Der Staat, sein Personal und seine Sprache

Der Staat, sein Personal und seine Sprache

Notfalls bei ABC anfangen: Sprachkompetenz ist Schlüsselkompetenz für Hoheitsträger (Symbolbild:Grok)

Deutschland braucht Beamte. Sehr viele sogar. Nach der Erhebung des Deutschen Beamtenbundes (dbb) sollen dem öffentlichen Dienst rund 631.000 Beschäftigte fehlen, wenn er seine gegenwärtigen Aufgaben erfüllen soll. Besonders groß sei der Bedarf in Schulen, Pflege, Kommunalverwaltungen, und auch bei Polizei sowie Bundeswehr. Der Staat sucht Menschen – während die Frage dringlicher wird, welche Voraussetzungen diese mitbringen müssen. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Meisel Slowik konstatiert im “Radio Berlin Brandenburg“ RBB) das sinkende Sprachniveau der Bewerber: Rund dreihundert Ausbildungsplätze von 1.200 bleiben unbesetzt, ein erheblicher Teil scheitert an Deutschtests: Rechtschreibung, Grammatik, Ausdruck, Textverständnis. Das klingt nach einer Personalnachricht. Tatsächlich berührt es eine grundsätzlichere Frage: Was geschieht mit einem Staat, der immer mehr Personal benötigt, während ein wachsender Teil seines Nachwuchses Schwierigkeiten mit jener Sprache hat, in der dieser Staat existiert?

Eine Behörde ist eine gewaltige Sprachmaschine. Sie erlässt Bescheide, formuliert Verordnungen, protokolliert Aussagen und begründet Entscheidungen. Selbst beim Polizisten auf der Straße bleibt Sprache das wichtigste Werkzeug. Der Polizeibeamte muss einen Beschuldigten belehren, Sachverhalte aufnehmen, Zeugen befragen und Berichte verfassen, die Staatsanwälten und Richtern den Vorgang nachvollziehbar machen. Er muss nicht Goethe interpretieren können. Aber er muss verstehen, was ein Satz bedeutet. Der Unterschied zwischen „Der Mann bedrohte den Beamten“ und „Der Beamte bedrohte den Mann“ besteht lediglich in der Stellung zweier Substantive. Rechtsstaatlich können Welten dazwischenliegen. Deshalb sind gute Deutschkenntnisse kein bildungsbürgerlicher Luxus, sondern berufliche Grundausstattung. Eine Dienstwaffe kann im Schrank bleiben – doch Sprache ist nahezu bei jedem Einsatz erforderlich. Dass darüber diskutiert werden muss, erzählt einiges über eine Gesellschaft, die Sprache jahrelang vor allem unter dem Gesichtspunkt ihrer Veränderbarkeit betrachtet hat und nun feststellt, dass sie zugleich beherrscht werden muss.

Berlin ist nur das Brennglas

Das Problem beschränkt sich nicht auf Berlin. Auch Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg, vor allem aber auch die Bundespolizei prüfen sprachliche Fähigkeiten. Interessant ist, dass Selbstverständliches inzwischen begründungsbedürftig erscheint. Zwei Entwicklungen treffen aufeinander: der Personalmangel des Staates und die nachlassenden schulischen Kompetenzen. Seit Jahren wird über Lehrermangel und sinkende Leistungen gesprochen; gleichzeitig soll der öffentliche Dienst Hunderttausende neue Beschäftigte gewinnen. Nun treffen sich diese Kurven im Einstellungsbüro der Polizei. Die politische Reaktion auf Fachkräftemangel folgt häufig einem einfachen Schema: Fehlen Bewerber, soll der Bewerberkreis vergrößert werden. Das beantwortet nicht die Frage nach der Eignung. Zwischen quantitativem und qualitativem Mangel besteht ein Unterschied. Wenn sich zweihundert bewerben, von denen hundertfünfzig wesentliche Voraussetzungen nicht erfüllen, herrscht formal Personalmangel; tatsächlich handelt es sich um ein Qualifikationsproblem.

