Deutschland: Zur Geschichte einer Abwesenheit (I)

Ausgebombtes Köln 1945 (Foto:Imago)

Vielleicht gibt es kein zuverlässigeres Mittel, über den Wert der Dinge getäuscht zu werden, als sie in ihrer von der Vergangenheit losgelösten Gegenwart zu gewahren. Zumal wenn sich die Gegenwart der Dinge nicht mit ihrer Wirklichkeit, sondern mit ihren momentanen Etiketten deckt. Wie zum Beispiel bei jenem kecken „Spiegel„-Berichterstatter, der Putin im Juni 2007 interviewte. Nach vielen Standardfragen platzte er selbstgefällig heraus: „Herr Putin, sind Sie ein lupenreiner Demokrat?

Man wird schon die professionelle Vermessenheit der Frage nicht unbemerkt lassen, ohne sich jedoch zu lange dabei aufzuhalten. Unverschämtheit ist das alter Ego des Journalisten, und es wäre nicht nur naiv, sondern auch dumm, ihm das zu verdenken. Interessant ist das andere: Um so zu fragen, musste der junge Mann doch der Tadellosigkeit der eigenen Demokratie gewiss sein. Zweifellos ist indessen, dass er nicht auch nur eine Sekunde lang zugeben würde, dass seine Gewissheit von derselben Art ist, wie der von ihm tagaus, tagein produzierte Humbug. Er lebt in einer eingekapselten und mit Etiketten behängten Gegenwart, ohne eine Ahnung von der Vergangenheit zu haben, ausgenommen jenen pestkranken Vergangenheitsabschnitt zwischen 1933 und 1945, mit dem seine ganze Gegenwart steht und fällt.

Deutsche Vergangenheit

Hier, in diesem gottverlassenen Jahrzwölft, beginnt und endet seine Vergangenheit, die zugleich seine Gegenwart ist. Die Geschichte Deutschlands – von den Ottonen bis 1945 – ist „Peter Schlemihls wundersame Geschichte”, die 1813 von Adelbert von Chamisso geschrieben wurde. Anno 1813 also, zeitgleich mit dem Tod Fichtes, des Philosophen des Ich, hat ein Deutscher namens Peter Schlemihl seinen Schatten an den Teufel verkauft und ist ohne Schatten geblieben. Ohne Schatten heißt aber ohne sich selbst, denn ein schattenloses Selbst kann unmöglich etwas anderes sein als ein selbstloser Schatten, will sagen: Deutschland, unter dem Aushängeschild das Heilige Römische Reich der deutschen Nation, von dem Voltaire einmal sagte, dass es weder heilig, noch römisch, noch ein Reich sei. Man muss nur die Geschichte dieses Homunkulus mit der gleichlaufenden Geschichte Frankreichs, Englands oder Spaniens vergleichen, um sich der späteren Diagnose Goethes zu vergewissern: „Deutschland ist Nichts”.

Ausgenommen einige Episoden wie die Epoche der großen Stauffer (1138-1254), die übrigens mehr zu Italiens als Deutschlands Geschichte gehört, finden wir hier kein auch nur annäherndes Analogon zu gesta dei per francos (Gottes Taten durch die Franken), eher eine Ansammlung von Albernheiten und Kuriositäten, wie etwa die Geschichte mit Karl IV., dem man, nachdem er in einem Spielhaus in Florenz alles verspielt hatte, das Geld nur gegen das Pfand seiner Krone verliehen hat. Oder die Notiz eines Chronisten über Friedrich III. – zur Zeit, als die Kunde vom Fall Konstantinopels nach Deutschland kam: „Der Kaiser sitzt daheim, bepflanzt seinen Garten und fängt kleine Vögel, der Elende!”.

Bezeichnend: In der von Diderot und D’Alembert herausgegebenen «Enzyklopädie» beansprucht das Wort Allemagne knapp eine halbe Spalte, deren Hälfte wiederum einem Handelsvertrag mit der Türkei gewidmet ist.

Die Stunde des preußischen Schullehrers

Dann, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, schlug die Stunde des preußischen Schullehrers. Es tat Not, ein ganzes verschlafenes Jahrtausend in einigen wenigen Jahren – von Königgrätz bis Sedan – aufzuholen. Das darauffolgende Tempo des Wandels grenzte an ein Wunder. Im Grunde genommen war es auch eines: das erste deutsche Wirtschaftswunder, vor dem die führenden Mächte, vor allem England, wie angewurzelt stehen blieben. Ist es doch keine Kleinigkeit, dass die Eisen-Produktion in Deutschland zwischen dem deutsch-französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg um 334 Prozent (gegen die englischen 17 Prozent) gewachsen ist, während sich das Wachstum des Kohlenbergbaus binnen derselben Zeit auf 240 Prozent (gegen 60 Prozent in England) belief.

