„Der Putinator“ oder: So langsam wird’s mir mulmig…

Konfliktherd Ostukraine (Foto:Imago)

Bei Edeka ist wieder ständig das Milchpulver ausverkauft – aber diesmal werden keine lockdowngeschädigten Niederländer dahinterstecken. In meiner Region herrscht nämlich reger Grenzverkehr, meist sind es jedoch die Deutschen, welche die Grenze überqueren, um sich in Venlo mit Kaffee, Rijstaart und Käse einzudecken und ihre Beute dann per Auto und Zug fortzuschleppen. Manchmal sind auch weniger legale Waren dabei, aber im Allgemeinen geschieht die „deutsche Invasion“ im gegenseitigen Interesse. Ob die ersten Niederrheiner schon Sorge haben, dass Putin morgen mit dem Panzer auch in Krefeld anlandet? Jedenfalls ist wieder das Milchpulver knapp und keiner weiß warum. Keine Ahnung, was die Bauern hier schon für den Notfall einbunkern. Bei Gelegenheit werde ich noch ein paar Dosen Pfirsiche einlagern, die werden in der Apokalypse immer gebraucht. Denn langsam wird mir mulmig.

Milchpulver-Knappheit mag eine Banalität sein angesichts der sich ausweitenden Krise, aber für mich ist sie wie ein böses Omen, das üble politische Wendungen ankündigt. Als Jude achtet man auch auf solche mikroskopisch kleinen Erschütterungen in der nächsten Umgebung, um Gefahrenlagen rechtzeitig zu erkennen. Und im Moment herrscht in meinem Inneren zumindest Alarmstufe Rot, mitsamt alter Mini-Greta-Atomkriegsängste. Da hast du zwei Jahre lang eine Maske getragen, um dich vor einem dämlichen Virus zu schützen, und plötzlich macht es „Kabumm!“ – und das war’s.

Gerade, weil ich niemals mit einem Einmarsch in die Ukraine gerechnet hätte. Um ehrlich zu sein, habe ich davon gestern morgen erst gar nichts mitbekommen, weil ich meist erst wach werde, wenn ich am Schreibtisch sitze. Als ein Kollege während unserer Videokonferenz von Putins Militäraktion erzählte, dachte ich zunächst, er wolle sich einen Scherz erlauben. „Das kann der doch nicht wirklich gemacht haben?”, war mein erster Gedanke. Zwar hätte ich bis zu diesem Zeitpunkt dem russischen Präsidenten nicht gerade einen Gebrauchtwagen abgekauft, hielt ihn aber im Grunde für einen rational agierenden Menschen. Für ein wenig Säbelrasseln habe ich sogar Verständnis aufgebracht, denn selbst meine mittlerweile verstorbene Oma warnte schon vor Jahren vor der NATO-Osterweiterung: „Kein Wunder, dass die Russen sich bedrängt fühlen!

(Screenshot:Twitter)

Schließlich hatten diese vor rund dreißig Jahren der deutschen Wiedervereinigung nur zugestimmt, weil sie die Zusage für eine neutrale Pufferzone erhalten hatten. Darüber mag schon damals mancher osteuropäische Staat erbost gewesen sein: Für das deutsche Glück nahm man ihnen das Selbstbestimmungsrecht. Und das in einer Zeit, als der Warschauer Pakt zur Erleichterung der meisten zusammenbrach. Was haben wir uns gefreut! Der kalte Krieg ist zu Ende und atomar pulverisiert werden wir auch nicht mehr! Der Bürgerkrieg im zerbrechenden Jugoslawien machte einem jedoch rasch klar, wie viel auch in Europa nach Jahrzehnten kalten Krieges noch im Argen lag: Da war unter Zwang einiges zusammengeschweißt worden, was gar nicht zusammengeschweißt werden wollte. Und plötzlich beteiligte sich auch Deutschland wieder an einem Krieg. Was Helmut Kohl noch ein paar Jahre vorher als verfassungswidrig verworfen hatte, wurde nun ausgerechnet vom grünen Minister Joschka Fischer salonfähig gemacht.