Beides verlangt unterschiedliche Antworten. Beim ersten Problem muss man den Beruf attraktiver machen, beim zweiten gilt es dafür zu sorgen, dass Schulen wieder jene Fähigkeiten vermitteln, die der Beruf voraussetzt. Die Versuchung besteht darin, die Latte tiefer zu hängen. Das Verfahren besitzt einen administrativen Vorteil: Seine Erfolge lassen sich bereits im nächsten Jahr statistisch nachweisen. Deutschland hat sich daran gewöhnt, Anforderungen gelegentlich als verdächtige Zugangshürde zu betrachten. Wo bestimmte Gruppen schlechter abschneiden, entsteht schnell die Frage, ob nicht der Test das Problem sei. Anforderungen müssen sachlich mit der Tätigkeit zusammenhängen, das ist klar; niemand benötigt bei der Polizei ein Diktat über mittelhochdeutsche Lautverschiebungen. Aber wo eine Fähigkeit für die Anforderungen des Jobs elementar ist, darf ihre Prüfung nicht aus sozialpolitischer Rücksicht verschwinden.

Integration entscheidet sich im Hauptsatz

Ein Polizist muss Deutsch können. Dieser Satz enthält keine ethnische Aussage. Er unterscheidet weder nach Herkunft noch nach Hautfarbe. Ein in Ankara geborener Bewerber, der ausgezeichnet Deutsch spricht, erfüllt die Voraussetzung, und ein in Berlin geborener Bewerber, der keinen verständlichen Bericht verfassen kann, erfüllt sie nicht. Gerade darin liegt das Prinzip vernünftiger Leistungsanforderungen: Nicht Herkunft entscheidet, sondern Befähigung. Die Alternative wäre jene Form von Ungleichbehandlung, die angeblich verhindert werden soll. Wer für bestimmte Gruppen geringere Erwartungen formuliert, macht Herkunft mittelbar zum Kriterium. Gleichheit bedeutet: Dieselbe Aufgabe, derselbe Maßstab! Das Sprachproblem verweist auf Migration und Integration. Die entscheidende Frage lautet nicht, wo die Eltern geboren wurden, sondern ob der Bewerber die Sprache auf jenem Niveau beherrscht, das sein Amt verlangt.

Gerade eine Einwanderungsgesellschaft müsste besonders anspruchsvoll bei der gemeinsamen Sprache sein. Je heterogener Herkunft und kulturelle Prägungen werden, desto wichtiger wird das Medium, das alle verbindet: Deutsch als Sprache. Eine Gesellschaft kann Unterschiede in Lebensstilen aushalten. Sie benötigt aber eine gemeinsame Öffentlichkeit – und diese wiederum setzt eine Sprache voraus, die hinreichend präzise beherrscht wird. Integration entscheidet sich manchmal tatsächlich im Hauptsatz.

Der Rechtsstaat kann kein „ungefähr“ gebrauchen

Bei der Polizei bekommt diese Frage besondere Schärfe. Rechtsstaatlichkeit lebt von Präzision. Der Bürger muss erfahren können, warum gegen ihn eine Maßnahme getroffen wird. Eine Anzeige muss nachvollziehbar, Zeugenaussagen korrekt und Einsatzdokumentationen eindeutig sein. Das gilt auch für Lehrer, Verwaltungsbeamte, Pflegekräfte und Soldaten. Der öffentliche Dienst übt öffentliche Gewalt aus oder erbringt Leistungen, auf die Bürger existentiell angewiesen sein können. Deshalb kann Personalmangel niemals bedeuten, dass Eignung nebensächlich wird. Je größer die Verantwortung, desto gefährlicher ist die Absenkung notwendiger Standards. Die Zahl von 631.000 verdient eine zweite Betrachtung. Sie beschreibt den Bedarf unter der Voraussetzung, dass der Staat seine gegenwärtigen Aufgaben weiterführt.

