieden – also wird Friedenspolitik verdächtig. Die DDR förderte Sport – also wird Sportförderung sozialistisch. Die DDR hatte ein gegliedertes Bildungswesen mit hohen fachlichen Ansprüchen – also wäre die Kritik an heutiger Bildungspolitik nostalgisch. Geschichte funktioniert nicht so, und es ist schlimm, dass ich Ihnen das sagen muss. Politische Ideen besitzen wechselnde Begründungen, Träger und Kontexte. Ein Familienkredit kann sozialistische Bevölkerungspolitik, konservative Nationalitätspolitik oder liberale Entlastungspolitik sein. Eine Russlandpolitik kann aus kommunistischer Blocktreue, realpolitischem Interessenausgleich oder pazifistischer Ablehnung militärischer Eskalation entstehen. Erst die Begründung zeigt den politischen Charakter.
Auch die Becher-Hymne gehört nicht ewig der SED. Ihr Text über Ruinen, Zukunft, Frieden und ein einiges Vaterland enthält Motive, die das Regime selbst nur selektiv gebrauchen konnte. Wer sie heute singt, muss deshalb nicht die DDR zurückwünschen. Er kann auch eine verlorene deutsche Erfahrung erinnern, ironisieren oder gegen ihre frühere staatliche Vereinnahmung zurückholen. Die Vergangenheit besitzt kein ewiges Copyright auf Wörter, Melodien und Gedanken.
Nachkriegsgeschichten im Plural
Deutschland hat nach 1945 mindestens zwei politische Nachkriegsgeschichten erlebt. Im Osten entstand eine sowjetisch kontrollierte Diktatur, die sich antifaschistisch legitimierte, nationale Einheit propagandistisch beschwor und zugleich die Teilung befestigte. Sie enteignete politische Freiheit, bot aber soziale Sicherheit, kulturelle Kontinuitäten und eine staatlich gelenkte Form kollektiver Zugehörigkeit. Im Westen entstand eine parlamentarische Demokratie mit Rechtsstaat, Wohlstand und internationaler Westbindung. Sie integrierte zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten, übernahm amerikanische Kulturmuster, entwickelte nach 1968 eine zunehmend selbstkritische bis selbstnegierende nationale Identität und machte die Erinnerung an den Nationalsozialismus zum zentralen Bezugspunkt ihrer politischen Moral. Beide Systeme prägten ihre Bürger. Keines brachte voraussetzungslose Menschen hervor.
Heute treffen diese Geschichten in politischen Milieus aufeinander. Ostdeutsche Skepsis gegenüber westlichen Institutionen, russlandpolitische Differenzen und ein weniger schuldzentriertes Nationalgefühl haben historische Gründe. Ebenso historisch bedingt sind westdeutscher Atlantizismus, Misstrauen gegenüber nationaler Selbstbehauptung und die moralische Überhöhung des eigenen liberalen Modells. Die Einheit wird erst dann vollendet sein, wenn beide Seiten ihre Prägungen als geschichtlich und damit kritisierbar erkennen. Solange der Westen seine eigenen Mentalitäten für universelle Vernunft und die des Ostens für erklärungsbedürftige Abweichung hält, bleibt Deutschland asymmetrisch vereinigt. Und das, so meine These, wird noch mindestens zwei Generationen dauern.
Eine andere Aufarbeitung
Sehr geehrter Herr Knabe, Aufarbeitung darf nicht zur politischen Besitzstandswahrung werden. Ihr Sinn besteht darin, Herrschaftsmechanismen zu erkennen – unabhängig davon, wer sie heute verwendet. Sie muss uns empfindlich machen gegen Überwachung, Gesinnungskontrolle, institutionelle Gleichschaltung, pädagogische Politik und die moralische Entmündigung des Bürgers. Sie verfehlt ihren Zweck, wenn die DDR nur noch als Vergleichsfolie dient, um die stärkste Opposition des Landes in die Nähe einer Diktatur zu rücken. Die AfD ist nicht frei von Widersprüchen, Fehlurteilen und problematischem Personal. Auch eine Partei, die sich als Korrektiv versteht, kann autoritäre Versuchungen entwickeln. Eine ernsthafte Auseinandersetzung müsste ihre Aussagen einzeln prüfen, ihre außenpolitischen Konzepte an deutschen Interessen messen und ihre historische Sprache dort kritisieren, wo sie tatsächlich verharmlost. Doch die These, in der AfD stecke viel DDR, erklärt wenig und suggeriert viel. Sie verwandelt ostdeutsche Sozialisation in einen politischen Schadstoff, der sich angeblich durch Hymnen, Russlandkontakte und familienpolitische Ideen bemerkbar macht.