Im Grunde macht einem die derzeitige Lage deutlich, wie begrenzt die Möglichkeiten auf eigenständiges außenpolitisches Handeln sind, wenn man als Staat „Anhängsel“ einer Supermacht ist. Auch wenn ich weit davon entfernt bin, mich den Ausführungen der „taz“ zu phallusartigen Geschütztürmen anzuschließen, fällt mir hier ein klassischer Vergleich ein: Das „Platzhirschgehabe”. Bei Putin und seinen riesigen Tischen oder als einsamer Wolf im Saal vor meilenweit entfernten Journalisten fällt es leicht, es zu erkennen. Bei Joe Biden findet es ein wenig unauffälliger statt, man muss schon in die amerikanische Presse schauen: Innenpolitisch angeschlagen, wird er derzeit massiv von der Opposition provoziert; Senator Ted Cruz bezeichnete ihn als „nutzlosen Präsidenten”, und Fox News spottete, Putin könnte seine Angst riechen. Da die USA gerne ihr Fracking-Gas verkaufen wollen, solle er zudem mehr Druck auf die Deutschen ausüben, Nord Stream 2 auszusetzen. Auch die USA sind bekanntlich keine Unschuldslämmchen in der internationalen Politik – aber es ist dennoch beängstigend, wenn dabei nicht nur Wirtschaftsinteressen, sondern auch das Ego der jeweiligen Leitwölfe eine so große Rolle spielt.

De Bevölkerung zahlt den höchsten Preis

Dem haben Staaten, die auf das Bündnis mit den „Großen“ angewiesen sind, nur wenig entgegenzusetzen. Egal ob die Ukraine auch eigene Fehler gemacht hat: Das Land nun mit Zerstörung zu überziehen, lässt am Ende nur die Bevölkerung den höchsten Preis dafür zahlen. Uns als Deutsche trifft es nicht ganz so grausam, aber wir haben unsererseits mit einer plappernden Außenministerin und einem blassen Kanzler keinen guten Stand, zumindest unsere energiepolitischen Interessen gegen die USA durchzusetzen – für die mit der sogenannten „Bündnistreue“ offenbar auch eine Abnahmeverpflichtung für amerikanisches Flüssiggas einhergehen soll. Dass Nord Stream 2 nun erst einmal erledigt ist, dürfte den US-Präsidenten jedenfalls nicht unglücklich machen.

Wie üblich, gibt es keine klare Antwort darauf, wem in diesem Konflikt die Rolle des Oberschurken zukommt, auch wenn Putin durch seinen Einmarsch in die Ukraine derzeit klar die Nase vorn hat. Das für uns Bedrohliche liegt wahrscheinlich daran, dass der Krieg so nah vor unserer Haustür tobt – andere (Stellvertreter-)’Kriege fanden schließlich immer schön weit weg statt. Natürlich hoffen wir nun alle, dass der Kelch einer militärischen Ausweitung bis zu uns an Deutschland vorüber geht. Derzeit frage ich mich oft, wie es wohl für die Menschen in den Dreißigern gewesen ist, auf den beginnenden Krieg in Europa zu schauen. Es ist zwar relativ leicht gewesen, den Aggressor auszumachen – aber viele Familien, die damals noch an den ersten Weltkrieg gedacht haben, werden sich sicherlich gefragt haben, warum ihre Söhne nun schon wieder ihr Leben für „das Richtige“ opfern sollten. Heute stellt sich eine ähnliche Frage: Unser Land hat sich ohne Not in eine Energiekrise manövriert; gäbe es diese nicht, ließe sich die moralische Frage nach einer Beteiligung an Sanktionen sicherlich leichter beantworten. Das Wohl unserer eigenen Bevölkerung zu schützen, die durch Inflation, Corona und hohe Energiekosten gebeutelt ist, scheint mir kein illegitimes Ziel zu sein – denn was darf Moral kosten?

Unsere kaputtgesparte Bundeswehr wird ohnehin nichts ausrichten können. Wenn wir Glück haben, lacht sich Putin über sie höchstens ins Koma. Dann kann ich die Dosenpfirsiche noch ein bisschen aufheben…

