Der Zopf und der Staat

Der Zopf und der Staat

Der Zopf als Politikum (Symbolbild:Pixabay)

Frauke Hunfeld beschreibt in einem aktuellen “Spiegel”-Text eine Szene, die schwer zu ertragen ist: Ein syrischer islamistischer Milizionär hält einen geflochtenen Zopf wie eine Trophäe in die Kamera – mutmaßlich den einer getöteten kurdischen Kämpferin. Er lacht, sagt: „Sie war schon tot.“ Der geraubte Zopf ist mehr als Kriegsbeute. Er ist eine Demütigung, ein symbolischer Triumph über eine weibliche Figur, die in den kurdischen Frauenbataillonen gerade dafür steht, nicht bloß Opfer, sondern bewaffnete Akteurin zu sein. Haare sind, wie Hunfeld richtig schreibt, nie nur Haare; sie sind Träger von Status, Würde, Identität. Das Abschneiden war historisch eine Schandstrafe, ein öffentliches Zeichen der Enteignung: Man erklärte die Frau zur „Gefallenen“, zur Unsittlichen, zur Ausgestoßenen. Die Antwort der Kurdinnen, wie Hunfeld sie schildert, ist leise, aber massiv: Frauen in Gefängnissen und im Exil, in Raqqa, Erbil und Berlin flechten sich demonstrativ Zöpfe, filmen den alltäglichen Hand-griff, verwandeln ihn in ein Zeichen der Verbundenheit. Aus dem geraubten Körperteil wird ein gemeinsamer Code, der Zopf wird „zurückgeholt“ als Symbol weiblicher Selbstbehauptung.

In der kurdischen Ikonographie – von den Frauenbrigaden der YPJ bis zu Demonstrationen in der Diaspora – ist der geflochtene Zopf zum Emblem eines widerständigen, bewaffneten Feminismus geworden. Man kann, soll und muss diese symbolische Gegenwehr ernst nehmen; aber gerade dann muss man fragen, warum das gleiche kulturelle Umfeld, das den kurdischen Zopf feiert, im eigenen Land Zöpfe oder Röcke deutscher Mädchen unter Generalverdacht stellt.

Der neue Hexenhammer: Zöpfe, Disziplin, Verdacht

Wir erinnern uns: Die berüchtigte Broschüre „Ene, mene, muh – und raus bist du!“ der Amadeu-Antonio-Stiftung (AAS) von 2019, finanziert vom Bundesfamilienministerium, gab Erzieherinnen Kriterien an die Hand, um „Kinder aus völkischen Elternhäusern“ zu erkennen. Verdächtig sind unter anderem Disziplin, sportliche Betätigung und – Zöpfe: Das Mädchen trägt Kleider und Zöpfe, wird zu Haus- und Handarbeiten angeleitet; der Junge wird körperlich gefordert, geht morgens joggen oder turnt im Verein. Kinder, die nach einem 1,5-Kilometer-Lauf in die Kita kommen, werden nicht als gesund und leistungsfähig beschrieben, sondern als möglicher Indikator „völkischer“ Erziehung. Hier wurde wahrlich alles aufgeboten, was AAS-Gründerin Anetta “Stasi” Kahane aus ihrer DDR-Zeit an Verdächtigungs- und Inquisitionsmaßnahmen im Rüstzeug hat. Die Analogie zum Hexenhammer des 15. Jahrhunderts drängt sich auf: Damals sammelte der Dominikanermönch Heinrich Kramer vermeintliche Indizien von Hexerei, heute sammeln staatlich alimentierte Aktivisten vermeintliche Indizien „rechter“ Gesinnung, um daraus pädagogische Interventionsanweisungen abzuleiten. Das Muster ist identisch: ein Katalog von Verdachtsmomenten, eine Ausweitung der Deutungshoheit, eine Verschiebung von objektivem Verhalten zu subjektiver Gesinnungsdiagnose.

