Die Kulturmörder sind unter uns

Kämpft kraftvoll gegen das Kultursterben: Rockröhre Julia Neigel (Foto:Imago)

Teilhabe? Ja, bitte! Am Anfang des Jahres höhere Diäten für das Dickmacher-Konto des gewöhnlichen Teilhabe-Bundestagsabgeordneten. Fette deutsche Diäten-Teilhabe. Das Teilhaben am fremden Geld der fleissigen Steuermalocher ist des Berufspolitikers höchste Freude, schon weil er allzu oft am Arbeitsmarkt meist als unvermittelbar gelten würde. Teilhabe an Kultur und soziokulturellen Erlebnissen ist für den Normalbürger dagegen zum Fremdwort geworden. Teilhabe (welch ein schreckliches Wort) ist für das einfache Volk in Corona-Booster-Impfknast-Zeiten ohnehin ein anwachsendes Fremdwort, dürfen doch inzwischen Ungeimpfte nicht mal mehr zum Friseur. Insofern wirkt das Teilhabe-Modewort aller Linken mehr wie eine Verhöhnung der Opfer ihrer ganz realen Politik. Dabei wird allerdings die Kulturszene von etlichen selbst Betroffenen anderer Gewerbezweige – als noch niedriger stehend – leicht verächtlich begrinst.

Ex-SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder nannte einst bekanntlich alles, was nicht etablierter Aufsichtsrat war oder nach typischem Arbeiter und Angestellten (und damit SPD-Gewerkschaftsmitglied) aussah, schlicht und abwertend „Gedöns”. Das kulturelle Gedöns liegt nun am Boden, kleinere Clubs verlieren ihre Existenzgrundlagen, schon wieder werden Tourneen abgesagt, und Holger Hübner, bekannter Veranstalter des inzwischen legendären Wacken Open Airs gibt mit Blick auf den Corona-Klabauterbach-Sommer zu Protokoll: „Noch einmal wieder ein Corona-Festivalverbot in diesem Jahr, und die Kultur ist tot.” Es ist die Kultur der Freiheit, die hier stirbt – nicht die staatlich gepamperte, museale „Hochkultur“ der subventionierten Hochnäsigen. Es ist die Kultur des kleinen Mannes und der kleinen Frau, die einst mit Punk zur Schule gingen, es als Headbanger bis zum Facharbeiter brachten oder auf der Love Parade auf die erste große Liebe trafen.

Kultur war immer mehr als nur Konsum

Selbst Hip Hop und Rap als in die Jahre gekommene Spaßkultur hatte ihre historischen Anfänge – mit den berühmten brennenden Ölfässern in der Bronx – vor beinahe vier Jahrzehnten. Wir reden also nicht mehr über Jugendkultur, wenn wir über „Pop” reden; es geht hier um eine Populärkultur, die der gesamten Gesellschaft dienlich und Teil ihres Alltags und Lebens war bzw. ist. Diese setzt sich im Blockbuster-Kino, bei den Freunden des aufgeschlagenen Buches (oder Kindles und Hörbuchs) bis hin zur Themen- und Event-Szenerie fort, wo sich heutzutage Theater, Folkloren des 21. Jahrhunderts, Sprachakrobatik, Kleinkunst, Comedy, Gastro-Wettbewerbe, Zirkus der alten und neuen Art und vieles Weitere vermischen oder auch puristisch-separat konsumiert und frequentiert werden. Kultur war dabei immer mehr als bloßer Konsum; sie war Seelenfutter, An- und Aufreger, sozialer Treff- und Interaktionspunkt, wichtiges Gesprächsthema, Innovator oder gar Avantgarde.

Und was macht die Politik derweil mit dieser Kultur? Julia „Jule” Neigel gehört zweifellos zu den anspruchsvolleren Namen der deutschen Popkultur, eine beliebte Sängerin, die, ähnlich wie die grandiose Nena, sich erschrocken in den letzten Wochen und Monaten vom irregeleiteten bzw. irreleitenden Mainstream losgesagt hat – wozu Fanta 4, Udo L., die Toten Campino-Hosen, BAPtist Niedecken und anderen Merkel-Movern offenbar jeglicher Mut und auch Charakter fehlt. Nicht so Julia Neigel, die aus ihrer Betroffenheit keinen Hehl macht, sich hervorragend artikulieren kann und bis ins knalldumme, superdumpfe Blöd-Berlin hinein eigentlich wahrgenommen werden müsste.

Hört mal hin, hier spricht Jule Neigel im O-Ton: „Ihr Lieben, seit den massiven Grundrechteeinschränkungen hat die deutsche Wirtschaft innerhalb von 2 Jahren über 340 Milliarden Euro Verlust erlitten. Nun kommen einige Summen hinzu, da die meisten Künstler und Veranstalter auf Grund der politischen Entscheidungen in den jeweiligen Bundesländern die seit Monaten geplanten Konzerte im Frühjahr nicht mehr vernünftig durchführen werden können.” Es ist politischer Mord, wenn Existenzen bewußt und klar wissentlich durch Entscheidungen und Anordnungen der Regierenden in Bund und Ländern vernichtet, marginalisiert, an der Ausübung ihres Berufes in ihren Genres gehindert und bis zum offenen de-facto-Berufsverbot staatlich gegängelt werden. Hier ein Tröpfchen auf den heissen Stein, dort ein Almosen – und sonntags wieder ’ne Sonntagsrede vom Blatt, welche ein überbezahlter Redenschreiber mit dem richtigen Parteibuch den Schlauguckern, Betroffenheitssimulanten und Ernstmimern mit Diäten-Hintergrund hingekritzelt hat.

