
Es gibt Meldungen, deren satirische Vollkommenheit jeden Kommentator arbeitslos machen müsste. Die Berliner Elektro-Punk-Band „The Toten Crackhuren im Kofferraum“ entdeckt nach anderthalb Jahrzehnten, dass eine ihrer eigenen Textzeilen möglicherweise nicht mehr den moralischen Anforderungen genügt, die sie inzwischen an Sprache stellt. Es handelt sich ausgerechnet um die Redensart vom Reissack, der in China umfällt. Auf Instagram erklärt die Band, solche Wendungen benutzte „eine ganze Kultur als Metapher für ‚egal‘“ und wertete damit „nicht-europäische Gesellschaften“ ab. Deshalb fühle man sich nicht mehr wohl damit, die Zeile zu singen. Nun sollen die Fans bei der Suche nach einem Ersatz helfen.
Das ist kein Witz. Eine Formation, deren Name drei Begriffe aus den Feldern Tod, Prostitution und Drogenabhängigkeit zu einem faden Gag verdichtet, sorgt sich um die diskriminierungssensible Behandlung fernöstlicher Getreidesäcke. Die Band, deren Sängerin sich “Lulu Fuckface” nennt, entdeckt den respektvollen Sprachgebrauch; ihre Gruppe, die ihren Ruhm der kalkulierten Verletzung sprachlicher Konventionen verdankt, beginnt, das eigene Frühwerk nach den Maßstäben eines Diversity-Seminars zu redigieren. Es handelt sich hier nicht um Heuchelei, sondern um die Selbstaufhebung einer Ästhetik. Die “Crackhuren” kamen aus einer Berliner Trash- und Punkkultur, deren wichtigste Ressource die Geschmacklosigkeit war. Fuckface erklärte auf “Urbanite”, die Texte seien teilweise „belanglos doof“ und auch der Bandname sollte damals „möglichst doof“ sein. Beides ist fraglos gelungen und war damals wenigstens ein Programm, wenn auch kognitiv eher übersichtlich formuliert.
Die Freiheit doof sein zu dürfen
Dieses Programm beruhte auf einer inzwischen kostbar gewordenen Freiheit: einen schlechten Witz zu machen – ohne weltanschauliche Verträglichkeitsprüfung. Die “Crackhuren” betrieben die kalkulierte Infantilität als Popästhetik. Ihre Welt bestand aus Ponyhof und Gosse, Suff und Selbstironie, Sexismusparodie und Geschlechterkampf, schlechten Manieren und noch schlechterem Geschmack. Das Debüt hieß programmatisch „Jung, talentlos & gecastet“. Songs trugen Titel wie „Crackhurentanz“, „Jobcenterfotzen“ oder „Bitchlifecrisis“. Auch live beruhten die Gigs auf schriller Übertreibung: Die frühen Auftritte waren als anarchische Cheerleader-Shows angelegt, mit bewusst dilettantischen Choreographien und Trash-Ästhetik. 2008 wurden die “Crackhuren” als Vorband von K.I.Z. noch ausgebuht, bespuckt und “mit Gegenständen beworfen”, wie online zu lesen ist; spätere Konzertberichte wie der von Geli Megyesi auf “Urbanite” beschreiben süßlichen Gesang neben Geschrei, politischen Bannern, ACAB-Rufen, selbstgemachten Kostümen und intensiver Publikumsinteraktion. Das war keine Musik für die Bundeszentrale für politische Bildung… und gerade deshalb funktionierte sie.
Kulturgeschichtlich interessanter ist das gegenbürgerliche Prinzip: Wir dürfen das, weil Kunst keine Hausordnung ist! Doch genau dieses Prinzip wird nun von seinen ehemaligen Nutznießern kassiert. Besonders hübsch ist, welcher Text betroffen ist: „Ich und mein Pony (sein Name ist Jonny)” ist eine Parodie auf Pferdemädchenkitsch und Schlageridyll, und inmitten dieses absichtsvoll albernen Textpanoramas steht die Zeile vom umfallenden Reissack in China. Dabei bedeutet diese deutsche Redensart bekanntlich nicht, dass China wertlos ist, sondern dies: Irgendwo geschieht etwas, das für den Gegenstand unseres Gesprächs vollkommen belanglos ist. China erfüllt die Funktion maximaler Entfernung – ebenso wie das Timbuktu oder der Mond erfüllten. Die Pointe beruht nicht auf der Minderwertigkeit Chinas, sondern auf der Irrelevanz eines trivialen Ereignisses an einem weit entfernten Ort. Wer darin eine „Abwertung nichteuropäischer Gesellschaften“ erkennt, vollzieht selbst erst jene ethnische Aufladung, die er der Redensart vorwirft. Aus einem Reissack wird ein Volk, aus einer Redensart eine geopolitische Stellungnahme. Xi Jinping dürfte diese deutsche Gewissensnot verkraften.