Genau diese Voraussetzung wäre zu prüfen. Der moderne Staat besitzt die Fähigkeit, Personalmangel durch neue Aufgaben zu verschärfen. Eine neue Vorschrift benötigt jemanden, der sie formuliert, umsetzt und kontrolliert. Beamtenbundchef Volker Geyer verweist etwa auf die personalintensive Überwachung neuer Waffenverbotszonen. Der Staat schafft zusätzliche Regulierungsräume, benötigt Personal zu deren Kontrolle und entdeckt anschließend weiteren Bedarf. Das perpetuum mobile der Bürokratie erzeugt zwar keine Energie – aber Stellen.

Mehr Staat bedeutet nicht automatisch mehr Sicherheit

Eine konservative Antwort darf deshalb nicht einfach lauten: 631.000 neue Staatsbedienstete einstellen – und das Problem ist gelöst. Ein starker Staat ist nicht notwendig ein großer Staat. Stärke zeigt sich darin, Kernaufgaben zuverlässig zu erfüllen – Polizei, Justiz, Verteidigung, Schulen, funktionsfähige Verwaltung. Zu fragen wäre, wie viele Beschäftigte durch die Reduktion von weniger wichtigen Aufgaben freigesetzt werden könnten. Digitalisierung, Abbau von Berichtspflichten und Zusammenlegung von Zuständigkeiten könnten helfen. Der Staat muss nicht jede gesellschaftliche Tätigkeit begleiten, fördern und evaluieren. Wer ständig neue Aufgaben übernimmt, darf sich nicht wundern, wenn ihm die Menschen für die alten fehlen.

Die Berliner Deutschtests wirken klein. Doch gerade diese Szene enthält das große Problem. Der Staat kann Sondervermögen beschließen und Digitalisierungsoffensiven ankündigen. Aber am Ende benötigt er einen Bedienstete, die einen Sachverhalt verstehen und in verständlichen Sätzen aufschreiben können. Keine Organisationsreform ersetzt elementare Bildung. Software kann Rechtschreibfehler korrigieren, künstliche Intelligenz Texte formulieren. – aber ein Programm kann dem Beamten nicht die Verantwortung abnehmen, ob das Geschriebene sachlich richtig ist. Wer nicht zuverlässig versteht, was er liest, kann auch nicht zuverlässig kontrollieren, was eine Maschine für ihn geschrieben hat. Digitalisierung macht Bildung nicht überflüssig; sie macht Urteilskraft wichtiger.
Es ist absehbar, wo der politische Druck wachsen wird: Pensionierungswelle und demographischer Wandel zwingen den öffentlichen Dienst zunehmend, um Bewerber zu konkurrieren. Dann wird gefragt, ob traditionelle Auswahlverfahren noch „zeitgemäß“ seien. Man sollte misstrauisch werden. Zeitgemäß ist ein Verfahren nicht deshalb, weil möglichst viele es bestehen – sondern weil es die Fähigkeiten prüft, die für die Berufsausübung erforderlich sind.

Der Staat beginnt beim Satz

Wer einen Bewerber deshalb durchfallen lässt, weil er grundlegende Anforderungen nicht erfüllt, hat ihn nicht “diskriminiert“. Er hat ausgewählt. Die Zahl von 631.000 wirkt gewaltig und verleitet dazu, das Problem als reine Personalbeschaffungsherausforderung zu betrachten. Vielleicht ist sie ein Symptom für drei Krisen zugleich: für einen Staat mit zu vielen Aufgaben; für ein Bildungssystem, das elementare Fähigkeiten nicht zuverlässig vermittelt; und für eine Gesellschaft, die sich schwertut, zwischen Chancengleichheit und Anspruchslosigkeit zu unterscheiden. Alle drei Krisen lassen sich nicht durch mehr Stellenanzeigen lösen.

