Die Schuld in der Teetasse

Die Schuld in der Teetasse

Friesentee-Gedeck mit Stövchen: Kein Lebensbereich bleibt Deutschlands woken akademischen Jakobinern unverdächtig (Symbolbild:Imago)

Es gibt Gegenstände, die so harmlos wirken, dass man lange glaubte, sie seien dem politischen Zugriff entzogen. Eine Tasse Tee schien bislang vor allem eines zu sein: heiß, kräftig, mit Kluntje und Sahne und gerade in Ostfriesland Teil einer über Jahrhunderte gewachsenen Alltagskultur. Vergangenen Monat haben Wissenschaftler der Universität Oldenburg entdeckt, dass selbst in dieser Tasse eine Geschichte steckt, die nach ihrem Verständnis nicht ausreichend erzählt wird: In einem offenen Brief kritisieren die Wissenschaftler den öffentlichen Umgang mit der regionalen Teekultur. Sie verweisen auf “koloniale Gewalt” in den Anbaugebieten und bemängeln, dass faire Produktionsstrukturen nur begrenzt gefördert würden. Besonders kritisch sehen sie, dass Ostfriesland Trinkrekorde feiert und mit der Formel „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“ wirbt. Entstanden ist der Brief aus einem Seminar über die Verflechtungen von Kirche, Kolonialismus und Versklavung in den Niederlanden und Norddeutschland, wie der “Norddeutsche Rundfunk“ (NDR) geradezu elektrisiert berichtet.

Nun besitzt Tee selbstverständlich eine globale Geschichte, die durchaus mit Kolonialismus und Ausbeutung verwoben ist. Wer ein Teemuseum betreibt, sollte durchaus über beides informieren – und das Ostfriesische Teemuseum in Norden tut  dies bereits. Doch das reicht nicht mehr – was den Vorgang an einer ganz anderen Stelle interessant macht: Warum genügt es nicht mehr, eine historische Kulturpraxis historisch zu erklären? Warum muss aus der Herkunft eines Produkts eine moralische Infragestellung der heutigen Teekultur und Praxis werden?

Der Tee auf der Anklagebank

Ostfriesische Teekultur ist kein Marketinggag. Seit rund 300 Jahren prägt sie den Alltag der Region, seit zehn Jahren steht sie im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Man könnte meinen, eine Universität würde mit einer gewissen intellektuellen Zuneigung auf diese Kultur vor der eigenen Haustür blicken. Stattdessen jedoch entsteht einmal mehr jener eigentümliche Sound des Generalverdachts und des distanzierten, beschämten Fremdelns mit dem Eigenen. Die Tradition wird, wie so oft, nicht mehr von innen verstanden, sondern von außen auf ihre Schuldbeladenheit hin untersucht.

Natürlich stammt der Tee damals wie heute nicht aus Ostfriesland. Aber aus der historischen Verflechtung und gewachsenen Handelsbeziehungen wird allzu schnell eine moralische Kontamination. Dabei funktioniert Kultur seit Menschengedenken durch Aneignung: Die Kartoffel stammt nicht aus Deutschland, Tomaten nicht aus Italien, Kaffee nicht aus Wien. Kulturen bestehen seit jeher darin, Fremdes aufzunehmen, umzuformen und als Eigenes weiterzugeben. Niemand würde behaupten, die Wiener Kaffeehauskultur sei unecht, weil Kaffee nicht aus den Alpen stammt. Und ebenso wenig verliert Ostfriesentee seine kulturelle Eigenständigkeit dadurch, dass die verwendeten Teeblätter aus Assam oder Ceylon kommen. Das Eigene liegt nicht im geographischen Ursprung des Rohstoffs, sondern in der Form, die eine Gemeinschaft ihm gegeben hat. Ostfriesen haben den Tee – genauso wenig übrigens wie die Briten, die die europäische Teekultur auf die Spitze getrieben haben – erfunden. Sie haben die ostfriesische Teekultur erfunden.

Aneignung war einmal Kultur

“Kulturelle Aneignung”, heute ein woker Kampfbegriff, ist die Normalform menschlicher Zivilisation. Die Römer eigneten sich griechische Philosophie an; Europa übernahm aus der arabischen Welt mathematisches Wissen. Ohne Aneignung gäbe es keine Kulturgeschichte, sondern nur isolierte ethnographische Reservate. Dass Tee über koloniale Handelswege nach Europa gelangte, gehört zu seiner Geschichte – aber dass Ostfriesen daraus über Jahrhunderte eine spezifische Zeremonie entwickelten, gehört ebenso dazu. Wer nur die erste Geschichte moralisch auflädt und die zweite degradiert, betreibt selektive Geschichtsschreibung.