Es mag sein, dass in der AfD Ost tatsächlich viel Osten steckt. Aber “der Osten” ist nicht mit der DDR identisch. In ihm stecken die Erfahrung der Diktatur und die Erfahrung ihrer Überwindung, der Verlust von Heimat und die Rückgewinnung nationaler Einheit, soziale Sicherheit und politische Unfreiheit, Entwertung und Selbstbehauptung, Anpassung und Revolution. Merke: kein Mensch auf dieser Welt muss irgendetwas hinnehmen, was er nicht oder nicht mehr will. Aus dieser Volition erwuchs 1989 die Revolution: Was wir damals hatten, wollten wir nicht mehr. Aber was uns seit spätestens 2015 zugemutet wird, wollen wir erst recht nicht! Denn vor allem steckt im Osten das Wissen, dass eine politische Ordnung nicht dadurch demokratisch bleibt, dass ihre Vertreter sich selbst Demokraten nennen – ebensowenig, wie Andersdenkende nicht dadurch rechtsextremistisch werden, weil es selbsternannte Demokratievertreter so behaupten. Sie bleibt es nur, wenn sie Opposition aushält, Machtwechsel ermöglicht und den Bürger nicht zum Objekt ihrer Erziehung macht. Das ist keine DDR-Mentalität. Es ist die Lehre aus der DDR.
Mit verhältnismäßig freundlichen Grüßen!
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11 Kommentare
Respekt! 😲
Erst im Januar 1990 (nach dem Fall der Mauer) hob die Regierung der DDR dieses Textverbot wieder offiziell auf, sodass das Lied vor dem Ende der DDR im Herbst 1990 wieder mit Gesang erklingen durfte. Der geneigte Leser darf nun selbst denken warum der Typ sich aufregt denn das könnte glatt zu dem Denkergebnis führen das er ganz auf Linie der ZK der DDR damals ist weil die BRD Politik fatal an ZK der SED erinnert.
@keine politische Erbkrankheit
kommt drauf an, wie man es sieht !
Wenn man Verstand und Intelligenz als Krankheit sieht, wie es die Vertreter von Haltung und Meinung tun, dann durchaus !
Wie heißt es so schön – wenn man die Intelligenz eines Fisches daran mißt, wie gut er auf Bäume klettern kann, wird man ihn immer als dumm ansehen !
„Nachwirkungen sozialistischer Sozialisation.“
Und weil die sozialistische Sozialisation so spektakulär gut funktioniert hat, war das Volk 1989 auf der Straße und hat das Regime zugunsten der kapitalistischen DM weggefegt.
Knabe hat Null Ahnung, wie es in der DDR ab Mitte der 80er zuging, das Regime war schon weit vor 89 am Ende, da die Mehrheit den Glauben an den Sozialismus längst verloren hatte. In meiner Schulklasse gab es exakt ein Elternpaar, das den Sozialismus im Frühjahr 89 noch verteidigt hatte. Es kam bei Elternabenden zu beinahe handgreiflichen Auseinandersetzungen deswegen und zwar vor der Wende.
Als es losging, hatten wir einen Schulappell und ganz am Ende meinte die Direktorin, dass es da diese Demonstrationen gibt und kein Schüler der 123. POS daran teilnimmt! Daraufhin herrschte für zwei Sekunden totale Stille und dann bebte die Turnhalle minutenlang vor Lachen!
Auch für Knabe gilt, erst denken, dann prüfen und dann schwätzen! Wenn hier etwas nachwirkt, dann die von der Stasi ausgehende sozialistische Sozialisation an westdeutschen Hochschulen in den 60er bis 80er Jahren.
Vielen, vielen Dank, es ist mehr als überfällig, auch einen Herrn Knabe mal aufzuzeigen, wann er falsch abgebogen ist. Wenn ich mir anschauen muss – und das jeden Tag – was uns als Ostler jeden Tag aufs Neue unterstellt wird, dann sollte der offene Brief, in alle Medien abgedruckt werden, damit es auch der letzte kapiert. Ich bin stolz, dass ich im Osten groß geworden bin, auch wenn es viele Entbehrungen gekostet hat, aber wir hatten ein wirklich gutes Bildungssystem, eine soziale Sicherheit, und ich muss es wissen, ich wuchs im Heim (6-18) dort auf. Man kümmerte sich um seine Kinder, deshalb wünsche ich mir aber nicht die DDR zurück. Aber ich kenne auch die Repressionen, Kinderknast Stralau, Spezialkinderheim, weil man eben nicht der „sozialistische Vorzeigebürger“ war, die Doktrin, das ausschließen vom Studium, weil die Mutter eine politische war. Wer wünscht sich solche Verhältnisse zurück, ich jedenfalls nicht. Aber das Erlebte prägt, und daher riechen wir auch hundert Meilen, eine erneute Diktatur, eine erneute Einengung der Freiheit, welche wir glaubten 1989 errungen zu haben, und ja, wir werden solange nicht „vereint“ sein, bis jede Seite begriffen hat, dass man eben nicht alles nur damit erklären kann, der Ossi ist zu blöd, sich dem Westen unterzuordnen. Meine Wahrnehmung nach der „Wende“, der Osten hat sich nicht nur extrem weiterentwickelt, er ist ein Gegner und kein Opfer mehr, aber diesen Gegener möchte man diffamieren und klein halten. Wichtig für mich ist, dass das endlose Töten auf unseren Straßen aufhört, dass die Kuscheljustiz abgestellt wird, dass wenn ich jeden Tag zur Arbeit fahre, auch weiß, warum ich es tue, warum ich meine Steuern zur Verfügung stelle, dass sie sinnvoll verwendet werden, und der „Volksvertreter“ endlich erkennt, dass er ein „Volksvertreter ist, denn er hat ein Mandat vom Volk erhalten und dieses als „Vertreter“ zu wahren. Ich musste mir mit 53 Jahren noch ein Pfefferpray zulegen, dass war zu meiner Zeit undenkbar, ich will solche Zustände nicht in meinem Land, und ich will, dass die Kaste da oben endlich begreift, dass die Staatsgewalt vom Volke ausgeht.