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Ein konservativer, vernunftorientierter Staat müsste Aufgaben ordnen, Kernfunktionen stärken und bei den Menschen, denen er Hoheitsrechte überträgt, auf Befähigung bestehen. Gerade weil Polizei und Verwaltung Nachwuchs benötigen, dürfen sie nicht jeden Nachwuchs für geeignet erklären. Der Bürger hat Anspruch auf einen Staat, der funktioniert – und auf Staatsdiener, die verstehen, was gesagt wird, und es so aufschreiben könnn, dass andere es ebenfalls verstehen. Hier beginnt Rechtsstaatlichkeit. Deutschland mögen angeblich 631.000 Menschen im öffentlichen Dienst fehlen. Aber vielleicht fehlt dem Land noch etwas anderes: Die Voraussetzungen, unter denen Menschen diese Aufgaben erfüllen können. Die Reform beginnt unspektakulär: mit Schulen, die wieder zuverlässig Lesen und Schreiben vermitteln; mit einem Staat, der wichtige von entbehrlichen Aufgaben unterscheidet; mit Auswahlverfahren, die nicht deshalb als ungerecht gelten, weil jemand an ihnen scheitert. Und mit einem Satz, der korrekt verstanden und geschrieben werden kann.

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10 Kommentare

  1. @Der Staat, sein Personal und seine Sprache
    wie heißt es so schön im Volksmund : wie der Herr, so das G’scherr !

    Und wenn ich mit so die Regierungsbänke, die Staatsanwaltschaften, die Richter und ihre Medien ansehe und anhöre, dann scheint es mir, das die Heldentruppen doch gut dazu passen !

  2. „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: »Ich, der Staat, bin das Volk.«“

    -Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra 1. Teil; Vom neuen Götzen

  3. deutschland ist weltweit di e größte bananenrepublik….. pflücker-fachkräfte lungern im ganzen land herum auf der suche nach bananenplantagen um dort zu arbeiten…. wird halt nichts… bürgergeld ersetzt die bananenplantagen…
    alice erlöse uns von dem übel….

  4. Mehr Staat bedeutet, mehr Gängelung und Bevormundung und weniger Freiheit. Nebenbei bemerkt braucht ein Bananenstaat auch keine Beamten um die Bananenstauden zu pflücken. Das schaffen auch ungelernte Arbeiter.

  5. Der „Staat“ hat viel zu viel Personal, es kümmert sich jedoch nur um Gängelung und Bevormundung, statt um die eigentlichen Kernaufgaben.
    90% können getrost abgebaut werden, dann bleibt immer noch reichlich, um die eigentlichen Kernaufgaben zu kümmern und das ohne monatelange Wartezeiten.

  6. Ich kann die Forderung des Autors nur dreifach unterstreichen. Die Politik hat den Interessen der Bevölkerung auch in dieser HInsicht zu dienen und nicht den eigenen.

  7. Es ist wie im Römischen Reich viele Beamte zu haben damit sie mit Privilegien dem Kaiser die Treue schworen. Ein Brot& Spieleapparat2 existiert gerade seit der Scheineinheit um den willenlosen Untertan zu schaffen in Sektenmanier für das Teufelsprojekt Agenda 2030 was Frau Merkel gleich richtig bis 2010 hart eingebogen hat. Hartz4 wurde beibehalten wo der Niedriglohnsektor blühte, Kosovo und Afghanistan mit der Bundeswehr wurden verlängert sowie sämtliche NATO-Unterstützung auf dem Erdball. Altkonservative Minister und Politiker wie Stoiber wurden mit Medienskandalen herausgeekelt um mit neuen Nachfolgern einen Linksruck zu ermöglichen worauf dann ein großes ANTI vor Christdemokraten kam. 2011 wegen Fukushima wurde beschlossen Kernkraft abzuschalten was Habeck später ausführte. 2015 gab es die große Grenzöffnung und 2020 das C-19 Horrormärchen für die Deindustrialisierung. Dann gab es mal bissl Ampel und jetzt Meister Friedrich der schön weiter alles nach Plan oder besser gesagt die drei antideutschen Rachepläne Kalergis, van Hootons und Morgenthaus durchsetzt. Wir Restdeutschen sollen wie die Ureinwohner Amerikas in Reservate verschwinden oder ganz wie die Dinos Geschichte sein. Sind wir weg dann sind alle EU-Nachbarn fällig mit dieser höllischen Saat der Börsentyrannen von Übersee. Geizig sind wir Hunnen und Krauts nie gewesen. Hört das deutsche Herz aufzuschlagen dann stirbt Europa und so die ganze Welt. mfg

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