Die Sache mit der Loyalität

Die Sache mit der Loyalität

Sand im Getriebe: Macht kaputt, was euch kaputt macht? (Symbolbild:Pixabay/ScreenshotX)

Die “Zeit” hat letzte Woche, vermutlich eher zufällig, auf eines der inzwischen größten Probleme des Landes aufmerksam gemacht: Man ist gewohnt, im Großen zu diskutieren – Energiepreise, Wirtschaftsabschwung, Teuerung und so fort –, doch gerät der einzelne Mensch aus der Wahrnehmung. Man sieht hinter allem nur große Pläne und Machenschaften – obwohl es doch zumeist einzelne Individuen sind, die erheblichen Einfluss darauf haben, was läuft und was nicht. Es lohnt sich, mal näher hinzuschauen: Aufhänger des “Zeit”-Beitrags sind die beiden Arbeiter bei der Werft Blohm & Voss, die ein Schiff der Bundeskriegsmarine sabotiert haben, indem sie physisch Sand ins Getriebe und den Motor geworfen haben. Das überstehen selbst Schiffsmotoren für eine begrenzte Zeit. Es brauchte aber dann schon einen ausgewachsenen Admiral, um Russland dahinter zu vermuten. Nicht einmal die allzeit bereite Systempresse war auf die Idee gekommen, diesen Vorfall Putin in die Schuhe zu schieben – dem eigentlichen Schuhträger allerdings leider auch nicht.

Die beiden Übeltäter sind ein griechischer und ein rumänischer Zeitarbeiter, die seit 2022 für die Werft arbeiten und zum Lohn dafür in regelrechter Käfighaltung untergebracht werden: Ein Einfamilienhaus wurde für die „Gastmonteure“ reserviert, und bei der Anzahl solcher „Gastmonteure“ kann man getrost von mehreren Etagenbetten pro Zimmer ausgehen, ganz ähnlich, wie man dies zu Beginn der Gastarbeiter-Ära in den frühen 1960er Jahren bei den Türken gewohnt war (und auch noch in diesem Jahrhundert in der westfälischen Fleischindustrie). Das Problem bei diesen „Gastmonteuren“: wenn man sie mangels Aufträgen nicht braucht, werden sie auch schnell mal „entgastet“. Die logische Gegenwehr der dadurch Bedrohten: sie sorgen zuweilen dafür, dass die Schiffe länger im Dock bleiben – beispielsweise eben durch Sand im Getriebe. Und genau das ist wohl passiert. Und weil das Vorgehen in der Branche bekannt (und zudem derart offensichtlich) war, kam nicht mal die Qualitätspresse auf die Idee, in diesem Fall Putin zu rufen.

Offene Sabotage

Nun muss man festhalten, dass alles – einschließlich der Zeitarbeitsfirma – Blohm & Voss gehört. Arbeit muss so billig wie möglich sein. Also schafft man sich moderne Sklaven. Arbeitsrechtlich müssten Arbeiter, die seit 2022 ununterbrochen für den Laden schuften, längst in Dauerbeschäftigungsverhältnisse überführt worden sein. Doch der andere Arm, die Gewerkschaft (im konkreten Fall die IG Metall), der sich um solche Missstände kümmern müsste , ist derart damit beschäftigt, sich an den Beiträgen der unbelehrbar verblödeten Beschäftigten, die immer noch der Gewerkschaft angehören, zu bereichern, dass sie dazu offenbar nicht kommt. Der Schwager eines Gewerkschaftsfunktionärs ist Vorstand bei Blohm & Voss, seine Frau sitzt im Aufsichtsrat und so weiter. Und damit ist das Problem formuliert: Die Firma erwartet absolute Loyalität ihrer Belegschaft, ohne selbst ihr gegenüber auch nur infinitesimal loyal zu sein (ganz Ähnliches erlebt man derzeit übrigens auch bei Volkswagen, wo Leute rausgeworfen werden, während sich der Vorstand über buchhalterische Tricks „Boni“ bis zu 1,75 Millionen Euro genehmigt; quid pro quo). Warum also sollten sie noch loyal sein?

