Deutschlands Berufspolitik glänzt mit gähnender Leere

Achtung, Berufspolitiker (Symbolbild:Shutterstock)

Es geschah an einem späten deutschen Nachmittag in den 1990er Jahren. Ich glaube, es war eine Gesprächsrunde im bayerischen Regionalprogramm. Da saß ein reichlich dicker Herr, seines Zeichens CSU-Provinzpolitiker. Er lächelte nicht, weil dies wahrscheinlich den Anschein von Seriosität und Kompetenz, den er an diesem Tag simulieren wollte, getrübt hätte, sondern gab bierernst. Nach dem Motto: Leute, wenn ich gleich etwas sage, dann dürft ihr staunen und euren Freunden erzählen, was für einer kluger und vorausblickender Mann ich bin!

Zu jener Zeit waren die sogenannten „Tigerstaaten” gerade in aller Munde. Wieso eigentlich „Tigerstaaten”? Weil irgendjemand diesen Begriff mal beiläufig verwendet hat und er sich dann verselbständigte. Man kann ein vergleichbares Phänomen besonders deutlich im Sportjournalismus beobachten: Wenn da ein Fußballreporter den Fußball mal „die Kugel“ nennt, dann heißt es monatelang überall nur noch „die Kugel“, vom Anzeigenblatt bis zur Moderation der „Sportschau“ in der ARD. Man müßte, wenn solche Ausbrüche an geistlosem Begriffsdiebstahl in Ermangelung eigener Wortkreativität stattfinden, diese Angeberei der Unkreativen bis zum Ursprung des Begriffes ausdehnen um dann die akut peinliche Wortverwendung zu entlarven: Der Kugelball ist rund; doch soweit geht beim Fußball dann doch keiner.

Genau jedenfalls so verhielt es sich seinerzeit mit den „Tigerstaaten”. Diese waren eigentlich Schwellenländer bzw. vorherige Dritte-Welt-Problemstaaten. Gemeint waren mit dem dynamischen „Tiger“ Singapur, Taiwan und Hongkong, später dann noch Thailand, Malaysia, Indonesien und die Philippinen. Mit Hilfe des an niedrigen Lohnkosten, billigen Rohstoffen bzw. günstigen Exportwaren interessierten westlichen Auslands wurde das Wirtschaftswachstum dieser Staaten binnen weniger Jahre „gedopt”, und das Wunder geschah: Aus zuvor agrarischen Entwicklungsländern wurden binnen kürzester Zeit konjunkturell heißlaufende, hochprosperierende Industriegesellschaften. Alles boomte.

Politische Phraseologie

Wenn in der Politik irgendwann, irgendwo ausnahmsweise einmal etwas gelingt, dann fühlen sich deutsche Berufspolitiker allzu gerne berufen, breitbeinig, megacool und selbstbewusst dreinblickend eben diesen Erfolg als zwingend-logische Folge planvollen Handelns zu deuten, zu dem auch sie befähigt wären. Und natürlich darf der Hinweis nicht fehlen, dass wir daraus lernen und diesem Beispiel unbedingt folgen sollten.

Jedenfalls war zu der Zeit, als ich im dritten Programm die bewusste Talkrunde verfolgte, gerade überall in den Medien der Boom der „Tigerstaaten” das große Thema. Selbst im unbedeutendsten Gemeindeblättchen fand sich damals irgendein Artikel, in dem ein Redaktionspraktikant oder Textamateur das nachsabbelte, was er bereits hundertfach in überregionalen Zeitungen und Sendungen aufgeschnappt hatte: „Wir dürfen die Tigerstaaten nicht unterschätzen! Wir müssen uns ein Beispiel an diesen wirtschaftlichen Erfolgen nehmen! Den Tigerstaaten gehört die Zukunft!”.

Nun kam unser besagter CSU-Dickmann zu Wort, der mich aus heutiger Sicht schwer an Kanzleramtsminister Helge Braun erinnert (der bekanntlich auch aussieht, als würde er im Restaurant nach einem 10-Gänge-Menü noch die Tischdecke und die Deko mitessen, um sein Kampf- bzw. Schlachtgewicht als „Merkel Upsize”-Statthalter zu halten). Die Frage der Model-Moderatorin, die ihre geistlosen Fragen vom Blatt ablas, brachte „die Kugel” schon mal vors Tor: ”Herr Rummeldummel (Name unbekannt, aber unwichtig, da Hinterbänklerwitzfigur), was können wir von den Tigerstaaten lernen?“ Herr Speck wie Braun daraufhin: „Wir dürfen die Tigerstaaten nicht unterschätzen! Wir müssen uns ein Beispiel an diesen wirtschaftlichen Erfolgen nehmen! Den Tigerstaaten gehört die Zukunft!” Ich stutzte: Hatte das nicht wortgleich die Woche zuvor auch so im „Spiegel“ gestanden? Und im Kommentar des Chefredakteurs in irgendeiner Tageszeitung? Und im Gemeindeblättchen?

