Freitag, 21. Juni 2024
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Deutsches Nirwana: Von einer Normalität, die es schon lange nicht mehr gibt

Deutsches Nirwana: Von einer Normalität, die es schon lange nicht mehr gibt

Deutsche beim Fernsehabend in den Fünfzigern (Symbolbild:Imago)

Es wird Sommer. Im Internet wird der Countdown für das kommende Wacken Open Air runtergezählt. Es gibt „Erdbeerfeste“ im Südwesten und letzte Landgasthöfe und andere idyllische Restaurants, die den Corona-Verbotsterror der Regierenden überlebten, werben mit saisonalen Tageskarten. (Nicht mehr alle) Schwimmbäder öffnen bald, die Grill-Saison kann losgehen, der Spargel war dieses Jahr wieder gut. Alles ganz normal. Oder…? Ein Blick in frühere Krisenzeiten mag hier nachdenklich stimmen: “Heile Welt im Hippodrom – Hufetrappeln statt Bombenhagel: Obwohl die Hauptstadt um sie herum in Trümmer sank, pilgerten Tausende Berliner auch 1943 noch begeistert zu Pferderennen.” Das schrieb der “Spiegel” über Alltagsnormalität inmitten des Zweiten Weltkriegs in Deutschland.

Es sind historische Notizen, teils auch aus Tagebüchern prominenter Zeitgenossen, welche einen aktuell erschaudern lassen. Es lässt sich immer und überall erleben: Deutschen waren, sind und blieben wahre Verdrängungsweltmeister. Und das ist in diesen Tagen mehr als abenteuerlich, ja, in seinen Folgen fast schon suizidal. Man erinnere sich, dass unmittelbar nach dem Einzug der Allierten und der Befreiung der Menschen aus den Konzentrationslagern, US-Soldaten Anwohner von KZs in die benachbarten Stätten der Vernichtung führten und ihnen Berge von Leichen und Folterwerkstätten sowie Verbrennungsöfen für menschliche Opfer zeigten. Diese Soldaten gaben immer wieder entsetzt zu Protokoll, dass die Deutschen stets “Fakten wie eine (unliebsame) Meinung“ behandeln würden. Eine gruselige Mentalität, wie geschaffen für Bevormunder, Despoten und falsche Führer. Ist das typisch deutsch?

Deutsche als “Nischen-Bürger”

Der aus Braunschweig stammende Günter Gaus war ein begnadeter Journalist, der am Zustand der heutigen Desinfo-Haltungs-Medien sehr wahrscheinlich vollkommen verzweifelt wäre. Er war “Spiegel”-Chefredakteur – und zu seiner Zeit galt dieses damalige Nachrichtenmagazin noch etwas, damals konnte man in dem, was später zuerst zum Relotius-Lügenblatt, dann zu einer unerträglichen Gesinnungs- und Bevormundungsfibel verkam, noch bedenkenlos und mit Gewinn lesen. Gaus’ damalige Erkenntnisse über die Deutschen und ihre Mentalität hallen noch immer nach. Er wechselte auf dem SPD-Parteiticket in die Politik und stieg dort rasant auf, was auch mit seinen enormen intellektuellen Fähigkeiten zu tun hatte. So wurde er erster Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR nach Inkrafttreten des Grundlagenvertrags im Jahr 1974. Aus dieser Position heraus, die er bis 1981 ausübte, agierte er auch als „Chefunterhändler“ mit der DDR-Regierung – und das sehr erfolgreich, denn Günter Gaus holte viele humanitäre Erleichterungen für die Deutsch-Deutschen jenseits der Mauer heraus.

Für Aufsehen sorgten seine weiterhin gefragten, auch journalistischen Expertisen, seine Meinungen, Analysen und Publikationen. Dabei stellte er eine offenbar zeitlos gültige Erkenntnis auf den Sockel und beschrieb die Deutschen diesseits und jenseits des “antifaschistischen Schutzwalls” der DDR als “Nischen-Bürger”. In einem Interview, welches ich mit Gaus in seinem Haus in Hamburg-Reinbek einst führte, gab er zu Protokoll, dass “der kleine Adam und die kleine Eva ständig überfordert sind mit dem großen Wirken und den oft bedrohlichen Auswirkungen von Politik”, weshalb sich das einfache Volk lieber in seine Nischen, in sein Gartenhäuschen, in den Schrebergarten oder in den Partykeller zurückziehen würde (World Wide Web, Playstation und Virtual Reality gab es damals noch nicht). Die öffentlich-gesellschaftliche Mentalität der Deutschen, offenbar auch durch zwei jeweils katastrophal fürs Land beendete Weltkriege, scheint sich irgendwann abgeschaltet zu haben; sie waren bedient, hatten keinen Bock mehr auf Politik – und ließen es laufen, ließen die anderen machen, stiegen – geistig – weitgehend aus.