Und im Sommer 2020 erklärte in Sachsen dann ein linkes Bündnis zwei Gruppen junger Frauen mit Zöpfen, Röcken und einheitlicher Kleidung im Elbsandsteingebirge und in Dresden kurzerhand zum „Nazi-Sommercamp“. Fotos werden ins Netz gestellt, Medien sprangen an, die staatliche Aufmerksamkeit folgte: Die Mädchen hatten Liederbücher bei sich, trugen Gitarren, sangen Volks- und Wanderlieder, teils mit Symbolen eines fast unbekannten bündischen Jugendverbands, der weder vom Verfassungsschutz beobachtet noch sonst irgendwelcher rechter Perfidien verdächtigt wird. Trotzdem wurde achtlos über „Missbrauch“ der Minderjährigen und die Frage fabuliert, „welche perfiden Menschen“ dahinterstehen und was die Sicherheitsbehörden eigentlich tun.

Zopfmädchen unter Staatsschutz

Derselbe Zopf, der im syrischen Kriegsgebiet als Zeichen der Unterdrückung und Wiederaneignung gelesen wird, wird im ostdeutschen “Schandfleck” (so die “Hamburger Morgenpost”) zur „völkisch-rechten“ Chiffre; ein Mädchenchor mit Zöpfen und Tracht ruft nicht zumindest Freude, wenn nicht gar Bewunderung hervor – sondern den Staatsschutz. Während plündernde „Eventkräfte“ in deutschen Innenstädten oder schwarzvermummte Autonome in der Regel ohne vergleichbare mediale Alarmstufe davonkommen, werden ein paar singende Zopfmädchen in der Sächsischen Schweiz zur Gefahr für Demokratie und Republik hochgeschrieben. Dass die Gruppe ausgerechnet „Bella Ciao“ sang – also ein linkes Partisanenlied – stört die Deuter übrigens nicht: Entscheidend ist das Bild. Zopf plus Rock plus Symbol genügt, um die Gesinnung zu kodieren. Hunfelds Intuition, dass Haare nie nur Haare sind, bestätigt sich hier – allerdings in ihrer pervertierten Form: Das Haar der kurdischen Kämpferin wird von Islamisten als Trophäe abgetrennt; der geflochtene Zopf deutscher Mädchen wird von einem politisch-medialen Milieu als Indiz für eine „falsche“ Gesinnung behandelt. In beiden Fällen wird der weibliche Körper semantisch enteignet: dort vom religiösen Krieger, hier vom politisch korrekten Recken.

So entsteht eine neue Form der Gesinnungsästhetik: Zopf, Rock, Hausarbeit, Sport, gebügelte Kleidung – all das wird nicht mehr zuerst als Ausdruck von Kultur, Geschmack oder familiärem Stil gelesen, sondern als potenzielle Signatur „rechter Elternhäuser“. Dabei blenden dieselben Milieus aus, dass streng geschlechtsspezifische Erziehung, Kleiderverbote und körperliche Drillmuster in Deutschland eher in bestimmten migrantisch-patriarchalen Kontexten anzutreffen sind als in vage „völkischen“ Familien – ein Einwand, der früh und deutlich erhoben wurde. Hunfeld zeigt, wie ein islamistischer Kämpfer den weiblichen Körper buchstäblich stückweise zur Beute macht. Der Blick in deutsche Kitas und auf sächsische Wanderwege zeigt, wie ein staatlich-aktivistisches Milieu beginnt, denselben Körper symbolisch zu konfiszieren: als Projektionsfläche für Verdacht, als Beweismittel in einem permanenten Extremismusnarrativ. Sarrazins “Kopftuchmädchen” widerfuhr ein ähnliches Schicksal.

Wer entscheidet, wem der Zopf „gehört“?