Tigerstaaten als Rohrkrepierer

Vermutlich ist mir diese Anekdote aus ferner Zeit in Erinnerung geblieben, weil mir in Person dieses dicken CSU-Provinzbonzen in all seiner schleimigen Arroganz schon damals aufgefallen war, was man von einem bestimmten Typus deutscher Berufspolitiker zeitlos und immer zu erwarten hat: Heiße Luft und nichts Originelles. Auf das Gesehene folgte das Gesagte – und beides passte fatal zusammen: Ein Blender. Ein Heizdeckenverkäufer aus Bussen mit Kaffeefahrten für alte Leute. Ein Sparkassenanlageberater, dessen Beratung innerhalb einer Woche zu deiner Insolvenz führt. Ein Schlaumichel mit unsympathischem Äußeren, der sich ausschließlich mies, quallig, raffiniert, im Rahmen seiner eingeschränkten geistigen Möglichkeiten, bewegt. Ein paradigmatischer Berufspolitiker der bis heute dominierenden Art.

Amüsant an seiner damaligen Einschätzung war im Rückblick, dass der Boom der einst so hoch gelobten „Tigerstaaten” tatsächlich nur eine äußerst kurze Episode war. Nach ein paar Jahren forderten dort die Menschen Teilhabe am Aufschwung, wollten gerechten Lohn, gründeten Gewerkschaften, riefen nach fairen Arbeitsbedingungen und Standards für Arbeitsicherheit, denn die ausbeuterischen Zustände und zahllosen Arbeitsunfälle standen in krassem Widerspruch zur Lobhudelei des angeblich humanen Westens und seiner Politiker, und „Lieferkettengesetze” waren damals noch nicht einmal als Wort erfunden. Zudem hatten Großspekulanten – vor allem der heute als größter Menschenfreund grüngewaschene „Philanthrop” George Soros – gezielt gegen die Währungen der „Tigerstaaten“ spekuliert und ihre Volkswirtschaft so vorsätzlich ruiniert. Irgendwann krachte das Modell zusammen, es folgte die Depression, plötzlich man sprach man nur noch von Problemen. Und bald schon hatte jeder Nachsabbler ein neues Wort zum Nachsabbeln: Die „Asienkrise”.

Digitalisierungs-Stuss

Warum erzähle ich all das? Weil es heute wieder eine inflationär ausgesprochene und hingeschriebene Phrase gibt, mit der jeder Politikdarsteller (nicht nur) von der hauptberuflichen Sorte in fast jedem Statement und Interview gerne herumhantiert, die außerdem Wahlplakate ziert und in Talkshows von jedem Moderator als Zeichen von Intelligenz glatt durchgeht, obwohl sie für Bullshit de Luxe steht – nämlich diese: „Wir müssen die Digitalisierung voranbringen!”. Ein Satz, so inhaltsleer, dass er „Tigerstaaten“ und die „Kugel“ im Quadrat toppt. Ein völliger Quatsch. Diese gern mit bedeutungsvollem Augenaufschlag vorgetragene Intelligenz-Simulation weckt in Deutschland zwingend diese Assoziationen: Lach! Tusch! Narhalla Marsch! Kölle Alaaf! Was für ein Stuss! Geben Sie mal den Satz „Wir müssen die Digitalisierung voranbringen!” auf Google ein – und dann nehmen Sie sich zwei Wochen Urlaub, um all die Eintragungen darunter zu lesen.