Dieser einzigartigen „Basis“ fügte sich der chimärische „Überbau“ hinzu, was – mit Rücksicht auf den deutschen National-Erbfehler der Romantik – wohl nicht zu vermeiden war. Die Parade der Chimären setzte mit dem „Zweiten Reich“ ein, das den gespenstischen Charakter des „Ersten“ nur verdoppelt hat. An der Spitze des Aufmarsches defilierten die Schatten von Arminius und Widukind: der ofenwarme Nationalismus, der in seinem deutschen Ornat an Lichtenbergs Messer ohne Klinge und Stiel erinnerte. Haben die deutschen Philosophen „Psychologie ohne Seele“ erfunden, so brachten es die deutschen Vaterlandsfreunde fertig, einen zügellosen Nationalismus zu kultivieren – bei einer noch nicht einmal flügge gewordenen Nation. „Die Menschen müssen einsehen lernen, dass, wer nicht Deutsch kann, ein Paria ist”, hat der Engländer Houston Stewart Chamberlain 1914 verkündet.

Vielleicht hätten die Menschen es auch eingesehen, wäre Deutschland bei dem geblieben, wo es nicht seinesgleichen hatte, ja hätte es nicht so übermütig auf etwas gesetzt, was ihm – kraft der Besonderheiten des Nationalcharakters – ganz einfach kontraindiziert war.

Trampel und Streithahn

Phantastischer Arbeitseifer und Tatendrang parallel zu wissenschaftlicher und künstlerischer Genialität stießen hier mit geradezu verblüffender Borniertheit in politicis zusammen (ausgenommen Bismarck und noch zwei, drei Männer Bismarckscher Schule und Prägung). Von den drei Komponenten des sozialen Organismus – der wirtschaftlichen, der politischen und der geistigen – erwiesen sich die erste und die dritte als ungemein reif und beachtenswert, während die zweite zu wünschen übrigließ. Doch fiel es – vom Moment der Gründung des deutschen Nationalstaates an – ausgerechnet dieser zweiten zu, den Ton anzugeben, wonach es nur eine Frage der Zeit war, wie lange das „Wintermärchen” noch durchhalten würde.

In aller Deutlichkeit und mit einem Korn Salz: Die einzige Chance Deutschlands, diesen Verderb zu vermeiden, wäre – die Verschweizerung, eingedenk des alten Bonmots, dass es im Falle eines Weltuntergangs vernünftiger wäre, in der Schweiz zu sein: „Denn dort geschieht alles etwas später.” Diese Chance macht aber selbst im Irrealis den Eindruck eines schlechten Witzes. Allen Ernstes: Um zu sein, musste (und muss) sich der Deutsche ins Politische verwickeln lassen, in dem er dann aber nicht sein konnte (und kann). Der tausendjährige Mangel an einer auch nur einigermaßen brauchbaren politischen Erfahrung, zusammen mit der angeborenen Veranlagung zur Schwärmerei und Sentimentalität, machte ihn absolut verwundbar, besonders im Vergleich zu den ihn sowohl vom Westen als auch vom Osten umgebenden Nachbarn und Rivalen. Das deutsche Narrenschiff schaukelte auf den Wassern des Rheins und der flämischen Kanäle ziellos dahin, während die Flotten Westeuropas Welträume entdeckten und urbar machten.

Zu alledem erwies sich der Trampel auch noch als Streithahn, der den anderen jede Freude und Unbekümmertheit der Existenz vergällte (wie etwa Luther, der gegen das römisch-katholische Lupanar zum Schlage ausholte, oder später Gluck, der von den italienischen Castrati verlangte, mit der szenischen Willkür Schluss zu machen und sich dem Willen des Komponisten bedingungslos zu unterwerfen).

