
Es gehört zu den bemerkenswertesten ideologischen Verschiebungen der Gegenwart, dass ausgerechnet jene Milieus, die sich über Jahrzehnte als Verteidiger von Freiheit, Emanzipation und Selbstbestimmung verstanden haben, heute zunehmend skeptisch auf das Individuum blicken. Individualität erscheint ihnen nicht mehr als Grundlage einer freien Gesellschaft, sondern als Problem. In dieser Umwertung liegt eine der tiefsten geistigen Transformationen unserer Zeit. Ein prägnantes Beispiel dafür liefert die Philosophin Eva von Redecker. In einem kürzlich erschienenen vielbeachteten “Spiegel”-Interview erklärt sie den Kapitalismus zur „Wurzel des Übels“ und diagnostiziert den angeblichen „Brachial-Individualismus“ der Gegenwart als neue Form des Faschismus.
Dieser Faschismus unserer Zeit, so ihre These, entstehe nicht aus kollektivistischer Massenmobilisierung, sondern aus einer hyperindividualistischen Konkurrenzgesellschaft. Diese Diagnose ist bemerkenswert – nicht nur wegen ihrer politischen Stoßrichtung, sondern vor allem wegen ihrer historischen Verkehrung. Denn der historische Faschismus war gerade nicht das Ergebnis übersteigerter Individualität, sondern ihres Gegenteils. Er war ein System, in dem der Einzelne nichts und die Gemeinschaft alles war.
Der Verdacht gegen das „Ich“
Was sich in solchen Argumentationen zeigt, ist ein tiefer Verdacht gegen das autonome Subjekt. Der Einzelne erscheint nicht mehr als Träger von Freiheit, sondern als Quelle gesellschaftlicher Zersplitterung. Dieser linke Generalverdacht hat eine lange Vorgeschichte. Während der Corona-Pandemie trat er erstmals offen zutage. Die sogenannte “Zero-Covid”-Kampagne forderte damals einen radikalen gesellschaftlichen Shutdown, um das Virus vollständig zu eliminieren. Unter den Unterstützern fanden sich zahlreiche Intellektuelle, Aktivisten und Medienschaffende. Die Freiheit des Einzelnen sollte temporär suspendiert werden – im Namen eines vermeintlich solidarischen Gesamtinteresses: der „gesunde Volkskörper“ feierte wieder fröhliche Urständ.
Was damals als Ausnahmezustand begann, hat inzwischen eine ideologische Fortsetzung gefunden. Der Verdacht richtet sich nun nicht mehr nur gegen individuelles Verhalten, sondern gegen das liberale Prinzip selbst. Der Einzelne gilt plötzlich als potenziell gefährlich. Dabei gehört die Idee der Individualität zu den tragenden Fundamenten der westlichen politischen Ordnung. Die Aufklärung hat das Individuum nicht zufällig in den Mittelpunkt gestellt. Sie tat es, weil die Geschichte Europas zuvor von Kollektivherrschaft geprägt war – von absolutistischen Staaten, religiösen Autoritäten und ideologischen Gemeinschaftsprojekten.
Das Grundgesetz als individualistisches Dokument
Das deutsche Grundgesetz formuliert diese Erfahrung in einem der berühmtesten Sätze der politischen Moderne: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dieser Satz ist radikal individualistisch. Er schützt nicht die Würde eines Kollektivs, einer Nation oder einer Klasse. Er schützt die Würde jedes einzelnen Menschen. In dieser Perspektive besteht Freiheit zunächst in Abwehrrechten: in der Möglichkeit, staatlicher oder gesellschaftlicher Bevormundung zu entgehen. Gerade dieses Verständnis gerät heute zunehmend unter Druck. Von Redecker argumentiert, die Freiheit der Zukunft müsse stärker am Gemeinwohl orientiert sein. Freiheit dürfe nicht nur als individuelles Recht verstanden werden.
Der Gedanke klingt zunächst plausibel. Doch er enthält eine entscheidende Verschiebung: Wenn Freiheit nicht mehr primär vom Individuum her gedacht wird, sondern vom Gemeinwohl, stellt sich unweigerlich die Frage, wer dieses Gemeinwohl definiert.
Historisch hat sich gezeigt, dass solche Definitionen kaum neutral sind. Sie entstehen meist in moralisch oder politisch dominanten Milieus. Aus dem abstrakten „Wir“ wird dann schnell ein konkretes Instrument der Disziplinierung. Die Folge ist eine subtile, aber wirkungsvolle Form gesellschaftlicher Gleichschaltung.
