
Saudi-Arabien wollte weniger abhängig von Amerika werden. Nun erfährt es möglicherweise die erste Lektion darüber, was Unabhängigkeit im Nahen Osten kostet.
Während die Houthis, der verlängerte Arm Teherans im Jemen, saudische Interessen bedrohen und das Königreich unter Druck setzen, hat Riad mit Pakistan und der Türkei gerade eine neue Sicherheitsarchitektur auf den Weg gebracht. Zugleich bitten die Saudis Washington um militärische Hilfe – bekommen sie in der gewünschten Form jedoch nicht. Diese Verstimmungen sind mehr als eine Episode des Jemenkriegs; hier zeichnet sich ein bemerkenswertes Kräftemessen über die künftige Ordnung am Golf ab.
Offenbar will Saudi-Arabien nämlich mehrere Dinge gleichzeitig: amerikanischen Schutz, strategische Eigenständigkeit, neue Sicherheitsgarantien aus der islamischen Welt – und außenpolitische Bewegungsfreiheit gegenüber Israel. Nur eines davon dürfte auf Dauer nicht funktionieren: die Erwartung, Washington werde im Ernstfall weiterhin bedingungslos die Feuerwehr spielen. Die amerikanische Zurückhaltung verdient gerade vor diesem Hintergrund besondere Aufmerksamkeit. Man muss nicht die Verschwörungstheorie bemühen, Washington bestrafe Riad nun wegen seiner Zurückhaltung bei den Abraham-Abkommen; dafür fehlt jeder Beweis.
Logik schwer zu übersehen
Aber die politische Logik ist schwer zu übersehen: Trump hat die Normalisierung Saudi-Arabiens mit Israel zu einem wichtigen Baustein seiner Nahostpolitik gemacht. Riad weiß das – und Washington weiß, dass Riad es weiß. Die Botschaft aus Washington könnte deshalb sehr nüchtern lauten: Ihr wollt eure strategische Freiheit? Dann müsst ihr auch die Konsequenzen dieser Freiheit tragen! Das wäre keine Strafe im klassischen Sinn, aber eine Unannehmlichkeit, eine präsentierte Rechnung. Riad hat in Ankara und Islamabad neue Partner gefunden. Nun lässt sich beobachten, wie viel diese Partnerschaft tatsächlich wert ist, wenn nicht auf einem Gipfel Händeschütteln gefragt ist, sondern militärische Macht. Ein Verteidigungsvertrag ist schnell unterschrieben. Eine Flugzeugstaffel über dem Jemen ist eine andere Angelegenheit.
Für Iran ist diese Entwicklung geradezu ideal: Teheran muss Saudi-Arabien nicht selbst angreifen. Es genügt, einen Verbündeten wie die Houthis so weit zu stärken, dass Riad seine Sicherheitsgarantien, seine Energieversorgung, seine Seewege und seine Beziehungen zu Washington gleichzeitig überdenken muss. Damit wird der Jemen zum Prüfstein einer viel größeren Frage: Wer schützt künftig die arabischen Golfstaaten – und zu welchem politischen Preis? Saudi-Arabien hat lange davon profitiert, dass genügend amerikanische Macht im Hintergrund vorhanden war, ohne dass Riad dafür gleich jede amerikanische Forderung erfüllen musste.
Türkisch-pakistanische Schutzgarantien oder Annäherung an Israel?
Das könnte sich bald ändern. Washington verlangt zwar keine bedingungslose Gefolgschaft – aber es erwartet eine Gegenleistung. Und Israel ist dabei längst kein Nebenschauplatz mehr. Die Abraham-Abkommen sind deshalb auch ein Test der saudischen Strategie: Riad kann die Normalisierung mit Israel hinauszögern, es kann sich an Ankara und Islamabad annähern. Es kann seine Beziehungen zu China und anderen Mächten ausbauen. Aber je stärker es versucht, mehrere Machtzentren gleichzeitig gegeneinander auszuspielen, desto größer wird das Risiko, dass im entscheidenden Moment keiner davon bereit sein wird, den Preis zu bezahlen.
Möglicherweise liegt darin der eigentliche Wink mit dem Zaunpfahl Donald Trumps in Richtung Mohammed bin Salman. Er sagt nicht: „Wir helfen euch nicht.“ Sondern er sagt: „Ihr wollt eine neue Ordnung im Nahen Osten? Dann entscheidet euch, welche Rolle ihr darin spielen wollt. Aber erwartet nicht, dass Amerika eure strategische Unentschlossenheit auf eigene Kosten absichert!“ Und exakt an diesem Punkt könnten die Abraham-Abkommen plötzlich vom diplomatischen Wunschprojekt zur strategischen Währung werden. Denn wenn Riad am Ende zwischen amerikanischer Sicherheitsmacht, einer bislang unbewiesenen türkisch-pakistanischen Schutzgarantie und einer historischen Annäherung an Israel wählen muss, wird sich zeigen, was den Saudis tatsächlich wichtiger ist: die Freiheit, sich alle Optionen offenzuhalten – oder die Sicherheit, die eine Entscheidung zur Festlegung kostet.
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Ein Kommentar
Die unbequeme Wahrheit: laut „Trading Economics“ verkaufen die USA rund 10,5 Millionen Barrel Rohöl und Raffinerieprodukte pro Tag und sind damit unangefochten Exporteur Nr. 1. Man hat gar kein Interesse, die weltweite Ölverknappung zu verhindern: der Rest der Welt zahlt doch bestens. Die wirtschaftlichen Konkurrenten – insbesondere Europa – sind (in energieintensiven Branchen) nicht mehr wettbewerbsfähig und werden (als ferner Hinterhof) wirtschaftlich auf Mittelamerika-Niveau runtergeschrumpft. Läuft. Russland kann davon nicht profitieren, weil die Kapazitäten weggebombt werden(durch den Proxy Korruptokraine). Und dass Saudi-Arabien in vielen Bereichen versucht hat, vom reinen Ölverkauf weg zur Petrochemie zu kommen, mit gewissem Erfolg, dürfte in den USA auch nicht Begeisterung hervorgerufen haben: jetzt steigen die US-Aktien wie CF Industries jedenfalls wieder…
Die Annahme, dass Trampel noch auf irgendwelche Verbündeten setzt, scheint ein Irrtum zu sein: es geht nur noch darum, Ressourcen für USrael weltweit zu plündern und die, die er nicht bekommen kann, zu zerstören. Das ist inzwischen USrael-Politik. Die lassen nur noch verbrannte Erde übrig. Kennt man aus der Region um ein gewisses Land: jetzt läuft es weltweit so. Wer gerade nicht auf der Agenda steht, darf vorübergehend noch Schutzgeld zahlen („Zölle“). Das scheinen die Saudis verstanden zu haben und sich den einzigen Schutz geholt, der gegen diese Typen langfristig hilft: Atomwaffen. Bisher nur mittelbar, aber warten wir mal ab, was da an „nuklearer Teilhabe draus wird…