Digitaler Notstand – und auch sonst

Die Zukunft ist keine rosige mehr (Foto:Zastolskiy Victor/Shutterstock)

Die Älteren erinnern sich noch an die Bundesrepublik der Vorwendezeit, als die Landstraßen und Autobahnen in Deutschland weniger holprig als im Ausland waren, die öffentliche Infrastruktur in beneidenswert gutem Zustand, der Sozialstaat noch finanzierbar und das Ansehen der Deutschen im Ausland so hoch war, dass man im Urlaub stets auf eine Kombination aus Neid und Ehrfurcht stieß, sobald man nur seine Herkunft offenbarte. (West-)Deutschland galt damals etwas – und wenn es nur die Anerkennung war, in gerade einmal vier Jahrzehnten aus der totalen Zerstörung eine der leistungsstärksten Wirtschaftsnationen gezimmert zu haben. Wir lebten in einem Land, das nach allen Kriterien seiner Zeit „nachhaltig“ aufgestellt war – sozial, ökonomisch und geistig.

Das haben wir gründlich versaut. Die Übernutzung der Systeme ist heute zum bestimmenden Politikmerkmal geworden. Der Sozialstaat wird veruntreut, damit Deutschland als Sozialamt der Welt fungieren kann. Das Militär wird kaputtgespart und für humanitäre Abenteuerexpeditonen zweckentfremdet. Immer weniger Mittel bleiben für klassische Staatsaufgaben. Statt an Beschäftigung, Versorgungssicherheit und lebensnotwendigem Wachstum orientierter Industrie- und Energiepolitik wird in ideologische Luftschlösser investiert.

Ideologische Luftschlösser

Sinnfälliger könnte das Elend gar nicht abgebildet werden als durch eine aktuelle Umfrage, die in Sachen Digitalisierung Deutschland auf dem vorletzten Platz in Europa sieht; noch noch Albanien schneidet schlechter ab als unser „bestes Deutschland aller Zeiten“. Abgewrackt und abgewirtschaftet an Haupt und Gliedern, beeindruckt heute vor allem die Fallhöhe, aus der dieses einstige weltweite Vorzeigeland abgeschmiert ist.

Alleine dem Umstand, dass der in zwei fleißigen und überwiegend sparsamen Nachkriegsgenerationen erwirtschaftete Wohlstand so ungeheuerlich groß ist, die vorhandene Substanz zu solide und langlebig, ist es zu verdanken, dass uns noch nicht das Rückgrat gebrochen ist. Der Gesamtorganismus ist so stark, dass er noch steht und sich bewegt, selbst wenn er inzwischen aus tausend Wunden blutet und irreparabel geschädigt ist. Der Kollaps lässt auf sich warten, doch er ist nur eine Frage der Zeit. Noch kann Deutschland zulasten der Zukunft, vermöge seiner Bonität noch eine lange Zeit auf Pump das europäische Ausland mitfinanzieren, weitere Millionen Flüchtlinge bei sich aufnehmen und seine Klimasperenzchen pflegen. Doch wenn das Limit erreicht ist, dann war es das. Wer den freien Fall mit der Fähigkeit zu fliegen verwechselt, der bleibt unbeschwert und ohne Problembewusstsein bis zum Moment des Aufschlags.

3 KOMMENTARE

  1. „Abgewrackt und abgewirtschaftet an Haupt und Gliedern, beeindruckt heute vor allem die Fallhöhe, aus der dieses einstige weltweite Vorzeigeland abgeschmiert ist.“

    Beeindruckend auch die Geschwindigkeit, mit der Deutschland umfassend abgerutscht ist.
    Andere reiche Staaten vor uns, wie etwa Venedig oder Byzanz, haben noch Jahrhunderte überlebt, nachdem ihre wichtigsten Einnahmequellen versiegt sind.
    Hier vollzieht sich alles im Zeitraffer. Das mag auch etwas mit der heutigen Veränderungsgeschwindigkeit zu tun haben, die alles Historische weit überbietet, aber da andere Länder, wie etwa die Schweiz, die Herausforderungen der Gegenwart weit besser meistern, als wir, muss das Problem hauptsächlich bei uns liegen.

    Meiner Meinung nach ist es im Wesentlichen der Sozialstaat, der das Land auf- und auszehrt!
    Über 1500 Mrd. im Jahr an Umverteilungsgeld für Staat und Sozialstaat, plus dem vielen Geld für die EU und die Projekte im Ausland, zwingen das Land unweigerlich in die Knie, da sich Leistung in Deutschland nicht mehr lohnt, zumindest verglichen mit anderen Industrienationen in ihrem Zenit.

    Die Folgen sind nicht etwa wilde Streiks, sondern sehr viel schlimmer, nämlich Leistungsverweigerung und Mitnahmementalität.

    Bei Spruch von Kennedy: „Frage, was du für dein Land tun kannst und nicht dein Land für dich!“, würde die Mehrheit in Deutschland Tränen lachen oder böse werden (Klasse 1 Nettosteuerzahler).
    Dasselbe Szenario, wenn man Beamte an ihren früheren Beamtenkodex erinnert, die lachen sich schief oder halten einen für irre.
    Welcher fähige Kopf bemüht sich in so einem Land um ein Regierungsamt? Diejenigen, die nur ihre eigene Karriere im Kopf haben, Fanatiker und prekär beim Staat Beschäftigte.

    Und dann wundert sich noch jemand, dass es stramm abwärts geht?

  2. Gute Kurzanalyse! Deutschland gibt den Lehrmeister und spendet. Hauptsache man steht gut da. Die eigenen Probleme werden einfach ignoriert. Die Großzügigkeit wurde möglich, weil die EZB den Staaten jede Menge zur Verfügung stellte, indem sie die staatlichen Schuldpapiere aufkaufte. Sollte die EZB das Gelddrucken einstellen, dann muss Deutschland das Geld von den Steuerpflichtigen holen. Erst in diesem Zeitpunkt werden die übertünchten Fehlentwicklungen sichtbar und viele werden dann ein dummes Gesicht machen.

  3. Naja. Spätestens seit der ersten Nachkriegsgeneration ist doch in dem Land Schluss mit lustig. Die haben doch den Grundstein gelegt für alles was danach kam.
    Abgesehen davon hat die BRD von den Errungenschaften des Kaiserreichs profitiert.Deutscher Maschinenbau weltweit führend, streb- und genügsame Arbeiter, obwohl weltweit ohne Konkurrenz bezüglich Ausbildung und können. Neue Entwicklungen aber vollständig verpennt. Offensichtlich gewollt.
    Im Prinzip befinden wir uns seit 1918 (oder 1914, wenn man so will) in einem abwärtstrend. Der zweite Weltkrieg war einerseits ein letztes Aufbäumen, andererseits auch der letzte Sargnagel. Eingeschlagen wurde er noch nicht, liegt aber geschmiedet bereit.
    In diesem Sinne hat sich das Land auch schon lange gehalten, bevor es untergeht.

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