
Bereits am 13. Juli ist der Historiker, Journalist und Kanzlerberater Michael Stürmer im Alter von 87 Jahren verstorben. Stürmer, der für die “Welt” und die “Frankfurter Allgemeine Zeitung” (FAZ) Beiträge verfasste, lehrte von 1973 bis 2003 Mittlere und Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg. 1980 bis 1986 beriet er Helmut Kohl. Ab 1988 leitete er dann für zehn Jahre die Stiftung Wissenschaft und Politik. Sein Tod sollte uns nochmals eine der wichtigsten zeitgeschichtlichen Debatten der deutschen Nachkriegszeit in Erinnerung rufen – den Historikerstreit. Dessen Kernfrage ist heute vielleicht von noch größerer Relevanz wie in jenem Sommer 1986, vor genau vierzig Jahren, als die hitzige Kontroverse ihrem Siedepunkt zustrebte.
Neben der inhaltlichen Auseinandersetzung legt dieser Rückblick aber auch einen Vergleich der damaligen Debattenkultur mit der heutigen Situation nahe: Am Ende des Disputs fanden dank der Initiative von Ernst Reinhard Piper alle relevanten Veröffentlichungen, so beißend gegensätzlich die Denkansätze, Positionen und Argumente der insgesamt 27 am Schlagabtausch beteiligten Publizisten auch waren, auf vierhundert Seiten friedlich versammelt in einen Band seines Verlags ihren würdigen Platz. Man verfügte über eine Souveränität, die auf Distanzierungs-Rituale und Kontaktschuld-Possen verzichten konnte.
Verbiegen ließ er sich nie
Ganz ohne Ausgrenzung kam aber auch die vermeintlich gute alte Zeit nicht aus: Ernst Nolte, dessen Werk „Der Faschismus in seiner Epoche“ in den 1960er Jahren auch in gemäßigt linken Zirkeln hohe Resonanz erfahren hatte, fand sich nach seinen neueren Veröffentlichungen, an denen sich der in der bundesrepublikanischen Geschichte beispiellose Schlagabtausch der Historikerzunft maßgeblich entzündet hatte, isoliert. Im weiteren Verlauf wurde er in sattsam bekannter Weise attackiert: Auto, Fäuste, Spucke. Immerhin: Strafverfahren und Hausdurchsuchungen blieben ihm erspart. Michael Stürmer war geschmeidig genug, sich einer derartigen Ausgrenzung zu entziehen.
Verbiegen ließ er sich jedoch nie. Klar benannte er im Jahr 2008 die NATO-Expansion als zentrale Ursache des Georgien-Krieges und warnte im Hinblick auf Russland eindringlich vor zukünftigen Kriegsgefahren. Der Friedenspreisträger des vergangenen Jahres, Karl Schlögel, war damals noch einfacher Beisitzer, der sich vor Kompetenz und Weitblick eines Michael Stürmer in Acht nehmen musste; heute sind die Schlögels dieser Welt in die ersten Reihe gerückt. Agitation und Propaganda haben Kompetenz und Weitblick abgelöst.
„Vergangenheit, die nicht vergehen will“
Den eigentlichen Auftakt des Historikerstreits bildete ein kurzer Artikel von Michael Stürmer mit dem Titel “Geschichte in geschichtslosem Land” vom 25. April 1986, der mit dem denkwürdigen Satz “In einem Land ohne Erinnerung ist alles möglich” begann und auch endete (denkwürdig und von neuer Aktualität erscheint der Satz heute gerade auch im Rückblick auf die Geschehnisse des vergangenen Jahrzehnts). Am 6. Juni 1986 brachte die FAZ dann unter der Überschrift “Vergangenheit, die nicht vergehen will” eine nicht gehaltene Rede von Professor Ernst Nolte doch noch an die Öffentlichkeit.
Nolte war wegen deren Inhalte zuvor von den Römerberg-Gesprächen ausgeladen worden. Die verhinderte Rede brach mit all zu vielen, in Zeiten der Re-Education mühevoll errichteten Tabus: Nolte wagte es, die Judenverfolgung des Dritten Reichs in einen historischen Kontext zu setzen, der eben auch die Schandtaten des Bolschewismus kannte. Die Gräuel der nationalsozialistischen Konzentrationslager sah er als Reaktion auf die Gräuel der Gulags.
Geschichtsbewusstsein ohne eingebauten Nasenring
Noltes Absicht war es, eine Entwicklung anzustoßen, die den “Mythos Endlösung” zum historisch begreifbaren “Ereignis Endlösung” wandeln sollte – ein Vorgang, der früher oder später jedem historischen Großereignis widerfährt. Möglicherweise war dieser Ansatz verfrüht; in jedem Fall aber wäre damit ein Schlussstrich unter die anhaltende Instrumentalisierung und Aufarbeitung oder besser Aufwärmung der Nazi-Gräuel gezogen worden. Diesen Schlussstrich hatten führende Vertreter der Frankfurter Schule schon 1963 mit einem Wegwischen aus der Erinnerung gleichgesetzt. Das war sicher nicht die Absicht Noltes; er wollte eine Normalisierung des deutschen Geschichtsbewusstseins einleiten, hin zu einem Geschichtsbewusstseinn ohne eingebauten Nasenring.