Kubickis liberale Gegenrede
Diese Entwicklung ist nicht unbemerkt geblieben. FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki hat sie jetzt in einer pointierten “Cicero”-Kolumne aufgegriffen und kritisiert. Für ihn zeigt das Interview mit Eva von Redecker exemplarisch, wie Teile der intellektuellen Linken inzwischen den Liberalismus selbst zum Feindbild erklären. Kubicki erinnert daran, dass die Würde des Menschen im Grundgesetz gerade aus einer individualistischen Perspektive formuliert wurde. Eine Gesellschaft, die das Individuum zum Objekt kollektiver Moralvorstellungen mache, verliere ihre freiheitliche Grundlage. Seine Kritik verweist auf einen grundlegenden Punkt: Die liberale Ordnung basiert nicht auf der moralischen Einheit einer Gesellschaft, sondern auf der Anerkennung ihrer Verschiedenheit.
Individualität ist jedoch nicht nur ein politisches Prinzip. Sie ist auch eine kulturelle Errungenschaft. Die großen Fortschritte der Moderne – wissenschaftliche Innovationen, künstlerische Avantgarden, wirtschaftliche Unternehmungen – sind kaum denkbar ohne Menschen, die gegen Mehrheiten gedacht haben. Galileo Galilei, Charles Darwin oder Albert Einstein standen zu Beginn ihrer Arbeit jeweils gegen den Konsens ihrer Zeit.
Eine Gesellschaft, die Individualität misstrauisch betrachtet, gefährdet daher nicht nur die Freiheit ihrer Bürger. Sie gefährdet auch ihre eigene geistige Dynamik. Innovation entsteht selten aus Konformität.
Die Moral der Gleichheit
Die gegenwärtige Kritik am Liberalismus folgt häufig einer moralischen Logik der Gleichheit. Sie sieht im Wettbewerb der Individuen vor allem Ungleichheit, Konkurrenz und soziale Spaltung. Diese Diagnose ist nicht völlig falsch. Moderne Gesellschaften erzeugen tatsächlich Ungleichheiten. Doch die Alternative, die häufig vorgeschlagen wird – eine stärker kollektiv organisierte Ordnung – birgt ihrerseits erhebliche Risiken. Denn jede kollektive Ordnung benötigt Mechanismen der Anpassung. Sie verlangt Loyalität, Übereinstimmung und moralische Konformität. Je stärker das „Wir“ betont wird, desto enger wird der Raum für das „Ich“. Der Liberalismus beruht auf einer nüchternen anthropologischen Einsicht: Menschen sind verschieden. Sie haben unterschiedliche Talente, Interessen, Überzeugungen und Lebensentwürfe. Eine freie Gesellschaft versucht nicht, diese Unterschiede zu beseitigen. Sie organisiert lediglich Regeln, unter denen sie friedlich koexistieren können.
In dieser Perspektive ist Individualität kein Problem, sondern eine Tatsache der menschlichen Existenz. Der Versuch, sie politisch zu überwinden, führt fast zwangsläufig zu Zwang. Karl Popper hat diesen Zusammenhang im Begriff der offenen Gesellschaft beschrieben. Eine offene Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie Kritik erlaubt und Minderheiten schützt. Sie lebt nicht von moralischer Einheit, sondern von institutioneller Toleranz. Das bedeutet auch: Eine liberale Gesellschaft muss Ideen aushalten, die sie selbst für falsch hält. Gerade deshalb ist sie stabiler als ideologische Systeme. Sie benötigt keine permanente moralische Mobilisierung.
Freiheit als Risiko
Individualität ist jedoch kein bequemes Prinzip. Sie bedeutet Unsicherheit. Sie bedeutet auch, dass Menschen Entscheidungen treffen können, die anderen missfallen. Eine Gesellschaft, die Freiheit ernst nimmt, muss diese Risiken akzeptieren. Der Preis der Individualität ist Unordnung. Der Gewinn ist Würde. Der gegenwärtige Zeitgeist tendiert dazu, dieses Gleichgewicht zu verschieben. Er betont Verantwortung, Solidarität und Gemeinwohl stärker als individuelle Autonomie. Diese Begriffe sind keineswegs illegitim. Doch sie dürfen nicht zum Ersatz für Freiheit werden. Denn eine Gesellschaft, die das Individuum moralisch diszipliniert, verliert am Ende genau das, was sie zu schüt-zen vorgibt: die Würde des Menschen.