Die unpolitische Ära

Das Zeitalter des Unpolitischen begann und durchdrang fast alle Sphären des Landes. Dies ließ sich in den hedonistischen 1980er Jahren bis zu den letzten Tagen der alten BRD besonders gut beobachten; doch bis zum Ende der DDR galt auch dort (drüben!), laut Gaus, der Rückzug in die Nische als “letztes Stück Freiheit” – in etwa nach dem Motto “Nach mir die Sintflut!” oder “Lass mich bloss in Ruhe mit all dem Scheiß”. So hockte man in der Nische, soff und fraß und wartete einfach, bis jeweilige politische Ungewitter sich draußen wieder verzogen haben und böse politische Geister vom Winde verweht wurden. Dieses Verhalten ist auch heute wieder verbreitet zu beobachten – obwohl es in unserer Zeit wie eine perfekte Selbstmordmethode anmutet. Denn den Folgen der akuten Politik – eingeläutet in Merkels Unzeiten – wird sich bald keiner mehr entziehen können. Und es wird von Tag zu Tag schlimmer.

In diesen Tagen tauchen – ob auf Twitter, Telegram, Facebook oder Instagram – immer wieder leicht fatalistische Sätze wie diese auf: “Warum wehren sich die Deutschen denn nicht?”, “Was muss hierzulande eigentlich noch alles geschehen, bis die Masse endlich mal den Arsch hochkriegt und demonstriert?”, “Das ist doch unfassbar, die Grünen zerstören hier unser ganzes Leben, unseren Wohlstand und machen alles kaputt und der deutsche Michel schläft und schläft.” Ein anderer Empörungsvektor richtet sich gegen die noch immer zu niedrigen Umfragewerte und erst recht Wahlergebnisse der AfD als Folge der Wahlverweigerung. Der verächtliche Blick auf den Nichtwähler hat übrigens auch mit einer inneren Zerrissenheit zu tun, welche die Deutschen immer schon übertünchten, die leider aber immerwährend da ist: Man lebt quasi Tür an Tür, aber erkennt den Nachbarn nicht. Anders gesagt: Was viele Nichtwähler denken, ist oftmals nur Millimeter von so genannten Protestwählern entfernt. Beide Wählertypen sind wiederum gar nicht weit von jenen entfernt, welche aus ihrer Sicht und bei höchster Unzufriedenheit stets das „kleinere Übel“ wählen.

Eher Trennendes als Verbindendes

Auch die Wechselwähler sind keine Menschen vom anderen Stern, dennoch aber verbindet die Deutschen meist eher Trennendes als übergeordnet Verbindendes. Nichtwähler? Das klingt zum Bespiel so: “Ich gehe nicht wählen, ich bin auch noch nie wählen gegangen. Der Grund dafür ist langweilig, denn ich interessiere mich einfach nicht dafür. Ich schaue keine Nachrichten, ich lese keine Zeitung und ich höre kein Radio. Jedes Mal, wenn ich es versuche, wird sowieso nur von Krieg, Mord und Totschlag berichtet. Es ist jeden Tag das Gleiche und es gibt nichts Gutes. Damit möchte ich mich gar nicht auseinandersetzen. Vieles verstehe ich auch nicht. Wenn von linker oder rechter Politik gesprochen wird, weiß ich nicht, was das bedeutet. Was ich mit meiner Stimme bewirken könnte, ist mir nicht klar.” Sehr ausführlich und entsprechend verdienstvoll hatte die “taz” mal zahlreiche Nichtwähler interviewt und nach deren Motiven befragt. Hier traf man nicht auf Doofe, sondern auf durchaus fundierte Haltungen, klare Prägungen, bewegende Schicksale und teils sehr individuelle Erklärungen, welche eher auf die Ferne der Politik von ihren Bürgern als umgekehrt hinwiesen.

Richtig und wichtig ist daher jetzt vor allem eines: Wir hatten Corona-Ausgangssperren und haben jetzt Krieg mit Putin, wir haben jetzt Klima und Dramatik und eine Welle der Kosten und Teuerungen, die uns das Leben zur Hölle machen. Wir leben alle nunmehr seit drei Jahren im Ausnahmezustand und einige drohen durchzudrehen, andere zu resignieren. Die Praxen der Psychologen und die Stätten der Seelsorger aller Arten sind übervoll.