12 Kommentare

  1. Das Lebensmittel knapp werden und die Preise steigen, jetzt auf Russland zu schieben, ist Recht billig. Wird dies doch schon seit Monaten gepredigt. Begonnen mit den Coronamassnahmen in ganz Europa und China usw nicht vergessen die Sache mit den Suezkanal. Wehe wenn China mal wieder ein Corona Ausbruch in einen ihrer Containerhäfen hat. Zudem ist Deutschland von einen Exportland von Getreide insbesondere bei Weizen zum Importeur geworden. Windparks und Photovoltaik auf den Äckern oder Maisanbau für Biogasanlagen sichern das üErleben von Bauernhöfen. Schaue ich mich hier in der Altmark um, so haben viele die Milchproduktion eingestellt auf Mutterkuhhaltung umgestiegen oder ganz aufgegeben. Kartoffelanbau betreibt nach meinen Wissen hier nur noch ein Betrieb und Gemüse Anbau garnicht, da gibt es einige in der Börde. Jetzt können sich einige nichtmal mehr Dünger zu kaufen falls es welchen gibt und das wird zu Ernteeinbußen führen.

  2. Wenn die Diplomatie versagt, werden Verantwortliche im Kopf „hösterich“
    und dann passiert die Menschen Tötung.
    Iwan hat fertig, fertiger geht gar nicht mehr.

  3. Dosenpfirsiche sind möglicherweise ein guter Ersatz für Milchpulver oder Toilettenpapier, aber diese drei „Wohlfühlfaktoren“ werden das Verständnis für die verzweifelte Situation Rußlands nicht ganz verdrängen können. Nach Jahren des freiwilligen Verlassens einst zweifelsfrei anerkannter Stellung in der Weltpolitik wurde die Schlinge der Westmächte immer enger gezogen, Zusagen gebrochen und ein Wirtschaftskrieg eingeleitet – trotz aller Friedensangebote seitens Rußland. Nun schießt sich Deutschland jubelnd ins Knie, verzichtet auf Northstream 2 und versucht, Rußland den „Scharzen Peter“ dafür zuzuschieben. Für die Partei der „GRÜNEN“ gehen offensichtlich zwei Träume in Erfüllung: das weit teurere und umweltschädlichere fracking gas der USA wird russisches Gas ersetzen und dabei riesige Geldbeträge aus unserem Land hinausleiten. Joseph „Joschka“ Fischer wird dies mit breitem Grinsen kommentieren.
    Ein Wirtschaftskrieg – egal ob gegen Irak, Syrien, Libyen oder Rußland betrifft nie die Eliten, sondern immer die weniger mächtigen 96 % der Bevölkerung.
    Darüber zu schreiben, ist natürlich banal, könnte jdoch mit ein wenig Recherche auch angeleuchtet werden.
    Beste Grüße und gute Einkäufe!

  4. Putin hat in Russland das Sagen und es gibt niemanden der ihm sein Wasser reichen darf.
    Jahrelang wurde er ignoriert und gedemütigt. Nun gibt es einen Krieg, vermutlich den letzten. Er wird die Nato angreifen und auf Unterstützung der USA brauchen wir nicht zu hoffen. Sobald ein Trump oder eine republikanische Schildkröte gewählt wird, zählt Americans First.Und sollten doch einige Amerikaner frech werden, wird sich Xi Peng Peng darum kümmern. Ich kann nur zu Hamsterkäufen raten, falls ein Überleben nach einem Atomschlag möglich ist. Zigaretten und Benzin sind gute Tauschobjekte.

    • Quatsch, wenn Iwan den 3. Weltkrieg haben wollte, hätte er schon längst einige „A-Eier
      auf BRD und Nachbarländer sowie i.d. USA geschickt.
      Ob das dann den schmutzigen Globalisten i.d. Kram passen würde, mag bezweifelt werden, weil es dann auch für diese Menschenverachter, Faschisten kein entkommen mehr geben würde.

  5. „De Bevölkerung zahlt den höchsten Preis“

    Laut übereinstimmender Verkündigungen der westlichen Qualitätsmedien und demokratischen Politiker, ist die Ukraine eine Demokratie, in welche per Wahlen die Junta ausgesucht wird. Damit sind die Wähler verantwortlich, für die Politik der Ukraine. Es leiden also die Täter.

    Wie die gleichen Quellen ständig verkünden, sind die Wahlen in Rußland alle Fake, daher ist denen kein Vorwurf zu machen.

    (Alles im Rahmen des Zitats ge/bedacht)

  6. Mein derzeitiger Entspannungs-Slalom: Einen Radio-Sender zu finden, der innerhalb von 1 Stunde nichts über „Putin“ meldet. Vor allem beim Autofahren Gold wert!