Das Problem tritt hier ziemlich drastisch durch offene Sabotage zutage, ist aber sehr viel allgemeiner – denn es ist inzwischen in der gesamten Republik so, dass von oben her Loyalität erwartet wird, ohne dass etwas zurückkommt. Der stille Vertrag, wonach der normale Bürger erwarten kann, dass sein Wohlstand gewahrt wird und er seine Ziele mit etwas Mühe auch erreichen kann, ist längst gebrochen. Man darf schuften, kommt nicht weiter und sieht zusätzlich noch voll rundum versorgte “Flüchtlinge” faul in der Gegend herumlümmeln (denen es – das sollte der Vollständigkeit halber hinzugefügt werden – nicht besser geht, denn es gibt für sie auch keine wirkliche Chance, aus der Situation auszubrechen); warum also sich auf der Arbeit noch abmühen, zumal besonderer Fleiß im Sozialismus ohnehin dazu führt, dass die Normen weiter angehoben werden, ohne das man etwas davon hat?

Bürokratische Erlahmung statt Leistung

Deshalb erleben wir diese unterschwellige Sabotage, diese innere Aufkündigung der Loyalität dem System gegenüber, inzwischen täglich und vielfach. Man will etwas vom Amt oder von eigenen Arbeitgeber? „Beantragen Sie einen Termin! Vielleicht in 6 Wochen.“ Der Eindruck drängt sich bei vielen auf auf: Wieso sollte ich mich anstrengen, wenn andere ebenfalls keinen Bock und keine innere Motivation mehr haben, Leistung zu bringen? Also bestenfalls noch Dienst nach Vorschrift, alles wird buchstabengetreu bis zum abschließenden Punkt bewertet – und das bloß nicht zu schnell. Die Standardlosung in den Verwaltungen: „Was du morgen kannst besorgen, das verschieb‘ auf übermorgen.“ Die To-Do-Listen sind meist weniger umfangreich als die Let-It-Be-Listen. Als Beispiele für die resultierende Inflexibilität einige Erfahrungen noch aus Corona-Zeiten, als Beschäftigte Schnelltests vorlegen mussten: Die Tests waren nur 10 oder 12 Stunden lang gültig, weshalb ie Arbeitnehmer aufgefordert wurden, die Arbeitsstelle um 16:20 Uhr zu verlassen, weil die Gültigkeit abgelaufen war (normales Dienstende 17 Uhr). An Wochenenden waren Beschäftigte mutterseelenallein auf der Arbeitsstelle; der Betrieb verlangte aber trotzdem einen gültigen Test – was nicht so einfach war, denn die meisten Teststellen hatten am Wochenende geschlossen.

Auch nach Corona zieht sich das weiter durch; die monotone Bürokratie herrscht überall. Wer einmal einen simplen Antrag bei irgendeiner Stelle gestellt hat, kennt die Abläufe: Der betreffende Sachbearbeiter ist nicht zuständig, stellt das aber erst nach mehreren Wochen fest. Der Antrag enthält Formfehler, die erst beseitigt werden müssen, auch das erst nach Wochen; also zurück auf Anfang. Man könnte dem Antrag zwar durchaus entsprechen, das läge durchaus im Ermessensspielraum; aber warum anderen etwas zugestehen, wenn es einem selbst dreckig geht? Wenn man von oben allenfalls einen Rüffel bekommt, aber nie ein Lob? Was tut man also? Genau: Man lehnt ab –, weil in der Vorschrift der Farbton RAL 4711 steht und der Antragsteller RAL 4708 beantragt. Das geht natürlich gar nicht! Und auch das dauert wieder Wochen. Und so ist es mit vielem.