Michael Stürmer wollte das auch. Vielleicht nicht nach Punkten, aber nach der veröffentlichten Meinung haben die beiden den damaligen Historikerstreit verloren. Nolte hat ihn darüber hinaus mit der lebenslangen Verbannung aus dem Wissenschaftsbetrieb bezahlt. In den 1990er Jahren folgten dann die hanebüchenen Goldhagen-Thesen (“Hitlers willige Vollstrecker“) vom kollektiven exterminatorischen Judenhass speziell der Deutschen und das Reemtsma-finanzierte Debakel der Wehrmachtsausstellung (“Soldaten sind Mörder“). Trotz der miserablen Faktenbasis dieser beiden eigentlich gescheiterten Versuche wurden sie später zu relevanten Beiträgen der Geschichtsdeutung verklärt. Der bereits damals auf links gebürstete Zeitgeist tat da schon seine Wirkung.
Sommermärchen ’06: Vergangenheit verging
Ganz ohne Streit, sogar ganz ohne Historiker, trat punktgenau zwei Jahrzehnte nach dem Historikerstreit dann jene Normalisierung ein, von der Stürmer und Nolte 1986 nur träumen konnten: Es war wieder Sommer – und diesmal nicht im Blätterwald, sondern im Fahnenwald rauschte es kräftig. Das Sommermärchen der Fußballweltmeisterschaft förderte vor der Welt ein neues (Selbst-)Bild Deutschlands zu Tage: Unverkrampft, unbeschwert, durchaus selbstbewusst, aber nicht im entferntesten bedrohlich. Jenseits dumpfer Erinnerungsrituale brach sich hier eine Generation Bahn, die nicht nur so unbeschwert sein wollte wie die Jugend anderer Nationen, sondern es auch wirklich war.
In einem unbemerkten Moment war da eine Generation ohne zu Fragen über den Schlussstrich gehüpft und hatte zu sich selbst, zu einer unbelasteten, positiven gesamtdeutschen Identität gefunden. Doch es sollte nur ein kurzer, hoffnungsfroher Sommerhauch bleiben – denn diese Phase nationaler Unbeschwertheit währte jedoch reichlich kurz: Ein weiblicher uckermärkischer Fürst Metternich im roten Blazer trieb sich bereits in den Tagen der Weltmeisterschaft in den Katakomben der Fußballstadien herum.
Restauration und Ausbau alter Verhältnisse
Angela Merkel, damals noch kein Jahr Kanzlerin, blieb der gedrehte Wind nicht verborgen. Man mag rückschauend darüber streiten, ab wann sie sich an die Restauration machte; Fakt ist, dass spätestens im Jahr 2010 die Wiederherstellung, ja der mittlerweile schon längst surreal anmutende Ausbau der alten Verhältnisse ein. Spätestens ab dem turbulenten Jahr 2015 wurde die Restauration von den Beamten des Verfassungsschutzes und den Kindersoldaten der Antifa flankiert.
Je mehr in Ansprachen die ‚Offene Gesellschaft‘ beschworen wurde, desto mehr wurde aus dem offenen Deutschland des Jahres 2006 das geschlossene von heute: Es kamen Repressionsgesetze, Meldestellen und Hausdurchsuchungen; Zustände, gegen die mittlerweile die Verhältnisse des Jahres 1986 geradezu paradiesisch anmuten. Im besten Deutschland, das wir je hatten, sind Gleichschaltung und Konformismus angesagt. Die Gewaltenteilung ist durch Unterwanderungsnetzwerke mindestens beschädigt, wenn nicht gar aufgehoben. Rot leuchtendes Beispiel ist hier das Bundesverfassungsgericht: Vor zwei Jahrzehnten war selbiges noch eine angesehenen Institution, die übergriffige Politik auf die Maßgaben des Grundgesetzes zurückstutzte. Mittlerweile ist es der willige Vollstrecker eines entdemokratisierten und korrupten Staatswesens.
Der Wähler bleibt machtlos zurück
Der politische Wettbewerb ist durch ein gut geschmiertes Parteienkartell weitgehend ausgehebelt. Der Wähler bleibt dabei machtlos zurück. “Unsere Demokratie™” ist die Maskerade eines zerstörerischen Programms, das unbeirrt umgesetzt wird – ganz gleich wer regiert. Der Weg in den realexistierenden Linksstaat wäre Deutschland mit einer intakten Identität und einem rationalen Geschichtsbewusstsein wahrscheinlich erspart geblieben, ebenso wie der demographische, kulturelle und wirtschaftliche Kollaps, auf den sich dieses “Neue Deutschland” mit rasender Geschwindigkeit zu bewegt.
Michael Stürmer wünschte sich nicht mehr und nicht weniger als ein Deutschland, das in eigenen Interessen denken und handeln kann. Man wünscht sich das auch heute noch. In einem seiner jüngeren Vorträge, rund ein Jahr nach Merkels Grenzöffnung, benannte er die Risiken, die er auf das Land zukommen sah: Hierzu zählte er die ungesteuerte Migration, die sinkenden Geburtenraten, die Risse in der EU, den Rückzug der USA aus Europa und eine Globalisierung, die sich mit einem starken China bald gegen Deutschland wenden könnte. Er beschrieb also die Gegenwart – eine “Welt ohne Weltordnung”. So lautete auch der Titel seines Buchs aus dem Jahre 2006. Ganz am Ende zitierte Stürmer damals die Durchsage, die beim Abflug zu hören ist: “Ladies and Gentlemen, fasten your seatbelts…”.
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Ein Kommentar
Mein Opa war wirklich ein guter Mensch.
Als er starb kam darüber keine Meldung in den Nachrichten und kein Artikel erinnert an ihn.