Besonders verräterisch ist die Kritik an der Formel „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“. Diese bezeichnet eine traditionelle Regel der Gastfreundschaft und keinen Herrschaftsanspruch. Doch heute soll eine Gemeinschaft ihre Geschichte nicht einfach nur feiern, sondern sie problematisieren. Kritische Reflexion ist zwar noch kein Schaden; doch wenn sich eine Kultur nur noch im Modus der Selbstkritik begegnen darf, verliert sie die Fähigkeit zur Selbstbejahung. Hier zeigt sich eine Asymmetrie: Bei Capoeira ebenso wie bei einer japanischen Teezeremonie dominiert die Sprache der Wertschätzung. Doch bei europäischen Mehrheitskulturen werden Traditionen nicht nur erklärt, sondern moralisch verhört. Die postkoloniale Theorie benötigt eine Geschichte von Zentrum und Peripherie. Problematisch wird sie, wenn sie zum universellen Deutungsschlüssel wird: dann steckt der Kolonialismus irgendwann in der Teekanne und im Weihnachtsgebäck, und nichts ist mehr einfach überliefert.

Die Erbsünde als kulturwissenschaftliche Methode

Darin liegt eine Nähe zur Erbsünde. Der heutige Ostfriese hat niemals irgendeine Plantage betrieben, trotzdem soll seine Kultur künftig stärker im “Bewusstsein historischer Gewalt” praktiziert werden. Generative Schuld wird von konkreter Handlung gelöst und in historische Strukturen verlagert. Man steht in einem Haftungszusammenhang, weil man etwas geerbt hat. Am Ende bleibt so kaum eine Institution der europäischen Moderne übrig, deren Geschichte nicht auf frühere Ausbeutung verweist. Das wird dann absurd, wenn daraus ein permanenter moralischer Gegenwartsgewahrsam entsteht.

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Kolonialgeschichte in ein Teemuseum gehört (selbstverständlich gehört sie da hinein!) – sondern, was daraus folgen soll. Soll ein Besucher besser verstehen, wie Tee nach Ostfriesland kam? Oder soll er seine heutige Tasse nur noch mit moralischen Schluckbeschwerden trinken oder nur unter Gesinnungsvorbehalt genießen dürfen? Wo Geschichtswissenschaft und politische Pädagogik ineinanderfließen, wird aus Aufklärung leicht Gegenwartserziehung. Dann geht es nicht mehr allein um Vergangenes, sondern darum, wie Gegenwärtige ihre Tradition “richtig” zu leben haben. Wenn in Seminaren und professoralen offenen Briefen derlei angemahnt wird, ist dies nicht mehr nur Bevormundung, sondern damit verschiebt sich auch die Rolle der Universität. Dass sie erforscht, wie sich die Teekultur entwickelt, ist statthaft und sinnvoll. Aber mit welchem Recht wird daraus eine moralische Autorität darüber abgeleitet, wie Ostfriesen ihre Tradition pflegen? Der Großvater braucht keinen universitären Dispens für „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“.

Der Konsument als letzter Richter

Wenn sich Wissenschaft sich nicht mehr auf Analyse und Ergründung beschränkt, sondern als normative Instanz auftritt, wird aus Forschung Haltung – eine Entwicklung, die in zahlreichen Disziplinen von der Literaturwissenschaft bis zur Biologie, von der Philologie bis zur Klimaforschung Einzug gehalten hat. Das ist für die Wissenschaft selbst gefährlich. Wohltuend prosaisch wirkt da die Reaktion des ostfriesischen Landschaftsdirektors Matthias Stenger: Am Ende entscheide sich der Kunde häufig für das günstigere Produkt. Der Verbraucher lebt nicht in einem Seminarraum. Man kann ihn informieren. Doch eine freie Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass die moralisch erwünschte Kaufentscheidung nicht zur einzig legitimen wird. Menschen trinken ihren Tee, weil es elf Uhr ist.

Dabei könnte man auch eine ganz andere Geschichte erzählen: Ein asiatisches Getränk gelangt über niederländischen Handel an die Nordseeküste. Eine Region eignet es sich an. Über Generationen entsteht ein Ritual, das heute Kulturerbe ist. Globalisierung und Heimat müssen keine Gegensätze sein. Das Fremde wird verwandelt. Man könnte beides zugleich erzählen: koloniale Schatten und kulturelle Eigenständigkeit. Darin bestünde historische Reife. Früher wurden Bräuche gelebt und so gepflegt. Heute sollen sie „kontextualisiert“ und „kritisch hinterfragt“ werden. Bewahren beginnt mit einer positiven Vermutung – Aufarbeitung beginnt mit einer negativen. Wenn das Verhältnis kippt, verändert sich das kulturelle Selbstbewusstsein. Eine Gemeinschaft, die ihre Traditionen hauptsächlich als Problemfälle kennenlernt, wird sie irgendwann nicht mehr weitergeben. Der Brauch stirbt durch Seminarisierung.