Die eigentliche Frage ist nicht, ob Haare symbolisch aufgeladen werden – das waren sie immer. Die Frage ist, wer die Deutungshoheit beansprucht. Hunfeld deutet den geflochtenen Zopf der Kurdinnen als feministisches Zeichen der Selbstermächtigung gegen männliche Gewalt. Dasselbe deutsche linksliberale Milieu, das diesen Code begeistert teilt, behandelt den geflochtenen Zopf deutscher Mädchen als Warnsignal für „rechte Elternhäuser“. Die Sympathie gilt dem fernen Zopf im syrischen Tunnel, das Misstrauen dem nahen Zopf im deutschen Klassenzimmer. So entsteht eine merkwürdige Asymmetrie: Weibliche Selbstbehauptung ist dann legitim, wenn sie gegen Islamisten, Autobomben und patriarchale Stammesstrukturen gerichtet ist – nicht jedoch, wenn sie in Deutschland mit Heimat, Tradition, Volkslied, Familie und bürgerlicher Disziplin verbunden ist. Kurdische Kämpferinnen, die mit Zöpfen und Kalaschnikow gegen dschiha-distische Milizen kämpfen, werden als Ikonen der Freiheit inszeniert; deutsche Mädchen, die mit Zöpfen und Liederbuch durch den sächsischen Elbsandstein wandern, gelten als „völkisch-rechts“, als Anlass für Staatsschutz und mediale Fahndung.

In beiden Fällen ist der Zopf ein Code – aber nur einer dieser Codes ist im herrschenden Diskurs positiv besetzt. Die Entscheidung darüber fällt nicht mehr im kulturellen Raum selbst, sondern an den Schaltstellen eines moralisch-politischen Komplexes aus Stiftungen, Ministerien, NGOs und Leitmedien. Sie definieren, welche Zeichen legitime Emanzipation markieren und welche als „völkisch“ auszusondern sind.

Von der Symbolkritik zur Bürgerkontrolle

Das Problem ist nicht, dass man Symbole historisch einordnet. Natürlich kann ein bestimmtes ästhetisches Ensemble – Runen, Uniformen, Fahnen und so weiter – rechtsextreme Bezüge haben. Das Problem ist die systematische Ausweitung des Verdachts: Zöpfe, Röcke, Wanderlieder, Disziplin, Hausarbeit, Sport werden in einen semantischen Bereich verschoben, in dem sie nicht mehr Ausdruck pluraler Lebensformen sind, sondern Indikatoren einer einzigen verbotenen Gesinnung. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt der politischen Kultur: Weg von Taten und klaren Rechtsverstößen, hin zu Körpercodes, Modemarken und Erziehungsstilen. Aus dem Kampf gegen Neonazismus wird eine Art „Soft-McCarthyismus“, der in Kleiderschränken und Frisuren nach Zeichen einer inneren Abweichung sucht: in der DDR war es der “Ami-Schwurfinger” der Langhaarigen, in der BRD “Thor Steinar” der Glatzen. Die „Handreichung“ der grünen Stiftung wird so zu einer staatlichen Handlungsanweisung zur Elternspionage. Man kann von der Wagenburgmentalität eines woken Milieus sprechen, das jede ästhetische Abweichung vom eigenen Ideal – sei es der Zopf, sei es das Volkslied – als Angriff auf den fragilen Konsens wahrnimmt.

Was als Schutz vor Rechtsextremismus daherkommt, wird zur Technologie der Konformität. Die frühkindliche Pädagogik wird in eine Art Gesinnungsfrühwarnsystem verwandelt, die offene Gesellschaft entwickelt sich zur Gesellschaft der vermessenen Erscheinung: Wer traditionell aussieht, könnte falsch denken. Damit treten Mechanismen in Kraft, die man aus autoritären Systemen kennt: Die Sprache des Verdachts rückt näher an den Körper heran, sichtbare Normalität wird selbst zur Gefahr.

