
48 Stunden nach dem Pariser Deal gegen China und Russland wurde der fähige und antiislamistische Sohn Saif des einstigen libyschen Herrschers Muammar Gaddafi, Saif al-Islam Gaddafi, für immer zum Schweigen gebracht Es war ein staatlich orchestrierter Mord, der quasi Libyens Zukunft umschrieb: Denn innerhalb nur weniger Tage nach der Vermittlung eines Machtteilungs-Duopols, das die westliche Dominanz zementieren und China sowie Russland entgegenwirken sollte, waren es nicht gewöhnliche Milizionäre – von denen Libyen reichlich hat –, sondern hochtrainierte, maskierte Spezialkräfte, die mit unverkennbarer staatlicher Präzision die Ermordung der einzigen säkularen Figur durchführten, die in der Lage gewesen wäre, die einstige politische Stabilität der Gaddafi-Ära wiederherzustellen. Dadurch bleibt den Libyern der endlose Preis für die sogenannte „Befreiung“ durch die NATO weiterhin auferlegt.
Die Ermordung von Saif al-Islam Gaddafi am vergangenen Dienstag in der Bergstadt Zintan sandte Schockwellen durch ganz Libyen – nur wenige Tage nach einem geheimen, von den USA vermittelten Gipfel, der darauf abzielte, die zerrissene Führung des Landes neu zu gestalten.
Der geheime Pariser Gipfel Ende Januar
Gemeinsam von den Vereinigten Staaten und Frankreich organisiert, fand in Paris am 28. Januar 2026 ein geheimes Treffen statt, an dem Saddam Haftar, der als stellvertretender Kommandeur und Sohn von Khalifa Haftar die ostlibysche Libysche Nationalarmee vertrat, Ibrahim Dbeibah, derSicherheitsberater des westlibyschen Premierministers Abdul Hamid Dbeibah und dessen Cousin, teilnahmen. Als Gesprächsinhalt wurde offiziell die Förderung von Stabilität und Vereinigung dargestellt. Eine einheitliche Regierung könnte Libyens Ölinfrastruktur sichern (Afrika produziert als viertgrößter Produzent, mit erheblicher Kontrolle unter Haftars Einfluss), europäische Investitionen insbesondere aus Italien und Frankreich ermöglichen, “grüne” Wasserstoffprojekte wiederbeleben und Gasverbindungen stärken, hieß es.
Die Diskussionen wurden von Massad Boulos koordiniert, der als Vermittler auftrat. Boulos ist Sonderberater des US-Präsidenten für afrikanische Angelegenheiten, nach seiner strategischen Tour durch regionale Hauptstädte wie Tunis und Algier, um Unterstützung für diesen Prozess abzustimmen. Das Ziel ist die Schaffung eines „Duopols“, das nationale Institutionen vereinigt, Öleinnahmen, militärische und finanzielle Macht teilt – während “alte” Akteure ausdrücklich ausgeschlossen werden, um die Region unter westlichem Einfluss zu „stabilisieren“ und chinesischen sowie russischen Firmen den Zugang zu libyschen Märkten möglichst zu blockieren.
Protektionismus des “Wertewestens“
Im Wesentlichen ging es nicht primär um die Förderung von Demokratie, den Schutz von Frauenrechten oder die Eindämmung des Islamismus (Begründungen, die der Westen oft für seine gewaltsamen und illegalen Interventionen anführt, wobei das Lager von Dbeibah in Tripolis selbst erhebliche islamistische Elemente umfasst, während Saif sich als säkulare, anti-Milizen-Alternative positionierte). Nein: das wahre Ziel war, China und Russland vom Geschäft in Libyen abzuhalten, die westliche Kontrolle über die enormen Ressourcen des Landes zu sichern und jeden “Wildcard”-Faktor – wie eine populäre Wiederbelebung der Gaddafi-Familie – zu eliminieren, der diese Vereinbarung stören könnte. Offensichtlich ist für die westlichen Mächte ein geteiltes, chaotisches Libyen – das anhaltende Migrationsströme nach Europa antreibt – allemal lieber als einem vereintes, souveränes Libyen unter einem säkularen Führer wie Saif.
Nur 48 Stunden nach den Pariser Gesprächen dann wurde Saif in einer hochprofessionellen Operation getötet, die alle Merkmale staatlicher oder ausländischer Geheimdienstplanung trug. Dafür spricht vor allem die taktische Präzision: Vier maskierte Operatoren schalteten hochentwickelte Überwachungskameras aus, stürmten seine Residenz, richteten ihn hin (zusammen mit anderen Anwesenden, darunter einem Wächter und einem lokalen Milizenführer mit seinem Sohn) und entkamen spurlos; ein Grad an Koordination, der weit über die Fähigkeiten typischer libyscher Milizen hinausgeht.