Von Versailles zu Gegenwart

Die deutsche Vergangenheit kam mit dem Ersten Weltkrieg zu Ende. Es hat noch ganzer dreißig Jahre bedurft, bis dies offensichtlich wurde. Den Anfang des Endes setzte der Versailler Friedensvertrag, materiell wie moralisch. Materiell durch mehr als 70. 000 Quadratkilometer Verlust an Fläche, Aufteilung aller Kolonien, Reparationen (es ging um 132 Milliarden Goldmark – umgerechnet 700 Milliarden Euro – in 66 Jahresraten, wobei die letzte Tranche – 200 Millionen Euro – 2010 abgezahlt wurde!). Und moralisch durch Artikel 231, laut dem Deutschland die Alleinschuld für den Krieg trug. Dass der Versailler Friedensvertrag einen neuen Krieg unvermeidlich machte, pfiffen die Spatzen von allen nichtdeutschen Dächern. Jedoch gibt es gute Gründe zu mutmaßen, dass es weder Naivität noch Versehen der Sieger war, sondern nur noch eine sorgfältig geplante Generalprobe zur Endlösung der deutschen Frage.

Seit 1945 ist die deutsche Geschichte auf ihre Gegenwart wie auf Standby eingestellt: jenen Augenblick, in den der strebende Mensch Faust wie in seinen eigenen Sarg eintritt, ohne zu ahnen, dass der angehaltene Augenblick in Wirklichkeit nur – sein stillgestandenes Herz ist. Dieser Gegenwart hat der verstorbene Altkanzler Helmut Kohl eine seltsame und fast mystische Formel aufgeprägt: „Die Gnade der späten Geburt”. Er meinte die Deutschen, die das Glück hatten, nach 1945 auf die Welt gekommen zu sein. „Auf die Welt“ heißt hier so gut wie – in den Still- und Ruhestand des schönen anglo-atlantischen Augenblicks.

Will nun der Deutsche, in welchem – politischen, wirtschaftlichen, kulturellen – Schnitt auch immer, diesem Augenblick keine Rechnung tragen, muss er seine Wahrnehmung der Wirklichkeit durch den oben erwähnten journalistischen Humbug ersetzen. Wir werden der deutschen Gegenwart (Deutschlands angehaltenem anglo-atlantischen Augenblick) auf die Spur kommen, wenn wir wissen, dass es einem englischen Philosophen des 17. Jahrhunderts beschieden war, zu ihrem Gründervater zu werden: John Locke, Liberaler, Libertarianer, Libertin d’esprit, gewann Ruf und Ruhm durch seine Theorie der „geschabten Tafel” (tabula rasa), laut der die Menschen ohne angeborene Ideen auf die Welt kommen, da die menschliche Seele wie ein weißes unbeschriebenes Stück Papier (white paper) sei, auf welches Erfahrung und Kenntnisse via Wahrnehmungen von außen eingetragen würden.

Bedingte Reflexe

Lockes Nachkommen haben diese Theorie weiter potenziert und von ganzen Ländern und Völkern gelten lassen. Lockes „own country“ sind die Vereinigten Staaten von Amerika geworden, die sich, mangels jeglicher Vergangenheit, als mustergültige tabula rasa hinstellen, eine Black Box mit Input und Output: Die Welt geht in einen als Empfindungen herein und als bedingte Reflexe hinaus.
Viel schwieriger verhielt es sich mit den Ländern, deren tabulae rasae mit Vergangenheit und Geschichte befleckt oder gar verschmutzt waren. Der fehlerlose Instinkt legte die einzig mögliche Lösung nahe: alle vollbeschriebenen Tafeln zuerst abzuwischen und dann mit neuen Inhalten zu füllen. Die ununterbrochenen Teppichbombardierungen deutscher Städte während des Zweiten Weltkriegs, deren Analogon der englische Historiker Basil Liddell Hart in den mongolischen Invasionen nach Europa zur Zeit von Dschingis Khan sieht, haben die hohe Effektivität dieser Herangehensweise aufgewiesen. Vor allem sind es Stadtzentren und Wohnviertel gewesen, die mit Brandbomben belegt wurden, und die Fälle sind nicht selten gewesen, wo ausgerechnet Rüstungsbetriebe unberührt und unbeschädigt blieben (wie zum Beispiel Krupps Gussstahlfabrik in Essen im Juni 1943).

