
Wer Berlin nur aus den Nachrichten kennt, befürchtet permanente Tatort-Stimmung. Doch wer mit einem kleinen Hund an der Leine durch Straßen, Parks und Gassen spaziert, entdeckt eine völlig andere Stadt. Berlin kommt im Fernsehen selten als Kurort vor. Da brennt ein Auto oder ein Verteilerkasten, dort legt eine Demo Prachtstraßen lahm und irgendwo flattert wieder rot-weißes Polizeiband. Wer nur die Nachrichten sieht, könnte meinen, hinter dem Funkturm beginne ein einziger Tatort.
Ich komme aus Bayern. Morgens saß ich beim Frühstück auf der Terrasse und hörte von den Weiden die Kuhglocken herüberbimmeln. Dann führte mich der Beruf nach Berlin. Gefühlt fast schon ins Ausland. Preußen!! Ich nahm meinen kleinen Hund an die Leine und durchstreifte die Stadt so, wie ein Berliner im Urlaub Oberbayern erkunden würde. Seitenstraßen, Parkbänke, Seen, Wälder. Dabei entdeckte ich ein Berlin, das in den Abendnachrichten selten vorkommt.
Grillen verboten im Monbijoupark, Stadtmitte
Gefühlt alle fünf Meter wurde vor hundert Jahren ein Park angelegt. Am Eingang des Monbijouparks steht ein großes Schild der Stadtverwaltung, auf dem deutlich zu lesen ist: „Grillen verboten“. Kaum zwanzig Meter weiter brutzeln aber auf Hunderten Kohlegrills Hammelteile. Rauchschwaden ziehen durch den Park. Ab und zu fährt ein Polizeiauto vorbei. Die Beamten schauen entspannt durch die Windschutzscheibe und tun so, als sähen sie nichts.
Drei Augen zudrücken, wenn man drei hätte. Auch das ist Berlin. Unweit hinter dem Kurfürstendamm liegt der Lietzensee. In einer guten Stunde kann man ihn zu Fuß umrunden. Parkbänke stehen am Ufer, Rosen blühen, dazwischen Bäume aus aller Welt. Die einen joggen vorbei, die anderen schieben ihren Rollator. Enten und Schwäne ziehen durchs Wasser. Eine kleine Oase mitten in der Millionenstadt, fast wie der Englische Garten in München.
Glückliche Enten und Montmartre am Ku’damm
Mein kleiner Hund sieht die Enten sofort. Die Leine spannt sich. Er würde ihnen zu gerne hinterherjagen. Ein paar Buben kommen vorbei, keiner scheucht die Enten auf, keiner wirft nach ihnen, keiner jagt ihnen hinterher. Die Schnatterer watscheln seelenruhig weiter. Vielleicht kennt die heutige Jugend Geflügel hauptsächlich als Chicken McNuggets mit Chinasauce. Das erhöht die Lebenserwartung der Enten beträchtlich. Und direkt am See wartet ein Biergarten. Dort gibt es sogar Weißwürste mit süßem Senf. Berlin gibt sich Mühe.
Ein paar Straßen weiter lande ich mitten in Frankreich: Im Maison de France wird gelesen und philosophiert. Im kleinen Bistro stehen winzige Tischchen mit rot-weiß karierten Deckchen und Kerzchen. Kellner mit weißen Schürzchen flitzen dazwischen hindurch und bringen kleine Fläschchen Rotwein. Bei schönem Wetter sitzt man draußen, schließt die Augen und wähnt sich am Montmartre. Dann öffnet man sie wieder, und schon fährt der doppelstöckige gelbe Berliner Bus vorbei. Paris ist beendet Berlin geht weiter.
Kreuzfahrt mitten in Berlin
Der Wannsee, bundesweit nicht nur durch die nach ihm benannte Nazi-Konferenz berüchtigt, sondern auch positiv durch das Lied “Pack die Badehose ein” bekannt, ist so blau wie mein geliebter Ammersee. Vom Wannsee fährt stündlich die Fähre hinüber nach Kladow. Eine gute halbe Stunde gleitet sie über das Wasser. Wald, Segelboote, Villen und blauer Himmel. Fast wie in Bayern. Nur die Kühe mit den güldenen Glocken fehlen am Ufer. Die Fähre lädt stündlich ein, ist aber an Wochentagen oft leer. Vielleicht sitzen die Berliner zu Hause vor dem Fernseher und schauen eine Reisesendung über den Gardasee an.
Dienstags kommt die Musik. Beim ersten Mal horchte ich auf. Trompete und Akkordeon klangen von der Straße herauf. Zwei Straßenmusikanten spielten osteuropäische Weisen. Dann merkte ich: Sie kamen wieder. Jeden Dienstag am Nachmittag. Berliner Tradition seit 200 Jahren. Kaum erklangen die ersten Töne, öffneten sich Fenster und Balkontüren. Köpfe erschienen, Menschen lehnten sich über die Brüstungen und lauschten. Für ein paar Minuten zog Fröhlichkeit durch die Straße. Ich wickelte eine Münze in Küchenpapier, zerknüllte es und warf das kleine Geschoss hinunter. Dann zogen Trompete und Akkordeon weiter zur nächsten Straße. Am kommenden Dienstag würden sie wiederkommen.
Allgäu im Zahnputzglas
Der Kreuzberg ist 66 Meter hoch. Ein Bayer würde dafür kaum die Bergschuhe aus dem Keller holen. Doch schon vor rund 200 Jahren zog es die Berliner hinauf. Oben steht das mächtige Schinkel-Denkmal. Von dort liegt einem die Stadt großflächig zu Füßen. Beim Abstieg entdecke ich einen Biergarten. Dann lese ich plötzlich: Allgäuer Büble Bier. Heimat! Nur beim Trinkgefäß folgt der Kulturschock: Einen Ein-Liter-Maßkrug gibt es nicht. Stattdessen stellt man mir 0,3 Liter hin. Ein Zahnputzglas. Also bestelle ich gleich drei.
So lernte ich Berlin kennen: mit meinem kleinen Hund an der Leine und offenen Augen. Hinter jeder Ecke wartete etwas Neues. Irgendwann merkte ich, dass mir diese eigenartige Stadt ans Herz gewachsen war. Die Kuhglocken fehlen noch immer. Dafür hatte Berlin längst seine eigenen Geräusche: das Akkordeon unter dem Fenster, das Tuckern der Fähre, das Stimmengewirr in Hunderten Biergärten. Mit Currywurst statt Grillhaxe. Davon hört man in den Tatortmeldungen erstaunlich wenig.
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Das Buch des Autors “Ein Bayer erwandert 2015 Berlin, 100 Anekdoten” ist hier erhältlich.
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2 Kommentare
Man kann nur allen Weltreisenden, die gerne Hauptstädte besuchen, davon abraten dieses Dreckloch überhaupt zu betreten. Macht einen großen Bogen um dieses Shithole, nur weil A.H. dort gelebt hat, lohnt es sich nicht. Meidet diesen Drecksstaat und seine versiffte „Hauptstadt“. Wenn ihr es aber trotzdem versuchen wollt, dann nutzt unbedingt in Berlin und insgesamt in Deutschland keine öffentlichen Verkehrsmittel.
Schön, zur Abwechslung mal einen Artikel über verschiedene idyllische Orte zu lesen, und das im verschrieenen Berlin! Ich konnte es kaum glauben!
Solch eine kleine Auszeit, und sei es nur für die Zeit des Lesens, ist eine Wohltat fürs Gemüt!