Die unselige WM-Boykottdebatte: Moral nach Himmelsrichtung

Die unselige WM-Boykottdebatte: Moral nach Himmelsrichtung

Notausgang aus der WM-Teilnahme: Die Diskussion darüber zeigt das Ausmaß der moralischen Politisierung aller Lebensbereiche (Symbolbild:Imago)

2022, vor der WM in Katar, wusste “Spiegel”-Autor Nikolaus Blome ganz genau, was er von Boykottforderungen halten wollte: Nichts. Ein Boykott sei „Ablasshandel auf Kreisliganiveau“, Ausdruck einer deutschen „Moralsucht“, die sich an symbolischen Gesten berausche, ohne die politischen Realitäten zu verändern. Wer mit Katar Gasgeschäfte mache und Waffen liefere, könne nicht beim Fußball plötzlich das große Gewissen entdecken – so sinngemäß die Diagnose. Moralische Selbstinszenierung statt Realpolitik. Drei Jahre später empfiehlt derselbe Autor angesichts von Donald Trump nun ausgerechnet einen WM-Boykott in den USA als „sinnvollen Schritt“. Plötzlich soll genau jene symbolische Geste, die in Doha noch lächerlich war, zum probaten Mittel werden, um ein politisches Signal zu setzen. Die Menschenrechtslage ist offenkundig nicht härter, das Land ist eine demokratische Republik – aber der Präsident ist eben der falsche. Aus „Moralsucht“ wird Haltung, aus „Ablasshandel“ verantwortungsvolle Außenpolitik.

Damit ist die Logik offengelegt: Nicht der Instrumentalisierungsgrad des Fußballs ist das Problem, sondern das Ziel der Instrumentalisierung. Gegen eine islamische Erdölmonarchie mahnt Blome zur Mäßigung; gegen einen unliebsamen westlichen Präsidenten fordert er Härte. Moral wird zur Richtungsangabe: nach Osten Pragmatismus, nach Westen Boykott. Dass die WM nicht nur in den USA, sondern auch in Kanada und Mexiko stattfindet, scheint übrigens schon niemanden mehr zu interessieren.

Alle vier Jahre Empörung

Ein Überblick über die aktuelle Boykottdebatte zeigt, dass Blome kein Einzelfall ist, sondern Symptom einer größeren Verschiebung. Deutschlands Fußball-Spitze versucht erkennbar, die Wogen zu glätten. DFB-Präsident Neuendorf relativiert bei dpa die Äußerungen seines Vize Oke Göttlich, der „den Zeitpunkt gekommen“ sieht, über einen Boykott zu sprechen. Göttlich ist Chef des linken “Antifa-Clubs“ FC St.-Pauli und will als profilierter Politikfunktionär im Fußball die Diskussion weitertreiben, während Neuendorf und DFL-Boss Watzke versuchen, sie einzufangen. Man hört das Echo der vergangenen Turniere: 2018 Russland, 2022 Katar – jedes Mal moralische Aufregung, jede Menge Boykottforderungen, am Ende keine Konsequenz. Die Bilder bleiben: Putin unter dem einzigen trockenen Schirm in Moskau, Infantino im traditionellen Gewand des Emirs in Katar, bald womöglich grinsend neben Trump beim Finale in New Jersey.

Das Muster ist erkennbar: Die größten Bühnen des Fußballs werden zu Kulissen der Macht, während europäi-sche Debatten sich in symbolischen Gesten erschöpfen. Neuendorf und Watzke wissen genau, warum sie die Diskussion diesmal klein halten wollen. Die Regenbogen-Binde von Katar und die „Mund-zu“-Pose der DFB-Elf wurden zum ästhetischen Tiefpunkt einer ohnehin sportlich desaströsen WM. Ein Eigentor im doppelten Sinn: moralisch schrill, sportlich schwach. Genau diesen Nebenschauplatz sollten Boykottphantasien 2026 nicht noch einmal eröffnen.

