Ein Jahr nach der Flutkatastrophe: Skandal-Landrat muss sich verantworten

Ex-CDU-Landrat Jürgen Pföhler (damals als Zeuge im Nürburgring-Untersuchungsausschuss) (Foto:Imago)

Wenn natürlich unter den Opfern der Flutkatastrophe vor einem Jahr im Ahrtal auch viele Kommunalpolitiker selbst waren, die – wie alle Bürger – zunächst an ihr eigenes Überleben und die Sicherung ihres Hab und Guts dachten, so ist der Fall des Ahrweiler Ex-Landrats Jürgen Pföhler ein besonderes Ärgernis. Dem CDU-Mann werden von der Justiz schwerste Versäumnisse während der Flutkatastrophe im Ahrtal am 14. und 15. Juli 2021 vorgeworfen; er meldete sich zwei Monate nach der Katastrophe dienstunfähig und wurde im Oktober in den einstweiligen Ruhestand versetzt, ehe er dann bei den vorgezogenen Landratswahlen im Januar abgewählt wurde. Damit ist sein evidentes Amts- und Dienstversagen jedoch nicht vom Tisch: Pföhler muss sich nun vor einem Untersuchungsausschuss des Mainzer Landtags verantworten.

Dort verweigerte Pföhler, gegen den auch wegen fahrlässiger Tötung und Körperverletzung durch Unterlassen ermittelt wird, am Freitag bekanntlich die Aussage – ebenso wie seine Frau. Aus den Angaben von Zeugen, wie Ermittlern des Landeskriminalamts und Nachbarn Pföhlers ging hervor, dass der Landrat am damaligen Unglückstag nur zweimal in der Kreisverwaltung erschien, einmal am frühen Nachmittag und am frühen Abend. Auch als sich die Hinweise auf eine stetig anschwellende Flut, Feuerwehreinsätze und erste Evakuierungen häuften, blieb Pföhler, der sich den größten Teil des Tages in seinem Haus aufhielt, untätig. Von den Hochwasserwarnungen des Landesamtes für Umwelt (LfU), das „unglaubliche fünf Meter“ Wasserhöhe prognostizierte und die dringende Bitte einer Bürgermeisterin, den Katastrophenalarm auszurufen, erfuhr Pföhler im Laufe des Nachmittags. Den Katastrophenalarm löste er jedoch erst gegen 22.30 Uhr aus – als die Flutkatastrophe bereits in vollem Gange war.

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Sorge um den Porsche

Ein Ermittler erklärte: „Spätestens ab 22:00 Uhr müsste ihm die Lage im Ahrtal und was da möglicherweise auf Bad Neuenahr-Ahrweiler zukommt, einigermaßen bekannt gewesen sein.“ Außerdem habe Pföhler seit Stunden gewusst, dass die Hochwassergefahr extrem groß sei. Dennoch habe er nichts unternommen oder sich auch nur in der Einsatzzentrale sehen lassen. Weil das einzige Mitglied des Krisenstabes, das den Alarm über das System Katwarn hätte verschicken können, die Kreisverwaltung bereits am Nachmittag verlassen hatte, erfolge der Alarm tatsächlich erst um 23.09 Uhr. Laut LKA sei der Krisenstab „unterbesetzt und vollkommen überfordert“ gewesen. Nach 23 Uhr starben alleine in Bad Neuenahr und Sinzig im Kreis Ahrweiler dann noch 87 Menschen.

Was andere Zeugen jedoch erklärten, birgt ungleich mehr Brisanz – und lässt den Landrat eher als eine Art „landgestützte“ Version des ehr- und verantwortungslosen Costa-Concordia-Havariekapitäns Francesco Schettino erscheinen als einen pflichtbewussten Politiker: So habe die erste Hauptsorge des Ehepaares Pföhlers seinen beiden Wagen – darunter einem roten Porsche – gegolten, die sie als allererstes in Sicherheit gebracht hätten. Der Porsche überstand die Flut dann unversehrt in der Tiefgarage der Kreisverwaltung. Auch mehrere seiner Nachbarn habe Pföhler ab 22.15 Uhr quasi „exklusiv“ über die Gefahren informiert, die daraufhin ihre Häuser verließen. Um 0.50 Uhr schrieb er an eine weibliche „Vertraute”: „Katastrophe, Tote, Verletzte, Menschen auf Dächern, kein Hubschrauber, Stromausfälle, unser Haus ist geflutet, ich bin am Ende.“ Bei der Empfängerin dieser Nachricht handelte es sich um jene Frau, zu der Pföhler laut Aktenangaben eine „romantische Beziehung“ unterhielt; mit ihr telefonierte er in der Flutnacht dreizehnmal. Hier scheinen also seine einzigenPrioritäten gelegen zu haben. Und auch ansonsten hatte der Ex-Landrat die Ruhe weg: Gegen 20 Uhr hatte er noch tiefenentspannt seinen Hund ausgeführt.

Anders als seine Mitbürger: Ex-Landrat ist rundumversorgt

Da Pföhler als „dienstunfähig” gilt, aber bei vollen Pensionsansprüchen in den Ruhestand geschickt wurde, plagen wenigstens ihn – anders als zehntausenden Flutbetroffenen in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen – keine materiellen und existenziellen Nöte. Die Ermittlungen laufen allerdings gegen den vor Ort wichtigsten Politiker, dem eigentlich die Organisation des Krisenstabs und des Zivilschutzes ablegen hätte, in einer Nacht, die 134 Menschen das Leben kostete und in der alleine in Rheinland-Pfalz 766 Menschen verletzt und 9.000 Gebäude zerstört oder schwer geschädigt wurden.