Um es abzukürzen: Digitalisierung ist kein Hexenwerk. Man muss gar nichts „voranbringen”, sondern die neuen Technologien einfach einführen – oder die Klappe halten. Die Umsetzung, wenn es soweit ist, ist ganz easy: Man bestellt einen Techniker, der entsprechende Kabel verlegt – und gut ist. Alles andere ist Berufspolitiker-Geschwafel. „Wir müssen mehr gegen die Kriminalität tun” ist noch so eine Ankündigungs-Phrase: Solange man nicht explizit sagt, was bei der Kriminalitätsbekämpfung, ganz konkret und möglichst schon ab kommender Woche, anders und besser gemacht werden soll, kann man sich die inhaltsleeren Absichtserklärungen sparen. Es stimmt: Die meisten Politiker sind leider extrem unseriöse Laberköpfe mit nachlassendem Niveauhintergrund.

Bereits vor 20 Jahren wurden in den USA die Schulen, die Highschools, digitalisiert – ohne dass dort untätige hochvergütete Politikdarsteller darüber lange schwadronierten. Action speaks louder than words. Wer in den USA ein Klassenzimmer betritt, sieht als erstes eine elektronische Wandtafel und den Klassenlehrer hinten gemütlich am Laptop sitzen, um den Unterricht von dort zu lenken und zu gestalten. Und jeder Schüler dort hat seinen eigenen Computer. – Cut, zurück ins Entwicklungsland Deutschland: Bei uns werden Wahlergebnisse im Jahr 2021 geschätzt und Flughäfen nach jahrelanger Verzögerung und überteuert-korruptem Baupfusch notdürftigst fertiggestellt – um kurz darauf schon wieder insolvenzreif zu sein. Und die neuesten Resultate zum Impffortschritt erhält Bundesimpfungsminister Spahn von den Praxen und zuständigen Landesstellen per Fax; eMails sind hier schon futuristischer High-End-Standard. Wenigstens brauchen wir keine Brieftauben mehr. Deutschland muss mehr für die Digitalisierung tun? Danke, Ihr mich auch!

4 KOMMENTARE

  1. …………weil oberster Grundsatz von Volksfeinden folgender ist:

    „odi profanum vulgus et arceo“
    (ich hasse das gemeine Volk und halte es mir direkt nach der Wahl bis
    kurz vor Neuwahl fern)
    Faschisten wollen unter sich bleiben und das Volk ist nur noch
    Mittel zum Zweck der Wählbarkeit

    Das wird auch so bleiben, bis im StGB ein Paragraph auftaucht, der
    Steuergeldverschwendung und Falschaussagen unter Gefängnisstrafe
    stellt.
    Der „Beruf“ des Politikers, welcher kein klassischer Beruf im Sinne der allgemein
    gültigen Regelungen ist, bleibt so lange ein eigenartiger, bis die Haftung
    auch mit dem Privatvermögen für politische Fehlentscheidungen ins Gesetz
    geschrieben ist.
    Der Politikerberuf ist auch der einzige, der keinen Sachkunde- und keinen persönlichen
    Eignungsnachweis erforderlich macht.
    Auch die Vorlage des Strafregisterauszuges ist vor Amtsübernahme entbehrlich.
    Nein, nur bei der AfD gibt es das, gibt es als einzigste demokratische Volkspartei !!!

    Früher, wer nichts wird, wird halt Wirt
    Heute, wer schwätzen will, das Volk abzocken, züchtigen und viel Geld verdienen will,
    gepaart mit außerirdischen Pensionsansprüchen, Freifahrten in Bahn, Fliegerfreiflügen, etc.
    auf Kosten uns Steuerzahler will, wird halt Politiker.
    Pfui !

  2. Deutschland hatte bei der Digitalisierung die gleichen Startchancen wie die USA. Unter Kanzler Schmidt gab es bereits Anfang der 80er Pläne zum Glasfaserausbau. Damals waren die Grünen gegen Digitalisierung allgemein und ISDN speziell. Kanzler Kohl war dann nur noch wichtig, dass Schwarz-Schillings Frau an der (Kupfer-)Kabelverlegung für Kabelfernsehen mitverdiente und stoppte die Glasfaserpläne. Heute stehen für Digitalisierung und Technik in Deutschland halt Leute wie Dorothee Bär, Andy Scheuer und Annalena „Das Netz ist der Speicher“ Baerbock.

  3. Ja und diese gähnende Leere füllen sie jetzt mit dem Einsatz der Bundeswehr im Innern auf. Aber in deren Köpfen herrscht auch nur gähnende Leere, wenn es um das Volk die Völker geht. Also wird gähnende leere im Kopf wieder durch Waffengwalt ersetzt. Hatten wir auch alles schon mal.

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