Wenn Politik “Boykott” ruft – und ihn dann wegschiebt

Interessant ist auch der Umgang der Politik: Während britische Medien wie der “Guardian” spekulieren, „beispiellose Zeiten“ verlangten „bisher undenkbare Gespräche“ über einen Boykott, und in den Niederlanden eine Petition Hunderttausende Unterschriften sammelt, geben sich deutsche und französische Regierungen demonstrativ nüchtern. Eine Teilnahme-Entscheidung liege „ausschließlich bei den Verbänden“, betont Sport-Staatsministerin Christiane Schenderlein (CDU) gegenüber der dpa; Frankreichs Sportministerin Ferrari legt „Wert darauf, dass Sport und Politik getrennt werden“. Mit anderen Worten: Die Politik feuert die Moraldebatte rhetorisch an, verweist im Ernstfall aber auf die Autonomie des Sports. Sie will Haltung zeigen, ohne Verantwortung zu übernehmen. Und genau hier wird auch Blomes Doppelmoral exemplarisch: Der Journalist und politischer Kommentator verlangt vom DFB das, was die von ihm gebauchpinselte politische Klasse nicht zu tun bereit ist – den Bruch des offiziellen Rahmens.

Wenn Boykott wirklich so zwingend wäre, wie nun behauptet, müsste er politisch eingefordert werden. Stattdessen wird er zu einer moralischen Soll-Bestimmung, die man dem Sport überstülpt: Der Fußball soll das ausbaden, was die Politik sich nicht traut. Eine halbherzige Ausnahme ist der frühere FIFA-Präsident Joseph S. Blatter, der Fußballfans aufgrund von Sicherheitsbedenken lediglich von der Reise in die USA abriet. „Für die Fans gibt es nur einen Ratschlag: Bleibt den USA fern„, schrieb der Schweizer bei X. Er gebe dem Antikorruptions-Experten Mark Pieth, der von 2011 bis 2013 Vorsitzender einer Kommission für Verbandsführung bei der FIFA war, „Recht, diese Weltmeisterschaft in Frage zu stellen“. Der Schweizer Pieth hatte im Interview mit dem Schweizer “Tagesanzeiger” behauptet, bei der Einreise müssten Fans „damit rechnen, dass sie, wenn sie den Beamten nicht gefallen, direkt in den nächsten Flieger nach Hause geschickt werden. Wenn sie Glück haben. Wenn nicht, werden sie nach Mittelamerika deportiert.“ Dieser Unsinn wird in Europa ungeprüft veröffentlicht – und die Massen glauben es, weil es zu ihren Trump-Ressentiments passt.

Doppelte Standards als Normalbetrieb

In diesem Gesamtbild erscheint Blomes Kehrtwende nicht mehr als individuelle Laune, sondern als konsequenter Ausdruck eines Zeitgeistes, der moralische Empörung selektiv einsetzt. In Katar waren es „die anderen“: eine islamische Monarchie, weit weg, mit sichtbaren Menschenrechtsdefiziten, aber ohne direkten Zugriff auf den westlichen Diskurs; damals war immerhin der Reflex, sich nicht mit „Ablasshandel“ zu blamieren, plausibel. Jetzt aber treffen die Boykottfantasien den Machtkern des Westens, die USA – genauer: jene Hälfte der amerikanischen Gesellschaft, die Trump wählt. Hier wird die moralische Eskalation nicht als peinlicher Gestus empfunden, sondern als heroische Geste gegen den inneren Feind des eigenen Wertewestens.

Konservativ gedacht ist das hochgefährlich. Man erklärt den politischen Gegner im verbündeten Ausland – und implizit auch im Inland – zur moralischen Ausnahmegestalt, die Sondermaßnahmen rechtfertigt. Sport wird zum Sanktionsinstrument, das nicht mehr Staaten, sondern Lager markiert. Katar und Russland sind im Zweifel noch verhandelbare Partner; Trump-Amerika hingegen erscheint als Verirrung, gegen die sogar der Fußball als Waffe eingesetzt werden darf.

