
Karl-Rudolf Kortes Diagnose in der “Zeit” kommt mit der Attitüde wissenschaftlicher Nüchternheit daher, doch sie ist von bemerkenswerter politischer Sprengkraft: Mehr junge Menschen drifteten ins Extreme, die Mitte verliere an Bindekraft – und, zugespitzt formuliert, seien „die Männer“ ein „Problem für die Demokratie“. Man sollte sich die implizite Logik dieses Satzes klarmachen: Nicht die Politik ist problematisch, nicht ihre Entscheidungen, nicht ihre sozialen Folgen – sondern jene, die sich ihr entziehen oder ihr widersprechen. Der Befund wird zur Umkehrung: Aus dem demokratischen Subjekt wird ein demokratisches Risiko.
In klassischen Demokratietheorien – von Tocqueville bis Böckenförde – gilt der Bürger als Träger der Ordnung. Der freiheitliche Staat – so das berühmte Böckenförde-Diktum – “lebt von Voraussetzungen „die er selbst nicht garantieren kann“. Dazu gehören Loyalität, Vertrauen und ein Mindestmaß an kultureller Kohärenz. Die gegenwärtige Debatte kehrt dieses Verhältnis um. Sie stellt nicht mehr die Frage, warum Vertrauen erodiert, sondern warum bestimmte Gruppen sich dem System entziehen. Die Diagnose „Jugend radikalisiert sich“ ersetzt die Frage: Was hat die politische Mitte unattraktiv gemacht? Das ist keine analytische, sondern eine normative Verschiebung. Sie entlastet die Institutionen – und belastet die Bürger.
Die Konstruktion der „gefährlichen Männlichkeit“
Dass nun insbesondere junge Männer in den Fokus geraten, ist kein Zufall. Der Diskurs folgt einem Muster, das man aus anderen Bereichen kennt: soziale Spannung wird personalisiert, strukturelle Ursachen werden psychologisiert. Die spätestens seit der “Mannosphäre” unter Verdacht geratene Figur des „politisch problematischen Mannes“ erfüllt dabei drei Funktionen und individualisiert so die politische Abweichung: Wer erstens anders wählt, handelt nicht rational, sondern emotional, regressiv, womöglich toxisch. Sie moralisiert zweitens politische Präferenzen: Der Wähler wird nicht mehr als Träger legitimer Interessen betrachtet, sondern als Träger problematischer Dispositionen. Und sie entpolitisiert drittens Konflikte: Migration, soziale Mobilität, kulturelle Entwurzelung – all das verschwindet hinter der Diagnose „Männlichkeitskrise“.
Die Konsequenz ist gravierend: Der politische Dissens wird anthropologisiert. Die zentrale Frage wird damit umgangen –nämlich die, warum die politische Mitte ihre Bindekraft verliert? Wenn junge Menschen sich „eher aktivistisch als in Parteien engagieren“, wie Kortes zutreffend konstatiert, dann ist das kein Zufall, sondern ein Symptom. Parteien büßen zunehmend ihre Funktion als Vermittlungsinstanzen ein – weil sie sich selbst in eine technokratische Verwaltungslogik zurückgezogen haben.
Aktivismus statt Repräsentation
Korte selbst betont an anderer Stelle, Demokratie lebe von „Auseinandersetzung“ und Streitkultur. Doch genau diese Auseinandersetzung wird zunehmend delegitimiert, sobald sie die falschen Inhalte trägt. Die Mitte verliert nicht deshalb an Attraktivität, weil sie zu moderat wäre – sondern weil sie als leer erlebt wird: ohne Konflikt, ohne Richtung, ohne erkennbares Gemeinwohlprojekt. Die Verschiebung hin zum Aktivismus ist dabei nicht nur ein Generationsphänomen, sondern eine Systemreaktion. Wo Institutionen keine Identifikation mehr ermöglichen, entstehen Ersatzformen politischer Partizipation: Bewegungen, Kampagnen, moralische Mobilisierung. Diese Formen sind unmittelbarer, aber auch radikaler. Sie ersetzen deliberative Verfahren durch symbolische Politik.
Das erklärt die paradoxe Gleichzeitigkeit von Apathie und Radikalisierung: Die einen ziehen sich zurück, die anderen eskalieren. Die eigentliche Pointe der Debatte liegt jedoch tiefer. Wenn politische Abweichung zunehmend als Gefahr definiert wird, dann verändert sich das Selbstverständnis der Demokratie selbst. Die liberale Ordnung basiert auf der Anerkennung von Dissens. Wird Dissens jedoch als Symptom eines Defekts interpretiert – sei es sozial, psychologisch oder kulturell –, dann verschiebt sich die Demokratie in Richtung eines pädagogischen Projekts.
Der Souverän als Störfall
Der Bürger wird so zum Objekt politischer Korrektur. Diese Entwicklung ist nicht spektakulär, sondern subtil. Sie äußert sich nicht in Verboten, sondern in Deutungen. Nicht in Repression, sondern in Diskursen. Aber gerade deshalb ist sie wirksam. Die Diagnose, bestimmte Gruppen seien ein „Problem für die Demokratie“, markiert einen Wendepunkt. Sie zeigt, dass die Krise der Demokratie nicht nur eine Krise der Institutionen ist, sondern eine Krise ihres Selbstverständnisses.