Das Lob der Individualität ist deshalb keine nostalgische Reminiszenz an eine vergangene libe-rale Epoche. Es ist eine notwendige Verteidigung eines politischen Prinzips, das unter ideologischen Druck geraten ist. Der Mensch gehört zuerst sich selbst. Diese einfache Einsicht bleibt das wirksamste Gegengift gegen jede Form des Kollektivismus – ganz gleich, ob er nationalistisch, sozialistisch oder moralisch-progressiv daherkommt. Gerade in einer Zeit wachsender gesellschaftlicher Spannungen lohnt es sich, an diese Tradition zu erinnern. Denn Freiheit beginnt immer beim Einzelnen.
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7 Kommentare
Der Feminismus bevorzugt das Weibliche dem Männlichen: Empathie vor Rationalität, Sicherheit vor Risiko, Zusammenhalt vor Wettbewerb. Besonders in Deutschland haben sich, nach sechzehn Jahren Merkel, nach „feministischer Außenpolitik“, Quotenprogrammen und einer Pädagogisierung des Politischen, institutionelle Milieus herausgebildet, in denen „weibliche“ Tugenden wie Fürsorge, Harmonie, Inklusion zur Norm erklärt werden. Konflikt gilt als toxisch und faktenbasiertes Argumentieren gilt als hart und rechtsextrem. In Deutschland herrscht ein moralisierter Politikstil, der jede Abweichung als „Hass“ oder „Gefahr für die Demokratie“ bezeichnet und damit eine inhaltliche Debatte ersetzt. Und das Problem ist, dass diese Art des Umgangs mit Wahrheit, Macht und Widerspruch hegemonial geworden ist. So fehlt es insbesondere an Fähigkeiten, mit anderen Meinungen und Verhalten umzugehen und aushalten zu können. Die Ursache dafür ist, weil Frauen und Männer jeweils als und in Gruppen unterschiedliche Prioritäten haben. Frauen gewichten im Durchschnitt Beziehung, Konsens und Harmonie höher, Männer hingegen Konflikt, Wettbewerb und Risiko. In persönlichen Beziehungen können sich die weiblichen Prioritäten zwar durchaus positiv auswirken, aber in öffentlichen Institutionen wirkt dies sich, wenn es einseitig wird, verheerend aus. Warum? Männer haben im Verlauf der Geschichte ihre Fähigkeiten für Wettbewerb, Kampf und Krieg optimiert, mit denen Dispute zwischen Stämmen geregelt wurden. Das geht nur, wenn nachher Frieden geschlossen wird. Männer entwickelten Methoden, um sich mit Opponenten zu versöhnen. Frauen können das offensichtlich nicht, wie seit Jahren zu beobachten ist. EU-Aussenministerin Kallas sagt, Putin sei ein Kriegsverbrecher, und mit solchen rede man nicht. Von der Leyen, Chef der EU-Kommission, äussert sich ähnlich und ebenso Strack-Zimmermann, Vorsitzende der Verteidigung im EU-Parlament. So ist die „Brandmauer“ und das geplante AfD-Verbot eine Folge der Feminisierung der Politik. Und so der Schluss, dass Demokratie dem Weiblichen wesensfremd ist, weil „Frau“ und „Wahl“ gar nicht zusammenpasst. Weil ,Wahl‘ etwas Individuelles ist, aber Frauen auf Gruppenkonformität gepolt sind, was einhergeht mit dem gesellschaftlichen Umbau zum Sozialiasmus. Aber eine Gesellschaft lebt nicht von moralischer Einheit, sondern von institutioneller Toleranz. Demokraten müssen Ideen aushalten, die sie selbst für falsch halten. Ein großer Teil der Frauen können das nicht und sind deshalb auch keine Demokraten. Um den Westen überhaupt noch retten zu können, sollte das Wahlrecht Männern vorbehalten sein. Aber selbst dafür ist es wohl schon zu spät, denn viele westliche Männer sind so feminisiert und weibliches Verhalten komplett internalisiert.
Es wundert mich nicht, dass ausgerechnet eine Frau solche Gedanken hervorbringt, die ihre Resonanz in der unrühmlichen 12jährigen Epoche unseres Landes finden. Die damals herrschende Partei wurde mehrheitlich von Frauen gewählt. (Was sagt das über die Grünen aus?) Frauen sind bereits evolutionär als Kollektivisten angelegt, Männer eher als Individualisten. Die Frauenwelt entwickelte sich zu Kooperativen, weil Frauen aufgrund ihrer geringeren Körperkraft darauf angewiesen waren, um zu überleben. Neben dem Erhalt der Art war wohl auch das der Grund, warum Frauen sich Männern zuwandten und mit ihnen zusammenlebten.
