
Applaus als Weltdeutung, Lachen als Gesinnungsdiagnose: Justus Bender erhebt den Bundestag zur Akustikanstalt. Anhand von 190.000 Plenarprotokollen seit 1976, die die Darmstädter Wissenschaftler Christian Stecker und Andreas Küpfer analysierten, schrieb der Autor und Journalist vergangene Woche in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” eine Art „Applaus-O-Meter“ zusammen. Sein Kunstgriff dabei: Den jeweiligen Selbstapplaus für eigene Redner einer Fraktion zum Maßstab für Mehrheits- und Gesellschaftsfähigkeit der jeweiligen Positionen zu machen. Und siehe da: Für sich selbst klatschen vor allem Linke und AfD am häufigsten für sich selbst, Union und SPD am seltensten. Pro tausend Wörter fünfmal hier, viermal dort; Union und SPD begnügen sich mit zwei höflichen Schlägen aufs Pult – daraus bastelt Bender die These von der „weltanschaulichen Isolation“. Das klingt nach hochtrabender politischer Anthropologie; in Wahrheit ist es eine bemühte politische Bühnenkritik mit Zahlenbeilage.
Eleganter Kunstgriff Nummer zwei: Koalitionslehre per Dezibel. Wer einander wenig beklatscht, soll kein Bündnis schließen; die alten Affinitäten – FDP – Union, Grüne – SPD – werden als Erkenntnisfortschritt verkauft, samt Hinweis auf die „falsche Ecke“ und ein bisschen Hufeisen-Folklore. Das Modell steht wieder aufrecht wie ein Stehaufmännchen. Die Methode ist bestechend schlicht: Das Klatschen wird zum Stellvertreter politischer Bündnisfähigkeit – der Dezibelpegel als Koalitionsvertrag. Dabei ist Benders Text bereits der zweite Akt einer noch unbenannten Inszenierung: Der erste war im Mai die ebenfalls im Bundestag handelnde Nummernrevue „Lachquotient statt Argument“. „Heiterkeit“ gilt als nett, „Lachen“ als böse – und die AfD-Redner hätten natürlich die meisten Lacher pro Kopf. Moralische Ontologie aus Stenogrammen: Ironie wird zur Verwaltungsgröße, Differenz zum Delikt.
Politik als Clip, Debatte als Loop
Aber wo der Parlamentarismus zur Geräuschkunde mutiert, tritt der Chronist als Dirigent auf. Justus Bender sortiert die Republik nach Lachquotienten und Applaus-Arealen: Erst misst er die Mundwinkel, dann die Hände. Ergebnis: Wer viel für sich klatscht, ist „isoliert“; wer oft lacht, ist „böse“ statt „heiter“. So entsteht aus Steno-Randbemerkungen Weltanschauung: Akustik als Moral, Statistik als Sittengesetz. Damit die These auf High-Concept reift, liefert Bender den Parlamentsbetrieb als eine Art Soundboard: Vorklatscher, Vorlacher, Eigendynamik – Politik als Clip, Debatte als Loop für Reels und Shorts, seit der TV-Ära von 1987 nur noch beschleunigt. Mehr Punchlines, mehr Zwischenapplaus – mehr Schnittfutter. Mehr Geräusch, weniger Begriff. Zwischendrin die Hufeisen-Kulisse: Entwarnung bei der „falschen Ecke“, ein bisschen FDP-Sympathie, AfD-Applaus auch mal für Links – und schwupps!, steht das Modell wieder im Raum. Die Zahlen dürfen doppelt dienen: erst für Skepsis, dann zur Bestätigung. Erst das Lachen, dann das Klatschen.
Der Witz an der Sache: Benders Essay gegen das „johlende Lachen“ erklärt minutiös, wie Publikumspolitik funktioniert – und beweist ungewollt, dass die Mitte ihre eigene Werte- und Witzgemeinschaft pflegt. Wer das Lachen normiert, macht sich selbst zum Regisseur der Moral. Relevanz entsteht hier nicht aus Begriffen, sondern aus Geräuschverwaltung. Das ist brillant inszeniert – und gerade deshalb klein. Benders Zugriff verrät mehr über die Deutungsgier der Mitte als über die Ränder: Aus Zwischenrufen werden Charaktergutachten, aus Zwischenapplaus Koordinatensysteme der Vernunft. Die Republik wird aber nicht am Dezibel erneuert, sondern am Argument. Alles andere bleibt: Relevanzclownerie.
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2 Kommentare
Debatten im Bundestag, in den Landtagen sind nur Zirkusveranstaltungen für das zahlende Publikum-die Steuerzahler. Es soll etwas vorgegaukelt werden was es gar nicht gibt – eine demokratische Auseinandersetzung mit Problemlösung zum Wohle der Bürger. Die Politik wird hinter verschlosseneren Türen gemacht
Genau meine Meinung. Gibt man in ChatGPT die Frage:
„Was hat eine Bundestagsdebatte mit einer Zirkusvorstellung gemeinsam?“
ein, erhält man eine sehr interessante Antwort.
Das Parteiinteressenwohl steht inzwischen meiner Meinung nach eindeutig über dem Gemeinwohl vom Volk. Die Inschrift am Reichtagsgebäude „DEM DEUTSCHEN VOLKE“ gehört somit durch das vorangestellte Wort „WIDER“ ergänzt!
Alle im Bundestag (und in den Landtagen) vertretenen Parteien sind verfassungsfeindlich. Wäre dem nämlich nicht so, hätten wir gem. Art. 146 GG längst eine vom deutschen Volk beschlossene Verfassung.
Carpe diem.