Insgesamt waren rund 65.000 Menschen in Malu Dreyers Bundesland von der Flut betroffen; 42.000 davon im Ahrtal. Der Zorn der Menschen richtete sich bislang auf politische Untätigkeit (und Vernachlässigung der eigenen Bevölkerung vor, während und nach der Katastrophe) der Landes- und Bundesebene, wo man sich eher auf die Ukraine und das Ausland konzentriert statt auf die Probleme im eigenen Land; doch Gestalten wie Pföhler trugen mit ihrem Verhalten dazu bei, dass auch die Kommunalverantwortlichen vor Ort in Misskredit geraten sind.

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11 Kommentare

  1. Was für eine miese R….! Trotzdem gibt es da noch einige andere, die an der Unterlassung Schuld sind. ALLE sollen bezahlen!

  2. Das Bauernopfer Pföhler kann nun den Kopf für das Versagen der anderen Politnieten hinhalten. Die „Kleinen“ hängt man, während man die Großen laufen lässt. Dafür machen die sich dann ein schönes Leben auf Kosten der Steuerzahler und zeigen denen so richtig, was von den armen Deppen halten https://www.bild.de/regional/berlin/berlin-aktuell/berliner-senat-goennt-sich-was-mit-dem-dienstwagen-auch-in-den-urlaub-80660064.bild.html Feudalismus vom Feinsten.

  3. glaube ich nicht !
    Nach meinen Beobachtungen werden die 3 Tage zwischen Warnung und Wasser ignoriert – und damit ist er aus dem Schneider, wie auch Dreyer und Spiegel !
    Das ist nur Polit-Theater !
    Und nicht vergessen – die „Wähler“ haben sie bestätigt – trotz allem !

  4. Immerhin fand der Herr Landrat ja noch seine (Gratis-)Tiefgarage ubd rettete den Porsche…
    Hätte ernsthaft irgend jemand etwas anderes erwartet von dieser „Verwaltung“ im „bäste Daitscheland“ ?
    Der krebsartig wuchernde und von Parteiennepotismus und Unfähigkeit zerfressene Apparat versagt doch schon bei grundlegender Rechtsanwendung; und zwar aus schierer Dummheit.
    Bei allen ideologisch gewollten und gefördeten, mittlerweile die nackte Existenz des „Landes“ gefährllich bedrohenden Problemen wird sich mit Blick auf die „Vorgesetzten“ lobheischend weggeduckt, um anschließend aufgeblasen, mit maßlosem Aufwand und in dümmlicher Arroganz die „Bürger“ wg. gewillkürter Kleinstverfehlnisse zu drangsalieren und abzukassieren, mittlerweile bis hin zur Existenzvernichtung wg.Kleinstbeträgen – zum privilegierten Selbsterhalt. Der einzige Zweck, den – neben Handaufhalten sprich Korruption- diese im Beamtensilo verdichtete Zusammenrottung von zu 90% lebensunfähigen Radfahrern verfolgt. Der deutsche Subaltern-Stiefelknecht, wie Heinrich Mann ihn im „Untertan“ beschrieb. Feige, servil und verschlagen, wo Entscheidung und Mut gefordert wären, aber kleinmütig, großmäulig und wichtigtuerisch, wo die Stiefel des anonymen Apparates der Bürokratie risiko- und gefahrlos die Unertanen zu zertreten in der Lage sind.
    Niemals zuvor wurde in Friedenszeiten ein eigentlich leistungsfähiges und reiches Land so vollständig vor die Wand gefahren wie durch diese das Volk ungefragt repräsentierende („Sie tragen die Arbeit, wir die Verantwortung“) Clique von „Staatsdienern“.
    Und solche glanzvolle Leistungen erhabener Charaktäre sind dem dankbaren „Bürger“ doch Unkündbarkeit, Luxusbesoldung, Pensionen in oppulenter Höhe ohne jede Eigenleistung und privates KV- und Diätenprivileg durch Selbstkontrahieren wert.
    Seit 2009 nach dem System Havenstein – aber nicht einmal das begreift diese sog.“Bestenauswahl“, die bereits an der grundlegenden Fähigkeit des Selbsterhaltes scheitert
    Wie immer im Havenstein-Modus allerdings voraussehbarerweise nicht mehr sehr lange – denn die Seite im Geschichtsbuch dreht sich schon, und dann wird diese „B.R.D.“ im Grab Geschichte, Abt. gescheiterte Systeme, verschwinden.

  5. Richtig so! Aber er ist nur die Spitze des Eisberges der vor Gericht gehört und danach nie wieder auf die Menschheit los gelassen werden darf. Für mich ist dieser Landrat nur der Bock der zum Gärtner gemacht wird und Ablenkung von den politischen und staatlichen Hauptverantwortlichen der Landes- und Bundesregierung.

  6. Das ist in Deutschland immer so: Nach einer beliebigen Katastrophe, ob nun schrecklicher Busunfall, Sturm oder Überschwemmung kommt der übliche Poltikertross vorbei, im Schlepptau die Medienfuzzis, die sie ablichten, dann wird das übliche „unbürokratische Hilfe“-Mantra vorgebetet und dann hauen sie alle wieder ab. Im Wartezimmer beim Arzt liest man dann Jahre später in der gelben Presse, daß der Großteil der Leute nichts, nichts und nichts bekommen hat. Wie immer.

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