    Klassik-Radio war gestern kurz davor, aber leider kamen dann doch Nachrichten nach knapp 48 Minuten. Immerhin. Nicht übel für einen kommerziellen Laden. Die restlichen Dudelbuden schaffen das leider nicht. Vermutlich weil dort eh nur ein MP3-Player moderiert. Aber wer mag schon moderne Musik ab 1980.

    Am liebsten sind mir die GEZ-Radio-Endlager a la WDR 4 oder was der Bayerische Rundfunk an dessen Stelle hat. (Bei SWR 2 ist derzeit leider zuviel Rechthabergequatsche dazwischen, das liegt wohl an Grün-Schwarz.) Komplette Konzerte an klassischer Musik und Hörspiele oft ununterbrochen und über Stunden hinweg. Der DLF hat sich davon leider weitestgehend verabschiedet, aber von dem hätte man sich ja auch schon vor 30 Jahren verabschieden müssen. Aber wir bezahlen ja großzügig per GEZ für seinen… Fortbestand.

    Man muss allerdings schon sehr morbide veranlagt sein, um diese Auswahl (nachts und am Wochenende) über längere Zeit hinweg auszuhalten. Aber die Stimmung passt zumindest sehr gut zum Rest der derzeitigen „Fin de Siècle“-Berichterstattung – OHNE daß man davon konkret belästigt wird.

    • Ich empfehle das ShowAgenten Radio. Gibts als App, macht gute Laune und erstaunt immer wieder. Einfach mal ausprobieren 🙂

  7. Es ist bei der Mehrzahl noch immer nicht angekommen, daß niemand einen Fehler machen kann. Und wenn ich niemand sage, meine ich niemand. Die Nato-Osterweiterung war eine Entscheidung und eine Entscheidung ist niemals ein sogenannter Fehler. Das kann man einem Kleinkind erzählen aber keinem Erwachsenen.
    Genauso kann man sich nicht, nicht entscheiden. Das geht schlichtweg nicht, das ist gänzlich unmöglich aber so wird mit Sprache ständig vernebelt und manipuliert.
    Na gut, mit geistig minderbemittelten kann man es ja machen, funktioniert ja auch immer wieder.

  8. Der Überfall durch Iwan ist schrecklich genug.
    Es wird viele Tote geben.
    Die Giftspritze angeblich gegen Corona hat und wird weiterhin unmengen an gesundheitlich
    schwerstgeschädigten und mehr Tote geben als der Krieg durch den Iwan in seinem Nachbarland.
    Wir wollen doch nicht durch wiederholte Lügenmärchen der Mainstreammedien die Volkszüchtigungen, Freiheitsberaubungen und die Känzelung des Grundgesetzes vergessen und hinten anstellen.
    Spezialunholdsdemokraten und Grünfaschisten haben bereits erklärt, das es mit ihnen, größte
    Volksgegner, keine Freiheiten geben wird.
    Pfui, in mir kommt Ekel und brutalste Verachtung für eine solche Faschistenpolitik auf.
    Eines steht jetzt schon fest, wir das Volk, wenn wir eins sind, werden über diese Faschisten
    siegen, die Verbrecher an der Menschlichkeit jagen, stellen und aburteilen lassen.
    Ich gehe jede Wette dafür ein.

  9. Was haben CIA und NATO in den letzten Jahrzehnten unternommen, um die Ukraine an der russischen Grenze zu instrumentalisieren. Korruption, militärische Aufrüstung, Krieg im Donbas etc. um Russland zu schwächen und in die Knie zu zwingen, die Ziele sind bekannt. Putin wehrt sich dagegen. Die Mittel dagegen kann man in Frage stellen.

  10. Das Thema ist doch nicht Putin.
    Das Thema ist der Westen, sind wir.
    Welche Vision von unserer Gesellschaft haben wir?
    Wo wollen wir hin?
    Welche moralischen und ethischen Vorstellungen haben wir?

    Und wer ist bereit, für diese, sind sie denn vorhanden, einzustehen, notfalls mit seinem Leben?

    Ich kenne einen Berufssoldaten, der meint, wenn der Feind kommt, desertieren zwischen 70 und 90%!

    Fazit:
    Mütterchen Rußland ist uns, dem Westen, haushoch überlegen.
    Ihre Vison ist vieleicht falsch, vielleicht passt sie uns auch nur nicht.
    Aber, SIE HABEN EINE!

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