Döpfners diffuse Springer-Visionen

Springer-CEO Döpfner: Holprige Selbstfindungsversuche zur Positionierung auf dem US-Markt (Foto:Imago)

In einer aufschlussreichen Reportage hat die „Washington Post” über die Pläne von Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner für sein angepeiltes Medienimperium in den USA und seine grundsätzliche journalistische Vision berichtet. Döpfners Ziel ist, wie er der „Post”-Reporterin sagte, „der größte digitale Verleger in Demokratien auf der ganzen Welt“ zu werden. Dabei wolle er jedoch „überparteilich” sein. Er beklagt, dass die Medien in den USA zu polarisiert geworden seien. Die „New York Times” und die „Washington Post” seien zu weit nach links gerückt, während konservative Medien unter den Einfluss von Trumps „alternativen Fakten“ geraten seien. Hier will sich Döpfner nun offenbar mit dem im vergangenen Oktober von der Springer AG erworbenen Portal „Politico” als Leuchtturm der Unabhängigkeit etablieren. Er wolle beweisen, dass dies die erfolgreichere Position sei, so Döpfner. Immer mehr journalistische Marken würden sich in vorhersehbaren politischen Lagern einrichten und nur noch die Weltsicht und die Vorurteile ihrer Leserschaft bestätigen. Dies sei „eine sehr gefährliche Verführung“. Er hingegen wolle, wie einst Verlagsgründer Axel Springer zu seiner Zeit, die heutigen Feindeslinien überwinden, erklärte der CEO so unbescheiden wie pathetisch.

Die, die Döpfner damit versöhnlich und gewogen stimmen will, dürften mit diesen neuen Tönen gleichwohl massiv fremdeln, denn vor seinem „Politico”-Coup hatte der Vorstandschef diese Feindeslinien selbst noch gehegt – und auch keinen Hehl aus seiner konservativen, durchaus antilinken Grundhaltung gemacht. Kurz vor der US-Präsidentschaftswahl 2020 hatte er etwa eine E-Mail an seine engsten Mitarbeiter geschickt, in der er fragte, ob man sich am Morgen des Wahltages für eine Stunde versammeln solle, um für Donald Trumps Wiederwahl zu beten?

Eiertanz um Trump-Sympathien

Von solchen freigeistigen und erfrischenden Positionierungen versucht Döpfner nun verzweifelt abzurücken und setzt dazu auf Selbstdistanzierung und Selbstironisierung: Zunächst stritt er vehement die Existenz der Mail ab. Von der Journalistin mit einem Ausdruck der Mail konfrontiert, meinte er dann plötzlich, es sei doch „möglich”, dass er sie verschickt habe – jedoch als „ironisches, provokatives Statement in einem Kreis von Menschen, die Trump hassen.“ Trump hielt Döpfner auch bei anderen Gelegenheiten zugute, die freien Demokratien gegen Russland und China verteidigt und die NATO-Mitglieder zur Einhaltung ihrer Verpflichtungen gezwungen zu haben. Außerdem lobte er wiederholt Trumps Steuerreformen, seine Friedensbemühungen im Nahen Osten sowie sein Vorgehen gegen die Monopole der Big-Tech-Giganten. Lediglich „beim Thema Klimaschutz” habe Trump versagt, so Döpfner. Faktisch jedoch habe keine US-Regierung in den letzten 50 Jahren mehr getan als er. Nun beharrt Döpfner zugleich aber darauf, nie ein Unterstützer von Trump gewesen zu sein.

Es ist diese Widersprüchlichkeit, die es so schwer macht, eine Richtung in Döpfners Denken und Handeln zu erkennen. Wenn vieles von dem, was er beklagt, auch zutrifft, geht die von ihm angestrebte „Überparteilichkeit” doch schnell in bloße Beliebigkeit über, die einfach alle Seiten bedienen will. Seine Ansichten bezeichnet der Springer-Chef selbst als „eklektizistisch“. Man könnte auch von Positionen aus dem Setzkasten sprechen, einer Art politischem Barnum-Effekt („a little something for everybody”). Er sei ein „nicht-jüdischer Zionist”, ein „Linker mit einem kleinen L” und – natürlich – tief besorgt über „Rassismus und Homophobie”.

Aufgeweichter Markenkern und rollende Köpfe

Wiederholt äußerte Döpfner seine Bewunderung für „Contrarians“ – Unternehmer, wie Elon Musk oder Peter Thiel, die gezielt gegen den Mainstream agieren. In einer ähnlichen Rolle wähnt er sich offensichtlich selbst. Seine hehren Ziele auf dem US-Markt dürften sicherlich zur Entlassung des früheren „Bild”-Chefs Julian Reichelt wegen dessen angeblich Compliance-widriger sexueller Beziehungen mit Untergebenen beigetragen haben, die im Oktober letzten Jahres erfolgte – einen Tag, bevor die Übernahme von „Politico” bekanntgegeben wurde. Die genauen Hintergründe der Personalien sind bis heute nicht geklärt, auch juristisch ist die Affäre noch nicht aufgearbeitet, weshalb der Eindruck entstand, Reichelt sei ein Opfer für Springers Einstieg in den US-Markt gewesen.

Döpfners widersprüchliche Haltung erklärt auch sein irrlichterndes Verhalten Anfang Juni, als er der Redaktion der „Welt” in den Rücken fiel, indem er sich in einem ebenso wütenden wie wirren offenen Brief von einem dort erschienenen Beitrag distanzierte, der – unter Berufung auf über 100 Wissenschaftler – ARD und ZDF die Sexualisierung von Kindern und die kritiklose Übernahme der Transideologie vorgeworfen hatte. Die dadurch ausgelösten internen Unruhen hatten letztlich zur Kündigung der beiden bundesweit bekannten „Bild”-Journalisten Judith Sevinç Basad und Ralf Schuler geführt, die Döpfner beide jeweils vorwarfen, sich dem woken Zeitgeist anzudienen. Schuler hatte in diesem Zusammenhang sogar ausdrücklich moniert, dass die Springer-Unternehmensstrategie explizit „auf die Gegebenheiten des amerikanischen Marktes abgestimmt ist.“ Es bleibt also abzuwarten, ob Döpfners ambitiöses Ziel, die US-Medien vor sich selbst zu retten, nicht dazu führt, dass ihm seine heimische Leser-, Mediennutzer- und Kundenbasis wegbricht, die ihre einstige Hoffnung, Springer sei ein Bollwerk gegen den links-grünen Zeitgeist, ohnehin bereits enttäuscht sieht. Das dürfte dereinst das wahre Erbe der Ära Döpfner sein: Letztlich weiß niemand mehr, wofür das Unternehmen und die Marke Springer noch steht.

2 Kommentare

  1. Bei dem Satz, dass Döpfner „der größte digitale Verleger in Demokratien auf der ganzen Welt“ werden will, habe ich mir auf die Schenkel geklopft, mich vor Lachen nicht mehr einbekommen bis ich nach Luft japsend mich hingelegt habe. Der Witz ist einfach nur super, einer der besten in letzter Zeit. Nur muss Döpfner noch sagen, wo er die demokratischen Länder finden will. Ich frage mich nur: Wozu benötigen wir noch Kabarett oder Satire allgemein.

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