Denn eine Demokratie, die beginnt, Teile ihres eigenen Souveräns als Risiko zu betrachten, hat bereits einen entscheidenden Schritt in Richtung ihrer eigenen Überwindung getan: Sie hat sich von der ihr zugrundeliegenden zentralen Idee verabschiedet, dass politische Legitimität aus Zustimmung erwächst, nicht aus normativer Korrektheit. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, warum junge Männer sich abwenden – sondern, warum eine politische Ordnung ihre eigenen Bürger nur noch als Normabweichung begreifen kann.
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10 Kommentare
@Mehr junge Menschen drifteten ins Extreme, die Mitte verliere an Bindekraft
das ist so nicht ganz richtig !
Die Politik – die Blockpartei – ist ins linksextreme gewandert und steht heute zwischen Wand und Tapete – und immer mehr Menschen wollen da nicht hin, da wird es eng, und ziehen mehr in die Mitte des Spektrums.
dieses Land befindet sich in der Auflösung und das ist vom Pauperismuskönig Merz so gewollt
Wir erleben zur Zeit die Infantilisierung und Verblödung unserer Gesellschaft durch alle Schichten, oder kürzer gesagt, die Amerikanisierung unserer Zustände. Da sollte man auf alles gefaßt sein und nichts ausschließen. Das hat Programm.
was habt ihr von dem Schmierenblatt , das früher mal eine Zeitung war und heute Luxustoilettenpapier,denn anderes erwartet?
Zeit Artikel fördern den Stuhlgang
Sie entledigt sich ihrer Kritiker, weil sie selber in die Sphären abdriftet, die sie zu bekämpfen vorgibt. Da Korte meint, die Männer seien das Problem, hoffe ich doch sehr, dass er sich selbst dazuzählt und alles mögliche unternimmt, sich aus diesem Pool der ewig Schuldigen zu eliminieren. https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/causa-michael-meyen-wer-aus-der-reihe-tanzt-zahlt-einen-hohen-preis-li.10030523
„Nicht in Repression, sondern in Diskursen“. Das stimmt teilweise. Aber wer vom „Diskurs“ ausgeschlossen wird, kann sich auf informelle und sehr wirksame Repressionen freuen. Und wenn eine Atemwegsinfektion auch dann noch zur Todesseuche hochgejazzt wird, wenn ihre geringe Gefährlichkeit längst offensichtlich ist, und wenn dabei die Absicht darin besteht, Pharmakonzerne, nationale und supranationale Bürokratien noch mächtiger und unangreifbarer zu machen, dann gibt es keinen Diskurs. Dann sind alle, die einen echte, also offenen, Diskurs verlangen, „rächzextreme Schwurbler und Verschwörungstheoretiker“.
Die Demokratie ist eine Erfindung der Mächtigen, um sich vor dem Zorn der Bevölkerung zu schützen. In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was Politdarsteller Ihnen erzählen.
Die gesamte Demokratische Politik ist auf Lügen aufgebaut…!
jetzt ist der sch-merz lass nach lügenbeutel eingereiht unter den unbeliebtesten schwätzern deutschlands seit 1900….
schwarz rot grün braun gold… noch fragen… alice erlöse uns….
Was heißt denn ständig „radikal(isiert)“, diese Einwortprhase die ständig überall nachgebrabbelt wird?
Man denke an den bayrischen „Radi“, dessen Geschwistergemüse „Radieschen“, oder den Radix in der Mathematik – in allen Fällen handelt es sich um eine Wurzel, und eine Wurzel ist vor allem eines, standfest, standortsicher, mit dem Boden der Tatsachen verwachsen und stabil. Mithin also das genaue Gegenteil von „extrem(istisch)“.
Zum besseren Textverständnis lese man stets fremdwortfrei:
Ersetze „radikal“ durch „überzeugt“ und „extrem“ durch „übertreibend“.
Wenn dadurch der Inhalt grotesk unsinnig wird dann hat er den ersten Test auf Tauglichkeit bestanden.
Die passende Beurteilung der so beschriebenen Verhältnisse samt derer die sie beschreiben/bejubeln/beschmutzen gibt es dabei obendrauf gleich mit.
Nein, junge Menschen flüchten nicht ins Extreme. Kritische Leute egal welchen Alters wollen nichts anderes als zurück zur Normalität. Politiker sollen sich wieder um das Wohl der eigenen Bevölkerung kümmern. Straftäter mit Migrationshintergrund sollen genauso streng bestraft werden wie Täter ohne Migrationshintergrund. An Schulen soll das Leistungsprinzip wieder eingeführt werden, damit das Bildungsniveau nicht immer weiter absinkt. Energie soll wieder bezahlbar werden und in ausreichender Menge vorhanden sein. Es gibt noch viele andere Beispiele.
Herr Korte ist einer von vielen weltfremden Intellektuellen, die den Bezug zur Realität verloren haben bzw. nie hatten.