Gegen Ende des Kriegs stellt Deutschland, mit seinen 161 fast völlig zerbombten Städten und mehr als 850 eingeäscherten Ortschaften, eine riesige tabula rasa dar, bereit, neue Inhalte – Sitten, Gebräuche, Gewohnheiten und Gepflogenheiten – in sich aufzunehmen. Mit dem Ziel, das Lord Vansittart, oberster Beamter im britischen Außenministerium, 1941 formuliert hat: „Durch die Gnade Gottes und zur Rettung der Menschheit werden wir die Erde von Deutschland und Deutschland von sich selbst befreien.” 2. 700 .000 Tonnen Bomben, die auf Deutschland abgeworfen wurden, hatten ihre Fortsetzung im Nachkriegsprogramm der sogenannten „Umerziehung”, wo in die Köpfe der vor Angst stumm gewordenen deutschen Bürger eingehämmert wurde, dass dieses Armageddon ihretwegen, um ihrer hellen und heiteren Zukunft willen entfacht worden sei. Die Dankbarkeit der Bürger kannte keine Grenzen und äußerte sich stufenweise: vom weiteren Wirtschaftswunder bis zur „uneingeschränkten Solidarität“. Carl Schmitt, einer der wenigen Unumerziehbaren, trug am 20. Mai 1949 in sein Glossarium ein: „Das Wunder der D-Mark: Thomas Mann erscheint wieder in Deutschland.

Gleichung mit zwei Abwesenden: Seit 1945 ist die Vakanz der ausgebombten deutschen Vergangenheit durch die deutsche Gegenwart besetzt. Der Unterschied zwischen den beiden – der Vergangenheit und der Gegenwart – ist, dass es die erstere nicht gegeben hat, die letztere aber nicht gibt. Ein mustergültiges Koan, dem wohl nur die deutschen Philosophen gewachsen wären. Da es aber auch keine deutschen Philosophen mehr gibt (es sei denn, manchem Schmock beliebt es, ein Fossil wie Jürgen Habermas oder einen humoristischen Prahlhans wie Richard David Precht unter die deutschen Philosophen einzureihen), bleibt einem nur übrig, dies nicht bloß nicht zu verstehen, sondern auch nicht verstehen zu wollen. War und bleibt doch das Denken der wichtigste (und vermeidbare) Risikofaktor für die Gesundheit!

Kabinett von Untauglichkeiten

Über den Herzog de Broglie, der Außenminister in der Regierung von Louis Philippe war, hat Talleyrand einmal gesagt: „Es war die Berufung des Herrn de Broglie, kein Minister der äußeren Angelegenheiten zu sein.” Heute könnte es wohl über alle Politiker gesagt werden: Ihre Berufung, Bestimmung, ja Lebensaufgabe war es, nicht zu sein, was sie sind. Respektive: Zu sein, was sie nicht sind, was sie verpasst haben, zu sein. Wie beispielsweise jener Schweizer Bundesrat (Adolf Ogi), der den Schweizer Hausfrauen im Fernsehen den Tipp gegeben hat, wie Energie beim Eierkochen zu sparen sei: Zwei Fingerbreit Wasser und Deckel auf die Pfanne; wenn das Wasser ordentlich sprudelt, Herd ausschalten und Restwärme nutzen.

Bundesrat Ogi hatte höchstwahrscheinlich keine Ahnung davon, mit wem er hier einen Streit angezettelt hat: Kein Geringerer als der Bolschewistenführer Lenin ermunterte seinerzeit die Kochfrauen, jede könne den Staat regieren. Hundert Jahre danach erinnert sie ein Schweizer Staatsmann an die verschollenen Arkana des Eierkochens. Die Kontroverse spitzt sich auf die Frage – Vorsicht: Fangfrage! – bei einem IQ-Test zu: Was ist schwieriger, Eier zu kochen oder einen Staat zu regieren?

In diesem Vivarium von Untauglichkeiten ist den deutschen Politikern ein besonderer Platz gegönnt. Sie werden nicht einmal von ihren eigenen Bodyguards bemerkt. Beachtenswerte Fälle, wo die Wirklichkeit den Kabarettisten ihre Phantasien streitig macht: „Spiegel-Online„, Ausgabe 24/2000: „Es sollte eine ganz normale Dienstreise im Flugzeug für Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping werden. Doch kurz nach dem ‚Take Off‘ fragte jemand über den Wolken: ‚Wo ist eigentlich Rudolf?‘ Das Reiseziel der Flugbereitschaft der Luftwaffe lautete Feira in Portugal. Dort will Scharping am EU-Gipfel teilnehmen. Doch die Routine im Cockpit wurde jäh durch die Frage nach dem Verteidigungsminister unterbrochen. Scharping war nicht an Bord, sondern stand noch am Flughafen Köln/Wahn. Erst im Luftraum über Hannover sei einem der Mitglieder der Delegation aufgefallen, dass der Minister fehlte, hieß es aus deutschen Gipfelkreisen. Die Bundeswehrbesatzung kehrte zum Flughafen in Köln um und nahm mit tausendfacher Entschuldigung ihren obersten Dienstherren an Bord.