Zur Forderung der Gleichheit und Verdammung der Ungleichheit: eine Batterie mit zwei gleichen Polen, seien es positive oder negative, würde keine Energie liefern. Deshalb scheitert auch letztlich jeder Versuch, Sozialismus zu etablieren, weil dieser analog zu so einer Batterie ist. Eine Gesellschaft braucht aber diese Energie, um sich weiterzuentwicklen. Was ist das Ziel einer solchen Entwicklung? Dies kann eigentlich nur die Sicherheit aller, Prosperität für möglichst viele und gesundheitliche Versorgung für alle sein. Mehr braucht es nicht.
Wenn das Individuum nicht frei ist, dann ist keiner frei, auch kein Kollektiv. Und Freiheit heißt eben, für seine Erfolge und Misserfolge selbst verantwortlich zu sein. Und mit dieser Selbstverantwortung kommen viele nicht zurecht, am Wenigsten unsere Politiker, die die größten volkswirtschaftlichen Schäden anrichten und dann dafür nicht verantwortlich gewesen sein wollen. Aber das ist kein Grund, individuelle Freiheit abzuschaffen und durch Zwang zu ersetzen.
In der DDR galt: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“
War mal Thema im Politunterricht der NVA. Meine Gegenfrage war: „Wenn der Arbeiter im Kapitalismus einsieht das es Notwendig ist das er ausgebeutet wird ist er dann also frei?“
Das brachte den Politoffizier dann voll aus dem Konzept. Etwa ein Jahr später beim gleichen Thema wurde ich mit Hilfe einer Legende vom Unterricht „befreit“. Also es war ein Eintrag in meiner Akte vorhanden.
Philosophie ist in meinen Augen so wie so eine Geisteskrankheit die zur Wissenschaft erklärt wurde.
Also was für nutzlose Söhne und jetzt auch Töchter des Mittelstandes und darüber.
@Der Einzelne gilt plötzlich als potenziell gefährlich.
wenn sie Politiker oder Juristen sind, ist das in meinen Augen auch richtig. Macht ohne Kontrolle ist immer eine Gefahr für andere – und das Corona-Beispiel hat das i9n großem Umgang gezeigt. Es ging dabei nicht um Gesundheit und die umbenannte Grippewelle, sondern um massenhafte gen-Experimente am Menschen,
Und trotz aller inzwischen erfolgten Aufklärungen dürfen die Akteure dieser Experimente immer noch frei herumlaufen – fehlende Kontrolle der Mächtige, mangelnde Reaktion – mangelndes Gleichgewicht.
Tödliche Menschenexperimente müssen auch tödliche Strafen hervorrufen als das mögliche Minimum an Abschreckung !
„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Ein schöner Satz, der spätestens sei „Corona“ seine Gültigkeit verloren hat.
Da begann der neue, faschistiode Weg der Machthaber und in deren Welt hat er keinen Platz mehr.
Eigentlich ist die Entwicklung wie immer, nach langen Perioden der Freiheit. Leider.
also, rette sich, wer kann und schaue mit Grausen von weither auf die Dinge die kommen werden und später wieder vergehen.
Denn bis dahin wird es sehr wieder sehr grausam werden.
Wer sich mit der Würde des Menschen befassen möchte, sollte sich einmal Gedanken über Sterbehilfe machen. Da wird nicht die Würde des einzelnen Menschen geschützt, sondern …
Dazu gibt es eine von den „Interessenten“ schnell ins Abseits gestellte äußerst prägnante Entscheidung des BVerfG, die die Politik bis heute konsequent ignoriert.
https://www.bundesverfassungsgericht.de/SharedDocs/Entscheidungen/DE/2020/02/rs20200226_2bvr234715.html
Was die meisten durchaus wissen könnten, ist, dass schon die antiken Philosophen bis in die Neuzeit hinein, die berechtigte Ansicht vertraten, dass dumme Menschen immer in der großen Mehrheit sein werden. Wie kann man dann erwarten, dass eine Demokratie in der uns bekannten Form, die beste aller Lösungen sei? – Dass sie geeignet sein kann, Diktaturen zu vermeiden, mag man anerkennen – aber auch dieses Narrativ dürfte für politisch Informierte schon lange in bedrohliches Schwanken geraten sein.
Kollektivisten sind keine Intellektuellen sondern Höhlenmenschen, die glauben, sie könnten denken, ohne zu wissen, was Denken überhaupt ist. Womöglich sind sie schlicht die Nachfahren der Neandertaler, die hier die Macht an sich gerissen haben.