„Die schwarze Frau hat Zähne weiß wie Schnee!“ – Peter Huths neuer Roman „Der Aufsteiger“

„Die schwarze Frau hat Zähne weiß wie Schnee!“ – Peter Huths neuer Roman „Der Aufsteiger“

Autor Peter Huth: Rachefeldzug gegen eine von ihm selbst mitgeprägte Welt (Foto: Droemer Verlag)

Der alte Wittig erzählt von den schönsten Jahren seines Lebens, seine trüben Augen beginnen zu funkeln: „Ich war Soldat, EK1, EK2, jetzt bin ich kaputt. Aber im Kopf noch voll da!“ (zur Info: “EK” steht für Eisernes Kreuz). Sohn Ernie sitzt teilnahmslos daneben, er hat diese Geschichten hunderte Male gehört. Vater Wittig blickt auf ein vergilbtes Foto, das ihn in Marine-Uniform zeigt. „Herrlich“, sagt er auf einmal ganz sanft, „ich würd alles drum geben, wenn ich noch mal mitmischen dürfte. Immer zu fressen, immer zu ficken – die schwarze Frau hat Zähne weiß wie Schnee! Und dann diese Kameradschaft.“

An obige Szene, ein Auszug aus einem Porträt über einen Flitzer, das ich vor vielen Jahren schrieb, musste ich denken, als Felix Licht, der Protagonist aus dem neuen Roman des früheren WELT-Chefredakteurs Peter Huth, das Objekt seiner ewigen Begierde beschrieb: Zoey. 31. Schwarz. „Wunderschön“. „Weiße Zähne“. „Wunderschöne weiße Zähne“, wie Licht nicht müde wird zu betonen. Allerdings vergleicht er Zoeys Zähne nicht mit Schnee, wie Vater Wittig, er vergleicht sie mit Perlmutt. Hmm. Egal, miese Vergleiche sind noch das geringste Problem in Huths zweitem Roman.

„Der Aufsteiger“ präsentiert sich als scharfes Porträt der Berliner Medienszene, doch bei genauerer Betrachtung entpuppt er sich als müder Versuch, autobiografische Ressentiments unter dem Deckmantel der Fiktion zu kaschieren. Der Protagonist Felix Licht, ein ehrgeiziger Journalist, der alles für den Aufstieg opfert, ist kein fiktiver Archetyp, sondern ein Spiegelbild Huths selbst. Die Parallelen sind so evident, dass der Roman weniger als literarisches Kunstwerk wirkt, denn als eine Art Selbsttherapie, in der der Autor seine eigenen Frustrationen projiziert. Statt subtiler Verflechtung von Realität und Erfindung dominiert eine peinliche Transparenz, die den Leser ständig aus der Immersion reißt und an Huths Hybris erinnert: Als ob die Welt der Medien erst durch seine Brille an Tiefe gewinnt.

Die Antipathie der Figuren: Ein Chor der Unsympathie

Selten hat ein Roman eine so einheitlich abstoßende Galerie von Charakteren hervorgebracht wie „Der Aufsteiger“. Jede Figur, vom ambitionierten Felix Licht bis hin zu den opportunistischen Verlagsmachern Christian und Charlotte Berg, erscheint als Karikatur eigennütziger Eitelkeiten – berechnend, selbstbezogen und bar jeder nuancierten Humanität. Besonders der Protagonist Licht verkörpert diese Antipathie: Ein Mann, der Beziehungen, Familie und Integrität für den Chefredakteursstuhl opfert, ohne je eine Spur von Selbstreflexion zu zeigen. Man empfindet Mitleid nicht mit ihm, sondern mit dem Leser, der gezwungen ist, diese Figuren zu ertragen. Huths Versuch, sie als Spiegel der Medienbranche zu verkaufen, scheitert an der Oberflächlichkeit; stattdessen wirken sie wie Puppen in einem Rachefeldzug gegen eine Welt, die Huth selbst mitgeprägt hat. Die Sympathielosigkeit ist nicht künstlerische Absicht, sondern Symptom einer Erzählhaltung, die Empathie verweigert.

Die Anachronismen der Themen: Klimakleber und Gender als Relikte einer vergangenen Agenda

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten sich radikal weiterentwickelt haben, muten Huths Behandlung von Themen wie Klimakleber, Greta Thunberg und Genderfragen geradezu archaisch an – lächerlich in ihrer Unzeitgemäßheit. Diese Motive, die vor Jahren noch polarisierten, werden hier von allen Figuren – bis auf den karikaturesken „bösen Blogger“ – mit einer Ernsthaftigkeit behandelt, die an Naivität grenzt. Der Roman, der (angeblich) bereits vor zwei Jahren fertiggestellt wurde, wirkt dadurch wie ein Zeitkapsel aus einer Ära, in der solche Themen noch irgendjemanden interessierten; heute erzeugen sie nur ein mitleidiges Schmunzeln.

Die Karikatur des Bösen: Blogger und Geldgeber als Sündenböcke

Besonders infam ist Huths Darstellung des „bösen Bloggers“ und des Geldgebers, die als eindimensionale Schurken gezeichnet werden, allein weil sie eine abweichende Meinung vertreten. Der Blogger, eine grobe Mischung aus Julian Reichelt und Joachim Steinhöfel, wird nicht als nuancierte Figur entworfen, sondern als Hetzer, der die Medienwelt bedroht – ein klares Indiz für Huths Hybris, wonach alles Nicht-Papierbasierte (wie Blogs) minderwertig ist. Der Begriff „Blogger“ selbst verrät die verfehlte Arroganz eines Gestrigen, der die digitale Disruption als Bedrohung empfindet. Ähnlich wird der Geldgeber als reaktionärer Finanzier von „rechten“ Ideen diffamiert, was Huths linksliberale Einstellung in den Vordergrund rückt. Diese Figuren dienen nicht der Erzählung, sondern als Vehikel für den Autor, um seine politischen Vorurteile zu entladen – ein Mangel an literarischer Fairness, der den Roman zu einem Pamphlet degradiert.