Vom Tabubruch zur Sprachaufsicht
Punk war einmal eine Kultur des Tabubruchs. Political Correctness ist eine Kultur der Tabupflege. Punk fragte: Welches Wort darf ich nicht sagen? – und sagte es gerade deshalb. Die neue Sensibilität stellt dieselbe Frage – und streicht das Wort anschließend aus dem Text. Damit vollzieht sich innerhalb derselben kulturellen Milieus eine erstaunliche historische Kehrtwende: Die Gegenkultur hat gesiegt und dabei ihre Funktion gewechselt. Sie sitzt nicht mehr vor der Tür und pöbelt gegen die Institutionen, sondern zunehmend in den Institutionen und formuliert deren Sprachregelungen. Aus „Fuck you!“ wurde „Bitte reflektiere deine Privilegien“. Aus der Provokation wurde “Awareness”. Gerade die “Toten Crackhuren” zeigen diese Entwicklung in konzentrierter Form. Ihre Sängerin sagte einst etwa im “Ox-Fanzine” ausdrücklich, sie tue sich schwer mit belehrenden politischen Texten und verstecke eine Botschaft lieber hinter einem schlechten Witz.
Inzwischen sind feministische und gesellschaftspolitische Botschaften ein fester Bestandteil der Selbstdarstellung. “Radio Berlin-Brandenburg” (rbb) porträtierte Lulu 2025 als „radikale Stimme“ und sprach mit ihr über „Feminismus als Mainstream“, Mut, Wut und Freiheit. Dafür liefert das jüngere Werk ein Lehrstück. 2025 veröffentlichten die “Crackhuren” das Machwerk „Halt dein Maul“, entstanden im Zusammenhang mit einer „antipatriarchalen“ Interpretation von Mozarts Zauberflöte. Man darf also „Halt dein Maul“ sagen, man darf sich „Fuckface“ nennen, man darf eine Band nach toten drogenabhängigen Prostituierten im Kofferraum benennen… aber problematisch wird es dort, wo in China ein Sack Reis umfällt. Das wirkt nur solange widersprüchlich, wie man glaubt, politische Korrektheit habe etwas mit Höflichkeit zu tun. Hat sie nicht. Ihre Ordnung verläuft nicht zwischen anständig und unanständig, sondern zwischen legitimem und illegitimem Tabubruch. Deshalb darf zeitgenössische Popkultur ungeheuer obszön sein, solange ihre Obszönität politisch richtig adressiert ist.
Die kontrollierte Rebellion
Genau dieses Muster zeigt sich weit darüber hinaus. Als die Berliner Rapperin Ikkimel jüngst im ZDF-Morgenmagazin „Fußballmänner“ performte – mit Zeilen wie „Fußballmänner, alles Penner“ und „Tiki-Taka in ’nem Tanga“ –, sorgte das für sichtliche Irritation im Studiopublikum und tagelange Debatten. Das ZDF verteidigte den Auftritt als “Kunst”. Bemerkenswert ist die Asymmetrie: Extreme abwertende Sprache gegen Männer gilt als Haltung und sendefähig, sogar im öffentlich-rechtlichen Frühstücksfernsehen; eine ethnisch neutrale Redensart über einen Reissack gilt dagegen als kulturell unsensibel und wird zum Gegenstand moralischer Selbstzensur. Die alte bürgerliche Moral fragte noch: Ist das unanständig? Die neue progressive Moral fragt: Gegen wen richtet es sich? Das ist ein fundamentaler Unterschied. Poptexte können sexualisiert, vulgär und aggressiv sein; Künstler dürfen Körper, Drogen und Gewaltphantasien ausstellen. Zugleich kann ein alter Ausdruck zum Gegenstand moralischer Exegese werden, sobald sich eine geschützte Identität oder ein vermeintliches Stereotyp hineininterpretieren lässt. So entsteht eine paradoxe Musikkultur: äußerlich rebellischer denn je und innerlich immer konformer. Der Künstler darf schreien, fluchen, sich entkleiden und die Gesellschaft verachten – solange er bei den entscheidenden Fragen das richtige Formular angekreuzt hat. Haltung ist längst keine Zusatz zur Musik mehr, sondern eine zweite Währung des Kulturbetriebs.