Respekt und danke für diesen Text.
Ich würde jedes Wort davon unterschreiben.
Es fehlt am Ende nur noch die Frage, was Demokratie für Herrn Knabe bedeutet.
Ich definiere Demokratie mit einem Wort.
Freiheit.
Eine schöne entspannte Restwoche noch an alle die hier lesen oder und schreiben.
Leider benutzt die Ostdeutsche Pastorale Ausgeburt der Hölle, ein gewisser Heuchler Gauck auch das Wort „Freiheit“. Ein Mensch der jetzt alle Ostler verunglimpft und in den Dreck trampelt. Hoffentlich wird er bald in der Hölle schmoren.
Herr Gauck hat das Wort Freiheit nie wirklich verstanden. Das ist sein Problem.
Da er als oberer Kirchenmensch dem normalen Menschen predigen sollte, ist das eine logische Konsequenz. Wie soll er das auch verstehen, da die Kirche Freiheit ja auch nicht unterstützt.
Der ganze Vorfall ist eine typische ÖRR-Ente:
Steimle hat angestimmt und nur er war per Mikrofon zu hören. Antje Hermenau war das erkennbar unangenehm. Chrupalla und Siegmund haben zunächst gar nicht mitgesungen. Gleich danach hat Chrupalla die richtige Hymne angestimmt, um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen.
Schade, dass Knabe dieses Nicht-Ereignis zum Anlass nimmt sehr seltsame Parallelen zu ziehen.
Als wir vor drei Wochen Hohenschönhausen besuchten, mußte ich an Hubertus Knabe denken, über den ich viel Positives in der JF gelesen hatte. Unser Begleiter, ein Historiker, erklärte auf meine Nachfrage, daß Szenen des Films „Das Leben der Anderen“ nicht dort gedreht werden durfte, weil Herr Knabe dem Film eine Verharmlosung der Wirklichkeit vorgeworfen hätte. Bei allem Respekt vor Hubertus Knabe und allem was er an Totalitärem vor und nach der Wende erlebt hat, einige seiner Aussagen irritieren mich. Die von Steimle, Chrupalla und Siegmund auszugsweise gesungene Becher-Hymne habe ich auch als Wessi sofort richtig verortet: ausschließlich als Bekenntnis zu „Deutschland einig Vaterland“. Auch die Forderung der AfD nach Frieden, Freundschaft und guten Wirtschaftsbeziehungen mit Rußland hat für mich überhaupt nichts Kommunistisches oder Totalitäres an sich.
Zum Brief: Rußland hat die UdSSR genausowenig aufgearbeitet wie die BRD die DDR. Daher ist der Marxismus unterschwellig überall vorhanden. Nirgends wurden die alten Besitzverhältnisse wieder hergestellt. Die UdSSR wurde außer dem Baltikum zur GUS, ein Vielvölkerstaat ohne wiederhergestellte russische Kultur. Die orthodoxe Kirche arbeitet wieder, aber eine alte russische Kultur gibt es nicht mehr. Die Ströme von Blut aus sowjetischer Zeit werden nicht erwähnt, die Menschen pilgern undwissend zu Stalins Geburtshaus. Die Lügen über den II WK werden weiterverbreitet und verschweigt eigene Verbrechen, den Raub aus Deutschland und den Komplizen der Globalfinanz, mit dem man seit dem Spanischen Bürgerkrieg Hand in Hand arbeitet, trotz vorgeschobenem sogen. Kalten Krieg. Die USA und Rußland werden bis heute vom selben Tiefen Staat beherrscht, der auch hier den Kampf gegen Rechts anführt und Staatsterror wie am Sonntag verübt. Der Islam ist nur vorgeschoben, auch er wird benutzt