Absolute und autarke Nullitäten

Selbstverständlich hätte sich an Scharpings Stelle auch jeder, jede, jedes andere von ihnen finden können. Einschließlich diese 16 Jahre lang an ihrem Sessel bombensicher festgewachsene Kanzlerin, die, von ihrem Schöpfer und Züchter Kohl als „Mädchen” bezeichnet, mysteriöserweise (weil mangels jeglicher Vaterschaft) zu „Mutti” geworden ist und sogar gute Aussichten hatte, ihre fünfte Amtszeit als „Oma“ anzutreten. Es sind absolute, autarke Nullitäten, die mit ihrer „lupenreinen Demokratie” einherstolzieren und sich höchstens durch Parteifärbung und Registrierungsnummer voneinander unterscheiden. Woran man sie am besten erkennt, ist, dass sie weder gut noch böse, sondern ganz einfach „keine“ sind. Sie scheinen sich in ihrer Pubertät festgefahren zu haben: in ihrer grünen Lieblingsfarbe, diesem Symbol ewiger Unreife, in welcher der schattenlose Deutsche seine politische Identität heute genauso instinktiv erkennt, wie er sie weiland in der braunen Lieblingsfarbe erkannt hat.

So seltsam es auch scheint, steckt der Schlüssel zu ihrer Popularität doch ausgerechnet in dieser Unreife. Sie können beliebige unheilbringende Entscheidungen treffen, Schutzwände gesunden Menschenverstandes mit der Stirn durchbrechen, Unfug treiben, und dabei nicht nur sich über Wasser halten, sondern auch davon profitieren. Was sie alle verbindet und versöhnt, ist pathologischer Hass gegen ihr eigenes Land, den sie nicht einmal zu kaschieren belieben –, ganz im Gegenteil, sie stellen ihn bei Gelegenheit und ohne Gelegenheit gerne zur Schau. Auf der offiziellen Website der grünen Nachwuchsorganisation prangte lange Zeit ein Photo der Schüler, die auf Deutschlands Nationalflagge urinieren.

Am Gedenktag der Opfer der Bombardierung Dresdens gingen in verschiedenen Städten die (grünen und linken) Demonstranten mit den Plakaten um: „Bomber Harris, do it again!” Claudia Roth, die grüne Vizepräsidentin des Bundestags, nahm an einer Anti-AfD-Demonstration in Hannover teil, wo wütend skandiert wurde: „Deutschland, du mieses Stück Scheiße!” und ”Deutschland, verrecke!” Es ist nachgerade einer jener Fälle, wo alle schweigen müssen, um das Wort dem Psychiater zu erteilen.

Teil II folgt morgen.


Der vorstehende Text ist dem Buch „Verschüttete Welt“ des armenischen Schriftstellers und Philosophen Prof. Dr. Karen A. Swassjan entnommen, 2021 erschienen in der Schweizer Edition Nadelöhr (443 S. brosch., / CHF 34.-/EUR 30.-, ISBN 978-3-952080-4-6), erhältlich im Buchhandel oder hier.

 

Zum Autor:

Karen A. Swassjan, Jahrgang 1948, studierte Philosophie sowie englische und französische Philologie an der Universität Erewan (Armenien). Er war Professor für Philosophie, Kulturgeschichte und Ästhetik an der Universität Erewan bis 1992 und wirkte als Übersetzer ins Russische und Herausgeber von Werken Rainer Maria Rilkes, Friedrich Nietzsches und Oswald Spenglers. Außerdem ist er Autor zahlreicher Bücher und Aufsätze zu philosophischen, literari­schen, kulturgeschichtlichen und anthroposophischen Themen in rus­sischer und deutscher Sprache, darunter: „Unterwegs nach Damaskus. Zur geistigen Situation zwischen Ost und West”, „Nietzsche – Versuch einer Gottwerdung”; ”Der Untergang eines Abendländers: Oswald Spengler und sein Requiem auf Europa” sowie ”Rudolf Steiner. Ein Kommender”. Karen Swassjan ist Forschungspreisträger der Bonner Alexander von Humboldt-Stiftung und gewann 2009 den ersten Preis in einem philosophischen Essay-Wettbewerb der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er veröffentlicht auch regelmäßig im Schweizer Agora-Magazin. Swassjan lebt seit 1993 als freier Schriftsteller und Vor­tragender in Basel.

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