Die Obskurität der Namen: Ein mutloser Versuch der Tarnung

Huths Strategie, reale Entitäten durch pseudofiktive Namen zu verschleiern – das „Magazin“ als letztes Überbleibsel der Print-Ära, das Restaurant „Berndstein“ als Parodie auf Borchardt –, ist nicht nur mutlos, sondern kontraproduktiv. Der Leser, der mit der Medienszene vertraut ist, erkennt sofort die Vorbilder: Das Verlegerpaar Berg als Echo der Friedrichs, das „Magazin“ als Hybride aus SPIEGEL, BILD und FOCUS. Diese Tarnung unterbricht den Lesefluss ständig, da man gezwungen ist, die Parallelen zu entschlüsseln, statt in die Handlung einzutauchen. Huths Absicht, die Leute unkenntlich zu machen, scheitert kläglich; stattdessen entsteht ein Gefühl der Lächerlichkeit, als ob der Autor fürchtet, die Wahrheit zu enthüllen. In einer Branche, die auf Transparenz pocht, wirkt diese Verschleierung wie intellektuelle Feigheit.

Die Schockfigur Zoey: Eine lächerliche und ekelhafte Provokation

Die Figur Zoey Rauch, Lichts „große Liebe“, ist ein Paradebeispiel für einen dilettantischen Schockeffekt. Schwarz? Check! Trans? Check! Abgeschnittener Penis? Check! Künstliche Vagina? Check! Doch all das schockt nicht, sondern erzeugt nur ein mitleidiges „Ach, Peter, echt jetzt?“.

Und dann diese eine Szene, Zoey steht vor Lichts Schreibtisch, nackt, ihr Blick sagt: „Nimm mich!“ Doch Huth, ähhh, Licht, obwohl schwerstes verliebt, greift natürlich nicht zu, schließlich ist Zoey in dieser Szene seine Volontärin, eine Schutzbefohlene also, und Huth ist ja nicht Julian Reichelt, nicht wahr?! Ich habe diese Szene einer Kollegin erzählt, mit der ich in den Neunzigern unter Huth bei BILD gearbeitet habe. Sie prustete: „Ausgerechnet Peter!“

Die Vorstellung des abgeschnittenen Penis wirkt nicht provokativ, sondern eklig und reduktionistisch, während Huth die Schattenseiten des Trans-Themas systematisch verschweigt: Die alarmierend hohe Suizidrate unter Transpersonen, die physischen Verstümmelungen durch Operationen, die Reue vieler Betroffener und die Langzeitfolgen hormoneller Therapien. Statt kritischer Auseinandersetzung nutzt Huth das Thema für billigen Ekel, was den Roman nicht nur intellektuell arm, sondern auch ethisch fragwürdig macht.

Die Wurzeln der Vorurteile: Nachwendejahre und das Gespenst des Rechten

Huths Sicht auf das Politisch-Rechte, die den Roman durchzieht, ist geprägt von seinen Nachwendejahren in Ostdeutschland – jener Zeit der sogenannten „Baseball-Schläger-Jahre“, in der er als junger Journalist in Halle arbeitete. Dort formte sich sein Bild von Rechten als inherent böse, nazistisch infizierte Figuren, die überall lauern. Diese Prägung führt zu einer paranoid-dichotomen Weltanschauung: Alles Rechte ist böse, alles Linke (außer den Heuchlern) erhaben. Der Roman perpetuiert diese Vereinfachung, indem er Rechte als cartoonhafte Antagonisten darstellt, ohne die Komplexität postkommunistischer Traumen zu beleuchten. Huths Ostdeutsche Erfahrung, die er mit Felix Licht teilt, wird so zum Alibi für eine einseitige Ideologie, die den Leser in eine intellektuelle Sackgasse führt.

Das apokalyptische Finale: Ein unnötiger Katastrophenrausch

Am Ende des Romans sterben fast alle Figuren – ein dramatisches, aber willkürliches Massaker, das weder thematisch begründet noch künstlerisch überzeugend ist. Warum diese Orgie des Todes? Offenbar dient sie Huth als kathartischer Ausbruch, um die korrupte Medienwelt zu tilgen, ohne nuancierte Konsequenzen zu ziehen. Der Mahlstrom aus Eitelkeiten und Fake News kulminiert in Leichenbergen, was weniger als Höhepunkt wirkt, denn als verzweifelter Versuch, Spannung zu erzeugen. In einer Erzählung, die bereits von Oberflächlichkeit geplagt ist, wirkt dieses Finale wie ein intellektueller Bankrott: Statt Reflexion endet alles in Nihilismus.

Im Vergleich zu Huths vorherigem Werk „Der Honigmann“, das durch seine zähe Mittelschichtsatire den Leser ermüdete, liest sich „Der Aufsteiger“ zumindest flüssiger und dynamischer – ein Fortschritt, den ich, als Branchenkenner, zugeben muss. Die journalistische Präzision Huths sorgt für Tempo, und die Insider-Details machen es für Eingeweihte erträglich. Doch selbst diese Relativierung ändert nichts an den grundlegenden Mängeln: Der Roman bleibt ein enttäuschendes Zeugnis intellektueller Selbstbesessenheit.

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