Die Infantilisierung der Außenpolitik

Dieser Mechanismus verweist auf eine tiefere Verschiebung: Außenpolitik wird in moralische Narrative aufgelöst, in denen Fakten und Interessen kaum noch vorkommen. Was zählt, ist, wo man sein „Statement“ platzieren kann. Boykott ist dafür ideal: Er kostet die politischen Eliten wenig, weil die Verbände verantwortlich sind; er befriedigt das Bedürfnis nach symbolischer Klarheit („Wir sind die Guten!“); und er verschiebt die eigentlichen Fragen – Energieabhängigkeit, Sicherheitsarchitektur, industrielle Konkurrenz – elegant aus dem Bild. 2022 hat Blome dieses Spiel noch durchschaut, als er den boykottierenden Gewissensfußballer verspottete. Dass er 2025 nun selbst auf diesen Zug springt, zeigt, wie stark die Verführungskraft politischer Lagerlogik inzwischen ist. Wer gegen Trump ist – und dagegen spricht vieles –, hält sich offenbar jedes Mittel für erlaubt, auch jene, die man gestern noch verachtet hat.

Eine rechtsintellektuelle Perspektive würde anders ansetzen. Sie würde erstens feststellen: Fußball ist natürlich nie völlig unpolitisch gewesen; Weltmeisterschaften waren immer auch Kulissen nationaler Selbstdarstellung. Aber gerade deshalb muss man unterscheiden zwischen dem legitimen Wunsch, Missstände zu benennen, und dem reflexhaften Einsatz des Sports als moralischer Vorschlaghammer. Zweitens würde sie darauf bestehen, dass moralische Maßstäbe symmetrisch anzulegen sind. Wer Russland und Katar trotz aller Kritik nicht boykottiert hat, kann die USA schwerlich zur roten Zone erklären, nur weil im Weißen Haus der falsche Präsident sitzt – schon gar nicht bei einer Gesellschaft, die ihre innere Spaltung offen austrägt. Un drittens schließlich würde sie daran erinnern, dass nationaler Sport für viele Bürger eine der letzten halbwegs ungebrochenen Formen gemeinsamer Identität ist. Wer auch diese Sphäre vollständig in den Bannkreis tagespolitischer Feindbildpflege zieht, zerschlägt eines der weni-gen verbleibenden Bindeglieder zwischen sehr unterschiedlichen Milieus.

Moral, die nur in eine Richtung gilt, ist keine

Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob man Donald Trump mag oder nicht. Sie lautet: Wollen wir wirklich in einer politischen Kultur leben, in der jede WM, jedes Turnier, jeder Auftritt der Nationalmannschaft zuerst als Bühne für moralische Abstrafung gelesen wird, und erst in zweiter Linie als sportliches Ereignis? Sollen wir uns wieder in einen Kalten Krieg samt seiner Olympiaboykotte begeben? Blomes Entwicklung vom Boykott-Skeptiker zum Boykott-Apologeten bündelt die Schieflage dieser Debatte. Sie zeigt, wie sehr Moral zur Waffe geworden ist, die man nach Himmelsrichtung ausrichtet: Katar darf man relativieren, Trump-Amerika nicht; Sport soll mal entpolitisiert, mal hyperpolitisiert werden – je nach Bedarf des Tageskommentars.