Noch ist Licht am Ende des Tunnels

Die seelischen Lasten können immer weniger Menschen tragen, am wenigstens Kinder und Jugendliche – worüber Psychologen geradezu alarmierende Berichte liefern. Rauchen erlebt unter den Jugendlichen derzeit ein gewaltiges Comeback, Tonnen von Kokain und anderen Drogen werden hierzulande abgesetzt, der Alkoholkonsum geht in der Fläche durch die Decke.

Es kann in dieser Zeit nur noch um Zusammenhalt gehen. Wie sang Rio Reiser damals mit seinen legendären Ton Steine Scherben…? So: “Allein machen sie dich ein / Schmeissen sie dich raus, lachen sie dich aus / Und wenn du was dagegen machst / Sperr’n se dich in den nächsten Knast”. Der Song hatte zwar mal einen ganz anderen Kontext, ist jedoch seit Corona plötzlich in anderer Bedeutung enorm präsent. Was also noch tun? Zum Beispiel: Sich all denen anschließen, die sich wehren, oftmals phantasievoll. Unser Protest muss sichtbar werden und schließlich massenwirksam. Denn: Es ist noch etwas Licht am Ende des Tunnels. Siehe zum Beispiel hier: “Der Inhaber des Hotels ‘Bigger Hof’ und Wirtshauses
Platzhirsch’ aus Olsberg (Hochsauerlandkreis) äußerte in einem Facebook-Post seinen Unmut über den Atomausstieg und erteilte den grünen Bundespolitikern Hausverbot. ‘Im Zuge der Abschaltung unserer Atomkraftwerke haben alle Bundesgrünen und die, die Abschaltung befürtworten, ab sofort Grundstücks- und Lokalverbot im Platzhirsch! Wir sehen nicht ein, daß sich diese Paradies- und Stolpervögel auf unsere Kosten bei uns den Arsch wärmen.‘” Der Widerstand beginnt bei jedem Einzelnen – im Rahmen seiner individuellen Möglichkeiten.

11 Responses

  1. “der kleine Adam und die kleine Eva ständig überfordert sind mit dem großen Wirken und den oft bedrohlichen Auswirkungen von Politik”, weshalb sich das einfache Volk lieber in seine Nischen, in sein Gartenhäuschen, in den Schrebergarten oder in den Partykeller zurückziehen würde ”
    “Dies ließ sich in den hedonistischen 1980er Jahren bis zu den letzten Tagen der alten BRD besonders gut beobachten; doch bis zum Ende der DDR galt auch dort (drüben!), laut Gaus, der Rückzug in die Nische als “letztes Stück Freiheit”

    Günter Gaus habe ich als DDR-Apologeten und linken Ideologen in Erinnerung. Seine Frustration über die Deutschen (siehe Zitate oben) ist wohl eher dem Umstand geschuldet, dass diese damals noch so vernünftig waren, die linken Ideologen für Spinner zu halten und ihnen ihre Freiheit und der Spaß am Leben wichtiger waren als linke “Projekte” zum Gesellschaftsumbau. Die Blockwarte und Politkommissare beherrschten schon damals in den 80ern die Medien, nur das Volk hat ihnen den Vogel gezeigt und statt Gaus’s SPD die Kohl-CDU gewählt.

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  2. “Noch ist Licht am Ende des Tunnels”

    Der Mann mit der Taschenlampe wird demnächst verhaftet werden.

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  3. @Noch ist Licht am Ende des Tunnels
    tja – dummerweise ist es der entgegenkommende D-Zug !
    Das Thema ist erledigt – die Schäden von Merkel und Grün-Rot sind irreversibel – der WEF hat das Land längst erledigt.
    Aber so wie die Titanic noch Stunden zum unvermeidlichen sinken benötigte, so ist auch Deutschland nicht im Zeithorizont des dementen Bürgers tot, sondern außerhalb, so das viele meinen, sie müßten nur wegsehen, dann regelt sich das schon !
    Nur wer älter ist – wer Deutschland noch in de Sechzigern und Siebzigern kennt und sich erinnert, kann nachvollziehen, das der Tanker längst bis zum Oberdeck geflutet ist – und selbst dazu muß er die geistige kraft haben, die Regime-Propaganda zu überwinden und selbst zu denken!
    Aber Popcorn bereithalten!
    Schon vor vielen Jahren sagten Klügere : erst wenn die uns umzingelnden Feinde Deutschland vernichtet haben, werden sie begreifen, wie wichtig Deutschland auch für ihr Überleben war !
    Es wird noch unterhaltsam !
    Immerhin – mit der Frühsexualisierung der Kinder bereitet sich das Regime vor, den letzten Rest des möglicherweise noch Verkaufbaren für sich zu verwerten – obwohl nach aller Erfahrung aus anderen Ländern der Wert dann auch nicht sonderlich groß ist !