Verhindern, was sich verhindern lässt

Kleiner Auffahrunfall mit schnell behebbarem Lackschaden? Die Aussage der Werkstatt „machen wir für 300 Euro“ geht gar nicht: Die Versicherung besteht auf einem Gutachten (das kostet), der Gutachter macht nach Rücksprache mit der Werkstatt ein „nicht mehr fahrtüchtiges Fahrzeug“ daraus (das kostet auch), der Eigentümer des Vehikels findet das selbst komisch, doch der Anwalt der Werkstatt überzeugt ihn, dass das so sein muss (kostet ebenfalls). Die Reparatur – Schleifen und Lackieren – dauert dann vier bis sechs Wochen und kostet 5.000 bis 6.000 Euro. Auf den schrägen Blick des Eigentümers bekommt dieser von der Werkstatt dann zu hören: „Ein bisschen was müssen wir ja auch verdienen!” Und der Sachbearbeiter bei der Versicherung hakt einfach nur ab. Es ist ja nicht sein Geld. Das Ganze war zwar ein ausgemachter Versicherungsbetrug – aber den kann man ja an die Versicherten weiter reichen. Hochstufung der Schadensfreiheitsklasse, höhere Beiträge… aber jeder weiß doch sowieso, dass die Kosten in allen Bereichen steigen. Also, was soll’s?

So wird Arbeit, wenn überhaupt noch, schlecht bis gar nicht gemacht. Was verhindert werden kann, wird verhindert; was nicht verhindert werden kann, wird trotzdem verhindert. Und wenn irgendwo Profit aus dem Ganzen zu holen ist, dann macht man das, weil man weiß, dass die Kontrollen genauso nicht funktionieren und die Sabotage nicht auffällt.
Das Establishment hat den Vertrag gebrochen, verlangt aber weiter Loyalität. Nur bekommt es die nicht mehr und das System versumpft noch schneller. Und das Problem: selbst wenn man die Spitze austauschen würde und die neue Spitze vorhat, den Vertrag zu erneuern und einzuhalten, ist unten so viel kaputt gegangen, dass auch der Reparaturversuch mutmaßlich schief geht. Erst wenn alles am Boden liegt und es keinem mehr besser geht als dem nächsten, besinnt man sich vielleicht eines Anderen. Es sei denn, man gibt vorher noch den Russen die Schuld.

4 Kommentare

  1. In ihrer Regulierungswut könnte die Regierung auch noch auf die Idee kommen, die Bürger und Unternehmer per Gesetz zu verpflichten, ihm zu vertrauen und loyal zu sein. Nur: Vertrauen und Loyalität kann man nicht befehlen. Sie müssen langsam wachsen, was vor allem Verlässlichkeit und Respekt auf beiden Seiten erfordert. Die Begriffe wie Vaterland und Treue etc. sind abqualifiziert. Nun kommt die Regierung und fordert von der Industrie patriotisches Verhalten. Als ob ein Unternehmen aus Liebe zum Vaterland – dieser Begriff wird in der höchsten Not seltsamerweise hervorgekramt – gerne Verluste macht!

  2. Herr Brands,den Untergang haben unsere Diener des Volkes, in Wirklichkeit eine treulose Beamtenkaste selbst eingeläutet.
    Mit dem Ende der alten Industrie,werden auch die alten Parteien verschwinden.

    1
    1
  3. Deutsche Wertarbeit: Nur noch eine Lachnummer.
    Werte- und Wissensverfall seit Beginn der Besatzung, Sittenverfall seit den Sechzigern, Absahneregozentrismus und Bissness im Yankee-Stil seit den 80ern, Spaßgesellschaft seit den 90ern, Geiz-ist-Geil-und-wir-hams-ja-Mentalität zur Jahrtausendwende, Kultimultibuntiwahn seit den 2010ern. 80 Jahre lang nachhaltig ganze Zerstörungsarbeit geleistet.