Antirassismus, Feminismus, Queerness und Diversity bilden dabei kein staatlich verordnetes Pflichtenheft; die Milieus regulieren sich selbst. Gerade deshalb ist der Vorgang um den Reissack aufschlussreich. Niemand musste die “Crackhuren” zensieren. Kein Ministerium verbot die Zeile. Die Band vollzieht die Reinigung selbst und lädt ihr Publikum zur gemeinschaftlichen Textrevision ein. Das ist die moderne Form kultureller Disziplinierung: Sie funktioniert nicht primär durch Verbot, sondern durch Internalisierung. Die wirksamste Macht ist jene, bei der der Gefangene den Wärter nicht mehr benötigt, weil er dessen Blick verinnerlicht hat. Die Zensurbehörde sitzt irgendwann im Kopf des Künstlers.
Ein Reissack als postkoloniales Seminar
Besonders bemerkenswert ist die sprachliche Aufrüstung des Banalen. Eine Redewendung wird nicht einfach als altmodisch bezeichnet. Sie „wertet“ angeblich „eine ganze Kultur“ ab. Der einzelne Ausdruck wird an eine globale Machtstruktur angeschlossen. Plötzlich steht nicht mehr eine Liedzeile zur Debatte, sondern Europa gegenüber den „nichteuropäischen Gesellschaften“. Der Reissack trägt den Imperialismus auf seinen Schultern. Damit wird musikalisierte Sprache ihrer spielerischen Unschuld beraubt. Metaphern können kaum noch metaphorisch bleiben, weil jede Metapher buchstäblich auf ihre sozialen Referenten zurückgerechnet wird.
Wer „blind“ für etwas ist, könnte Menschen mit Sehbehinderung diskriminieren. Wer von einem „schwarzen Tag“ spricht, könnte erklären müssen, warum Schwarz negativ konnotiert sei. Am Ende dieser Entwicklung steht keine besonders humane Sprache, sondern eine besonders ängstliche. Sprache lebt davon, dass Wörter mehr bedeuten können als ihre buchstäbliche Referenz. Ironie, Metapher und Idiom sind keine Defekte, sondern kulturelle Tiefendimension. Wer jeden Ausdruck darauf untersucht, ob irgendeine Gruppe ihn als Abwertung lesen könnte, beseitigt nicht Diskriminierung, sondern Mehrdeutigkeit. Für Punk wäre das Selbstmord.
Vom schlechten Geschmack zum guten Gewissen
Dabei war der schlechte Geschmack einmal die Geschäftsgrundlage der “Crackhuren”. Ihre Stärke bestand in lustvoller Unbefangenheit: lieber drei Akkorde und eine schlechte Pointe als ein kunsthochschulgerechtes Konzeptpapier. Das heutige Bedürfnis nach moralischer Nachbearbeitung behandelt frühere Kunstwerke wie Software, für die Sicherheitsupdates einzuspielen sind: Version 1.0 enthielt problematische Formulierungen – bitte installieren Sie umgehend das Diversity-Patch! Nur: Ein Lied ist kein Parteiprogramm. Kunst besitzt eine historische Gestalt. Wer sie ständig dem aktuellen Moralkodex anpasst, vernichtet ihre Zeitlichkeit. Man stelle sich dieses Verfah-ren konsequent vor: Die Popgeschichte würde zum Renovierungsfall. Texte von den Sex Pistols, den Guns N’ Roses oder zahllosen Rappern müssten durch Sensitivity Reader. Punkplatten bekämen Warnhinweise. Irgendwann wäre Pop vollkommen sicher – und damit nicht mehr Pop.
Der westliche Kulturbetrieb liebt weiterhin die Pose der Dissidenz, obwohl viele seiner bevorzugten politischen Botschaften längst mit denen von Ministerien, Hochschulen, öffentlich-rechtlichen Sendern und großen Unternehmen übereinstimmen. Man rebelliert gegen Patriarchat und Heteronormativität – und findet dieselben Vokabeln in Diversity-Leitbildern multinationaler Konzerne. Wer aber dieselben moralischen Kategorien benutzt wie die Institutionen, von denen er gefeiert wird, ist nicht mehr ohne weiteres Gegenkultur. Er kann immer noch laut sein; doch die Lautstärke sollte nicht mehr mit Opposition verwechselt werden.
Die neue Hofkunst der Rebellion
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Wie schockierend ist ein Künstler? Sondern: Wen darf er schockieren? Provokation gegen gesellschaftlich als mächtig definierte Gruppen gilt als Haltung. Provokation in die falsche Richtung gilt als gefährlich. So entsteht betreutes Rebellentum: maximale Frechheit innerhalb eines unsichtbaren Korridors. Ikkimel im ZDF-Morgenmagazin und die “Crackhuren” mit ihrem Reissack sind zwei Seiten derselben Medaille. Die eine darf im gebührenfinanzierten Frühstücksfernsehen Männer als „Penner“ bezeichnen und gilt dabei als feministische Stimme. Die andere streicht aus Furcht vor kultureller Insensibilität eine harmlose Redensart aus dem eigenen Lied.