Andere Länder, zum Glück andere Sitten

Die Wirklichkeit aber sieht reichlich anders aus als im Casino Bundestag. Jule Neigel fährt in ihren Net-Foren unerschrocken fort: „Die soziale und kulturelle Teilhabe für alle Menschen ist ein unveräußerliches Menschenrecht, welches nach dem GG, aber vor allem nach dem, höherrrangigen Völkerrecht, nach Art. 15 Abs. 1, Abs. 2, Abs. 3 ICESCR (Kulturpakt 1) und im Sinne des Art. 25 GG, für alle Menschen in dieser Republik gleichermassen durch den Staat gesichert und garantiert zu sein hat. Dieses Recht gilt für all die Besucher, sowie auch für all die Kulturschaffenden. Und auch die Charta der Grundrechte der EU garantiert jedem Menschen die Teilhabe am öffentlichen und kulturellen Leben, sowie die Kulturvielfalt, die Bewegungsfreiheit, die Berufsfreiheit und die Unternehmerfreiheit. Die korrekte und vernünftige Umsetzung der staatlichen, nationalen Verpflichtungen aus dem verbindlichen ‚Kulturpakt 1‘, wurde uns aber bisher durch die verantwortlichen Regierungen in den jeweiligen deutschen Bundesländern in der Praxis verwehrt. Ich halte diesen Zustand für unzumutbar und vor allem nach wie vor für rechtswidrig.

Der Mord geht weiter – und er konkretisiert sich immer mehr. Frankfurter Buchmesse? Welcher Verleger will da nach dem Desaster vom letzten Jahr noch mal hin… teure Standgebühren für den nächsten Corona-Totentanz? Im Zusammenspiel mit einer zur Hysterie und Ängstlichkeit neigenden deutschen Öffentlichkeit marschiert Gevatter Tod auch ohne Verbote. Die Masse igelt sich ein, ein Heer von Couch Potatoes säuft sich heimisch um den Verstand und frisst die Discounter leer, schließt dreimal die Haustür nach 10 Stunden Fernsehen ab, bevor auch der Letzte im Schlafzimmer das Licht ausmacht.

Daher weist Julia Neigel (und nicht nur sie) auf andere Länder und Sitten hin, zeigt etwa auf Belgien oder Dänemark und damit auf Länder, die ihre Kultur noch leben lassen – und deren Bürger sich ihre Kultur nicht nehmen oder von Politikern als zugestandenes Alibi-Gnadenbrot im kontrollierten Retortenaufbau, handverlesen nach 2G-plus und Hygieneterror, ausnahmsweise „erlauben“ lassen, bevor die nächste Totenruhe einsetzt. Leben und Leben lassen? Der alte Musikerwitz bekommt in diesen Tagen eine völlig neue Bedeutung: Ein Musiker geht zum Arzt, zwecks Totalcheck; der Arzt kommt mit ernster Miene mit den Blutwerten hinterm Vorhang hervor, schaut den Musiker mit traurigem Blick an und sagt: „Ich muss es ihnen leider sagen. Sie haben höchstens noch ein halbes Jahr zu leben…” – Antwortet der Musiker: „Ach, und wovon?”.

 

BITTE BEACHTEN: Klarstellung der Redaktion zu Leserkommentaren

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann freuen wir uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einer Zuwendung unterstützen.

6 Kommentare

  1. Wenn die Kultur erst einmal richtig plattgemacht ist, wieviel unterscheidet dann uns Menschen noch von Tieren? – Ich denke auf die menschliche Intelligenz sollte man besser nicht verweisen …

  2. Teilhabe klingt für mich wie ein Bettler, der die Krümel vom Tisch bekommt. Und so herablassend sind vermutlich auch diejenigen, zu deren aktivem Wortschatz dieser Begriff gehört.

  3. Ich vermisse die Kulturschaffenden bei den Spaziergängen und Demonstrationen. Tausende Menschen gehen auf die Straße. Aber wo sind denn die Kulturschaffenden mit ihren Fans? Sie könnten Volksverbundenheit im wahrsten Sinne des Wortes demonstrieren. Aber davon ist nur wenig zu hören und zu sehen.

    Eine Ikone der Protestbewegung in der DDR war Kurt Masur, der Gewandhauskapellmeister in Leipzig. Ich bin der tiefen Überzeugung, dass die friedliche Wende 1989 nur gemeinsam mit den Kulturschaffenden möglich war.

    • Seit 89 gilt doch …wes Brot ich ess des Lied ich sing.. keiner der Künstler wagr es auszuscheren.
      Und unsere einst so reiche Kulturlanschaft geht immer mehr den Bach hinunter…

  4. Die Kultur Mörder sind auch die Massenmörder in unserer Zeit. Und waren es auch schon immer. Macht die Augen auf und ihr erkennt den braunen stinkenden Kapitalismus dahinter. Der kommt nicht von Links, obwohl Teile von ihnen diesen für sich benutzen ( siehe auvch Wikipedia) um selbst ihre revolutionären Gedanken ( siehe Demos) durch faschistische Gedanken zu ersetzen. Was für ein stinkender linker Abgesang an der Seite des Kapitals.

Kommentarfunktion ist geschlossen.