Heimat unter Fußnotenvorbehalt

Das Eigene, Indigene, kurzum: Heimat entsteht aus Vertrautheit und Zugehörigkeit. Sie benötigt Dinge, die zunächst gelten dürfen. Eine Teezeremonie besitzt keinerlei politische Großartigkeit. Man setzt sich zusammen und redet. Gerade deshalb ist sie kulturell wichtig. Zivilisation besteht aus solchen kleinen Formen. Wer sie nur nach ideologischer Reinheit bewertet, versteht nicht, wie Gemeinschaft funktioniert. Sie entsteht am Tisch. Das postkoloniale Denken globalisiert den moralischen Verantwortungsraum. Der Teetrinker soll die gesamte Gewaltgeschichte des Produkts mitdenken. Konsum wird permanente Weltverantwortung. Daraus entsteht irgendwann keine bessere Gesellschaft, sondern eine erschöpfte. Kultur hat die Funktion, Komplexität zu reduzieren. Der Tee bedeutet dem Ostfriesen nicht Assam und Kolonialismus. Er bedeutet Besuch, Pause und Heimat.

Vielleicht ist dies eine unterschätzte Tugend: die Fähigkeit, nicht alles zugleich zu problematisieren. Eine Tasse Ostfriesentee darf eine Tasse Ostfriesentee sein, obwohl der Welthandel, der sie nach Europa brachte, keine makellose Veranstaltung war. Wer das nicht erträgt, verwechselt historisches Bewusstsein mit historischer Gefangenschaft.

Zwischen Aufklärung und kultureller Selbstverachtung

Die Ostfriesische Landschaft reagiert vernünftig: Gesprächsbereitschaft und Zurückweisung pauschaler Kritik. Die Region verschweigt das Thema nicht. Doch der neue Anspruch verlangt nicht bloß Wissen, sondern sichtbare Distanz. Damit wird aus Aufklärung kulturelle Selbstverachtung: Aufklärung fügt Wissen hinzu; Selbstverachtung zieht Legitimität ab. Vielleicht sollte man den Wissenschaftlern jene Gelassenheit empfehlen, die in der ostfriesischen Teezeremonie steckt: Man rührt gerade nicht um, das Bittere, das Milde und das Süße bleiben getrennt – und werden dennoch gemeinsam getrunken. Auch Geschichte muss nicht zu einem moralischen Einheitsbrei verrührt werden. Der Tee kann koloniale Geschichte besitzen und ostfriesisches Kulturerbe sein. Menschen können aus der Vergangenheit lernen, ohne sie bei jedem Frühstück zu büßen.

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Vielleicht liegt darin jene historische Reife, die eine selbstbewusste Gesellschaft von einer neurotischen unterscheidet: Die eine kennt ihre Schatten und lebt weiter; die andere untersucht so lange ihre Schatten, bis sie das Licht selbst verdächtig findet. Wer die Geschichte ergänzen möchte, soll das tun. Wer über Ausbeutung informieren will, hat jedes Recht dazu. Aber das verlangt keine kulturelle Selbstanklage. Das Wulkje muss nicht “dekolonisiert”, „Drei Tassen sind Ostfriesenrecht“ müssen nicht erst durch ein Seminar genehmigt werden. Manchmal ist eine Tradition tatsächlich einfach nur eine Tradition.

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6 Kommentare

  1. @Vergangenen Monat haben Wissenschaftler der Universität Oldenburg entdeckt, dass selbst in dieser Tasse eine Geschichte steckt,
    wer bezahlt das und bezahlt der freiwillig ?
    Wenn es Steuergelder sind, abschaffen und auflösen !
    Teetassengeschichte ist nichts, was eine Universität zu erforschen hat !

  2. Bloß nicht tote Erwecken. Dann wählen die Teeschlürfer noch CDU statt SPD. Das könnte zu Verwerfungen kommen. Es ist alles geregelt und vorprogrammiert meine Herrschaften. Es ist seit der letzten Wahl alles in Sack und Tüten. Im Norden ist eben alles so wie es is. Ich hoffe nur, das man im Ost – Norden anders denkt. Die SPD spielt darauf, das die Konkurenz der Einheimischen ausstirbt. Wenn der ganze SPD Dreck mit seinen wohlhabenden Linken aus Hamburg nach MV flüchtet, wird es ernst. Dort laufen schon viele Spinner mit Rastalocken aus Altona rum. Die belehren seit Jahren die Nord – Ossis, wie man zu duschen und zu Scheißen hat.. Die haben ihr Dreckloch verlassen und belästigen in MV nun mit ihrer Arroganz und ihrem Wessitum die Menschen. Ich warte auf den Tag, wenn diese Menschen zusammen mit ihren Goldstücken über die ehemaligen Grenzen abhauen müssen. In Helmstedt ist der Grenzübergang noch zu reparieren. Dort könnte man eine neue Straße von Hormuz aufbauen.

  3. Dazu paßt, daß eine Gleichstellungsbeauftragte (fem.) der Stadt München Anstoß nimmt und Änderungen verlangt am Schaustellerbild, das seit 80 Jahren unbeanstandet über dem Betrieb prangen durfte
    – und daß gleichzeitig die Stadt eine Perversenparade finanziell unterstützt. Realität hat keine Moral. Da paßt der Neubauer zugeschriebene Leitsatz: Lieber Doppelmoral als keine Moral.

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