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  4. rotz rotz kotz kotz…und auf knopfdruck ist er erloschen… und du bist heimatlos ihne unterlagen… nicht mal einen alten papierausweis hast du noch um dich auszuweisen…
    oh ihr deppen…
    müssen wir raus aus dem verbrecherverein der uns arm macht… verblödet sind wir ja schon … verarmt kommt gerade und alles vergessen wird gerade vorbereitet…
    Die EU will, dass alle Bürger bis 2030 eine digitale ID haben..

    Die Einführung des digitalen Personalausweises wird immer schneller vorangetrieben – mit wenig Aufmerksamkeit und zu wenig Gegenwind. Die Europäische Kommission hat 46
    Millionen Euro für die umstrittene europäische digitale Identitätsbörse bereitgestellt. Dabei handelt es sich um eine künftige Smartphone-App, die es den Bürgern aller 27 EU-Mitgliedstaaten ermöglichen wird, einen digitalen Ausweis zu speichern und gemeinsam zu nutzen. Das Geld soll in Pilotprogramme investiert werden. Die Brieftasche könnte für die Vorlage von Reiseausweisen, die Registrierung einer SIM-Karte, die Eröffnung eines Bankkontos und den Zugang zu Dienstleistungen wie Sozialleistungen verwendet werden. Weiterlesen auf uncutnews.ch
    do guck na:
    was für märchen hier wieder erzählt werden… denk an die choronaverbrecher…gleich er vorgang , gleiche idoten…
    – vergiss die idioten der eu… aber bitte schnell.

  5. Eine schonungslose Bestandsaufnahme des typisch deutschen psychischen Inventars ist mehr als notwendig, wenn es in Zukunft besser laufen soll. In diesem Sinne: Ein guter Beitrag.

  6. 👺
    1. Die NWP hat immer die meisten Stimmen
    2. Wählen, oder die Wahl haben
    3. Bin Teetrinker, was kann ich wählen, wenn nur Kaffee Plörre zur Wahl steht
    4. Meine Stimme behalte ich…
    5. Wenn Wählen etwas ändern würden, wäre sie schon längst abgeschafft
    6. Faules Obst fällt von selbst vom Baum…(die Geschichte zeigt es)
    👁️🔥👁️

    1. “1. Die NWP hat immer die meisten Stimmen”

      Die in der Weimarer Republik auch so gezählt wurden.
      Die Politiker mussten den Wähler überzeugen, um gewählt zu werden.

      Dass die NWP heute anders gezählt werden, ist schon einmal ein Fehler im System, was mit einer Demokratie nun gar nichts am Hut hat.
      Man hat keine Wahl, sondern geht nur “wählen”. Das ist keine Demokratie.

      Ich stimme Dir zu B.E.R.

  7. Bei der AfD, die nicht ausreichend gewählt werden soll angeblich… da weiß man es ja nicht:

    Ist das eine Möchtegern-CDU/CSU, wie sie es früher mal gab? Haben die auch ein Herz für die Armen?

    Im Osten sind sie beliebt. Aber was, wenn das den Leuten vor Ort geschuldet ist, den Lokalpolitikern?

    Die AfD will sich nicht festlegen. Ich erinnere mal an das alte Motto vom Vlaams Belang: Eegen Volk erst!

    Genau, das eigene Volk zuerst!
    Keine halben Sachen mehr!

  8. Kurz vor meinem Abitur in den 1980ern war ich auf einer Klassenfahrt eine Woche in der DDR. Wir Schüler aus dem Westen fanden es abstrus, als die Fremdenführerin, bei einer Rundfahrt mit dem Bus, die Mauer als “antifaschistischen Schutzwall” bezeichnete.

    Heute frage ich mich, ob nicht doch etwas daran war …

    @Schatten 31. Mai 2023 um 10:51
    Bei der AfD, die … weiß man es ja nicht:

    Haben die auch ein Herz für die Armen?

    Keine Bange, unsozialer gegenüber dem eigenen Volk als es die Politik der RotGrünGelbSchwarzen=Braunen ist, kann die AfD gar nicht sein.

    1. “RotGrünGelbSchwarzen=Braunen ist”

      Sie sind das Gegenteil der Braunen.

      Schon gewusst? Das Kindergeld ist voll Nazi.