Bleibt noch die angebliche “Beleidigung” Chinas. Sie besitzt zusätzliche unfreiwillige Komik: Die Volksrepublik ist eine Atommacht, ständiges Mitglied des UN-Sicherheitsrates, zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde und geopolitischer Rivale der USA. Wer China 2026 als schutzbedürftiges Objekt europäischer Sprachfürsorge behandelt, betreibt möglicherweise genau jenen Eurozentrismus, den er überwinden möchte. China benötigt diese Fürsorge nicht. Es dürfte Peking gleichgültig sein, ob auf einem deutschen Punkkonzert ein Reissack umfällt. Genau genommen bestätigt das die ursprüngliche Bedeutung der Redensart auf majestätische Weise. Man könnte den “Crackhuren” zugutehalten, dass Menschen sich verändern. Niemand ist verpflichtet, mit vierzig jede Pointe lustig zu finden, die er mit zwanzig geschrieben hat. Interessant wird es erst dort, wo aus persönlichem Unbehagen eine kulturpolitische Begründung entsteht. „Wir finden die Zeile heute doof“ wäre souveräner als „Diese Formulierung wertet eine ganze nichteuropäische Kultur ab“. Das eine zeugt von selbstreflexiver Reife, das andere macht aus den früheren Eigenschöpfungen eine moralische Theorie.
Der letzte Tabubruch
Vielleicht ist dies das Schicksal aller erfolgreichen Gegenkulturen: Sie beginnen mit dem Mittelfinger und enden beim Zeigefinger, hier beim Leitfaden für diskriminierungssensible Kommunikation. Die Hippies bekamen Nachhaltigkeitsbeauftragte, die Punks “Awareness”-Teams. Jede Revolte gründet irgendwann ihre Verwaltung. Um Robert Gernhardt zu paraphrasieren: Die schärfsten Kritiker der Elche werden später selber welche. Bei den “Toten Crackhuren” wird diese Dialektik besonders sichtbar: vom absichtlich idiotischen Bandnamen zur postkolonialen Reissackprüfung.
Vielleicht wäre heute die wahrhaft punkige Reaktion eine verblüffend einfache: die Zeile einfach weiterzusingen! Nicht weil dadurch Chinesen abgewertet werden sollen, sondern weil eine Kultur gelegentlich demonstrieren muss, dass nicht jede denkbare Kränkung automatisch eine tatsächliche ist; dass Menschen zwischen einer Redensart und einer ethnographischen Aussage unterscheiden können, dass Ironie keine Fußnoten braucht, und dass Kunst auch einmal geschmacklos, belanglos und dumm sein darf. Gerade eine Band, die sich “The Toten Crackhuren im Kofferraum” nennt, böte dafür hervorragende Voraussetzungen. Einst bestand die Provokation darin, gesellschaftliche Sprachgrenzen zu überschreiten. Heute könnte sie darin bestehen, sich der permanenten moralischen Selbstkontrolle zu entziehen. Das wäre tatsächlich subversiv. Und falls sich darüber irgendwo jemand empört? Dann fällt eben in China ein Sack Reis um.
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4 Kommentare
Und manchmal ist eine Zigarre nur eine Zigarre (Sigmund Freud)
Ich kenne weder diese Mischpoken, noch deren geistlosen Geräuschmüll. Das ist schon hinreichend Genugtuung für mich in Herrgotts unendlichem Tiergarten.
Es gibt viele bekloppte Weiber , denen man gewaltig ins Gehirn geschissen hat. Nicht nur in Dummland. In Europa und aber auch vor allem in Californien, in einer seltsamen Enklave so groß wie Dummland, lebt eine ganz besondere Spezies von extrem vertrottelten, linksradikalen und zugekifften Idiotinnen. Es ist eine Reise wert. Sehr zu empfehlen ist Los Angeles. Ein Paradies für Bekloppte.
Ich fand die Crackhuren mit ihrer anarchischen Musik immer lustig und hab gerne deren Songs geteilt.
Ich und mein Pony…träller…
Schade, wieder eine Band bzw Künstler, die sich dem momentanen woken Zeitgeist unterwirft.
Bei Gröhlemeyer, Lindberg, die ganz toten Hosen, Ärzte usw dachte ich, ok sind nunmal Medienhuren und waren auch schon immer link (s).
Aber von den Crackhuren hätte ich es nicht erwartet.
Dann bleibt wohl nur noch Nena, Grauzone und Fehlfarben auf dem Kopfhörer. 😉