Gezielte Hinrichtung mit Folgen
Die symbolische Bedrohung der Kommandoaktion ist nicht zu unterschätzen: Trotz seiner teilweise durchaus kontroversen Vergangenheit blieb Saif die einzige Figur, die in der Lage war, Schlüsselstämme wie Warfalla, Qadhadhfa und Zintan zu vereinen, welche die Gaddafi-Ära noch immer mit wirtschaftlicher Sicherheit und souveräner Stabilität verbinden. Der hohe Rückhalt zeigte sich auch in den Reaktionen auf seine Liquidierung: Tausende Trauernde versammelten sich in Bani Walöd zu seiner Beerdigung, was seine anhaltende regionale Unterstützung und die Tiefe der pro-Gaddafi-Nostalgie inmitten des libyschen Chaos nach 2011 unterstreicht.
Entscheidend ist aber vor allem, dass Saif eine säkulare, anti-fanatische und gemäßigte Alternative in einer politischen Landschaft verkörperte, die zunehmend von Fraktionen mit islamistischen Neigungen geprägt wird. Seine Plattform fand Anklang bei Libyern, die vom islamistischen Einfluss in der Tripolis-Regierung enttäuscht sind und die Milizenherrschaft fürchten; sein säkularer Appell richtete sich indirekt gegen radikal-islamische Kräfte. Durch seine Beseitigung wurde ein großes „drittes Rad“ eliminiert, von dem Analysten schätzten, dass es bei den geplanten Wahlen im April 2026 bis zu 40 Prozent der Stimmen hätte erreichen können – genug, um das binäre Machtteilungsabkommen zu stören. Seine Eliminierung ebnet den Weg für die in Paris vermittelte Vereinbarung und lässt den nostalgischen pro-Gaddafi-Block ohne glaubwürdigen, säkularen Führer zurück. Der Mord war damit klar als politische Säuberungsaktion gedacht.
Gaddafis Libyen – bevor der Westen es zerstörte
Unter der Herrschaft von Muammar Gaddafi 1969 bis 2011 finanzierten die Öleinnahmen ein umfassendes Wohlfahrtssystem: kostenlose oder stark subventionierte Bildung (die Alphabetisierungsrate stieg von etwa 25 Prozent vor dem Regime auf über 80 bis 89 Prozent; es gb kostenlose Gesundheitsversorgung, günstigen oder kostenlosen Strom und Energieversorgung, zinsfreie Kredite, Wohnen war als Menschenrecht kodiert (durch subventionierte Projekte, Zuschüsse für Neuvermählte und Umverteilung von Eigentum, die Obdachlosigkeit ausrottete), billiger Treibstoff und Grundnahrungsmittel sowie massive Verbesserungen des Lebensstandards waren ebenfalls auf der Habenseite zu verbuchen.
Beispielhaft bestimmte Gesetz Nr. 4 von 1978, dass jeder Bürger das Recht auf ein eigenes Haus oder ein Baugrundstück habe und dieses Eigentum „heilig“ sei. Gaddafis Philosophie – niedergelegt im “Grünen Buch” – sah vor, dass niemand in einem fremden Haus leben und Miete zahlen solle, da dies die persönliche Freiheit einschränke.
Libyen erreichte eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Afrikas (über 11.000 US-Dollar nominal, über 30.000 US-Dollar Kaufkraftparität in Spitzenzeiten) und Spitzenplätze im kontinentalen Human Development Index. Frauen und Mädchen wurden aktiv zu höherer Bildung und beruflichen Karrieren ermutigt, was zu hoher weiblicher Universitätsbeteiligung und vielen erfolgreichen Berufstätigen führte.
Fackel der Hoffnung ausgelöscht
Für ein vormordernes, tribalistisch organisierte Gesellschaftsordnung waren dies enorme politische Fortschritte. Doch dass das Land – aus einseitiger westlicher Sicht – Demokratiedefizite und Menschenrechtsverstöße aufwies (was allerdings in traditionellen Stammesgesellschaften zwangsläufig unvermeidlich ist), lieferte den Vorwand für die westliche Intervention vor 15 Jahren. Später räumte sogar die britische Staatsfernsehanstalt BBC ein, dass Libyen, einst eines der „wohlhabendsten Länder Afrikas“, nach Jahren der Gesetzlosigkeit infolge dieser westlichen Einmischung in einen „fragilen, geteilten Staat“ abstieg. Die von den USA geführte NATO-Kampagne von 2011 und der Sturz Gaddafis stürzten das Land in Chaos, Konflikt und Instabilität. Alles, was damit vorgeblich beendet werden sollte, nahm erst richtig an Fahrt auf: Weit verbreiteter Menschenhandel entstand – einschließlich berüchtigter offener „Sklavenmärkte“, auf denen Migranten, insbesondere subsaharische afrikanische Frauen und Mädchen, gekauft, verkauft, erpresst, zur Zwangsarbeit gezwungen oder zur sexuellen Ausbeutung genötigt wurden – ein düsterer Kontrast zur relativen Stabilität und zum sozialen Fortschritt der vorherigen Ära.