Eine ernsthafte, erwachsene Republik bräuchte das Gegenteil: klare außenpolitische Linien, die nicht von Turnier zu Turnier neu erfunden werden; eine Sportpolitik, die sich ihrer Grenzen bewusst ist; und Kommentatoren, die moralische Kategorien nicht als Munition, sondern als Maß verwenden. Solange aber „Ablasshandel“ und „sinnvoller Schritt“ nur zwei Seiten derselben Stimmungsmünze sind, gilt der Befund, dass nicht der Fußball das Problem ist. Das Problem ist eine moralisch hysterisierte Öffentlichkeit, die Moral nicht mehr als Orientierung begreift, sondern als frei verschiebbares Requisit im Kampf gegen die jeweils falschen Spieler auf der großen Bühne.

9 Antworten

  1. @WM-Boykottdebatte
    ist ja nicht das erste Mal – ich bin alt genug, um mich och zu erinnern. Und wenn ich mich recht erinnere, haben sie sogar mal Karneval ausfallen lassen aus Boykott-Gründen !
    Arroganz, Überheblichkeit und Dummheit sind eine effiziente Mischung – und auf einigen Ebenen und Ämtern wohl zu Voraussetzung geworden !

  2. Dabei wäre jeder Gaastgeber sicherlich froh, sich nicht über eine derart lächerliche Buntistentruppe fremdschämen zu müssen. Trällern wir hier doch einfach mal diesen einstigen Ballermann-Hit:

    „Geh doch zu Hause, Du alte Scheixxe…………………………“

  3. am Ende brauchen sie die WM doch um den Michel für 4 Wochen von den Untaten/der Untätigkeit der Regierung abzulenken. Sie werden hinfahren und die Medien werden das übliche Beiwerk liefern damit sich ‚deutsch‘ wieder gut fühlt und für einige Wochen vergisst wie übel ihm mitgespielt wird.

  4. ZITAT: „Wer gegen Trump ist – und dagegen spricht vieles –, hält sich offenbar jedes Mittel für erlaubt, auch jene, die man gestern noch verachtet hat.“

    Man muss den Leuten nur den für sie maßgeschneiderten Feind präsentieren, dann sind alle zu allem fähig.

  5. Die deutschsprachige International-Elf möge sofort beim ersten Anstoß verlieren. Da wieder WM ist da ist es auch Mode soviel SRG-Artikel wie möglich zu kaufen um als Herdentier zu zeigen man ist dabei. Wer das meiste und teuerste erworben hat der ist König für einen kurzen Augenblick. 100% unter diesen Konsumspektrum ist vom Durchschnittsbürger, buntgewaschenen Gutmenschen, LGBTQ-Jünger bis hin zum linkskriminellen Tuntifant jeder dabei. Sobald die ELF der Büßerrepublik raus ist da fliegen alle Fanartikel wie bei den vorherigen Spielen in den Müll. Einziger Gewinner ist die Industrie und der Vertrieb während die Umsetzung der drei antideutschen Rachepläne Kalergis, van Hootons und Morgenthaus weiter geht zum Teufelsprojekt Agenda 2030. Sind wir Restdeutschen Geschichte dann sind alle EU-Nachbarn fällig mit dieser höllischen Saat der Börsentyrannen von Übersee. Hör das deutsche Herz aufzuschlagen dann stirbt Europa und so die ganze Welt. mfg

  6. Wo liegt das Problem? Wem es nicht passt, der kann auf Fussball verzichten. Fussball ist nicht lebensnotwendig.

  7. Wir werden zur WM2026 in die USA reisen und sind froh, wenn die ICE bis dahin möglichst viele kriminelle Migranten abgeschoben hat. Ohne diese kriminellen Troublemaker lässt sich die WM2026 nämlich wesentlich friedlicher und sicherer gucken.

  8. Derweil stimmt die Masse mit den Füßen ab und schaut stattdessen noch weitgehend unbefleckt gebliebene andere Sportarten an. Selbst viele eingefleischte Fußballfans die früher während Ligazeiten wochenweise für nichts anderes mehr erreichbar waren schauen heute nur noch kurz zwischendurch auf die Ergebnisse, und selbst das mehr aus Gewohnheit denn echtem Restinteresse.