Die Verteidigung des Normalen

Hunfeld erzählt von Frauen, die sich Zöpfe flechten, weil ihnen einer von einem Feind geraubt wurde; das Flechten wird zum Akt der Rückaneignung von Würde und Selbstbestimmung. Die paradoxeste Pointe der deutschen Debatte lautet: Auch hierzulande müssten Frauen und Mädchen ihre Zöpfe wieder „zurückholen“ – nicht von Islamisten, sondern von einem moralisch aufgerüsteten Diskurs, der ihnen ihre Ästhetik als Verdachtsmerkmal aus der Hand schlägt. Eine konservative Perspektive heißt in diesem Zusammenhang nicht, jede Symbolkritik zu verwerfen. Sie heißt, den Zusammenhang von Körper, Kultur und Freiheit ernst zu nehmen – und sich gegen jene Tendenz zu wehren, alltägliche Erscheinungsformen in ein Feind-Schema zu pressen. Der Zopf der kurdischen Kämpferin hat eine andere Geschichte als der Zopf des sächsischen Wandermädchens; beide sind Schutzobjekte der Freiheit, nicht Material für neue Überwachungsphantasien.

Wer das akzeptiert, müsste konsequent sein: Entweder man respektiert Zöpfe, aber auch Tracht, Disziplin und Hausarbeit als legitime Ausdrucksformen, oder man gesteht offen ein, dass man nur jene weibliche Selbstbehauptung gelten lässt, die in das eigene Weltbild passt. Alles andere ist projektionsträchtige Doppelmoral. Die Verteidigung des Normalen – des Zopfes, des Volksliedes, der geschlechtsspezifischen Rollenspiele in Familie und Kindheit – ist in diesem Sinn keine Folklore, sondern ein Element der Freiheitsverteidigung. Sie insistiert darauf, dass der Staat und seine aktivistischen Hilfstruppen nicht über Frisuren und Röcke den Zugang zur legitimen Öffentlichkeit regulieren. Solange der geflochtene Zopf in Syrien als Symbol des Widerstands gefeiert, in Sachsen aber als Vorstufe des Faschismus behandelt wird, ist nicht der Zopf das Problem – sondern das Wahrnehmungsregime einer Republik, die sich in ihrer eigenen Gesinnungsästhetik verstrickt hat.

5 Kommentare

  1. Und bei uns in Deutschland werden
    seine Gesinnungsgenossen von uns
    gehätschelt.
    Merkt Euch dies Deutsche Frauen.
    Im Islam seid ihr nichts wert.
    Außer für eine Sache.

  2. Bei „Das Leben des Brian“ war es eine Sandale, welche alle in Verzückung geraten ließ
    Im Leben der Blöden ist es ein Zopf, an dem sie ihre Blödheit festmachen.
    Finde ich ganz normal.
    😜

  3. einen freund von mir bedrängt seine familie schon seit längerem den prächtigen bart und schopf zuschneiden. das er schon immer im alter lieber gandalf als piccard ähneln wollte, spielt für diese menschen scheinbar keine rolle. sie fordern ihn nach ihren vorstellungen angepasst. die öffentliche wahrnehmung reagiert unterschiedlich, wohl je nach klischee hafter vorurteilskonfiguration.

    lustigerweise wird er wohl immer mal wieder von anderen bärtigen unterschiedlicher ehm..bevölkerungskreise mit einem nicken oder lächeln auf der strasse gegrüsst und hat sich angewöhnt, dieses stest zu erwidern. er sagt, er kennt nicht einen davon, aber er hätte kill bill gesehen und wisse um die möglichen konsequenzen. 🙂

  4. @der weder vom Verfassungsschutz beobachtet
    was bei dieser linksextremistischen Bande auch ohne Bedeutung ist – dieser Verein muß weg und die Mitglieder dürfen nie wieder in Staatsdienst !
    Und Faesers Maulkorb würde dazu ganz gut passen !

  5. Unsere vergewaltigten Mädchen und Frauen sind auch eine Demütigung für uns. Vor Allem für uns Männer.
    Die vergewaltigen immer weiter, weil wir es nicht schaffen, sie zu beschützen.
    Und danach lachen die uns aus.

    Das gilt aber nicht nur für uns Jungs. Der Staat hat offensichtlich überhaupt kein Interesse daran, etwas zu unternehmen. Er bestaft UNS sogar, sollten WIR etwas unternehmen.