Dies war der harte Preis der sogenannten „Freiheit“, die die Intervention des von der Schimäre des “Arabischen Frühlings” berauschten “Wertewestens” versprochen hatte. Tatsächlich wurde Libyen um seine Stabilität, Eigenständigkeit und Zukunft betrogen. Und nun, mit der Ermordung des Sohnes von Muammar Gaddafi und damit des letzten fähigen Führers, der die weit verbreitete Nostalgie für die Gaddafi-Ära in eine echte nationale Erneuerung hätte kanalisieren können – wurden die schwach lodernde Fackel der Hoffnung, die für ein stabiles, prosperierendes und wirklich souveränes Libyen zu leuchten begonnen hatte, erneut brutal ausgelöscht. Die gewöhnlichen Libyer zahlen weiterhin einen immer höheren Preis für die Kriegsverbrechen des Westens, ohne dass ein Ende der ihnen auferlegten Dunkelheit in Sicht wäre.
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5 Kommentare
Danke für diesen hervorragenden Kommentar zur Ermordung des Gaddafi – Sprösslings Saif. Ob er der richtige Mann gewesen wäre, Libyen gegen den Widerstand der beiden mächtigen Stammesführer wieder zu einigen, sei dahingestellt, als Student und Lebemann in München und Wien hatte er keinen guten Ruf hinterlassen. Ein ehemaliger Kollege von mir hat ihn in geschäftlichen Verhandlungen erlebt und hat keine gute Meinung von ihm.
Aber wie Sie korrekt schreiben, war Gaddafis Libyen – bevor der Westen es zerstörte – das höchst entwickelte Land des Maghreb, der ganzen arabischen Welt. Zu erwähnen wäre noch, dass auch Frauen Möglichkeiten hatten, von denen Frauen in anderen muslimischen Ländern nur träumen konnten: Muammar Gadaffi hatte sogar seine eigene „Leibstandarte“, die nur aus Frauen bestand.
Der Sturz Gadaffis war meines Erachtens noch mehr von Frankreich als von den USA orchestriert. Sarkozi hatte sich von Gadaffi erpressbar gemacht und meinte, nach dessen Sturz würden seine korrupten Mauscheleien nicht aufgedeckt werden. Es ist mir heute eine Genugtuung, Sarkozys mit Fußfesseln und teilweise sogar im Gefängnis (viel zu kurz) zu sehen, leider ist sein Nachfolger Macron ein ebenfalls unfähiger Präsident und von den Franzosen ebenso unbeliebt wie Merz in Deutschland.
Ausgerechnet Sarkozys Sohn möchte nun in Frankreich in die Fußstapfen seines Vaters treten und bewirbt sich in Menton um das Bürgermeisteramt.
https://www.welt.de/politik/ausland/article6985ed7bd5d814671fe27ac7/wahl-in-suedfrankreich-er-verehrt-napoleon-waffen-und-trump-nun-will-sarkozy-junior-le-pens-partei-entmachten.html
Man kann immer wieder nur mit Resignation feststellen, dass ehemalige Kolonien immer wieder mit ihrer Vergangenheit konfrontiert werden, indem die ehemaligen Kolonialmächte meinen, für „Ordnung“ sorgen zu müssen und in den meisten Fällen nur Profit meinen. Wie ein rotes Band ziehen sich die verbrecherischen „Eingriffe“ von Asien bis Afrika durch die Geschichte der letzten 70 Jahre.
Ich schließe mich an.
der wertewesten in aktion, verbrannte erde.
Da werden einfach Leute umgelegt, als wäre es das normalste der Welt. Oppositionsführer und Hoffnungsträger. Egal. Länder kaputtmachen und jegliche Opposition zerstören um ungehindert ans Öl zu kommen. Der Wertewesten und die wertebasierte Ordnung vom Feinsten.
Interessiert auch niemanden in der Presse. Alles kontrolliert, alles eine Suppe.
Und die Franzosen immer fleißig dabei. Nachdem sie in Mali usw. rausfliegen, muss natürlich jemand anders herhalten.
sarkozi hat sich wohl den wahlkampf mit einigen dutzend millionen von gaddafi geleistet, deren rückzahlung er sich somit ersparen konnte. gaddafi war ein grosser man, der mehr für sein volk getan hat als die ratte sarkozi für frankreich. man trauert in lybien zu recht um ihn, dessen pläne zur bewässerung des nahen osten (great man made river), einführung einer gold währung, eingung der stämme, etc, von der globalen clique keinesfalls geduldet werden durften. befriedung und wirtschaftlicher aufschwung der region war nie das ziel des westens.
der mord gaddafis durch die usa war in meinen augen ein feiger akt der schande des westens und die zerstörung einer chance für den nahen osten. die mediale ausschlachtung war widerlich. nach den ereignissen der letzten jahre würde es mich nicht wundern, wenn auch hier israel die finger mit im spiel hatte.
ich kenne gaddafi sohn nicht, aber dessen fehler war offenbar, sich mit den mächten arrangieren zu wollen, die seinen vater wie ein stück vieh schlachten liessen.